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Sex

Ich war an einem Pornoentzugskurs vom ICF

Und gelernt, dass angeblich bei 56 Prozent aller Scheidungen mindestens ein Partner pornografiesüchtig ist.
28.4.15
Alle Fotos von VICE Media

Nachdem ich durch meine Arbeit und gefühlte 20 Jahre Pubertät doch das eine oder andere Mal mit Pornographie in Kontakt kam, wurde es langsam Zeit, mich mit den allfälligen Risiken einer Sucht auseinanderzusetzen.

Ich habe keineswegs das Gefühl, zu viel Porno zu konsumieren, aber ich habe auch nicht das Gefühl, zu viel zu rauchen, Fleisch zu essen oder Alkohol zu trinken. Rotes Fleisch, Alkohol und Zigaretten (plus noch ein paar weitere Laster) haben sich aber recht fix in meinem Alltag eingenistet, obwohl sie nicht besonders gesund sind. Auch Porno ist irgendwo ein Alltags-Ding bei mir. Also eigentlich Sex—und wenn ich den alleine habe, gönne ich mir meistens einen Porno dazu. Deshalb war ich kurzerhand bei einem Pornoentzugskurs vom ICF, um mich mal mit der theoretischen Möglichkeit einer eventuellen Sucht auseinanderzusetzen.

Ich war mit meiner Anmeldung leider zu spät dran und bekomme erst den zweiten Kursabend mit. Dennoch empfängt mich Kursleiter Franz (Name geändert) herzlich.

Der erste Abend trug den Titel: „Meine Story" und hatte bereits in der Woche davor stattgefunden.

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Darum muss ich meine Story noch rasch nacherzählen, was mit dem Satz: „Ich vögle eigentlich jeden Tag oder schaue einen Porno" auch getan ist. Aus offenen Kiefern und hohl starrenden Augen bringen meine Kurskollegen nur noch halblaut die Fragen „Und hast du eine Ehefrau?" und „Oder eine Freundin?" über die Lippen. Als ich beides verneine, entsteht ein kurzer Augenblick Stille, bevor mich Franz begeistert zu meiner Ehrlichkeit beglückwünscht. Er klopft mir dabei sanft auf die Schulter. Die anderen Kursteilnehmer nicken zustimmend, halten aber immer noch den Gesichtsausdruck eines frisch von Ausserirdischen Entführten.

Hier ein Video, das so süß ist, dass ihr euch Masturbation ganz abgewöhnt:

An jenem Sonntag geht es um das Thema „Lüge und Wahrheit". Da bin ich ja gut aufgestellt. Ich habe den netten Leuten von der Kursleitung meinen Beruf zwar nicht verheimlicht, andererseits habe ich auch nicht besonders Lust oder Eigeninitiative, meine Arbeit oder deren direkte Verbindung mit diesem Kurs zu thematisieren. Was in einer Selbsthilfegruppe eigentlich OK sein muss.

Die Teilnehmer versuchen, sanft aber trotzdem das Gespräch in die Richtung zu lenken. Da ich erwähnt habe, wegen der Arbeit in Kontakt mit Porno geraten zu sein, kommen schnell Fragen auf, ob ich Produzent oder Darsteller sei. Nachdem ich beides verneint habe, ist das Thema aber auch schon totgefahren.

In einer ersten Runde werden Post-Its verteilt, auf die wir unsere Namen und eine Zahl zwischen eins und zehn schreiben müssen. Die Zahl soll festlegen, „wie hart" wir von der Kursleitung rangenommen werden wollen. Ich schreibe zuerst eine Sieben auf meinen Zettel spicke dann aber bei meinem schmächtig ausschauenden Sitznachbarn, der eine stolze Neun auf sein Post-It gekrakelt hat.

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Darauf ändere ich meine Sieben in eine Acht, denn ich bin ja hier um was zu erleben. Einen Besuch im Inquisitionskeller mag ich mir aber dennoch sparen vorerst. In meinem Kopf bekommt jedenfalls Franz den Nachnamen "Torquemada" angedichtet.

Die Diskussion nimmt also ihren Lauf. Allem voran wird uns erklärt, weshalb Pornos schädlich sind. Nachdem uns die Übersetzung aus dem Griechischen - „pornographos" bedeutet „über die Hure schreibend" – erklärt wird, folgen ein paar Daten aus der Gegenwart:

Dass die US-Pornoindustrie eine Menge Geld macht, wissen wir (es sind 13 Milliarden US-Dollar im Jahr). Laut der Kursleitung würden 68 Prozent aller Männer mindestens einmal pro Woche einen Porno schauen, was mich jetzt auch nicht direkt aus den Latschen hebt. Interessant und spezifisch wird es bei der Behauptung, dass bei 56 Prozent aller Scheidungen mindestens ein Partner pornographie-süchtig sein soll. Uns dürfte allen klar sein, welcher Teil des Paares das normalerweise ist.

Die Grenze zwischen Porno und Nicht-Porno ist laut Franz aber deutlich vor der vaginalen Innenansicht anzusetzen. Ich zitiere aus dem Programmheft des Kurses:

Pornografie reduziert einen Menschen auf ein Sexobjekt. Die natürliche Sexualität, Intimität zwischen zwei Menschen wird zerstört und verkauft: Die folgenden Fragen helfen herauszufinden, ob es sich bei einem Bild um Pornographie handelt:

1. Geht es um richtige Menschen oder Sexualobjekte?
2. Was ist die Absicht vom Hersteller?
3. Was ist meine Motivation mir das anzuschauen?
4. Gründe Porno zu hassen aus der Bibel: Du sollst nicht ehebrechen! Ich aber sage euch: jeder, der eine Frau mit begehrlichem Blick ansieht, hat damit in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Matthäus 5. 27-28

Menschen nicht zu Objekten zu degradieren finde ich sinnvoll. Wir wissen mittlerweile auch, wie es an Porno-Drehs in Wirklichkeit so abgeht . Allerdings muss niemand sein Arschloch vollgespritzt bekommen, um bereits in die Problemkategorie zu fallen.

Frederick, der so was wie der Assistent von Franz ist, erzählt wie er beispielsweise die 20 Minuten durchblättert, dann über ein Bild einer Frau im Bikini stolpert und unzüchtige Gedanken bekommt. Das nimmt ihn ziemlich mit, weil es ihn dazu motiviert zu wichsen. Bei mir fällt derweil der Groschen: Dieser Kurs richtet sich in Wahrheit nicht gegen Pornographie, sondern gegen Masturbation. Also geht es am Ende nicht nur darum, einfach keine Pornos mehr zu schauen, sondern gar keine unzüchtigen Gedanken mehr zu haben, bis man eben verheiratet ist.

Dann kann und soll die Ehefrau für die körperlichen Bedürfnisse des Mannes sorgen. Da diese, gemäss Erfahrungen verheirateter Kursteilnehmer, nicht genau gleich oft Lust auf eheliche Pflichten haben, soll man halt ab und an fragen, ob die Gattin einem einen runterholt. Oder bläst, es gibt nämlich keine Techniken, die nicht in Ordnung sind, solange sie ausschliesslich von der Angetrauten ausgeführt werden.

Wer es hinbekommt nicht mehr zu wichsen, der habe dann nachts ab und zu Ejakulationen, von denen man aber nichts mitkriegt. Wer diesen Zustand erreicht hat, ist laut Franz am Ziel angekommen.

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Neben ICFlern leben auch Yogis mehrheitlich sexuell abstinent und ich habe schon von welchen gehört, die durch Meditation die Energie aus ihrem untersten Chakra in die höher gelegenen leiten. Das hatte ich auch schon mal selbst ausprobiert und es hat eigentlich auch geklappt, allerdings habe ich lieber Sex oder onaniere, als dass ich die Energie in höheren Chakren lagere. Jedenfalls erzählt uns auch Frederick umgehend von den ungeahnten persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten, zu denen er durch seine Abstinenz gekommen ist:

„Als meine Freundin und ich bei mir zuhause, in getrennten Zimmern zu schlafen versuchten, bemerkten wir die recht wilde Wohnungsparty meines Nachbarn. Nach einer kurzen Unterredung mit meiner Freundin, ging ich rüber, um die Feiermeute zu bitten doch etwas leiser zu sein."

Frederick macht klar, dass es ihn bereits einigen Mut gekostet hat, sich seinen ausschweifenden Nachbarn zu stellen. Das sei eigentlich nur möglich, weil er eben seit einer Weile nicht mehr masturbiert oder sein Sperma sonst irgendwie los wird

(Frederick ist noch nicht verheiratet, deshalb schlafen seine Freundin und er in getrennten Zimmern und sind total abstinent.)

Wahrscheinlich hat er durch seine Abstinenz dermassen viel Testosteron in seinem fischartig gebleichten Körper angesammelt, um bei Bedarf genügend Präsenz aufzubauen, um sogar mit einer Horde vollgedrogter Studenten fertigzuwerden. Vielleicht war Jesus so ein Yogi und die ganze urchristliche Gefolgschaft lief im Wesentlichen einem bis ganz oben hin mit unbenutzten Sperma vollgepumpten Populisten hinterher.

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Ja, vielleicht ist sexuelle Total-Abstinenz wirklich ein mir bisher verborgenes Tor zur hellen Seite der Macht.

Frederick führt seine Erzählung mit ungetrübtem Enthusiasmus weiter. Auch als er an die Stelle kommt, an der sein Auftritt vor der Feiermeute nichts gebracht hat und seine Freundin in die Nachbarswohnung ging, um mit denen zu reden, scheint er die Punchline noch irgendwie in der Hinterhand zu haben. Ich werde langsam stutzig. Seine Freundin kommt offenbar auch unverrichteter Dinge zurück ins voreheliche Nest geschlurft. Jetzt frage ich mich schon etwas nach dem „Warum" dieses kleinen Alltagsepos: Vielleicht ist es ja die Fähigkeit zur Vergebung oder zu stoischer Ruhe, die einem das im Wesentlichen asexuelle Leben verleiht.

Doch weit gefehlt: Mit stolzgeschwellter Brust schliesst Frederick seine Geschichte ab: Am Ende habe er dann die Polizei geholt, worauf diese die nachbarschaftliche Wohnung geräumt habe. Sein statisches Grinsen bettelt förmlich um Applaus. Und ich will auch klatschen, denn mir wurde Erkenntnis zuteil: Ich weiss jetzt wer die Bullen holt, wenn andere ausgelassen feiern und habe auch eine recht klare Idee davon, warum sie das tun. Ich für meinen Teil habe in solchen Situationen lieber auch weiterhin leidenschaftlichen, unehelichen Sex oder hole mir um Gottes Willen halt einen runter, wenigstens um besser einschlafen zu können.

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