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Wir haben Single-Typen zu Hause besucht und ihre Wohnungen fotografiert

„Ich habe auch schon Mädels mit nach Haus gebracht und dann waren mein Laptop, Cremes und andere peinliche Dinge im Bett zu finden—das gibt halt nicht gerade das beste Bild ab."

Junggesellenbuden sind das sagenumwobene Refugium des jungen Mannes. Der Ort, an dem er eine Freiheit genießt, die so nie wiederkommen wird. Die magische Zeit, in der die männlichen Hoffnungsträger unserer Gesellschaft mit Sex, dem Verwesungsprozess von Essensresten in Take-Away-Kartons und dem feinen Grad zwischen „diese Wohnung drückt meinen Charakter aus" und „ ich bin ein Messie und nur noch RTL2 kann mir helfen" experimentieren. So weit zumindest die Theorie. Um dem Vorurteil auf den Grund zu gehen, haben wir Junggesellen in Berlin, Dortmund und München gebeten, uns in ihre unaufgeräumten Wohnungen zu lassen.

THORBEN, 27, DORTMUND

Fotos von Nikita Kakowsi

VICE: Wie lange wohnst du schon hier?
Thorben: Vier Monate.

Ist es deine erste eigene Wohnung?
Nee, die fünfte.

Und gibt es bestimmte Gegenstände, die du von Wohnung zu Wohnung mitnimmst?
Es ist alles meins, außer die Küche und die Schüssel, in die ich scheiße.

Cooler Spruch, aber dir ist schon klar, dass alles gegen dich verwendet werden kann, noch nach vielen Jahren, wenn du in die Politik gehst?
Ja, wahrscheinlich.

Wie oft räumst du auf?
Meinen Wohnraum schon ein- bis zweimal die Woche. Die Küche nur, wenn ich was brauche. Sie ist das Sperrgebiet. Besuch lasse ich da auch ungern rein. Tür zu—aus den Augen, aus dem Sinn.

Dann fühle ich mich besonders geehrt! Apropos Küche. Du hast gar keinen Kühlschrank?
Im Winter war es praktisch, weil es hier zieht und da hatte ich wenigstens einen Kühlschrank am Fenster gehabt.

Würdest du deine Eltern zu dir einladen wollen?
Ich würde hier keinen einladen wollen. Meine derzeitige Freundin hat keinen Bock darauf, hier vorbeizukommen. Definitiv nicht. Und vor ein paar Monaten hatte ich einen One-Night-Stand und die ist hier auch rückwärts wieder raus.

Aha ...
Die meinte: „Wie kann man nur so wohnen!" Wir sind um 3 Uhr nachts hier angekommen und dann direkt wieder gegangen. Zu ihr. Dann wollten wir bei ihr ein bisschen rummachen, haben es auch getan und kurz vorm Sex sagte sie zu mir: „Du, ich kann das nicht, ich muss die ganze Zeit an deine Wohnung denken."

GEORGE, 35, BERLIN

Fotos von Alexander Coggin

VICE: Wie oft putzt du hier?
George: Immer wenn jemand vorbei kommt, mache ich vorher noch schnell sauber.

Wie rechtfertigst du das Chaos?
Ähm, naja ...

So unordentlich ist es jetzt auch nicht.
Stimmt.

Keine leichte Frage.
Passt irgendwie nicht so ganz.

In der Tat. Was hältst du von ordentlichen Menschen?
Die finde ich super.

Macht es deinen Gästen etwas aus, wenn hier richtiges Chaos herrscht?
Wenn jemand vorbeikommt, dann mache ich zuvor ja sauber. Falls ich mal eine Weile nicht geputzt habe, lade ich gelegentlich sogar extra irgendjemanden ein, um mich zum Putzen zu motivieren.

Wo ist es hier am unordentlichsten?
Weiß ich nicht. Auf meiner Festplatte.

Wäscht du deine Klamotten?
Ja. [Lacht]

Und wie oft wäscht du deinen Bettbezug?
Quasi jede Woche. Wie nennt man das, wenn man die Decke aus dem Fenster hält? Eigentlich schüttle ich sie jeden Tag aus, damit sich keine Dinge mehr darauf befinden, die nachts von meiner toten Haut abfallen.

Ach, sowas wie Hautzellen?
Ja, tote Zellen und so weiter. Es macht schon Sinn, die Decke jeden Tag vom Fenster rauszuschütteln.

Was machst du, wenn dich eine dreckige Person zu sich nach Hause einlädt?
Also jemand, den ich persönlich eklig finde? Wenn ich von so einer Person zum Abendessen eingeladen werde, dann treffe ich mich mit allen, wenn sie fertig gegessen haben. Ein paar Drinks sind dann immer drin. Da ich jedoch eine Keimphobie habe, werde ich auf keinen Fall dort essen, denn ich finde immer irgendwo einen Fleck auf einem Glas oder so. Ich versuche dann, diplomatisch vorzugehen. Alles, was ich nicht selbst zubereitet habe, beäuge ich total skeptisch.

WILL, 25, BERLIN

Fotos von Alexander Coggin

VICE: Wie ist es für dich, alleine zu wohnen?
Will: Nun ja, bezüglich der Sauberkeit strengt man sich dann natürlich nicht so sehr an. Das kann man jetzt als Fluch und Segen zugleich sehen.

Aber es ist doch auch ganz gut, wenn man durch Besuch zum Putzen motiviert wird.
Na klar. Wenn Gäste vorbeikommen, dann lege ich mich beim Saubermachen natürlich ein bisschen mehr ins Zeug.

Stand hier schon mal ein Überraschungsbesuch vor der Tür und du musstest dir etwas einfallen lassen?
Ach, das passiert ständig und natürlich stehen dann auch immer Tausende leere Suppenschüsseln und Wassergläser herum. Ich lasse die Leute in einem solchen Fall immer draußen warten und räume zehn Minuten lang einfach alles in irgendeine Ecke. Das passt dann schon irgendwie. Inzwischen beherrsche ich die Kunst des eiligen Aufräumens ziemlich gut.

Das ist doch eine gute Sache.
In einem Raum wie diesem hier steht sowieso immer viel Zeug rum, das macht das Verstecken einfacher.

Putzt du auch für dich selbst?
Ja, natürlich. Manchmal gibt es aber auch Zeiten, in denen es hier richtig schlimm aussieht. Dann steht eine große Putzaktion an.

Das ist halt immer dieser Schnellball-Effekt. Wenn die Unordnung erst einmal da ist, wird sie immer schlimmer.
Genau. Das läuft vor allem so, wenn man ständig unterwegs ist und Essen rumstehen lässt. Aber auch im Winter kann es knüppeldick kommen, wenn man sich nur drinnen aufhält und so viel wie möglich schaffen will—Serien-Marathons und Kochen zum Beispiel. Dann kommt auch die Unordnung.

Wann sah es hier am schlimmsten aus?
Es gab schon richtig unangenehme Situationen, aber mehr im Bezug auf unerwartete Gäste. Einmal haben ein paar Kumpels hier gepennt und sie sind dann am nächsten Morgen mit irgendwelchem Zeug im Bett und halbvollen Essenschüsseln am Boden aufgewacht. Ich habe auch schon Mädels mit nach Haus gebracht und dann waren mein Laptop, Cremes und andere peinliche Dinge im Bett zu finden—das gibt halt nicht gerade das beste Bild ab. Ich finde, dass man schon einen gewissen Grad an Ordnung halten sollte.

Hast du jemals mit deiner Freundin zusammengewohnt?
Ja, mit meiner Ex. Sie war ziemlich ordentlich.

Hat sie dich zurecht gestutzt?
Sie hat es zumindest versucht. Wir haben uns dann aber getrennt, von daher ...

Daran könnte es vielleicht gelegen haben.
Das weiß man nie. Vielleicht hat es aber schon seinen Teil dazu beigetragen.

LUCIO, 24, MÜNCHEN

Fotos von Thomas Gothier

VICE: Wie oft räumst du auf?
Lucio: Circa alle zwei Wochen.

Das Bad wirkt im Gegensatz zum Rest der Wohnung „relativ" ordentlich. Ist das Bad ein spezieller Ort für dich?
Nein, nur für die Mikroben.

Was ist Deine Ausrede für die Unordnung?
„Life is now!"

Wie schnell bekommst du die Wohnung sauber, wenn sich eine Frau ankündigt.
20 Minuten.

Was hat es mit der Foucault–Lampe auf sich?
Ein Geschenk meines Mitbewohners. Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand.

Du bist Italiener. Fußball, Pizza, Berlusconi?
Espresso und Sonne. Schnitzel und Pommes sind auch OK.

BENNI, 28, MÜNCHEN

Fotos von Thomas Gothier

VICE: Wie oft putzt du die Wohnung?
Benni: Angedacht ist wöchentlich—ja, angedacht.

Was war der schlimmste Zustand, in dem du je eine Wohnung zurückgelassen hast?
Während meinem Diplom im Sommer konnte ich mich einmal nur mit einem Tuch vorm Gesicht in die Küche vortasten.

Dein Zimmer ist super ordentlich, bekommt es eine Spezialbehandlung?
Ja, es ist im Sinne von Le Corbusier in Bereiche zoniert: Arbeiten, Schlafen, Aufbewahren. Diese Struktur bringt Ordnung.

Warum kannst du diese Sauberkeit und Ordnung im Rest der Wohnung nicht durchhalten?
In den letzten Wochen waren zwei anstrengende Wettbewerbe im Büro zu bearbeiten—sieben Tage die Woche von früh bis nachts zu arbeiten, hinterlässt seine Spuren

Was hat es mit den zwei Handys am Mischpult auf sich?
In der Gefängnisschreinerei hab ich Zivi gemacht. Die Jungs hörten Straßenrap über ihre Handyboxen. Das hat mich zu dem Soundsystem inspiriert.

Was hören wir gerade?
Kurdo.

Warum schreibst du Sprüche auf deine Möbel?
Manchmal geht es mir nicht gut und dann bin ich Tage lang im Zimmer. Ich mag meine Handschrift sehr und versuche, mich so mit Zitaten aus Rapliedern zu motivieren.

Was ist für dich ein „No-Go" in einer Wohnung?
Matratzen auf dem Boden, Hölle!

RAPHAEL, 28, BERLIN

Fotos von Nikita Kakowsi

VICE: Wie lange ist es her, dass du von zu Hause ausgezogen bist?
Raphael: Ich bin bald vor genau 10 Jahren ausgezogen von meinem Elternhaus in die erste WG.

Vor allen Dingen an so gefährlichen Stellen wie Bad und Küche gibt es bei dir nicht viel auszusetzen. Wie oft putzt du also zu Hause? Hast du bestimmte Rituale oder gar feste Termine?
Als Selbstständiger, der zu Hause lebt und arbeitet, fällt alles ein bisschen zusammen. Da gibts Tage, da ist man am Arbeiten, da denkt man, fuck, die Wäsche liegt rum: erstmal Wäsche machen. Wäsche aussortiert, geht man in die Küche, will sich einen Kaffee machen und sieht, dass da noch zehntausend Tassen rumstehen. Es ist wie ein Kreislauf. Manchmal ist man auf einem Film, wo man plötzlich die gesamte Wohnung putzt, weil es viel geiler ist zu arbeiten, wenn alles schön sauber ist, dann ist es auf einmal Abend und man hat noch gar nicht gearbeitet.

Wenn nach irgendwelchen Raves hier Leute übernachten und hier Ausdünstungen vom Berghain herumschwirren oder wenn in der Wohnung zu viel passiert ist, das sind Momente, in denen ich gerne putze. Dann bringst du erstmal den ganzen Müll raus und hast ein befreiendes Gefühl. Dann putzt du, wäscht auf 90 Grad und es ist wieder deins.

Hättest du für uns ein paar Haushaltstips?
Auch wenn man es sich nicht leisten kann, gibt es für alles kreative Lösungen. Da ich so oft umgezogen bin, ist mein Kleiderschrank irgendwann auf der Strecke geblieben. Vor Kurzem habe ich dann bei einem Freund in der Schweiz gesehen, dass er Umzugskartons aufeinander gestapelt hat und das als Kleiderregal nutzte. Ganz simpel und man kann es ja komplett ausweiten. Egal, was es für eine Bruchbude ist, man kann es sich trotzdem gut einrichten. Es gibt zum Beispiel auch eBay Kleinanzeigen, wo man vieles umsonst bekommt und es ist tausend mal cooler als Ikea.