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Im Reich der Büsche und Penisse: Mein Vorstellungsgespräch in einer Nudisten-WG

Diese Berliner Nudisten wollen immer nackt sein. Auch beim WG-Casting.
18.5.15
Nudistin hockt vor einem Stuhl mit einer Katze
Titelfoto: Nein, das ist nicht Natalia, sondern einfach eine Nackte mit einer Katze | angrylambie1 | Flickr | CC BY 2.0

Am Anfang ist da ein Busch. Ein sehr wuscheliger Busch mit einem baumelnden Penis dahinter, dessen verschlafener Besitzer mich an einem Berliner Samstagmorgen um 9 Uhr empfängt. Ich bin zum Casting in einer FKK-WG im Stadtteil Schöneberg gekommen. Die Person, die zu dem Glied gehört, heißt Rico* und steht entblößt vor mir. Obwohl ich diese Situation für möglich gehalten hatte und in den vergangenen Tagen immer wieder durchgegangen war: Sie macht mich für ein paar Sekunden perplex. Möchte mein Gegenüber, dass ich nun blankziehe? Ich entscheide, meinen gemütlichen Pullover erst einmal anzulassen und wir reichen uns höflich die Hand. Rico wohnt mit vier anderen Mitbewohnern in der Nudisten-WG. Jetzt im Juni wird dort ein Zimmer frei und ich dachte mir, dass ich das Leben bei überzeugten Anhängern der Freikörperkultur mal kennenlernen muss.

Das Problem, das ich vom allerersten Moment sehe: Ich bin so viel Nudist wie Raúl Castro Mitglied im Börsenverein. Doch, denke ich mir, wenn die Geschichte dazu stimmt und ich mich in meiner Bewerbung in Stereotypen sudele, klappt das vielleicht. Also schreibe ich Rico, dass meine Eltern mir die Freikörperkultur quasi in die Wiege gelegt hatten, wir in Ost-Brandenburg früher jedes Jahr FKK-Urlaub machten und mich mein Auslandsjahr in Indien unheimlich inspiriert hatte. Ich ordnete mich als Freigeist, tolerant und kulturell aufgeschlossen ein. Und selbstverständlich suchte ich neue Inspiration in neuen Mitmenschen. Um das Ganze abzurunden fügte ich dem Text noch ein Quäntchen Gesellschaftskritik hinzu. Perfekt war der Stereotypen-Zaubertrank, mit dem ich hoffte, Eintritt in das Reich der Nackten zu erfahren.

Ob nun Zufall oder Bestimmung: die Antwort von Rico lese ich bei einem Ingwer-Granatapfel-Zitronentee. Ungelogen! So soll es also sein. Rico und seine Mitbewohner finden mich dufte und ich finde das erst recht dufte. Rico schreibt, dass seine Mitbewohner und er eigentlich bereits jemanden gefunden hätten und nun hin- und hergerissen seien.

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Eigentlich habe ich schon jetzt den Titel „Arschloch der Woche" verdient. Aber von der ersten Minute wusste ich, dass es nur möglich sein würde, einen Einblick in das Leben von Nudisten zu erhaschen, wenn ich mich verstelle. Es war die Motivation, ob diese Freigeister wirklich den Stereotypen entsprechen, die unsere Gesellschaft vorgibt: Anarchismus über alles, Kommunenleben und gerne mal unrasierter im Bereich der Genitalien. Das war bislang auch mein Bild. Aber vielleicht änderte sich dies in der nächsten Stunde.

Dann wird es ernst. Der Schritt in die wundervolle Altbauwohnung ist gemacht und meine potenziellen Mitbewohner führen mir vor, wie sie in ihren Zimmern und auf dem dem Flur ihr eigenes Essen anbauen. Adam vergöttert seine Schlangen-Gurken und Schoko-Paprikas. Aber auch die russischen Black-Krim-Tomaten, die ausgewachsen und aufgeschnitten – makabererweise – wie Splitterbomben aussehen.

Nach der Wohnungsführung—ich immer noch angezogen—beschnuppern wir uns. Rico studiert Physik, Adam ist mit seinem Psychologiestudium fast fertig und hatte nebenbei Bock, noch ein bisschen Japanologie anzuhängen und Emre, der aus der Türkei vor drei Jahren nach Deutschland kam, arbeitet als Arzt. Die Dame im Bunde, Natalia, vergnügt sich mit der Juristerei. Adam und Rico sind ein Paar, Emre ist auch homosexuell. Auch Natalia mag Penisse, was sie mir sehr bald vermittelt. Weil ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, wie das so ist, miteinander nackt in der Wohnung zu leben, nackt zu kochen, nackt Freunde zu treffen, musste ich nun unbedingt wissen, wie man auf die Idee kommt, eine Nudisten-WG zu gründen.

Bei Adam begann alles in der Kindheit damit, dass seine Eltern jedes Jahr in den FKK-Urlaub fuhren und mit ihm viel in die Sauna gingen. „Als Jugendlicher war mir das aber alles unangenehm", sagt der Psychologiestudent, dessen Genitalbehaarung enorm ist. Das ging so lange, bis Adam sein Schlüsselerlebnis hatte. „Eines Abends war ich mit Freunden am See, wir waren angetrunken und sprangen alle nackt ins Wasser. Das war ein unbeschreiblich gutes Gefühl. Und ich habe meine sexuelle Ausrichtung besser verstanden" Wie ein Drogenabhängiger sei er auf diesem Trip hängen geblieben. Heute spielt er mit Rico Volleyball in einem Verein, in dem auch Tischtennis- und Fußbälle geschwungen werden. Mittwochs gehen sie mit Gleichgesinnten im Wald joggen. „Wir sind in der WG alle sehr experimentierfreudig."

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Das war mein Stichwort, auf das ich gewartet hatte. Feiert ihr in der WG auch Orgien, wollte ich wissen? Alle schmunzeln. Rico richtet sich sein Glied zurecht, bevor er antwortet. „Wir feiern bei uns zu Hause natürlich. Gerne nackt und wild. Aber wenn wir es richtig tun, dann auf Schlager-Nackt-Partys. Die gibt es in Berlin regelmäßig. Wenn Nudisten feiern, dann ohne Textilien." Und wie kann man sich das vorstellen? „Manchmal ist das sexuell sehr grenzwertig", erzählt Adam. „Meistens tanzen dort nicht mehr als drei Frauen mit 100 Männern. Bis um zwei Uhr ist das immer ganz witzig. Aber dann wird nur noch rumgemacht und in den Ecken gerammelt."

Ich stelle mir vor, um in Ricos Sprache der Physik zu blieben, wie hoch der Drehmoment der Penisse zu Musik von Andrea Berg und Micky Krause sein muss.

Es ist der Punkt im Casting erreicht, an dem mir meine potenziellen Mitbewohner immer stärker das Gefühl geben, ich sollte mich solidarisch zeigen und endlich ausziehen. Die Blicke verraten es. Dabei fühlte ich mich in meinem ökologischen Pullover, den ich mir extra noch gekauft hatte, so wohl.

Meine Erlösung ist ein Rascheln an der Tür. Mitbewohnerin Natalia stößt dazu. Auch sie ist überzeugte Nudistin. Und Natalia ist natürlich nicht einfach Natalia, sondern eine Maschine von Frau. Ganz anders, als ich mir die Mitbewohnerin der Männer vorgestellt hatte. Natalia ist Polin, Ende 20 und studiert Jura. In Berlin macht sie ihr Erasmus-Jahr. Natalia steht also nun vor uns, schick gekleidet und bei Weitem nicht alternativ, trägt einen schwarzen Rock und eine viel zu enge weiße Bluse, unter der ihre großen Brüste hervorstechen. Ihre Lippen formen von selbst einen Kussmund. Ihre Wangen tragen ein ungesundes rot. Natalia lässt die Hüllen jedoch nicht fallen. Warum sie denn in diese WG eingezogen ist, möchte ich von ihr wissen. „Ach", sagt sie in sehr hartem Deutsch, „ich bin nach Berlin gekommen und wollte etwas Neues ausprobieren. Mit Penissen habe ich kein Problem." Sie möge den unkomplizierten Lebensstil in der Wohnung. Natalia kann so wundervoll mit ihren Wimpern wedeln.

Ich war immer noch nicht dahinter gekommen, was Textilfreie mit „Neues ausprobieren" genau meinten. Ein geheimes Kennwort?

Dann erzählten die Nudisten mir, wer bei ihnen alles zum Casting aufgeschlagen war. Zusammenfassend: komische Vögel. Da war zum Beispiel ein Bewerber, erzählt Adam, der wollte in seiner Bewerbungsmail als Allererstes wissen, ob er jeden Morgen mit Natalia gemeinsam duschen dürfe. „Er schrieb, dass er sie auch großzügigerweise abtrocknen werde", sagt Adam. Doch damit längst nicht genug: Ein anderer Bewerber erschien zum Casting und wollte die ganze Zeit Drogen verkaufen und schaffte es nicht, eine Sekunde lang ruhig zu sitzen. „Irgendwann wollte er mit uns Drogen nehmen." Ein anderer wollte nur das selbstangebaute Gemüse essen.

Meine Fragen mussten sie verdächtig gestimmt haben. Wir verabschiedeten uns schließlich herzlich. Vielleicht zu herzlich. Als ich mich an Natalia aus der Tür quetschte, legte sie ihre Hand auf meinen Oberschenkel.

*Alle Namen im Text wurden von der Redaktion geändert

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