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Sport

So fährst du Fahrrad, ohne ein Arschloch zu sein

Ich meine, welcher Autofahrer ist denn nicht sauer auf den Typen, der sich durch den stockenden Verkehr schlängelt und dabei die Sonne und den Fahrtwind auf den durchtrainierten Oberschenkeln genießt?
10 Juni 2015, 4:00am

Ich bin jetzt mindestens drei Jahre lang nicht mehr Fahrrad gefahren. Das liegt daran, dass ich damals auf meinem Fixie die Tür eines geparkten Autos abbekam. Die Fahrerin hatte nur Augen für ihr Handy und warf genau in dem Moment einfach blind die Tür auf, als ich an ihr vorbeifuhr. Mein Brustbein brach in der Mitte auseinander und das Oberteil der Autotür spießte mich genau neben meiner Schulter auf. Danach besorgte ich mir ein normales Rennrad.

Ungefähr ein Jahr später brach ich mir bei einem nicht mit meinem Fahrrad zusammenhängenden Unfall das Rückgrat. Gerade als ich darüber nachdachte, mich nach meiner Genesung wieder auf meinen Drahtesel zu schwingen, wurde ich Zeuge, wie ein Auto im zähfließenden Verkehr einem Fahrradfahrer—der in akzeptabler Geschwindigkeit auf der Fahrradspur unterwegs war—die Vorfahrt nahm. Der arme Kerl segelte direkt über das Autodach, knallte vor dem Fahrzeug auf den Rücken und war dabei die ganze Zeit noch an seine Pedale geklickt. Er hatte offensichtlich große Schmerzen und wollte schon richtig ausrasten, als sich die Autotür öffnete und eine Teenagerin im Pokemon-Overall ausstieg. Der Biker musste fast schon lachen und legte sich geschlagen einfach wieder hin.

Danach entschied ich, dass Joggen für mich wohl die bessere Alternative wäre.

Aber hier geht es jetzt nicht um Fahrradfahrer, die sich verletzen. Hier geht es um die Gründe, warum die Leute im Allgemeinen nicht gerade viel Mitleid zeigen, wenn ein solcher Unfall passiert.

Nicht viele Sportarten sind eine Möglichkeit, von A nach B zu kommen und gleichzeitig in Form zu bleiben. Fahrradfahren und Skateboarden sind wohl die einzigen beiden, die gesellschaftlich akzeptiert sind. Von Skateboardern erwartet man jedoch irgendwie schon von vornherein, dass sie Arschlöcher sind—sie werden dafür meistens sogar gefeiert. Aber Fahrradfahrer bekommen komischerweise auch einen unverhältnismäßig großen Teil des gesellschaftlichen Hasses zu spüren.

Der Grund für diesen Umstand lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Das Autofahren in zugebauten Arealen ist einfach scheiße. Ich meine, welcher Autofahrer ist denn nicht sauer auf den Typen, der sich durch den stockenden Verkehr schlängelt und dabei die Sonne und den Fahrtwind auf den durchtrainierten Oberschenkeln genießt?

Es steckt jedoch ein bisschen mehr dahinter. Deswegen habe ich nun ein paar Tipps für euch, wie ihr Fahrrad fahrt, ohne dabei wie ein Arschloch rüberzukommen.

DER ERSTE SCHRITT

Am besten fängt man schon im jungen Alter mit dem Fahrradfahren an. Ich weiß allerdings auch, dass das bei vielen Menschen nicht der Fall war und man normalerweise erst mit dieser Sportart anfängt, wenn die Knie hohen Belastungen nicht mehr standhalten oder wenn einen die jahrelangen Serienmarathons inklusive schlechter Ernährung irgendwann einholen.

Im Allgemeinen beschreitet man den Schritt zum Rennrad alleine.

Nachdem du dann ein paar untrainierte Bürohengste mittleren Alters auf einem Anstieg Staub fressen ließt, fängst du unweigerlich an zu denken, dass du jetzt deine Berufung gefunden hast. Wer weiß, vielleicht bist du ja sogar der nächste Alberto Contador. Aber hier verhält es sich genauso wie mit deinem Highscore bei Candy Crush: Deinen Träumen wird schnell ein Ende gesetzt, wenn du es mal mit richtigen Profis zu tun hast. Also halte dich lieber etwas zurück.

FREUNDE DICH SCHON MAL MIT LYCRA AN, DENN AUCH DU WIRST ES IRGENDWANN TRAGEN

Ja, wir Fahrradfahrer haben alle diese eine bestimmte Entwicklung durchgemacht: Du fängst ganz locker mit einem italienischen Vintage- oder einem französischen Track-Frame-Rennrad an und pendelst damit ganz bequem in umgeschlagenen japanischen Denim-Jeans zwischen der Arbeit und deinem Zuhause hin und her.

Irgendwann willst du dann mit deinen neuen Fahrrad-Kumpels allerdings auch mal längere Touren unternehmen, denn es warten ja die frische Luft und neue Abenteuer auf euch. Jetzt bringen dich deine coolen Jeans auch nicht mehr weiter.

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Am Anfang redest du dir noch ein, dass Chino-Shorts ausreichen. Wenn du dann allerdings mit blutendem Damm in Embryonalstellung auf der Couch liegst, dann geht die Bestellung beim Fahrradbekleidungshersteller quasi wie von selbst.

Lycra ist so beliebt, weil es funktioniert. Man braucht sich außerdem für nichts zu schämen, denn es herrscht hier das gleiche ungeschriebene Gesetz wie in einer Schwimmbad-Sammelumkleide oder an einer Pissrinne: Uns ist allen klar, dass da Penisse am Start sind, aber wir richten unseren Blick streng nach vorne und tun einfach so, als sei da nichts.

Ach ja: Die Extra-Polsterung im Schritt ist nicht umsonst da, aber auch das lernt man recht schnell.

ANTI-AUTO-STICKER SIND NICHT COOL

„Ein Auto weniger" passt nicht so ganz, wenn du dir eigentlich gar kein Auto leisten kannst und ohne Fahrrad mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren würdest. Der Sticker passt sogar noch weniger, wenn er auf einem Fahrrad klebt, das sich auf dem Dachträger eines Autos befindet.

(Du kannst diesen Punkt nur dann ignorieren, wenn du dein Auto auf einem Schrottplatz gegen ein Fahrrad eingetauscht hast, wo das Fahrzeug anschließend plattgemacht wurde.)

TRAGE EINEN HELM

Wenn du es schon nicht für dich machst, dann zumindest für alle anderen Menschen in deinem Umfeld. Es hat nämlich niemand Bock darauf, dein zermatschtes Gehirn von der Motorhaube zu kratzen.

Und es ist genauso sinnlos, mit offenem Kinnriemen herumzufahren. Ich meine, du hast deine Frisur sowieso schon ruiniert, wem willst du denn noch etwas beweisen?

VERHALTE DICH IM STRAßENVERKEHR WIE EIN AUTO

Wenn es dich aufregt, dass man Fahrradfahrer nicht als vollwertige Verkehrsteilnehmer ansieht, dann darfst du auch nicht mal schnell auf den Bürgersteig fahren oder einfach eine rote Ampel missachten.

Fahrräder sind toll, weil man damit die Lücken in Staus ausnutzen kann, während man mit Todesblicken bombardiert wird. Man findet damit eigentlich auch immer einen Parkplatz, denn ein passender Pfeiler für dein Schloss ist so ziemlich überall vorhanden.

Natürlich ist dieser Tipp irgendwie relativ nutzlos. Du bist ja schließlich auch nur ein Mensch und wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann nutzt du sie auch. Denk einfach immer daran, dass du den ganzen fahrradhassenden Autofahrern so eine Steilvorlage zum Beschweren gibst.

FAHRRÄDER + ZÜGE = SCHEIßE

Wenn du keine Lust hast, dich ganz deinem neuen Transportmittel zu verschreiben, dann ist das Fahrradfahren vielleicht nicht das Richtige für dich.

Niemand hat Bock auf vollgestopfte Züge zur Stoßzeit, denn es ist schon schlimm genug, ständig den stinkenden Atem der Person direkt neben dir riechen zu müssen. Wenn dann noch ein Radfahrer plus Drahtesel zusteigt, der jedem Menschen in seinem Umfeld die verdreckten Reifen in die Beine rammt, dann macht das die ganze Situation nicht gerade besser.

Jeder weiß, wenn du nur ein paar Hundert Meter bis zu U-Bahn-Station radelst und dann denn Rest der Strecke im Zug verbringst. Also lass das lieber gleich bleiben.

FAHRT HINTEREINANDER

Ja, viele Autofahrer sind Arschlöcher, daran besteht kein Zweifel. Du bist allerdings genauso ein Arschloch, wenn du mit deinen Biker-Kumpels auf der Straße nebeneinander fährst. Nutze doch die Gelegenheit und lass dich im Windschatten deines Kollegen treiben und genieße dabei die Aussicht auf seine sexy, in Lycra gehüllten Pobacken. Beim Bananen-Zwischenstopp habt ihr noch genügend Zeit, um über Gott und das Hauptfeld zu diskutieren.

DAMENRÄDER SIND TODESMASCHINEN

Das geht raus an alle Menschen, ganz egal ob Mann oder Frau: Das normale Vintage-Fahrrad ohne Querstange im Rahmen wiegt gefühlt eine Tonne und der Lenker lässt sich so weit eindrehen, dass man sich schon fast die Handgelenke bricht. Wenn man dem Ganzen jetzt noch einen riesigen Korb voller Obst und Gemüse vom lokalen Bio-Markt hinzufügt, dann hat man echt Angst, diese Ungetüme zu überholen.

Wenn du beim Fahrradfahren nicht gerade einen Petticoat oder ein knöchellanges Gewand trägst, dann besorg dir einen Drahtesel mit normalem Rahmen.

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KLINGELN IST NERVTÖTEND

Wenn irgendein Clown drauf und dran ist, rückwärts in dich reinzufahren, dann ist meiner Erfahrung nach ein laut gerufenes „ARSCHLOCH!" viel effektiver als das nervöse Herumklingeln mit der Fahrradklingel. Trotzdem ist es nicht schlecht, ein solches Teil am Fahrrad zu haben.

Kurz gesagt: Bitte benutze die Klingel nur dann, wenn es auch wirklich nötig ist.

PASS AUF, WO DU DEIN FAHRRAD ANKETTEST

Im Grunde ist es ziemlich einfach: Es ist überhaupt nicht cool, dein Fahrrad an einem anderen Fahrrad anzuketten—egal ob man das nun absichtlich oder unabsichtlich macht. Es ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, kurz die Umgebung abzuchecken und nicht den Tag eines Mitmenschen zu ruinieren.

Foto: istolethetv | Flickr | CC BY 2.0

ZIEHE DEINE KINDER NICHT HINTER DIR HER

Ich habe keine Ahnung, wie genau sie heißen, aber diese Abdeckplanen-Seifenblasen-Anhänger, in denen Großstädter ihre Kinder herumfahren, sind einfach nur unverantwortlich. Ich bin in Sachen Kindererziehung jetzt nicht wirklich bewandert, aber wenn man seine Kleinen beim Fahrradfahren nur knapp über den Boden hinter sich herzieht, dann riecht das ja förmlich nach Ärger.

Wenn man als Autofahrer bergauf hinter einem Fahrradfahrer, der schnaufend seine Kinder in die Waldorfschule bringt, herschleichen muss, dann wird selbst der geduldigste Mensch der Welt das Gaspedal voll durchdrücken, sobald sich auch nur die kleinste Lücke zum Vorbeifahren ergibt.

BESORGE DIR GUTE LICHTER

Die meisten eifrigen Fahrradfahrer erstrahlen heutzutage so hell wie ein Christbaum. Eine solche Beleuchtung ist vielleicht nicht unbedingt notwendig, aber man sollte schon erkennen, dass sich da jemand auf der Straße befindet.

Und du bist im Recht, falls du—wie ich—eine Autotür abbekommen solltest.

MAN KANN AUCH ÜBER ANDERE DINGE ALS FAHRRÄDER REDEN

Wenn einem das Fahrradfahren dann irgendwann richtig ans Herz gewachsen ist, dann sucht man sich auch neue Freunde, mit denen man radeln kann. Diese neuen Freunde werden mindestens ein Hobby mit dir teilen: das Fahrradfahren.

Das bedeutet jetzt allerdings nicht, dass man über nichts anderes als Fahrräder reden sollte. Wenn man mit seinen Kollegen noch ein Feierabendbierchen trinken geht, dann plaudert man ja schließlich auch über alles außer die Arbeit—zum Beispiel über irgendwelche Kochshows oder, Gott bewahre, Fußball.

Nichts schadet deiner Seele mehr als eine Radtour mit Leuten, die ständig nur über ihre vorherigen Bike-Ausflüge oder die Online-Preise von Kettenblättern schwadronieren.

Traue dich ruhig, auch mal andere Themen anzuschneiden (da fallen mir spontan Musik, Sport oder Filme ein). Vielleicht wird euch so klar, dass ihr viel mehr gemeinsame Interessen habt als gedacht—keine Ahnung, vielleicht selbstgeräuchertes Fleisch oder Bartpflege.