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Das Michael-Ballack-Syndrom – Warum Ausgemusterte so gerne über ihre Nachfolger lästern

Was der Ex-Nationalspieler mit Charlie Sheen und Gerhard Schröder gemeinsam hat.
20.6.16
Foto: imago | JOKER

Damit hat er richtig Gespür bewiesen: Nach dem schlappen Unentschieden zwischen Deutschland und Polen am Donnerstagabend meldete sich Michael Ballack zu Wort. "Dieser Mannschaft fehlt ein bisschen Persönlichkeit und Charakter", kommentierte er das Spiel. "Die Schwäche dieses Teams ist, dass es alles schön machen und den Ball ins Tor tragen will", fuhr er fort. "Natürlich will man schönen Fußball spielen. Aber manchmal muss man sich auch einfach darauf konzentrieren zu gewinnen."

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Da Ballack es aber in seiner ganzen Karriere als Kapitän noch nie geschafft hat, die deutsche Mannschaft in einem Turnier zu einem internationalen Sieg zu führen, musste er auf hämische Reaktionen nicht lange warten. "Ballack, die fleischgewordene Arroganz", schreibt ein Kommentator unter dem Spiegel Online-Post. "Ein Großteil dieses Teams ist Weltmeister." Seinen Ritterschlag bekam der Shitstorm, als der Postillon einen Artikel mit dem gar nicht mal so satirischen Titel "Ex-Nationalspieler, der nie was gewonnen hat, erklärt Weltmeister, wie man gewinnt" veröffentlichte.

Ballack hat sich seitdem klugerweise nicht mehr geäußert. Aber er lässt uns mit einer Frage zurück: Wo kommt das her, dass ausgediente Bigshots es nicht lassen können, über ihre Nachfolger zu lästern? Selbst wenn—wie im aktuellen Fall—der Nachfolger objektiv deutlich erfolgreicher ist, als sie es je waren?

Ballack ist mit seiner knurrigen Hybris nämlich absolut nicht allein. Immer wieder schalten sich ausgeschaltete Ex-Promis von selbst wieder ein, um den Jungspunden mal so richtig die Meinung zu geigen. Und fast immer ist die Kritik mit dem Hinweis verbunden, dass man es selbst ja deutlich besser gemacht habe. Willkommen in der Galerie der Gekränkten!

Gerhard Schröder

Foto: André Zahn | Wikimedia | CC BY-SA 2.0 de

Schröder ist der unangefochtene König dieser Disziplin. Niemand hat ihm bisher die Geschwindigkeit nachgemacht, mit der er sich von einem respektierten Würdenträger in eine polternde, arrogante Witzfigur verwandelt hat. Seine Niederlage bei der Wahl 2005 war erst wenige Minuten alt, als er sich einfach weigerte, sie zu akzeptieren. "Nur unter meiner Führung" sollte es in Deutschland weitergehen, donnerte er in die Wohnzimmer der Nation, während alle um ihn herum längst verstanden hatten, dass es für ihn zu Ende war.

Irgendwann hat Schröder es dann auch verstanden und Angela Merkel widerwillig seinen Platz geräumt. Mit dem Lästern war er aber noch lange nicht fertig: Gleich 2006 veröffentlichte er seine Memoiren, in denen er der Nachfolgerin "Führungsschwäche" und eine lächerliche Außenpolitik vorwarf. Auch das kam erwartungsgemäß sehr gut an.

Costa Cordalis (Dschungelcamp)

Foto: imago | STAR-MEDIA

Der erste Gewinner in der Geschichte von Ich bin ein Star – holt mich hier raus! hat oft genug betont, dass er ruhig auch der letzte hätte bleiben können. Alle Staffeln des Dschungelcamps nach ihm fand er "langweilig", niemand könne die Zuschauer so begeistern wie er. "Die erste Staffel war einfach die beste und hochkarätigste", erklärte der Schlagerstar auf stern.de. "Besser als ich kann keiner von denen werden. Da muss man der Wahrheit ins Auge blicken." Aber immerhin: Wo er Recht hat, hat er Recht.

Joschka Fischer

Foto: Stephan Roehl | Flickr | CC BY-SA 2.0

Anders als sein Koalitionspartner Schröder hatte Fischer zumindest genug Gespür zu verstehen, dass seine Zeit gekommen war. Er trat elegant zurück. Kurz darauf holte er aber gar nicht so elegant zum Rundumschlag aus: In einem Interview mit der taz erklärte er, er sei "einer der letzten Live-Rock'n'Roller der deutschen Politik" gewesen, nach ihm komme "in allen Parteien die Playback-Generation".

Fairerweise muss man sagen, dass er damit gar nicht so Unrecht hat, was Angela Merkels Rhetorikstil angeht. Aber für alle Politiker gilt das wirklich nicht. Wenn man sich zum Beispiel anschaut, was unser Innenminister Thomas de Maizière so in die Mikrofone schnattert, wenn kurz mal keiner auf ihn aufpasst, kann man beruhigt sagen: Der Freestyle lebt!

Charlie Sheen

Foto: Angela George | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Als 2011 bekannt wurde, dass Charlie Sheen nicht mehr die Hauptprolle in der Sendung Two and a Half Men spielen würde, brach für Millionen Menschen eine Welt zusammen (nehme ich zumindest an. Ich kenne nur einen Menschen, der das gerne geschaut hat, und den kann ich gerade nicht erreichen). Mit Sicherheit brach zumindest für Charlie Sheen eine Welt zusammen: Wenn er einen alternden Playboy spielte, der ohne jedes Verantwortungsgefühl dauerbetrunken durchs Leben wankt, dann spielte er die beste Version von sich selbst.

Dementsprechend sauer war er auf seinen Nachfolger Ashton Kutcher. "Kutcher ist ein Sweetheart und ein brillanter komischer Schauspieler – Oh warte, das bin ich auch!", lästerte er. "Viel Spaß auf dem Planeten Chuck, Ashton. Dort gibt es keine Luft, kein Lachen, keine Loyalität und keine Liebe." Das war allerdings noch mehr gegen den TAHM-Produzenten Chuck Lorre gerichtet. 2012 legte Sheen dann nach: Die Show als Ganzes sei ein "dampfender Haufen Arsch", und Ashton Kutcher würde nur "nerven". Was aber eigentlich nur bedeuten würde, dass Kutcher Sheen würdig vertritt.

Frank Elstner

Der Pokal für den eigenartigsten Angriff auf einen Nachfolger geht an Frank Elstner. Der Erfinder der Show Wetten, dass..? und Vorgänger von Thomas Gottschalk beschwerte sich, dass Gottschalk nicht genug schwitze und generell einfach zu entspannt sei. "Bei Thomas wirkt es immer so, als müsste sich ein Moderator nicht anstrengen", jammerte der er im Spiegel. Er habe vor der Show "wochenlang schlecht geschlafen", erklärte Elstner, und außerdem habe er in der Sendung immer so wahnsinnig geschwitzt, dass er sich Hemden und Sakkos extra unter den Achseln habe verstärken lassen. "Achselschweiß ist nicht samstagabendtauglich."

Das ist erstens nicht so super appetitlich, und zweitens ist es irgendwie ein rührender Vorwurf an den Nachfolger: Warum ist der so viel cooler als ich?