"Weltschmerz 2.0, das ist Musik in meinen Ohren!" – Zu Besuch bei Evelinn Trouble

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"Weltschmerz 2.0, das ist Musik in meinen Ohren!" – Zu Besuch bei Evelinn Trouble

Die Zürcher Sängerin Evelinn Trouble wagt Sprünge über Genregrenzen. Wir haben sie in ihrer Wahlheimat London getroffen und mit ihr über kreatives Exil und unüberlegte Aktionen gesprochen.
29.6.16

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Die Zürcher Sängerin Evelinn Trouble lässt etablierte Genregrenzen hinter sich, hat nach dem Sprung auf einen fahrenden Zug viel über sich selbst gelernt und hat London als kreatives Exil gewählt. Wir haben sie in ihrer Wahlheimat getroffen.

Es ist früher Montagmorgen und die sonst überfüllten Abteile der Londoner Overground-Bahn noch genau so wenig bevölkert, wie die vom Dauerregen nassen Strassen. Für einen kurzen Moment scheint die Metropole still zu stehen. In der "Doree Bakery" im Osten der Stadt warte ich mit frisch gebackenem Pain au Chocolat (anscheinend das Beste der Stadt) und Cappuccino auf die Schweizer Sängerin Evelinn Trouble. Seit einigen Jahren wohnt die junge Zürcherin gleich hier um die Ecke und teilt sich mit vier Mitbewohnern ein klassisches viktorianisches Haus, Garten und Cheminée inklusive. Fünf Minuten später fährt sie vor, mit Damenvelo und tief in die Stirn gezogener Kapuze. Drinnen muss sie kurz ihre türkisfarbenen Haare trocknen – es regnet selbst für Londoner Verhältnisse stark.

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Wir unterhalten uns über das Leben in der britischen Grossstadt. Seit mehreren Jahren lebt Evelinn Trouble hier. Am Anfang diente ihr die Stadt fernab der Heimat als Exil, hier stresste sie niemand und sie konnte sich auf das fokussieren, was sie wirklich kann: Songs schreiben und Musik komponieren. "Du kommst an einen neuen Ort und fühlst dich ein wenig wie in einem Labyrinth. Ich musste erst Mal alles ausprobieren bis ich gemerkt habe, was ich wirklich will", sagt sie und befreit ihre knalligen Haare vom Haargummi. Jetzt erst fallen mir ihre tiefgrünen Augen auf. Das Songschreiben sei für sie eine Katharsis der Seele: "Wenn in meinem Innenleben etwas los ist, kommt auch die Musik. Und da dort sowieso immer zu viel los ist, muss ich mir Inspiration nicht allzu aktiv suchen. Das tägliche Leben inspiriert mich genug, deshalb mache ich es mir auch selber nicht allzu bequem, werfe mich bewusst ins kalte Wasser und erlebe dabei immer wieder neue Sachen. Emotionale Widersprüche, ein gebrochenes Herz, ein implodierendes Luftschloss, Identitätskrisen, Weltschmerz 2.0 – das ist Musik in meinen Ohren!"

Nebenjobs wie im Kaffee zu servieren oder im Theater zu arbeiten macht sie heute nicht mehr. "Ich fliege lieber einmal im Monat in die Schweiz und gebe dort ein Konzert, anstatt hier schlechtbezahlte Jobs oder unbezahlte Gigs anzunehmen". Das Hin und her stresst sie nicht: "Ich habe zwei Leben, und die sehen ganz unterschiedlich aus. Es wird erst dann deprimierend, wenn du in eine andere Stadt gehst, und das Alte vermisst oder etwas Anderes erwartest. Wenn du London so nimmst wie es ist, dann kannst du es auch für deine Zwecke verwenden".

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Während Evelinn solche Sätze sagt, wirkt sie wie eine Frau, die lieber ihren eigenen Weg geht, statt abgetretenen Pfaden zu folgen. Das Resultat davon, dass sie immer gemacht hat was sie will, ist ein grosses Mass an Narrenfreiheit, sagt sie. Die Kehrseite ist, und dies weiss sie selber am besten, dass sich diese Originalität und der Mut zu musikalischen Risiken nur schwer vermarkten lässt. "Ich werde ständig gefragt: 'Hä? Wieso machst du jetzt das?' Die Leute sind, so glaube ich, einfach nur masslos überfordert mit meiner Arbeit." Die Kritiker lieben sie trotzdem. Und mit Radicalis aus Basel hat sie zum ersten Mal einen Booking-Partner, der mit ihr so etwas wie eine langfristige Strategie ausarbeitet: "Sie sind die Ersten, die sich erbarmt haben!", erzählt sie fast ungläubig. Das Ziel sei aber nach wie vor, irgendwann bei einem internationalen Label zu unterschreiben. "Ich habe aber auch je länger je mehr das Gefühl, dass sich die Zeiten längst geändert haben. Wenn niemand mehr Musik kauft, ist es dann überhaupt noch wichtig, auf welchem Label der Künstler ist?".

Als der Fotograf ankommt, ebenfalls völlig durchnässt, bestellen wir noch eine Runde Kaffee. Ich spreche Evelinn auf einen Vorfall von vor vier Jahren an. Damals springt sie in den frühen Morgenstunden nach einem Konzert in einem besetzten Haus in Altstetten am Bahnhof Hardbrücke auf einen einfahrenden Zug. Sie gerät in einen elektrisch geladenen Lichtbogen, der sich zwischen ihrem Körper und der Fahrleitung bildet und zieht sich schwerste Verbrennungen zu. "Das war ein komischer Sommer und ein komischer Moment, heute würde ich es nicht mehr machen", erzählt sie. "Ich habe mich wie ein Marvel-Comic-Held gefühlt, ich dachte, ich sei unbesiegbar". Zwei Männer, die gerade vom Ausgang heimkommen, finden sie und kratzen sie vom Perron-Dach. Bis heute trägt sie Narben von dieser Nacht. "Ich war nicht mal stark betrunken oder auf Drogen, es war einfach ein sehr spezieller Augenblick. Es kam eher aus einer Frustration, die mein Unterbewusstsein hervorgebracht hat". Trotzdem trinkt sie keinen Alkohol mehr. "Ich habe damit aufgehört, weil es mich in tiefe Löcher stürzt. Ich habe keine Lust mehr, den Tag nach einem Vollrausch depressiv im Bett zu liegen".

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Sie weiss, dass sie nicht in jedem Moment ihrem Impuls nachgeben darf, denn das wäre für sie und ihr ganzes Umfeld viel zu anstrengend. "Manchmal ist es auch schön, Mal wieder auszurasten, dann fliegt halt ein Glas gegen die Wand. Aber ich habe mit der Zeit gelernt, ein Pokerface aufzusetzen". Sie ist ein extremer Kopfmensch, diese Ausrast-Momente eigentlich die Ausnahme. Früher ist sie regelmässig von der Bühne verschwunden, wenn ihr etwas nicht gepasst hat, oder hat ihre Band-Kolleginnen angefaucht, das kommt heute nicht mehr vor. Dafür pflegt sie ein anderes Ritual: 20 Minuten vor einer Bühnenshow will sie ganz alleine sein. "Wenn dann jemand kommt und nach einem Kabel oder so fragt, dann raste ich komplett aus".

Nach dem Zugunfall im Spital hat sie begonnen, Tarot-Karten zu legen. Mehr als Spass und Zeitvertreib. Sternzeichen liest sie ebenfalls regelmässig: "Ich würde sogar gerne selber Horoskope schreiben, ich finde das super, dass man in unserer modernen Welt trotzdem Menschen anhand von Sternzeichen kategorisieren kann". Sie selber ist Krebs, Aszendent Schütze: "Das sind genau die beiden Extreme, die in mir drin sind: Das Impulsive, Zielgerichtete und voll in die Fresse rein, das ist der Schütze. Und der Krebs als Gegenpol, das ist die Gedankenwelt. Ich glaube da voll dran, man muss es aber auch mit Humor nehmen. Es ist keine Religion, sondern ein Mittel, die Welt unterhaltsamer zu machen".