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„Dass sie uns bekämpfen, gibt uns Recht“—Eine Berliner Autonome erklärt den 1. Mai in Deutschland

Dass es am 1. Mai immer wieder zu Krawallen kommt, ist vielleicht nicht ideal, sagt Claudia von der Antifa. Aber noch lange kein Grund, nicht gegen den beschissenen Kapitalismus zu kämpfen.

Seit den 80ern ist der 1. Mai im Berliner Stadtteil Kreuzberg zu einem Datum geworden, an dem Linke und Polizei sich gegenseitig durch die Straßen jagen. Ob man die Schuld daran dem „repressiven Staat“ oder den „linksradikalen Chaoten“ gibt, kann man sich selbst aussuchen—auf jeden Fall wirken die Straßenschlachten am 1. Mai in Kreuzberg zunehmend wie ein weiteres liebgewonnenes Ritual der Hauptstadt, die nicht erwachsen werden will. Und genau wie die anderen Aushängeschilder von Berlins Alternativität (der Mauerpark, die ehemals besetzten Häuser, bis vor Kurzem noch das Tacheles) ziehen die Demos unzählige Touristen an, die dann mit ihren Digitalkameras aufgeregt die brennenden Mülltonnen fotografieren.

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Nachdem Ende der 90er erfolglos versucht wurde, die Demo zu verbieten, hat die Stadt sich eine neue Strategie überlegt, um den Linken den Wind aus den Segeln zu nehmen: das MyFest. Teil Anwohnerinitiative, Teil von der Polizei finanziertes Befriedungsprogramm, hat das MyFest bemerkenswerten Erfolg damit gehabt, den 1. Mai in Kreuzberg sukzessive in ein Straßenfest zu verwandeln, das immer weniger Platz für die Demos lässt. Das Ergebnis: Blogeinträge mit Namen wie „A Quick Party Guide to May 1st in Kreuzberg“, wo nach vielen guten Tipps über die besten DJ-Sets kurz erwähnt wird, dass es „immer ein kleines Risiko gibt, aus Versehen in eine Demo oder einen Aufstand zu geraten“—als handelte es sich um lästige Verkehrshindernisse.

Genervte Anwohner, sensationsgeile Krawalltouristen und sorglose Raver: Keiner von ihnen scheint sich besonders dafür zu interessieren, was eigentlich die Menschen motiviert, die Kreuzberg an jedem 1. Mai in einen Vorgeschmack des Klassenkampfes verwandeln. Um herasuzufinden, welche politischen Forderungen eigentlich hinter den Demos stehen und was die Organisatoren von der Entwicklung des 1. Mai zum Partytag halten, habe ich mit Claudia, einer Aktivistin der Antifaschsitischen Linken Berlins (ALB) gesprochen. Die ALB organsiert die „Revolutionäre-1.Mai-Demo“  (Beginn 18 Uhr am Lausitzplatz) und ist laut Verfassungsschutz die größte der „tonangebenden autonomen Gruppierungen der Berliner Antifa-Szene“.

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VICE: Hallo Claudia, du gehörst zur ALB, richtig? Was ist das für eine Gruppe?
Claudia: Das ist die Antifaschistische Linke Berlin, das heißt eine Antifa-Gruppe, die aber schon immer auch einen Schwerpunkt auf soziale Kämpfe gelegt hat. Also keine reine Recherche-Antifa, sondern immer beides: Kampf gegen Faschismus und Kampf gegen Kapitalismus. Wir organisieren die 18-Uhr-Demo, die Revolutionäre-1.-Mai-Demo.

Was ist mit den sozialen Kämpfen gemeint?
Das ist immer unterschiedlich, was gerade ansteht. Im Moment sind das für uns Krisenproteste gegen diese Finanzkrise, die ja viele Namen hatte, davon gab es letztes Jahr sieben. Da sind wir gerade in dem transnationalen Bündnis, das die Blockupy-Aktionstage und die Blockupy-Aktion in Frankfurt gemacht hat. Um aufzuzeigen, dass der Sozialabbau, die Kürzungen im Gesundheitsbereich, die Lohnstagnation, alles damit zusammenhängt, wir uns aber nicht damit abfinden müssen. Sondern dagegen einerseits auf die Straße gehen, aber auch in anderen Bereichen dagegen kämpfen.

Und geht es auch am 1. Mai?
Genau, darum wird es ganz stark gehen. Der 1. Mai ist ein klassischer ArbeiterInnen-Kampftag, und da ist es uns wichtig, die revolutionäre Perspektive zu geben. Die Gewerkschaftsdemos sind gut und richtig, wir wollen auch lieber eine Gesellschaft, in der es einen Mindestlohn gibt, als eine, in der es keinen gibt—aber das geht uns nicht weit genug. Wir wollen das ganze System in Frage stellen. Denn wenn du beim Kapitalismus nur an Stellschrauben rumdrehst, dann hast du danach einen besseren Kapitalismus und wirst für Mindestlohn ausgebeutet—aber das ist halt nicht das, worauf es im Endeffekt ankommt.

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Das heißt, ihr seid komplett gegen das System?
Genau, wir sind gegen das kapitalistische System, für eine Überwindung dessen, für den Kommunismus, für Gemeingüter, für eine befreite Gesellschaft—das gute Leben für alle. Und das ist auch das, was uns von den Gewerkschaftsdemos unterscheidet: die Ablehnung des Kapitalismus, hin zu einer klassenlosen Gesellschaft ohne Ausbeuter und Ausgebeutete.

Heißt das, dass ihr bei euren Demos auch Gewalt gegen den Staat in Kauf nehmt?
Es geht uns nicht darum, bei unseren Demonstrationen zur Gewalt aufzurufen. Wir konzentrieren uns auf die Inhalte. Wir rufen zur Demonstration auf, weil die Krise durchschlägt und weil der Kapitalismus scheiße ist. In den letzten Jahren war es so, dass die Gewalt—zumindest zuerst—von der Polizei ausgegangen ist.

In erster Linie wollt ihr doch eure Botschaft unter die Leute bringen, oder? Ihr habt doch bestimmt auch gemerkt, dass viele Leute diese 1.-Mai-Demos mittlerweile albern finden, weil sie das Gefühl haben, das ist eine ritualisierte Krawallparty.
Ich versteh den Vorwurf so einer Kreuzberger Folklore, das kann ich nachvollziehen. Die letzten Jahre war es aber schon nicht mehr so. Die Revolutionäre-1.-Mai-Demonstrationen sind kontinuierlich gewachsen, vor zwei Jahren waren es an die 20.000. Wir sind die größte radikal-linke Demo, die jährlich hier in Berlin stattfindet. Bundesweit gibt es ja noch andere Demonstrationen, die auch jährlich wachsen. Insofern ist bei vielen Leuten ein Unwohlsein, eine Unzufriedenheit mit der Gesellschaft da. Man muss dann halt kucken, wie sich das entlädt.

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In den letzten Jahren gab es tatsächlich weniger Gewalt, das wird aber oft dem MyFest oder effektiveren Polizeitaktiken zugeschrieben. Was ist eure Einstellung dazu?
Also, was da deeskalierend wirkt, müssen andere einschätzen. Für mich persönlich ist das MyFest eine Entpolitisierung eines der wenigen politischen Feiertage, die es in Deutschland überhaupt gibt. Das ist das, was man Brot und Spiele nennt: Den Massen wird es da hingeworfen, die besaufen sich, es gibt Live-Musik und Bier, und das noch bei schönem Wetter Anfang Mai—klar, ist doch super. Aber im Endeffekt haben die Verantwortlichen es damit geschafft, einen der wenigen politischen Feiertage überhaupt zu demontieren.

Ich würde ganz persönlich sogar sagen, viel von der Gewalt geht von diesem Fest aus. Weil die Leute betrunken sind, es ist unfassbar eng in diesem Kreuzberg, wenn man da als Frau auch noch alleine drübergeht, wird man die ganze Zeit sexistisch angemacht—also das ist eine Form von Gewalt, die ich sehr sehr unangenehm finde. Ich fühle mich an allen anderen Tagen in diesen Straßen wohler, als wenn das MyFest ist.

Trotzdem scheinen viele Bewohner dankbar, dass das MyFest die Krawalle verhindert. Kann es nicht auch sein, dass durch diese ewigen Zusammenstöße von Linken und Polizei auch schon eine gewisse Entpolitisierung stattgefunden hat?
Das glaube ich nicht, weil wir danach auch immer weiter Zulauf hatten. Es gab in den 90ern eine Zeitlang ein Problem, da würde ich dir Recht geben. Und natürlich stößt diese Entpolitisierung da auf fruchtbaren Boden. Bei irgendwelchen Public Viewings, oder bei  Sylvester am Brandenburger Tor können problemlos mehrere Hunderttausende Menschen mobilisiert werden. Und wenn dann mal eine Krisendemo ist, oder eine gegen die Aufrüstung oder den Krieg, gehen die Leute trotzdem nicht auf die Straße. Vielleicht machen wir da ja auch das falsche Angebot. Kann gut sein, allerdings sind wir auch ein bisschen ratlos, was denn das Richtige wäre. Denn den Leuten nur die Probleme zu nehmen, ihnen für einen Tag Bier und Musik anzubieten, ist auch nicht der richtige Katalysator dafür.

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Straßenschlachten mit der Polizei aber vielleicht auch nicht. Wie würde denn für dich der perfekte 1. Mai aussehen?
Der perfekte 1. Mai wäre eine große DGB-Demo, die sich auch schon auf die antikapitalistischen Kämpfe bezieht und da auch mal einen Schritt weitergeht. Und dann am Abend eine noch viel größere Revolutionäre-1.-Mai-Demo, die ganz in Ruhe und unbehelligt von Polizei durch den Kiez ziehen kann. Und die ein großes mediales Echo hat, das sich eben nicht auf die vermeintliche Gewalt bezieht, sondern dass auch mal die Inhalte übertragen werden. Und dann gehen alle danach noch ein Bier trinken und hören danach Musik.

Im Moment ist es trotzdem so, dass die meisten Menschen beim 1. Mai eher„Oh Gott, nicht schon wieder“ denken. Gibt es denn bei der Antifa Überlegungen, was man bei diesen Demos anders machen könnte, um aus diesem Muster auszubrechen?
Na ja, wir legen ja den Finger an ganz vielen Stellen auf die Wunde. Die Repression würde es nicht geben, wenn die Dinge, die wir sagen und schreiben, irrelevant wären und niemandem wehtun würden. Wenn unsere Kritik am Staat diesen nicht jucken würde, dann wär dem scheißegal, ob wir stundenlang und mit noch so vielen Leuten durch die Gegend ziehen. Insofern würde ich sagen, dass sie uns bekämpfen, gibt uns erstmal Recht.

Wir probieren ja trotzdem, die politischen Inhalte nach vorne zu tragen. Aber ab einem bestimmten Punkt ist es dann eine gewisse Eigendynamik, da kann man sich im Vorfeld wenig überlegen, wie man da jetzt irgendetwas friedlicher zelebrieren soll. Wir können uns vorher überlegen, welche Inhalte uns wichtig sind, welche Redebeiträge wir halten. Aber dann sind das 20.000 Leute, da hört’s dann auch schon auf.

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Aber könnte die Antifa sich nicht deutlicher von der Gewalt distanzieren? Oder möchte sie das nicht unbedingt?
Wir distanzieren uns nicht von Leuten, die mit uns auf die Straße gehen und unsere Werte auf die Straße tragen. Wir distanzieren uns von Rechten, die den 1. Mai für sich vereinnahmen wollen, aber wir distanzieren uns nicht von Genossen.

Auch, wenn diese Krawalle im Grunde der Botschaft schaden?
Na ja, das ist deine Interpretation. Ich habe da auch noch keine endgültige Meinung zu, aber eine Distanzierung von Genossen, das gehört sich einfach nicht. Das Zusammenstehen in der Linken ist mir dann wichtig.

Aber Leute zu erreichen, muss euch doch auch wichtig sein.
Na klar! Das wollen wir, das tun wir auch. Das schlechte Image unserer Demos ist auf der einen Seite eine Stärke der Medien, die das auf die Krawalle beschränken, und eine Schwäche der eigenen PR. Das ist ein totales Problem. Durch die Repression ist es für uns alle schwierig, mit dem Gesicht, mit dem eigenen Namen dafür zu stehen. Das führt leider dazu, dass man sich auch ein bisschen einigelt und niemandem vertraut. Das ist natürlich schwierig, wenn man andererseits die guten und richtigen Inhalte in eine breite Öffentlichkeit tragen will. Das ist ein echt blöder Zwiespalt, in den wir zum Beispiel durch die Überwachung durch den Verfassungsschutz getrieben werden, und der das ganze extrem behindert.

Trotzdem: Wir haben die guten Inhalte, und deshalb gehen die Leute auf die Straße. Und von wem die Gewalt im Endeffekt dann ausgeht, kann man am Ende doch überhaupt nicht sagen. Ist das ein Demoteilnehmer, ein Krawalltourist, ein Agent Provocateur der Polizei? Das wissen wir einfach nicht.

Also macht ihr erstmal so weiter und glaubt, dass sich trotzdem mehr Leute davon angesprochen fühlen werden? 
Ich hoffe sehr. Wie gesagt, es waren von Jahr zu Jahr mehr, deshalb habe ich schon das Gefühl, dass wir die richtigen Themen aufgreifen. Dass man diese ganzen Konzepte immer noch verbessern kann—na klar. Wir diskutieren da intern ganz viel dran. Aber das widerspricht ja nicht dem, dass es jetzt für den Moment genau das Richtige ist.