Fotos

Lang verschollene Fotos aus den Magnum-Archiven

Fotografen erklären ihre fast vergessenen Lieblingsfotos und ihr könnt sie euch ins Wohnzimmer hängen.

von VICE Photography
13 November 2014, 6:00am
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„Als ich 22 oder 23 Jahre alt war, hatte ich für ein Semester einen Fotografie-Kurs belegt. Wir mussten an einem Projekt arbeiten und ich entschied mich dafür, Santa Claus zu folgen. Zu der Zeit liefen in New York all diese Typen herum, die sich für Volunteers of America als Weihnachtsmänner verkleideten und Spenden vor den Filialen von Macy's usw. sammelten. Nachdem sie damit fertig waren, machten sie sich auf den Weg zum Hauptsitz von Volunteers of America an der Houston Street und gingen danach etwas trinken. Die meisten von ihnen waren Alkoholiker. Ich machte dieses Foto, weil ich damals dachte: „Wieso fährt der Weihnachtsmann mit der U-Bahn? Wo ist denn bitte sein Schlitten? Später brachte ich diese Aufnahme einem Redakteur bei der New York Times . Er fand sie großartig, sagte aber, dass es schon zu spät sei, um sie für Weihnachten zu veröffentlichen. Nun, ich habe damals an Weihnachten die Gelegenheit verpasst, aber zumindest bekomme ich jetzt nach 46 Jahren noch mal eine."
-Bruce Gilden

Treuen VICE-Lesern ist Magnum Photos bestimmt nicht unbekannt. Die Fotografie-Kooperative wurde 1947 von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David „Chim" Seymour und George Rodger gegründet. Wir haben unsere Liebe zu ihnen schon mehrfach erklärt und Magnum-Mitglied Bruce Gilden kommt auch manchmal in unserem Büro vorbei und erklärt uns, wo es langgeht.

Ihr könnt euch vielleicht auch noch daran erinnern, dass die Fotoagentur, die allgemein eher Old School ist, im Juni die Fotografiewelt dadurch überrascht hat, dass sie Abzüge in einer Größe von 6x6 Zoll für 100 Dollar angeboten hat. Die Leute sind fast ausgeflippt und die Website von Magnum brach wegen des Traffics zusammen.

Jetzt machen sie wieder etwas ähnliches, nur dass sie diesmal ihre Fotografen dazu aufgefordert haben, ihre alten Festplatten, ihre Keller und Dachböden nach Fotos zu durchsuchen, die ihnen schon immer gefallen haben, die aber aus irgendwelchen Gründen nie das Tageslicht erblickt haben. Es ging darum, ein Foto auszusuchen, das vor dem Vergessen gerettet werden sollte. Das ist natürlich eine schöne Erinnerung daran, dass 99,99 Prozent der Arbeit eines Fotografen verborgen bleibt oder sogar weggeschmissen wird. Aber wie sagt mach doch: „Des einen Müll ist des anderen Schatz."

Magnum bietet die Abzüge diesmal nicht in limitierter Stückzahl an. Stattdessen werden sie nur für einen beschränkten Zeitraum zum Verkauf angeboten. Wenn ihr einen haben wollt, müsst ihr bis zum 14. November, 23:00 Uhr, zuschlagen. Hier sind einige der ausgegrabenen Fotos, die uns besonders gut gefallen haben.

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In einer Autowaschanlage in einem Pariser Vorort. Diese arme Frau war in ihrem Auto eingeschlossen, als die riesigen Rollen gerade dabei waren, das Fahrzeug zu verschlingen. Sie kam mir bekannt vor. Tatsächlich war sie meine Ehefrau. Ich hätte dieses Foto nie für meine Arbeit verwenden können, weil es ja eine gewisse Mittäterschaft zwischen mir und dem Motiv gibt. Um meine Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten, müssen meine Bilder „gefunden" werden, was hier nicht wirklich der Fall war. Deshalb ist dieses Foto außen vor geblieben. Aber ich mag es trotzdem.
-Richard Kalvar

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Dieses Bild habe ich während meiner ersten USA-Reise aufgenommen, die ich für das Projekt I Am About to Call It a Day unternommen habe. Ich hatte gerade das Projekt Ou Menya in Russland abgeschlossen, im Rahmen dessen ich Menschen auf der Straße angesprochen und sie gefragt habe, ob sie mich eine Nacht bei ihnen übernachten lassen würden. Auf diese Weise gelang es mir, intime Einblicke in ihr Zuhause und ihr Familienleben zu bekommen. Nach diesem Projekt hatte ich dann auch keine Schwierigkeiten mehr damit, Fotos von fremden Menschen aufzunehmen. Ich wollte dieselbe Herangehensweise in einem Land ausprobieren, dessen Sprache ich beherrschte; ich wollte ausprobieren, ob sie auch in einem solchen Fall funktionieren würde. Auf meiner Reise durch die USA strandete ich irgendwann in einer kleinen Stadt in Louisiana. Ich konnte keine Unterkunft finden, aber ein älterer Mann bestand darauf, mir „das einzige schöne Museum in der Stadt" zu zeigen. Die Exponate waren unter einer dicken Staubschicht begraben und die trostlose, einsame Atmosphäre war beeindruckend. Ich wollte dieses Foto in meinem Bildband nicht verwenden, weil es überhaupt nicht zu den anderen Fotografien passte. Um ehrlich zu sein, weiß ich immer noch nicht, ob es mir überhaupt gefällt! Aber aus irgendeinem Grund taucht es immer wieder vor meinem geistigen Auge auf. Vielleicht ist es also doch ganz gut, dass es nicht in irgendeinem digitalen Archiv verloren geht. Vielleicht ist es gut, wenn es nicht in Vergessenheit gerät.
-Bieke Depoorter

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Dieses Bild wurde 1974 am Set von L'important c'est d'aimer von Andrei Zulawski aufgenommen. Das war mein erstes Filmset. ich arbeitete erst seit einem Jahr als professioneller Fotograf und war gerade dabei, mein Studium abzuschließen. Neben Kinski waren da noch Romy Schneider, Jacques Dutronc, Fabio Testi und andere. Anfänger der ich war, schüchterten mich diese angesehenen Schauspieler ein, doch war ich unglaublich fasziniert und betrachtete stumm, was sich vor mir abspielte. Mir fielen erstaunliche Zusammenhänge auf, die zwischen der Atmosphäre des Films und dem Innenleben der Schauspieler während des Drehs existierten. Ich konnte auf einer emotionalen Ebene schließlich nicht mehr unterscheiden, was im Film geschah und was zwischen den Schauspielern ablief. Andrei Zulawski war immer sehr gut darin, mit Situationen wie diesen umzugehen. Die Filmcrew und die Produzenten haben mir quasi freie Hand gelassen. Man ließ mich mit den Schauspielern allein. Am meisten faszinierte mich Kinski und seine Stimmungsschwankungen, von großer Ruhe zu unglaublicher Heftigkeit. Er kämpfte mit seinen inneren Dämonen und spielte mit diesem Kampf. Mir gegenüber war er aufmerksam und liebenswürdig. Während die Crew sich um die Beleuchtung kümmerte, fing Kinski an zu improvisieren, zu spielen. Die Stimmung, die während dieser wenigen Augenblicke nach diesem Einzelbild entstand, lastete auf mir. Nachdem die Aufnahmen im Kasten waren, stand Kinski auf und ging langsam zum Schlafzimmerfenster herüber. Er weinte. Wir standen beide stumm da.
-Jean Gaumy

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Als ich Anfang der 70er anfing, die Frauen zu fotografieren, die bei Jahrmärkten als Stripperinnen auftraten, hatte ich zwei Leicas: eine für Farbfotos, eine andere für Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Ich machte Portraitaufnahmen mit einer Mittelformatkamera. Als ich weiter und weiter in die Welt der Girl Show eintauchte, wurde mir klar, dass die ASA-Filmempfindlichkeit von Farbfilmen zu dieser Zeit der Belichtungszeit, die ich brauchte, nicht standhalten konnte. Bei Tageslicht war es in Ordnung, aber nachts musste ich bei niedrigen Verschlusszeiten fotografieren und musste den Schwarz-Weiß-Film trotzdem auf ISO 1600 einstellen, um den Umkleideraum und die Bühne zu rendern. Diese Tür war der Eingang zum „Men and men only, no ladies, no babies"-Zelt. Das Ausgeschlossensein provozierte mich dazu, mich als junger Mann verkleidet hineinzuschleichen. Ich fange jetzt erst an, die Farbe wiederzuentdecken, die in meinem Archiv vergraben ist. Da stellt sich mir die Frage, wie anders die Arbeit von damals mit der Digitalfotografie von heute wäre.
-Susan Meiselas

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Wenn ich mir meine Regale so ansehe, dann sehe ich Dutzende Ordner mit Negativen. Veröffentlichte Projekte wie Sabine und Tokyo neben den unveröffentlichten: The Gomez-Brito Family , Bangkok und Home . Ich nehme einen Ordner aus Home vom Regal. Es sind Hunderte von Filmrollen aus den vergangenen fünf Jahren, Tausende vielleicht, die meisten davon unbesehen, die meisten davon nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Ich blättere durch den Ordner. Bilder von Menschen, die ich getroffen habe, von Orten und Gebäuden, wirken wie in einem steten Fluss. Das habe ich an jenem Tag gesehen, so habe ich mich an jenem Tag gefühlt. Dann erkenne ich die Haut wieder: Onse und Axel. Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich Onse und Axel getroffen habe. Ich werde nie die Liebe zwischen den Beiden vergessen. Axel ist 90 Jahre alt. Er sagte: „Du musst unbedingt meine Freundin kennenlernen. Sie ist zehn Jahre älter als ich!" Er erzählt mir davon, wie sie sich während eines Urlaubs in Bangkok verliebt haben. Er lädt mich zu Onse ein. Onse ist 100 Jahre alt und lebt allein. Sie war nie verheiratet. Sie war Fotografin und bereiste die ganze Welt. Sie träumt immer noch davon. Die beiden führen eine Fernbeziehung, Axel besucht Onse jedes Wochenende. An diesem Samstag im Frühjahr 2010 laden sie mich zu sich ein. Ich fotografiere sie dabei, wie sie sich gegenseitig umarmen und streicheln. Onse hat viele Wunden, deshalb ist Axel vorsichtig, wenn er sie berührt. Ich höre, wie Onse ihre Freude kundtut und vor Wonne leise stöhnt. Axel erzählt mir, dass sie bis vor zwei Jahren noch miteinander geschlafen haben, doch jetzt hat Onse ein spezielles Krankenhausbett, in dem kein Platz mehr für Axel ist. „Wir küssen uns aber immer noch", sagt er. Und sie fangen an, sich zu küssen. Das erste Bild passt. Noch bevor ich anfange nachzudenken, noch bevor ich anfange, Einstellungen vorzunehmen. Bevor ich sie darum bitte, sich noch mal zu küssen. Der erste Kuss ist immer der Beste.
- Jacob Aue Sobol

Ihr könnt diese unterschriebenen Abzüge für 100 Dollar pro Stück bei Magnum bestellen. Sie sehen in eurer Wohnung nicht nur ziemlich gut aus, sondern sind darüber hinaus auch ein Teil der Fotografie-Geschichte.