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Jeder sollte mal einen Monat nichts trinken

Das wildeste Experiment des Jahres hat mir nicht nur zur Erleuchtung, sondern auch zu einem kaputten Handydisplay verholfen.

von Benji Agostini
06 Oktober 2016, 1:35pm

​Auch wenn Österreich gerade politisch so gespalten ist wie die Menschheit zum Thema Money Boy​, können wir uns fast alle darauf einigen, dass wir gerne saufen. Denn traditionell ist Österreich ein Land, in dem Alkohol zum Alltag gehört. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt, dass 40 Prozent der Erwachsenen gesundheitsgefährdende Mengen an Alkohol​ konsumieren. Im internationalen Alkoholkonsumvergleich​ haben wir immer die fragwürdige Ehre, ganz vorne mit dabei zu sein. Normalerweise würde ich solche Zahlen sehen, ein bisschen lachen und mir stolz das nächste Bier aufmachen.

Aber nach dem letzten Frequency​ und der darauffolgenden VICE-Party​ inklusive ganztägigem Kotz-Kater verging mir das Lachen. Das brachte mich auf die extrem abgedrehte Idee​, zum ersten Mal in meinem Leben—entgegen meinem bisherigen Lebensstil—einen Monat lang auf Alkohol zu verzichten. Wahnsinn, oder? Ich habe ganze 30 Tage überlebt und sogar ein paar Freunde dabei behalten, sehe mein nächstes Dosenbier aber auf jeden Fall mit anderen Augen. Vielleicht helfen euch meine Erkenntnisse dabei, auch einmal einen Monat der Erleuchtung durchzuziehen.

Hier überlege ich, was ich als nächstes nicht trinken sollte. Fotos vom Autor

So ein Abstinenzmonat sollte echt nichts Besonderes sein—ist es auch für genug Menschen, die das regelmäßig machen​, nicht. Für mich war es anfangs trotzdem eine große Überwindung. Wahrscheinlich, weil ich statistisch gesehen Alltagsalkoholiker bin und mein Freundeskreis auch nicht gerade beim Spritzer spart. ​Ein Online-Selbsttest​, der Daten der WHO als Grundlage verwendet, besagt jedenfalls, dass ich höchstwahrscheinlich zu viel trinke. No Shit.

Es gibt so gut wie jeden Tag einen Anlass auf ein paar Drinks zu gehen und manchmal mache ich mir auch allein zuhause ein Klischee-Afterwork-Bier auf. Zur Entspannung. So rechtfertige ich mir das jedenfalls. Ein paar meiner Freunde haben mir erst gar nicht zugetraut, den Monat durchzuhalten. Dass mich das bloß motiviert hat, kann man sich denken.

Verführung sich anzusaufen, gab es im September—so wie in jedem anderen Monat auch—genug: das Waves Festival​, mein Besuch auf der Wiener Wiesn​, der mich eigentlich zum Vollblut-Alkoholiker machen müsste, um das Grauen zu vergessen, die Ink-Geburtstagsfeier, die gefühlten tausend Geburtstage der Silvester-Babys, eine Abschiedsfeier und jeder Abend, an dem ich mich einfach mit Freunden getroffen habe. Ausgelassen habe ich nur richtige Club-Abende. Hätte ich nüchtern einen Abend neben den ganzen Druffies verbracht, hätte mir das wahrscheinlich jeden zukünftigen Abend dort verdorben. Ich brauche dort Hilfsmittel zur Realitätsflucht​, sonst erschlägt mich wahrscheinlich die Tatsache, dass ich mich in jedem Besoffenen selber sehe.

Den Rausch hab ich bereits nach dem ersten nüchternen Wochenende nicht mehr vermisst. Nur in ein paar Situationen sind Gewohnheiten, die ich mir über die Jahre aneignete, so stark durchgedrungen, dass ich mich aktiv gegen sie wehren musste. Vor allem beim Vorglühen​ fehlte mir das konstante Trinken. Der regelmäßige Griff zum Glas zwischen den Gesprächen. Ich brauchte einen Ausgleich und den fand ich als Nichtraucher nicht bei Zigaretten, sondern bei irgendwelchen Kracherln​. Dabei habe ich genug von dem überzuckerten Zeug runtergespült, um meinen Zahnarzt sehr glücklich und reich zu machen. Nächstes Mal werde ich mehr Wasser trinken, so wie es alle im Club immer machen. Die sind wahrscheinlich auch alle nüchtern.​ Brav!

​Richtig schwierig wird es, wenn man in betrunkenen Gruppen als nüchterner Teilnehmer kein Spaßverderber sein will. Denn mit steigendem Alkoholpegel geht die Lachgrenze unproportional nach unten. Bei mir änderte sich trotz Zuckerschock leider nichts und ich konnte über einige Sachen einfach beim besten Willen nicht lachen. Ich hätte in solchen Situationen einfach versuchen sollen zu furzen​, dann hätte ich nicht nur die Fahnen der anderen überdeckt, sondern auch die Tatsache, dass Betrunkene nicht lustig sind. Das funktioniert auf Kommando nur leider gar nicht. Darum werde ich im nächsten nüchternen Monat nur noch Linsen- und Bohneneintopf essen.

​Auch die Gespräche, in denen ich erklären musste, warum ich denn nichts trinke, wurden zum Ende hin etwas nervig. Ich konnte mich darauf einstellen, mit jedem Gesprächspartner eine tiefgründige Unterhaltung über unsere Konsumgesellschaft​ zu führen. Das war im Großen und Ganzen sehr aufschlussreich, aber irgendwann hatte ich auch genug davon. Vor allem, weil die Leute, mit denen ich mich gerade eine halbe Stunde über den Sinn des Ansaufens unterhalten habe, am selben Abend noch vergessen haben, dass ich nüchtern bin und mich ständig wieder fragen, ob ich mit ihnen einen Spritzer trinken​ gehen will. Ich schätze die Geste, aber noch mehr Verführung brauche ich nicht, danke!

Das passiert, wenn man nach einem Monat Abstinenz zum ersten Mal wieder trinkt

So gut wie alle meiner Freunde hatten aber letztendlich Verständnis für meine Aktion und sprachen mir—meistens mit einem Bier in der Hand​—Mut zu. Nur in einer Situation wurde ich als Moralapostel beschimpft, weil ich einem meiner lallenden Freunde Wasser anbot und sagte, er soll sich doch noch eins holen. Nicht der betrunkene Freund war verärgert, sondern eine außenstehende Person. Sie nahm wahrscheinlich an, dass ich jetzt herumlaufe und jedem meinen Lebensstil anhängen will wie ein Veganer. Dabei war es mir sehr egal, ob sich die Leute ins Koma saufen. Ich hatte in erster Linie Spaß dabei, den Leuten zuzusehen, wie sie nach und nach ihre Sprachfähigkeit verloren. Aber ich weiß nur allzu gut, wie es mir an Sonntagen geht​ und wollte verhindern, dass es meine Freunde auch so erleben.

Anfang Oktober habe ich dann mein Erlösungsbier gekippt. Wirklich Lust hatte ich nicht, aber ich brauchte den Rausch, um ein paar angehäufte Probleme​ wegzusaufen. Komischerweise waren die Probleme am nächsten Tag immer noch da. Nur kamen noch Kopfschmerzen und ein kaputtes Handydisplay dazu. Danke, Alkohol. Danke für nichts. 

Der längste Monat meines Lebens hat mir beigebracht, dass ich Alkohol hauptsächlich aus Gewohnheit trinke und dass ich der Beschreibung eines Alkoholikers erschreckend nahe komme. Ich trinke immer noch gerne, aber zumindest werde ich in den nächsten Monaten zweimal überlegen, ob ich mir bei jeder Zusammensitzerei oder nach der Arbeit ein Bier aufmachen muss. Ich bin froh, so ein wagemutiges Experiment durchgeführt zu haben und ich werde es bestimmt zur Gedächtnisauffrischung wiederholen. Auch wenn meine Freunde dagegen sein werden.

Header: Kollage VICE Media

Benji auf Twitter: @lazy_reviews

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