Von Realsatire zu realer Gewalt – kann man über die AfD wirklich noch lachen?

Der Auftritt von Björn Höcke bei Günther Jauch war Selbstdemontage auf einem ganz neuen Level. Warum uns das Angst machen sollte.

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19 Oktober 2015, 11:24am

Screenshot: daserste.ndr.de

„Ich bin aus einer tiefen Liebe zu meinem Land in die Politik gegangen und aus einer tiefen Sorge über die Zukunft unseres Landes. Da habe ich mir gedacht, ich bringe mal das zentrale Symbol unseres Landes mit und bringe etwas Farbe in diesen historischen Ort—und das werde ich jetzt auch tun. Unsere Nationalflagge werde ich jetzt hier auf meine Lehne hängen, um allen Anwesenden und dem Fernsehzuschauer zu zeigen, dass die AfD die Stimme des Volkes spricht. Gegen eine—das muss ich ganz deutlich sagen—verrückt gewordene Allparteienpolitik."

Wer am gestrigen Sonntagabend nach dem Tatort im Ersten hängengeblieben ist, konnte bei Günther Jauch Zeuge eines denkwürdigen Moments werden. Der kompletten und zeitgleich folgenlosen Demontage eines AfD-Politikers, dessen Partei laut aktuellen Umfragewerten immer mehr Zulauf bekommt. Björn Höcke sah sich beim Thema „Pöbeln, hetzen, drohen—Wird der Hass gesellschaftsfähig?" Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), Journalistin Anja Reschke und dem saarländischen Innenminister Klaus Bouillon (CDU) gegenüber und schien sich gedacht zu haben: „Wenn ich sie schon nicht von meinem Standpunkt überzeugen kann, dann übertreibe ich es eben richtig." Selbst Günther Jauch, der in seiner Talkrunde schon so manchen Eklat stoisch über sich hat ergehen lassen, dürfte allerdings nicht damit gerechnet haben, dass Höcke in den ersten Minuten seines Sprechbeitrags die Deutschlandfahne aus der Anzugjacke zieht, um sie dramatisch auf seiner Stuhllehne zu platzieren. Auf die Aktion folgte fassungsloses Schweigen bei Gästen und Moderator. Für mich persönlich war es der erste Moment des Abends, an dem ich schrill auflachen musste.

Deutsch statt schwul—die Homosexuellen der AfD.

Auf dem Fuß folgten zunehmend wirrer werdende Äußerungen, die den Schluss nahelegten, Martin Sonneborn hätte sich als Fraktionsvorsitzender der AfD-Thüringen verkleidet, um in Zusammenarbeit mit Jan Böhmermann die deutsche Polit-Szene mal wieder so richtig zu trollen. Normalerweise würden wir in altbewährter Tradition die getätigten Aussagen nach Dummheit sortieren. Da Herr Höcke es allerdings bewundernswerter Weise geschafft hat, sich über die Dauer von rund 60 Minuten auf gleichbleibender Schwachsinnsebene ins Aus zu argumentieren, ergibt das nicht so richtig viel Sinn. (Schön auch: die Transformation von Heiko Maas' Gesicht—stetig im Hintergrund sichtbar—von irritiertem Unglauben, über abgrundtiefen Ekel, bis hin zu absoluter Resignation. Vielleicht kann da ja jemand ein Gif draus machen.)

„Die Angsträume werden größer in unserem Land. Gerade für blonde Frauen werden sie leider immer größer."

Da gab es zum Beispiel einen Einspieler, in dem Björn Höcke wortwörtlich einer johlenden Menge entgegenrief: „Die Angsträume werden größer in unserem Land. Gerade für blonde Frauen werden sie leider immer größer. Und das im eigenen Land, liebe Freunde. Das ist unerträglich!" Eine Aussage, die er im Studio selbst so aber nicht halten konnte. Er hätte in diesem Moment eben eine blonde Frau gesehen, und dass deswegen so formuliert. Natürlich seien deutsche Brünette oder Rothaarige ebenso in Gefahr und ... Ob er damit sagen wolle, dass Ausländer mehr Sexualdelikte begingen als Deutsche? Nun ja, beweisen könne er das natürlich nicht (tatsächlich sagen vorliegende Zahlen sogar das Gegenteil), aber man wisse ja, dass Flüchtlinge vor allem junge, männliche Muslime seien, die Frauen nicht respektieren würden. Um die Frage, warum er bewusst falsche Informationen streue, wenn die Realität doch erwiesenermaßen etwas ganz anderes sage, mäanderte der Höcke sich durch wirre Gegenfragen herum und tat zwischenzeitlich so, als habe er mit seiner Blondinen-Aussage auch ausländische Frauen miteinbeziehen wollen.

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Dabei wäre das so eine wichtige Frage gewesen. Wenn die Lage doch so bedrohlich, so eindeutig ist, warum müssen dann haltlose Aussagen getätigt werden, die so größtenteils einfach erfunden sind? Reicht die natürliche „Besorgnis" des „Volks" (der Teil, der seine Sorgen gerne in schmissigen NPD-Slogans formuliert) bezüglich der aktuellen Lage in Deutschland nicht aus, um es zu Wählern von rechtspopulistischen Parteien zu machen? Muss deswegen bewusst fehlinformiert, an den richtigen Stellen etwas weggelassen und Fakten durch „Habe ich aus mehreren Ecken gehört" ersetzt werden? Angst zieht sich oft gerade auch aus dem großen Ungewissen. Die AfD scheint das für sich so umzumünzen, dass sie verschwörungstheoretische Thesen aufstellt, die so weder zu beweisen sind, noch auf irgendeiner realen Situation gründen. Es lässt sich eben etwas leichter „besorgt" sein, wenn man nicht ausreichend informiert ist.

Klaus Bouillon brachte das, was sich der Großteil des Publikums die ganze Zeit gedacht haben dürfte, dann auch relativ resolut auf den Punkt, als Höcke eine seiner Aussagen zur Verteidigung des eigenen Arguments nutzen wollte: „Wie bitte?! Wollen Sie mich verarschen?"

„Mir ist zu Ohren gekommen ..."

Der AfD-Politiker wirkte über große Teile der Sendung wie ein Schüler, der sich nicht so richtig auf sein Referat vorbereitet hat und sich nun vor dem Rest der Klasse um Kopf und Kragen redet. Das kann man erbärmlich und lustig zugleich finden und mit beidem hätte man Recht. Tatsächlich war es überraschend, wie mühelos der Rechtspopulist von den anderen Gästen auseinandergenommen wurde. „Zu Recht!", konnte man sich vor dem Bildschirm denken und mit hämischem Grinsen verfolgen, wie jede seiner Thesen auf nichts anderem als Hörensagen zu beruhen schien. Besonders schön war beispielsweise auch Höckes Versuch zu erklären, warum gerade in Regionen, in denen der Ausländeranteil so niedrig sei wie nirgendwo sonst in Deutschland, so engagiert gegen „Überfremdung" und „Islamisierung" auf die Straße gegangen werde.

Die schlimmsten Totschlagargumente gegen Flüchtlinge im Faktencheck.

„Ich weiß, dass viele Thüringer und auch Sachsen unter der Woche in den westlichen Ballungsgebieten einer Tätigkeit nachgehen. Und viele sind in Sorge über die Zustände in den Großstädten, in Dortmund, in Essen, in Frankfurt, in Mannheim. Und sie wollen diese Zustände eben nicht in Dresden oder Erfurt haben. Sie sind vorausschauend und weitblickend", tönte er in die Kamera und brachte damit selbst die sonst sehr engagiert diskutierende Anja Reschke zur zwischenzeitlichen zynischen Kapitulation vor dem gesammelten Unsinn („Die Sachsen haben alle Arbeit in Duisburg und Essen? Weiter Weg."). Gerade diese Stilisierung von rechten Parolen als intelligenter und zukunftsgerichteter Beitrag zur Flüchtlingsdebatte erinnerte frappierend an das Extra3-Video, das das „Leid" von Pegida-Demonstranten mit dem von Flüchtlingen gleichsetzte. Hätte man aus dem Off Lachen eingespielt, man hätte das ganze für eine Polit-Satire halten können.

Warum man so jemandem überhaupt zur besten Sendezeit eine Plattform bietet, fragten sich viele—unter anderem auch auf Twitter. Und tatsächlich ist es vielleicht an der Zeit, sich die Frage zu stellen, was man sich überhaupt davon verspricht, Rechtspopulisten in Talkshows einzuladen. Als eine Art Sympathieboost für Politiker anderer Parteien, die sich gegenseitig darin übertrumpfen, den rechten Gast möglichst souverän abzukanzeln? Als Versuch, öffentlich all jene Thesen zu widerlegen, die gerade gerne von Tausenden durch die Dresdner Innenstadt gebrüllt werden—auch wenn sich natürlich die Frage stellt, wie viele der Pegida-Anhänger tatsächlich zur Zuschauerschaft solcher Formate zu zählen sind? Als Beweis dafür, dass es in Deutschland eben sehr wohl Meinungsfreiheit gibt und man grundlegend bereit dazu ist, in den Dialog mit volkstümelnden Verschwörungstheoretikern zu treten? Und was versprechen sich Parteien wie die Alternative für Deutschland eigentlich davon, jemanden in eine politische Talkshow zu setzen, der sich permanent selbst widerspricht und kein einziges seiner Argumente halten kann? Demontiert man sich so nicht vor allem erst einmal selbst?

„Da spaziert der Durchschnitt des Bürgertums!"

Da lacht der Zuschauer vor dem Fernseher ungläubig auf, weil die Situation, die sich ihm da bietet, so komplett absurd ist. Da bleibt den Talkshowgästen und dem Moderator zum Teil nur, fassungslos zu schweigen oder sich irritierte Blicke zuzuwerfen. Der Jauch-Talk hat die rechtspopulistische Partei zu einer Art Satireprojekt umgemünzt. Und man kann mit dem Finger darauf zeigen und diese Leute nicht ernst nehmen und auf politischer wie faktentechnischer Ebene hätte man absolut Recht damit. Das Problem ist nur: Da draußen gibt es genug Menschen, die Höcke und seine politischen Mitstreiter ernst nehmen. Bei denen der verbal oder im Internet geäußerte Unmut immer öfter in reale Gewalt umschlägt und die man vielleicht nicht aufgrund ihrer politischen Meinung oder ihrer größtenteils ziemlich haltlosen Argumente ernst nehmen muss, ganz bestimmt aber nicht weglachen und als harmlose Spinner abtun kann.

Da draußen gibt es Leute, die sich diese wirren Theorien nicht nur anhören, sondern auch glauben—egal wie löchrig, konstruiert und stellenweise schlichtweg erfunden die Argumentationskette auch sein mag. Was sind das für Menschen, gibt es überhaupt noch eine gemeinsame Basis, auf der man diskutieren kann und wenn nicht, was bedeutet das für die Zukunft? Das sind Fragen, die auch dann noch stehenbleiben, wenn die Sendung vorbei ist und die ironisch-herablassenden Tweets abebben.

Wenn aggressive Stammtischparolen „besorgter Bürger" immer öfter in reale Gewalt umschlagen, hilft ein schnodderiges „Ach lassen sie ihn" des Bundesjustizministers der Diskussion um die Gefährlichkeit rechtspopulistischer Parteien auch nicht weiter. So sehr man es Björn Höcke nach seiner rechten Märchenstunde auch gegönnt hat, als wild fantasierender Schuljunge abgestraft zu werden.

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