Islamiq Grrls über die Liebe und Musik: Den Scham besiegen
Thump

Islamiq Grrls über die Liebe und Musik: Den Scham besiegen

Als junge Muslima in der deutschen Kleinstadt fühlte sie sich isoliert. Ihren Weg zur Popproduzentin fand sie eher zufällig.
24 November 2016, 9:32am

Zum ersten Mal fällt mir die Berliner Produzentin Islamiq Grrrls auf, als mir ein Freund den Link zu ihrer Single "Yr Love" schickt. Beim ersten Hören wirkt das Lied nicht sehr eigen: Wie hier Emotionalität vor einem flimmernden Lo-Fi-Hintergrund erzeugt wird, erinnert an Organ Tapes oder Uli K, wenn auch mit etwas mehr Nachdruck auf der Melodie. Und dennoch: Irgendetwas davon verhakt sich derart in mein Bewusstsein, wie es sonst nur wenige Lieder tun.

In den nächsten Tage ertappe ich mich dabei, wie ich die wehmütige Anspannung in den seltsamsten Momente nachsumme. Etwa, wenn ich in der Hotline meines Internetproviders hänge oder beim Einkaufen. Also versuche ich, auf den Punkt zu bringen, was ich hieran so verlockend finde. Ist es der Mix aus vage gehaltenem Text und zügellosen Emotionen?

Hm. Wie seine Erschafferin bleibt der Song ein Mysterium.

Und auch meine Suche nach weiteren Songs aus dem Islamiq-Grrls-Schatz bleibt ohne großen Erfolg. Es gibt nur noch ein weiteres Lied, "You Don't Love Me", mit einem ähnlich melancholischen Dancefloor-Vibe. Dann sind da noch eine Menge an kryptischen Social-Media-Botschaften.  Ein Videoteaser zeigt zwei Frauen in Burkas vor einer Wandbemalung mit der Aufschrift "LOVE", sie twittert  das Bild einer weiteren Frau in einer wehenden, blauen Burka vor einem roten Sportwagen, Caption: "bedtime", während  ein weiteres Foto "some eye candy for ya #islamicyouth" zeigt: Eine Frau kombiniert hier Hijab mit Punk-Shirt. Zeitgleich wird eine Debatte über ein mögliches Burka-Verbot geführt.

Wenn ich richtig liege, dann sollen diese Bilder ein westliches Publikum dazu bringen, seine automatischen Reaktionen auf traditionelle muslimische Kleidung zu hinterfragen. Ist unser Blick auf Muslima also patronisierend?

Ob das wirklich die Absicht hinter Islamiq Grrrls ist, werden wir niemals herausfinden. Denn auch wenn Fatma, die sich dahinter verbirgt, gerne über ihre eigene Herkunft spricht, möchte sie im Gespräch mit mir nicht über den "den Zustand des Islams in Österreich oder Deutschland" reden. Das geht in Ordnung. Erinnert das Vorhaben ohnehin daran, von weiblichen Künstlerinnen immer eine Meinung zum Zustand des Feminismus zu erwarten. Ihr Widerstreben gegenüber meinem Stichwort fügt sich allem Anschein nach vielmehr in den größeren Kampf für eine Normalisierung muslimischer Bilder in Gemeinschaften ein, die mit diesem Glauben eher weniger vertraut sind. Zumindest halte ich es dafür.

Und warum sollte man eine große Sache daraus machen, dass zwei Frauen in dem Islamiq-Grrrls-Video eben Burkas statt Jeans tragen? Zumal Letztere ja noch drunter passen. Aber weiter im Text.

Mich beschämten die kulturellen Unterschiede, die ich erlebte, weshalb ich einen großen Teil meines Lebens damit verbrachte, mein bosnisches Drama unter der Oberfläche zu verbergen.

Während Fatma selbst deutsch ist, kommen ihre Eltern aus Bosnien und sind praktizierende Muslime. Ein Umstand, der es für Fatma heikel machte, in einer westdeutschen Kleinstadt aufzuwachsen.

Zwar gingen ihre Eltern entspannt mit den religiösen Aspekten des muslimischen Daseins um—Fatma musste sich weder verhüllen noch die Moschee besuchen—, aber kulturell war der Islam in ihrer Jugend stets präsent: "Ich durfte mich nicht mit Jungs verabreden, keinen Alkohol trinken, nicht ausgehen und musste um acht zu Hause sein. Wenn du dann in einem Land wie etwa Deutschland groß wirst, dann ist das sehr seltsam, denn du siehst all die anderen Kinder, wie sie bis zwei Uhr nachts unterwegs sind und ihren ersten Partner und Sex haben. Ich durfte das nicht ... Einmal, war ich mit einem Freund von mir draußen und hakte mich bei ihm ein. Als ich nach Hause kam, schrie mich mein Vater an, ich hätte in der Stadt rumgehurt. Jemand hatte mich auf der Straße gesehen und meinen Vater angerufen, um ihn zu sagen, dass ich einen Freund hätte. In einer Kleinstadt macht Tratsch schnell die Runde, gerade in muslimischen Gemeinden."

In der Schule wird Fatma gehänselt. Wegen ihrer bosnischen Herkunft und einem Neurodermitis-Leiden. "Es war hart. Viele andere Künstler, die ich kenne, haben in ihrer Jugend gelernt, dass  weirdness und seltsam sein eigentlich etwas Cooles ist. Ihnen gab das Antrieb." Fatma sagt, sie  wollte nicht anders sein, sie war es einfach. "Also versuchte ich wirklich hart,  _dazu_zugehören. Meine Eltern sind sehr traditionell, sie kochen nur bosnisches Essen, hören nur bosnische Musik und treffen sich nur mit Bosniern. Mich beschämten die kulturellen Unterschiede, die ich erlebte, weshalb ich einen großen Teil meines Lebens damit verbrachte, mein bosnisches Drama unter der Oberfläche zu verbergen."

Mit 18 entzog sich die Produzentin nach Paris, voller Hoffnung, dort auf Gleichgesinnte zu treffen. Stattdessen fühlte sie sich noch isolierter als zuvor. Die Kunstkids, unter die sie sich dort mischte, "waren die schlimmsten Menschen, die jemals geboren wurden. Ich war verwirrt und verloren, denn so sehr ich mich als anders als die Menschen in meiner Heimatstadt sah: Diese  rich kids, deren Eltern alle selbst Künstler oder Intellektuelle waren, befremdeten mich noch mehr."

Also verließ Fatma Frankreich wieder. Im Gepäck ein erneuertes Interesse für die kulturellen Aspekte von Umgebungen und die Erkenntnis, dass die Musikerin "stolz auf meine Herkunft wurde ... Ich war plötzlich stolz auf meine Oma, die wie eine Roma aussah, Leute mit Kräutern heilte und uns verrückt aussehenden Schmuck von der Haddsch mitbrachte, während ihre Finger immerzu mit roter Henna gefärbt waren."

Klingt doch toll, sage ich. Will nicht jeder Teenager besonders und anders sein? Fatma erklärt mir, warum das Heranwachsen für sie eine gewisse dunkle Heftigkeit hatte, die auf die junge Frau merkwürdig und unheimlich wirkte: "Ich lebte in meinem eigenen  Kusturica-Film, inmitten einer Welt aus einem Film von Tom Ford. Die Leute schrien umher, Gläser gingen kaputt, es wurde wild getanzt und gesungen, aufgeheizte Kämpfe spielten sich ab, während ich in meinem Tagebuch und Liebesbriefen las, bevor ich meine deutsche Freundin besuchte, deren Eltern 'die Privatsphäre eines Kindes respektierten' und Marianne Rosenberg hörten."

"Kein Wunder, dass aus mir so ein emotionaler _fuckup _wurde."

Ich war plötzlich stolz auf meine Oma, die Leute mit Kräutern heilte und uns verrückt aussehenden Schmuck von der Haddsch mitbrachte.

Doch erst in Berlin, wohin sie vor zwei Jahren zog, begann sie, Musik zu machen. Zwar hatte sie anfängliche Zweifel ("Ich fühlte mich nie so, als hätte ich das Recht, eine Künstlerin oder Musikerin zu sein. Das wäre halt talentierten Leuten vorbehalten—und nicht mir.") und hatte niemals ein Instrument oder zu singen gelernt. Aber von nichts war sie je "so besessen und so leidenschaftlich damit gewesen", wie mit dem Songschreiben. Fatma entdeckte, dass sie "vierzehn Stunden am Stück an einem Lied arbeiten konnte, ohne meine Klamotten zu wechseln oder was zu essen."

Und dabei tritt auch wieder ihre bosnische Herkunft zutage, sei ihre Musik doch sehr von "alter bosnischer Musik aus den 80ern und 90ern beeinflusst; Lieder wie die von  StojaCeca oder Lepa Brena. Sie verwenden diese unfassbar kitschigen Klänge und Synthies und sie haben diese starken, dramatischen Stimmen. Wenn du genau hinhörst, dann merkst du, dass das komplett außerirdische Sounds sind. Sie versuchten, bosnische Noten auf modernen Synthesizern zu spielen, und es funktionierte auf ganz magische Weise."

Fatmas Musik als Islamiq Grrrls ist ähnlich intuitiv. Sie arbeitet nicht "auf traditionellem Wege, indem ich mich auf ein Subjekt fokussieren würde." Ihre Lieder sind vielmehr Kollagen von Gefühlen, die sie erfahren hat oder gerade besitzt. Ihr Unterbewusstsein beeinflusst den Schreibprozess dabei sehr: "Ich kann es noch immer kaum glauben, dass ich Songs hinbekomme. Das ist noch so neu für mich. Die Hälfte der Zeit verstehe ich gar nicht, was da gerade passiert. Dinge wie BMP und Quantifizierung sind mir dabei egal. Ich glaube, dass nicht zu wissen, wie man Musik macht, meiner Musiketwas sehr Organisches verleiht ."

Und ja, für mich besteht der Reiz ihrer Songs gerade darin, dass sie als unbehaglicher Mittelweg zwischen sich auf die Tanzfläche zu werfen und sich in der Clubtoilette wegzuschließen, um betrunken zu weinen, funktionieren. Als ich ihr das erzähle, erklärt sie: "Selbst in den schönsten Momente meines Lebens musste ich mich irgendwie traurig fühlen. Manche mache ich mich selbst traurig, weil das so ein bequemer Raum für mich ist, schließlich habe ich die Hälfte meines Lebens damit verbracht, traurig zu sein. Mein Frontalhirn ( wo die Emotionen im Hirn gebildet werden) muss irgendwie verkehrt herum arbeiten, denn mir fällt es wirklich schwer, glücklich zu sein. Wenn ich jemanden sehr mag, kann es trotzdem sein, dass ich für ihn oder sie unbewusst nur einen kalten Blick übrig habe."

Als ich Fatma zum Abschluss frage, ob sie jemals mit Islamiq Grrrls einen Wechsel hinlegen und einfach fröhlichere Musik machen würde, muss sie lachen.

"Neulich habe ich mit Gnucci und Princess Nokia in Berlin gespielt. Vor mir waren Mighty B und Cry dran, die den Raum mit verrückten, energetischen Sounds aufgeheizt hatten, was absolut passend war. Aber nachdem mein erster Song zu Ende war, schauten die verschwitzten Kids einander an, als sei ihnen das alles gerade etwas peinlich. Was war passiert? Beim dritten Stück hatten dann schon alle ihre Augen geschlossen und wiegten leicht zum Beat."

"Dieses Gefühl würde ich für nichts in der Welt eintauschen wollen.

Header: Fatma alias Islamiq Grrls (rechts) beim Blumen shoppen. Promofoto. Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

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