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Popkultur

Die Schmutzigen, Hässlichen und die Gemeinen: Der andere österreichische Film

Österreichischer Film ist nicht nur neurotisches, morbides Doku-Kino und deprimierende Sterbe- oder Kellergeschichten. Österreichischer Film ist auch: Raumschiffe und Massenmorde, Tittenparaden und Selbstbefleckungen, Sex-Zombies und Drogenorgien. Sagt...
13.3.14

Seien wir uns ehrlich, in einem österreichischen Kinofilm zu sitzen hat meist was vom Rudeldösen in der Selbsthilfegruppe.

Da gibt es den Klassensprecher, der einen mit Menschenbesserungs-Märchen die Ohren voll salbadert. Den mögen die Politiker. Es gibt den notorischen Blödler, der selbst aus Fresssucht, Herz-OP und der eigenen Genitaldysfunktion billigste Scherze nudeln kann. Den mögen die Leute, die sonst eh nicht ins Kino gehen. Es gibt den Doku-Fritzen, der den Laptop für eine bewegte Power-Point-Präsentation über den Terror der Globalisierung aufklappt. Von dem sagen sich alle, sie sollten ihn mögen.

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Ab und zu taucht ein eierkratzender Macho in der Runde auf, der eigentlich Tatort fürs Fernsehen dreht, sich aber zur großen Leinwand berufen fühlt und dann doch nur Nazi-Melodramen zustande bringt. Schließlich der Typ Haneke, der verhinderte Wachturm-Verkäufer, der aus dem Herrensalon das Böse der Welt und die emotionale Vergletscherung beschwört, und der Typ Seidl, der als Thekensteher den menschlichen Verfall nach Sperrstunde akribisch kichernd aufzeichnet. Das sind dann wenigstens die Regisseure mit Profil. Was bleibt sonst? Nicht viel. Außer Schnaps. Und mit dem flutscht ja fast jeder Film.

Screenshot aus  Import/Export (2007)

Wo aber bleiben hier die Midnight Movies, der Kult, das Abseitige? Die gelebten optischen Grenzgänge, die transgressiven Nachtmahren, das Frösteln machende Seemannsgarn und utopische Fabulieren, die Bildorgien aus Sex, Gewalt, Scheiße und Sinnlichkeit? Kurz: Sex, Crime'n'Horror? All die feinen saftigen Spezereien und Cheap Thrills, die nicht nur der beginnende Psychoanalytiker als gesundeste Grundingredienz des kollektiven Träumens konstatiert, die Basis des Kinos schlechthin.

Seit 1981 gibt es in Österreich die staatliche Filmförderung, damit eine halbwegse Kontinuität Richtung ständiger Produktion, aber auch mehr oder weniger eine Gängelung hin zum guten, sauberen Tonfall mit gesellschaftlichem Mehrwert. Die Budgets sind eben so klein wie das Land.

Also dann doch lieber kleine, graue Geschichten erzählen, die Hand in Hand gehen mit der psychopathologischen Selbstbezogenheit der Republik. Kitsch, Kolportage, Schund und Camp sind schnell als Beschimpfungen zur Hand, um Stoffe im Sondermüll zu entsorgen. Nur landet dort auch alles Provokante und Forschende, das eben auch hier möglich wäre.

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Screenshot aus Wiener Brut (1985)

Ich meine, nichts gegen Vollwertkost. Aber wir sprechen hier nicht von einer Dauer-Manufaktur von Bio-Steaks. Sondern von kontrollierten Re-Arrangements der immer gleichen dürren Selleriestangen. Deswegen gibt es hier nicht nur keinen Michael Bay, sondern auch keinen Nicholas Winding Refn, keine Diablo Cody, keinen Harmony Korine, keinen Gaspar Noé, keinen Bruce La Bruce—niemanden von all die international reüssierenden Wildgewächsen, Bad Boys and Evil Girls. Nur den Tarantino probiert man ab und an mit erdrückend viel Ironie-Airbag zu emulieren, nur ums schnell auch wieder sein zu lassen.

Dabei hatte alles so gut, düster und wuchtig angefangen. Beflügelt von Kubin, Kafka und Kokoschka, suhlten sich gerade die frühen österreichischen Meister der Stummfilmzeit. Fritz Lang, Robert Wiene, Georg Wilhelm Pabst, Billy Wilder, Josef von Sternberg und Erich von Stroheim in Schmutz und menschlichen Abseits. Schon diese mussten schnell als ökonomische Flüchtlinge auf die Walz und bei ausländischen Filmproduktionen anheuern, um zu überleben.

Screenshot aus Flaming Ears (1992)

Danach wurden sie Kino-Klassiker in Deutschland, England, Frankreich und den USA, wo sie Sozialrealismus und Film Noir more or less erfanden, lebten aber inhaltlich von genau jener Mischung aus widerständiger Morbidität und rabenschwarzem Galgenhumor, die die österreichische Seele so speziell macht.  Mit Carmen Cantellieri gab es damals sogar schon eine weibliche Wiener Scream Queen und Pulp-Godess, die durch Wunderwerke wie Parema—Das Wesen aus der Sternewelt gausterte.

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Dann kamen tatsächlich die Nazis und rotteten das phantastische Kino aus. Von hier an gab es nur mehr Operette, Comedy und den volksgesunden anspruchsvollen (Problem-)Film. Mit Stolz produzierte man in großdeutschen Jahren einen einzigen „ungesunden" Krimi-Reißer, Dr. Crippen an Bord von 1942. Und so blieb es erschreckenderweise mit wechselnden Gewändern bis heute. Zumindest im etablierten Kinoschaffen.

Screenshot aus Die toten Fische (1989)

Denn das Abgründige, Blutige und Gemeine blieb Domäne der Mavericks, der einsamen Kämpfer an der Front des Independent-Kinos, die sich mühsam ein, zwei Filme abseits des offiziellen Pulsschlages zusammen kratzten und dann wieder verschwanden wie Kurt Steinwendner oder Gangster-Auteur Eddy Saller. Und es gab die, die den Absprung ins Ausland schafften, wie etwa Georg Tressler oder der mit Winnetou, Edgar Wallace und Jerry Cotton erfolgreichste Genre-Meister in Rotweißrot, Harald Reinl (ehemals Regie-Assistent der zweifelhaft berühmten Leni Riefenstahl).

Mit dem Bahnhofskino der Sechziger und Siebziger kam die privatwirtschaftliche Entfesselung, drehten nicht nur internationale Pulp-Künstler wie Mario Bava, Freddie Francis und Michael Armstrong im Land der Berge und Täler, sondern reüssierten auch Namen wie Ernst Hofbauer, Rolf Olsen, Fritz Fronz, Adrian Hoven am internationalen Exploitation-Markt. Schulmädchenreport? Stoßtrupp Venus bläst zum Angriff? Alles auch österreichische Erfolgsgeschichten.

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Screenshot aus Sexreport blutjunger Mädchen (1972)

Mit dem Förderkino kam das geregelte Arrangement mit dem Mainstream. Da versuchten immer wieder einige Unverzagte, anfangs Peter Patzak und Franz Novotny, heute Stefan Ruzowitzky und Andreas Prochaska den Durchbruch Richtung Klein-Hollywood und angriffslustiges Genre-Kino.

Die ganz großen Schwergewichte in Sachen „Wildes Kino" findet man aber unter den Geprügelten und Versteckten. Mit Gerald Kargls Serienmörder-Fiebertraum Angst, mit dem Wiener Romper Stomper, dem Prä-FPÖ-Hooligan-Drama Die Erben von Walter Bannert, Hans Fädlers Wiener Brut, Michael Syneks Die toten Fische und Valie Exports Unsichtbare Gegner, im Nulllohn-Underground von Caro B. und Angela Hans Scheirl.

Screenshot aus Unsichtbare Gegner (1977)

Die mussten ihre Nicht-Budgets schwer erkämpfen, standen vor leeren Premiere-Kinos und sind teils bis heute für ihre Filme verachtet und verschuldet, insofern sie den Sprung in die Kunst oder den Kommerz nicht schafften. Da gab es noch Raumschiffe und Massenmorde, Tittenparaden und Selbstbefleckungen, Sex-Zombies und Drogenorgien. Da war die österreichische Kino-Welt in aller ungesunden Erhabenheit noch in Ordnung. Aber was nicht ist oder angeblich nie da war, kann ja noch werden. Und können wir vor allem neu betrachten. VICE und AUSTRIAN PULP werden euch auf dem Weg begleiten.

Oder will noch jemand einen Arthaus-Nachschlag mit so genanntem Anspruch? Also bitte: Kam eine alleinerziehende Ex-Prostituierte zum Migranten-Lehrer auf der Suche nach dem großen Glück …

PAUL POET ist ein international renommierter politischer Filmemacher und Kulturjournalist. Er scheibt seit Jahrzehnten über sein größtes Steckenpferd, Pulp- und Horror-Kino. Außerdem ist er Hauptinitiator und Mitkurator der österreichischen Kino-Retrospektive AUSTRIAN PULP und betreibt mit Markus Keuschnigg und vielen anderen die Plattform für den ungehörigen österreichischen Film, INSTITUT SCHAMLOS.