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Musik

Musicos

15.9.10

Mexikanische Straßenmusiker sind wie Katzen: Entweder man liebt sie, oder sie lassen deinen ganzen Körper vor Ekel verkrampfen. Ich bin glücklicherweise ein Vertreter der ersten Alternative und war deswegen mehr als froh darüber, in der Stadt herumzulaufen und mit den Männern und männlichen Frauenverschnitten zu plaudern, die ihre Backen, Eier, Ärsche und Füße dafür opfern, ein wenig Frohsinn in die Stadt zu bringen. Oder ein wenig Folter. Wie auch immer, hier habt ihr einen klitzekleinen Einblick in das niemals endende musikalische Abenteuer, das deren Alltag ist.

Édgar Alberto Méndez Hernández, Drehorgel

Vice: Für die Leser, die noch nie den ungemilderten Hörgenuss dieses Instruments erfahren durften: Drehorgeln sind wie riesige, vorgeschichtliche iPods, auf die acht Lieder passen. Ermüdet es Sie, immer die selben dahergeleierten Melodien zu spielen?

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Édgar: Ich habe nicht wirklich eine Wahl, oder?

Hahaha, die hast du tatsächlich nicht. Stimmt es, dass man die Abspielgeräte drinnen zu allem verändern kann, wenn die Drehorgel nicht mehr funktioniert?

Das habe ich auch gehört - In Puebla gibt es ein paar von denen.

Wirst du von Nicht-Musikliebhaber manchmal grob behandelt?

Ja, manche Leute sagen: "Wechsel mal das Lied, es ist jeden Tag das Gleiche." Doch da es eine besondere Walze ist, kann ich es nicht ändern.

Was war das bislang seltsamste Erlebnis, das du bis jetzt hattest?

Nichts, so weit.

Nichts herausragendes?

Nein.

Komm schon, etwas, dass sie deinen Freunden erzählen würdest.

Nein, bislang habe ich noch gar nichts erlebt.

Manuel Ledesma, Mariachi-Gitarre

Vice: Das ist ein gefährliches Viertel. Hast du keine Angst?

Es ist ein bisschen gefährlich, aber meistens verkaufen die Leute nur illegale Drinks. Wir haben eine Kommission hier und um die Wahrheit zu sagen, wir von der Mariachi-Kommission sind gegen diese Praxis. Wir haben den Delegierten darüber informiert, und ihm ist es einfach egal. Es gibt noch andere Straftaten, doch wir halten Ausschau nach Leuten, die Probleme verursachen. Die Mariachis haben auf dem Platz immer für Sicherheit gesorgt: die Polizei nicht so sehr. Dennoch haben sie gerade angefangen den Platz zu restaurieren, deswegen ist er sauberer als normalerweise. Es gibt immer noch einen Haufen Betrunkene, aber die werden sie los.

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Wann hast du dich dazu entschieden, in das Mariachi-Geschäft einzusteigen?

Es ist so ein Familiending. Mein Vater, mein Großvater, die waren alle Mariachis. Meine Kinder werden auch welche sein. Mein Großvater hat mal die große mexikanische Gitarre gespielt, ich spiele die normale Gitarre, mein ältester Sohn spielt Vihuela und mein anderer Sohn spielt Violine.

Und die volltrunkenen Kerle sind lange nicht so gewieft?

Durch meinen Job bin ich sowas wie ein Amateur-Psychologe. Man wird richtig gut darin zu sagen, mit welcher Art von Leten man zusammen ist und ob man sich mit ihnen abgeben sollte oder nicht. Naturgemäß kommt man an ein paar störrische Leute, ein paar Betrunkene - aber man kann schon aus der Entfernung sagen, ob sie Probleme machen werden. Manchmal wollen sich ein paar meiner Bandmitglieder mit den Borrachos anlegen, aber wir warnen sie immer  "Vorsicht, diese Typen sind besoffen." Gott sei Dank ist es immer gut gegangen.

Denkst du, dass die großartige mexikanische Serenaden-Tradition verloren gegangen ist?

Sie ist etwas abgefallen, aber teilweise liegt das an der wirtschaftlichen Situation. Wir spielen die Serenaden noch für alle Schichten - die Armen, die Reichen, den Mittelstand.

Was halten Sie vom iPod?

Nun ja, er ist hübsch. Die jungen Leute von heute sind sehr munter und mögen jede Art von Musik - Doch sie mögen immer noch Mariachis. Die Leute kommen noch und bitten um die Musik von Alejandro Fernández, Vicente Fernández, und Pepe Aguilar.

Fernando Castro Barreda, Quena

Vice: Wie sind Sie zum Quena-Spielen gekommen?

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Fernando: Ich habe mit dem Spielen angefangen, nachdem ich eine Embolie hatte. Meine biologische Uhr hat sich mit dem Schock gewandelt und ich war die ganze Zeit ausgebrannt. In einem Antiquitätenladen habe ich eine Quena gesehen, und ich habe sie mit der Vermutung gekauft, dass das Ein- und Ausatmen wie ein Training ohne körperliche Anstrengung sei. So erholte ich mich von den Nachwirkungen der Embolie, und seitdem fühle ich mich gut.

Ich hätte gedacht, Sie spielen schon eine Weile länger. Wie viele Lieder können Sie?

Ich habe zwei Notenbücher und in jedem stehen 300 Partituren, aber die meisten Lieder kann ich nach meinem Gehör spielen. Ich habe eine Entdeckung gemacht, die mich die Quena auf eine wilde Art spielen lässt, als ob ich ein Mariachi wäre. Ich verwende keine Bs oder Kreuze und spiele unmittelbar einen natürlichen Ton, als ob ein Sänger seinen Grundton singen würde, und auf diese Art kann ich alles nach meinem Gehör spielen. Das einzige, was ich noch nicht spielen kann, sind Rap und Reggaeton, da sie sich zu oft wiederholen.

Doch alles andere geht spielend leicht? Das sind wohl zwei Paar Schuhe.

Ja. Es basiert auf der Vorstellung, dass Opernsänger oft ihre eigenen opernhaften Interpretationen wohlbekannter mexikanischer Rancheras und umgekehrt machen. Einige Ranchero-Musiker machen aus klassischer Musik und Opern Rancheras, und einige sind letztlich im klassischen Sinne sehr gute Sänger. Jorge Negrete und Pedro Vargas zum Beispiel.

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Schikaniert dich jemand, wenn du spielst?

Manchmal die Polizei. Ich war schon zweimal wegen eines "Verstoßes gegen den Frieden" im Gefängnis, aber es ist immer die gewöhnliche Korruption. Ich zahle ihnen 400 Pesos und sie lassen mich gehen. Letztens ist das dennoch nicht passiert, ich spiele meistens Downtown in der Zona Rosa oder in Madero, wo sie mich gewähren lassen.

Itzcuauhtli, Prä-Hispanische Instrumente

Vice: Wie heißt Ihr Instrument?

Itzcuauhtli: Es heißt Huehuetl in der Náhuatl-Sprache, was so viel heißt wie der ehrwürdige Wassermann.

Wie spielen Sie es?

Es ist ein Perkussionsinstrument. Ich spiele es mit meinen Händen oder einem Paar Drumsticks.

Wie haben Sie es gelernt?

Durch mündliche Übermittlung, meine Ohren und Übung.

Woher kommt das Instrument?

Es kommt aus dem zentralen Teil des Landes, aus México. Wir kennen den Ort nicht, wo es genau herkommt. Es gibt Spuren in Malinalco, wir haben Spuren in Puebla - Es gibt an vielen Orten Hinweise, dass dort das Instrument gespielt wurde, bevor die europäischen Eroberer kamen.

Welche anderen Instrumente spielen Sie?

Normalerweise das Teponaztli (hölzerne, stehende Trommel), den Ayacaxtle, die Tlapitzalli, das ist eine Flöte, und Schildkrötenrasseln, die wegen dem momentanen Tierbestand schwer zu finden sind.

Gibt es in der Musik, die Sie spielen, eine größere Bedeutung oder dient sie der reinen Unterhaltung?

Was ich tue ist Harmonie in dem und umgebenden Raum zu schaffen. Das haben sie schon zu Urzeiten getan. Montezuma tat es für Cortés, als er herkam, da, wo sich jetzt die beiden Straßen República del Salvador und José María Pino Suárez befinden.Wenn man zu dieser Ecke geht, gibt es da eine Inschrift, die besagt, dass das der Ort war, an dem Montezuma Cortés willkommen hieß. Das war eine alles übertreffende Willkommensgeste (Willkommen in unserer Welt, in unserer Daseinsform), welche die europäischen Eroberer leider nie verstanden. Für jeden mit einem westlichen Geist ist das Hexerei, doch die ist es wirklich nicht- es geht nur darum, ein mentales und spirituelles Gleichgewicht herzustellen.

Fermatta, Gitarre, Saxophon, eine dieser großen Bassgitarren ohne Wirbel, wie der Typ in Tin Machine eine hatte

Vice: Wieso spielt ihr auf der Straße, anstatt im Fernsehen reich und berühmt zu werden?

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Fermatta: Wir sehen nicht so gut aus wie die Musiker im Fernsehen. Aber wir haben jahrelang geprobt und es ist eine Schande, dass diese ganzen anderen Musiker eingeladen, während wir hier draußen gelassen werden. Da sich unser Hörsinn entwickelt hat, bemerken wir de Fehler anderer Spieler, die gewöhnlichen Leuten nicht auffallen. Wir sind professionelle Musiker, aber wir sind nicht kommerziell, weil wir nicht die Öffentlichkeit haben. Trotzdem befinden wir uns auf dem gleichen Niveau wie jeder andere auch.

Sogar wie ein wahrer Meister wie etwa Kenny G?

Ja, wir befinden uns auf seinem Niveau. Das Problem ist, dass wir als Musiker nicht die Informationen bekommen. Es gibt keine Unterstützung,  nicht mal in Schulen. Hier kann man frühstens in der Mittelschule mit der Flöte etwas über Musik lernen. Musik sollte schon im Kindergarten unterrichtet werden und jeder sollte ein Musiker sein, wenn auch nur ein Amateur. Die Musik fördert die rechte Seite deines Gehirns, es hilft dir in Mathe, der psychomotorischen Koordination und vielem anderen. Wenn man nach Russland geht, haben sogar Farmarbeiter eine Ausbildung. Deswegen braucht Mexiko mehr musikalische unterstützung. Mexiko ist ein Land der Musiker, das Land der Mariachi. Hier in Mexiko gibt es richtig gute Musiker, aber alle unsere besten Musiker spielen in der Schweiz, in Frankreich. Die sind in den besten Folklore-Orchestern.

Namu, ein Haufen Trommeln

Vice: Was für Trommeln habt ihr da?

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Emmanuel, Namu-Trommel-Leader: Yembe, Sacba, Kundun.

Was könnt ihr mir über die erzählen?

Die sind tausend Jahre alt.

Vestehe. Warum interessiert ihr euch alle für tausend Jahre alte Trommeln?

Wegen unseren Lehrern. Carin Cayte, Abdulai Tiarra, Ali Cambara, das sind ein paar der Lehrer, die uns unterrichtet haben. [Nur um euch den Ärger zu ersparen, keinen dieser Namen findet man auf Google. ich habe keine Ahnung, was das Problem dieser Leute ist--Anm. d. Red.]

Don José, Norteño-Saxophon

Vice: Wie läuft die Nacht, Boss?

Don José: Naja, es ist sehr ruhig, obwohl es Freitag ist. An manchen Wochenenden kommt niemand, um uns zu sehen. Aber es gibt auch Wochen, in denen wir jeden Tag von Montag bis Donnerstag zur Arbeit gehen und während dem Wochenende ist gar nichts los. Man weiß es nie. Man muss immer für den Kampf bereit sein, wenn man auf seine Chance wartet. So ist es, wenn man sein Brot verdienen will.

Takataka-Bands sind legendär, weil ihr tagelang pausenlos auf Partys spielt. Was ist das Geheimnis?

Schaue her, ich würde es niemals betsreiten, dass es auf den Partys Drogen gibt, auf denen wir spielen. Als ich noch mehr Nerven hatte, habe ich alles gemacht, an was ich meine Hände bekommen konnte. Wir haben tagelang auf Partys gespielt.

Wer organisiert denn überhaupt solche Partys?

Wart mal einen Moment. [In diesem Moment hielt ein Lobo Lariat mit riesigen Reifen an und Don José sprach mit einem der Insassen, einem Typ mit einem fies aussehenden Schnurrbart und einem riesigen Cowboyhut. Nach einigen Minuten drehte er sich um und sagte "Tschuldigung, meine Chance ist gekommen" und ist abgehauen.Wir hoffen, er ist heil rausgekommen-- Anm. d. Red.]

WORDS BY JUAN PABLO PROAL
AND MARCO TULIO VALENCIA
PHOTOS BY DAVID MURRIETA
AND MARCO TULIO VALENCIA
TRANSLATED BY MARTINA NEUS