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Dürfen wir vorstellen: der Journalist, der Kriegsverbrecher vernichtet

Wir haben mit Allan Nairn darüber gesprochen, wie es ist, die politischen Karrieren von Massenmördern zu zerstören.
04 August 2014, 8:43am

Allan Nairn. Screenshot: Youtube

Allan Nairn ist vielen Leuten eher unbekannt—ein Schicksal, das auch viele andere tolle Journalismus-Aktivisten teilen. Ruhm war jedoch nie sein Ziel. Stattdessen hat er die letzten paar Jahrzehnte damit verbracht, seinen Teil dazu beizutragen, dass sich dort, wo es am dringendsten nötig war, wirklich etwas verändert hat.

Sein Spezialgebiet sind die von den USA unterstützten Gräueltaten, weshalb Nairn schon aus den Leichenhäusern von Haiti, El Salvador, Guatemala und Indonesien berichtet hat. Er stellte Henry Kissinger öffentlich in Frage, half dabei, Stellvertreter Amerikas vor Gericht zu bringen, deckte die Ausbildung von Todesschwadronen in El Salvador und Haiti durch die USA auf und filmte in Guatemala ein Video, in dem der jetzige Präsident des Landes ungezwungen über seine Rolle beim Genozid im Hochland in den 80er-Jahren spricht. Oftmals besteht die Ironie darin, dass die Leute, die Nairn anprangert, ihn nicht töten oder foltern können, denn er ist US-Staatsbürger—das würde die amerikanische Förderung und Unterstützung gefährden. Mit seinem Pass als Versicherung hat er sowohl Washingtons Marionetten als auch die Anzugträger hinter dem Ganzen aufgestachelt.

Am berühmtesten sind Nairns Reportagen über Indonesien. 1991 berichtete er vom Völkermord in Osttimor, das damals von Indonesien besetzt war. Dabei überlebte er das Santa-Cruz-Massaker in der Hauptstadt Dili. Die indonesische Armee, die zu dieser Zeit eine Massenmord-Kampagne führte, näherte sich einer Beerdigung. In der Hoffnung, dass sein Pressestatus das Blutvergießen verhindern würde, stellte sich Nairn zwischen die Soldaten und die Trauernden. Man schlug ihn nieder, während 271 Zivilisten getötet wurden. Später unterstützte er die Gründung von ETAN, einer Organisation, die dabei half, die finanzielle Förderung der indonesischen Militärregierung durch die USA zu stoppen. Es stellte sich heraus, dass diese die Diktatur von Präsident Suharto komplett finanzierte.

Letztens veröffentlichte Nairn ein 2001 aufgezeichnetes Interview mit dem ehemaligen General Prabowo Subianto—dem Schwiegersohn von Washingtons „Blondschopf“ Suharto und einem der zwei Präsidentschaftskandidaten der letzten Wahl in Indonesien. Das Interview enthält auch ein paar besonders hinreißende Aussagen, unter anderem über Prabowos Verärgerung darüber, dass das Militär Zivilisten vor der Presse umbringt und über die Frage, ob er der anscheinend noblen Musharraf-Diktatur in Pakistan gleichkommen könnte.

Ich habe Allan am 9. Juli interviewt, der Tag der indonesischen Wahlen. Wir redeten über das Auftreten gegenüber Massenmördern und ich fragte ihn, warum er das Interview mit Prabowo veröffentlichte.

Prabawo Subianto. Screenshot: Youtube

VICE: Du hast letzten Monat ein Interview mit Prabowo aus dem Jahr 2001 veröffentlicht. Warum erst jetzt?
Allan Nairn: Er war kurz davor, Präsident zu werden und er hat mir Dinge erzählt, von denen ich dachte, dass sie für die indonesische Bevölkerung sehr interessant sein könnten. Ich spürte eine gewisse Verantwortung, sie darauf aufmerksam zu machen. Ich habe mit Prabowo im Vertrauen geredet und es war für mich zuerst eine sehr schwere, aber auch sehr wichtige Entscheidung, dieses Vertrauen mir gegenüber zu missbrauchen. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir letztendlich, dass ich es einfach machen musste, denn ich würde so oder so Schaden anrichten, egal ob ich es nun alles für mich behalte oder veröffentliche. Ich entschied, dass es schlimmer wäre, die Informationen zurück zu halten.

Die TNI (Streitkräfte Indonesiens) haben dich danach auch bedroht, oder?
Ja. Die haben viele Sachen gesagt. Sie sagten, ich sei ein Feind des Landes und sie berichteten—ich denke auch korrekterweise—, dass ich vorher schon sieben Mal von der TNI festgenommen wurde, weil ich illegal eingereist bin. Eigentlich wurde ich nämlich vom Suharto-Regime verbannt, weil ich eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstelle. Sie haben anschließend anscheinend die TNI beauftragt, mich festzunehmen und in der Presse wurde dann geschrieben, dass ich zum Ziel der TNI wurde.

Du wirst ziemlich oft bedroht—wie gehst du damit um?
Ich fühle mich sehr sicher, denn ich bin ein Außenseiter und dazu noch ein amerikanischer Staatsbürger. Ich komme also aus dem gleichen Land wie die Waffen der Armee und weißt du, so habe ich im Bezug auf Sicherheit viel Spielraum. Ich versuche, dieses Privileg so oft wie möglich auszunutzen, um Dinge zu sagen, wegen denen ich sonst wahrscheinlich getötet werden würde. Ich bin also irgendwie so etwas wie ein Sprachrohr.

Ziemlich viele meiner Freunde wurden ermordet, zum Beispiel Munir, in Indonesien eine Legende, ein Held für die Menschenrechte. Er war an vorderster Front, wenn es darum ging, sich gegen die Verbrechen des Militärs und der Polizei auszusprechen. Er war auch brillant, einer der klügsten Menschen, die ich je getroffen habe. Er wurde [angeblich] in einem Flugzeug ermordet, als der militärische Nachrichtendienst eine immens hohe Dosis Arsen in sein Essen gemischt und er sich zu Tode erbrochen hat.

Ein weiterer Freund von mir, Jafar Siddiq-Hamzah aus Aceh, entwickelte sich zur Stimme der zivilen und politischen Bestrebungen nach der Freiheit des Landes. Mitte 2001 ist Jafar verschwunden. Ich befand mich zu der Zeit in den USA, also bin ich rüber geflogen, um nach ihm zu suchen. Eine Monat später ist seine Leiche zusammen mit vier anderen Toten auf dem Grund einer Schlucht aufgetaucht—ihre Hände waren hinter ihrem Rücken gefesselt und sie wurden so verstümmelt, dass man sie nicht mehr identifizieren konnte. Weder ich noch seine Familienmitglieder waren in der Lage, ihn an seinem Gesicht zu erkennen, weil das meiste davon weggeschnitten wurde. Auf seiner Brust waren mehrere Stichwunden zu sehen. Man konnte ihn nur wegen der Operationsnarben auf seinem Bauch identifizieren.

Wegen ihren Heldentaten—und den Heldentaten tausender anderer Menschen—gab es in den letzten Jahrzehnten eine Menge Fortschritte, es gibt jetzt zum Beispiel viel Redefreiheit. Aber jemand wie ich, ein Außenseiter? Ich spiele da keine so große Rolle.

Die Aufstände, die Suharto zu Fall brachten. Foto: B.J. Habibie | Wikimedia | Public Domain

Das denkst du, aber dein Einfluss auf das Abschwächen der Militärregierung war doch ziemlich groß.
1990 bin ich in das damals noch besetzte Osttimor gereist. In Timor wurde übrigens der proportional gesehen größte Völkermord seit den Nazis begangen. Ein Drittel der dortigen Bevölkerung wurde umgebracht oder ist wegen Hunger und Krankheit gestorben. US-Präsident Ford und Außenminister Henry Kissinger gaben ihr persönliches OK für eine Militärinvasion in Osttimor. Bei meinem ersten Besuch 1990 war das Land immer noch vom Militär besetzt. Dort konnte ich den schlimmsten und intensivsten Terror beobachten, den ich je irgendwo auf der Welt gesehen habe. Guatemala im Jahr 1980 kommt nah ran, aber nichts ist vergleichbar mit dem, was damals in Timor los war.

Ich bin dann im November 1991 dorthin zurückgekehrt und da fand auch das Santa-Cruz-Massaker in Dili statt. Danach half ich dabei, eine Volksbewegung in den USA aufzubauen, das East Timor Action Network (ETAN). Das dauerte von 1991 bis 1999 und wir haben es zeitweise geschafft, mit Hilfe einer intensiven Lobby-Kampagne und einem jahrelangem politischen Kampf fast die ganze militärische Unterstützung der USA in Indonesien zu kappen. Das hat ziemlich viel bewirkt, denn laut Admiral Sudomo—Suhartos ehemaligem Sicherheitschef—machten diese fortlaufenden Unterbrechungen der US-Unterstützung das Suharto-Regime handlungsunfähig, als 1997 und 1998 die Leute und sogar die Studenten auf die Straße gingen, um sich gegen Suharto zu erheben.

Eine Nachstellung des Santa-Cruz-Massakers, das Allan überlebte. Foto: Mark Rhomberg/ETAN | Wikimedia

Du interviewst viele Leute, die dich eigentlich als ihren Feind ansehen sollten. Wie bringst du sie dazu, mit dir zu reden?
Das ist jedes Mal unterschiedlich. Aber viele dieser Militärs, die in die Gräueltaten involviert sind, wurden noch nie kontaktiert. Das kann viel ausmachen. In einigen Fällen sehen sie mich als ihren Feind, aber aus verschiedenen Gründen sind sie trotzdem zum Reden bereit—vielleicht wollen sie ihrer Wut Ausdruck verleihen, vielleicht wollen sie irgendwie eine Botschaft überbringen oder vielleicht wollen sie Informationen zu anderen Feinden verbreiten. Wenn wir jetzt mal Prabowo als Beispiel nehmen, dann hat es ihm glaube ich ein bisschen Spaß gemacht, sich mit jemandem an einen Tisch zu setzen, der ein erbitterter Widersacher ist.

Ist das ein beunruhigendes Gefühl?
Jedes Mal. Es ist immer schwierig, sich mit Massenmördern auseinanderzusetzen. Bei Prabowo habe ich überlegt, ob ich es wirklich machen soll, aber dachte mir dann: „Nun, wenn ich mit diesem Mann rede, dann hilft mir das vielleicht bei der Aufklärung von den Morden, die ich gerade untersuche.“

Die beste Herangehensweise ist, einen anderen—eigentlich einfacheren—Weg zu gehen. Ein Beispiel hierfür wäre mein Treffen mit General Gramajo. Er war einer der Oberbefehlshaber bei den guatemaltekischen Massakern von 1982 und der Favorit der USA für den dortigen Posten des Präsidenten. Also brachte ihn die USA nach Harvard, damit er dort seinen Master in Verwaltungslehre macht. Während er dort studierte, versuchte ich, gegen ihn Klage einzureichen, gedeckt vom Alien Tort Claims Act, der ursprünglich für den Kampf gegen Piraten gedacht war. Dieser besagt, dass Täter in jedem Land für Verbrechen angeklagt werden können, die sie anderswo begangen haben.

Wir überbrachten ihm die Klageschrift bei der Harvard-Abschlusszeremonie. Er floh und wurde verurteilt. Leider war es keine Strafsache, aber er musste ungefähr 13 Millionen Dollar zahlen. Das hat ihn letztendlich politisch gesehen zerstört. Einmal wurde für das Nachrichtenmagazin 60 Minutes eine Diskussionsrunde an der Brown-Universität organisiert. Davor kam er zu mir und streckte mir seine Hand entgegen. Ich lehnte den Handschlag jedoch ab. Ich sagte zu ihm: „Ich will einem Kriminellen nicht die Hand schütteln.“

Das muss ein ziemlich befriedigendes Gefühl gewesen sein.
Ja, das erschien mir der konstruktivste Weg zu sein. Aber da mit Gramajo alles öffentlich ablief, wollte ich die Illusion von Freundlichkeit gar nicht erst aufkommen lassen. Zu verschiedenen Zeitpunkten sind auch verschiedene Herangehensweisen nötig. [Gramajo wurde später von einem Schwarm Killerbienen getötet. Echt wahr.]