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Zur Freiheit verdammt

Warum junge Deutsche auf Berghain, Drogen und Sex scheißen und ihre innere Freiheit in den strengen Regeln des Islam suchen.

Fotos von Grey Hutton


Daniel betet heute nicht mehr fünf Mal täglich, sondern hat mittlerweile das für ihn richtige Maß an Religiosität gefunden.

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ährend die meisten Christen der Kirche aufgrund von Kirchensteuer oder Missbrauchsskandalen den Rücken kehren, befindet sich der Islam—Deutschlands zweitgrößte Religionsgemeinschaft—ohne Zweifel auf dem Vormarsch. Laut der wenigen Statistiken, die es zum Thema gibt, hat die Zahl der Muslime in Deutschland in den letzten zehn Jahren um gut 30 Prozent zugelegt. Dass sich die Berichterstattung oder das Gerede an deutschen Stammtischen aber meistens auf das panische Um-sich-Werfen mit Schlagwörtern wie 9/11, Sauerlandzelle, Osama bin Laden, Salafisten oder Mohammed-Karikaturen beschränkt, trägt nicht unbedingt bei zur erfolgreichen Integration. 

Trotzdem: Ohne den Islam verstehen wir unsere Welt nicht mehr. Die Bibel interessiert nur am Rande, der Koran ist in. Die meisten Mainstream-Medien versorgen uns ständig mit News über „das Fremde“, das Spektrum reicht vom Burkini bis zur Bombe. Und es ist längst geschehen: Die islamophobe Hetze trägt Früchte—viele assoziieren den Islam mit Terror und Gruppen wie Pro-NRW nutzen ihre Islam-Kritik dafür, rechtes Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Der Gipfel der Angst ist der „Dschihad“, der im populären Mediendiskurs häufig mit „Heiliger Krieg“ übersetzt wird. Diese Übersetzung ist falsch, die richtige lautet: „Bemühen um Gott“. 

Das Transformationspotenzial in beide Richtungen ist enorm: Aus bösen Gangster-Rappern werden fromme Gläubige, aus netten Muslimen werden gewaltbereite Terroristen. Ein besonders beeindruckendes Hybrid aus Pop und Dschihad sind die deutschsprachigen Nasheeds (traditionelle islamische Lieder), die seit wenigen Jahren veröffentlicht wurden. Der Barde des deutschen Dschihad ist der Berliner Ex-Gangsterrapper Deso Dogg. Obwohl ihm der Reisepass entzogen wurde, setzte er sich im Herbst diesen Jahres nach Nordafrika ab, um im Dschihad zu sterben. Sein Mailboxspruch ist eindeutig: „Der Märtyrertod ist das Schönste! Allahu akbar“. Deso Dogg, der sich seit seiner Radikalisierung „Abu Talha Al Almani“ nennt, dichtet ein traditionelles deutsches Weihnachtslied zu einem Nikolaus-Kampfnasheed um. In seiner Coverversion heißt es: 

„Lasst uns froh und munter sein/ und uns recht von Herzen freuen/ „La Ilaha ill Allah“ /heut’ sind die Dschihadisten wieder da. Der Dschihad ist immer noch da/ nicht zu stoppen ihr Drecks-Kufar.“ 

Aber ist das alles wirklich so bedrohlich, wie manche Medien uns glauben machen wollen? Wahrscheinlich einer der wenigen erinnernswerten und zutreffenden Sätze des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff war: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Er ist kein Phänomen mehr, das in dunklen Hinterhöfen und in Gebetsräumen in Asylbewerberheimen stattfindet, sondern wird auch für Biodeutsche immer attraktiver. Aber warum wollen sich junge Leute, die mit den ganzen Freiheiten des Spätkapitalismus aufgewachsen sind, in das enge muslimische Regelkorsett zwängen? Die deutschen Konvertiten antworten auf die Herausforderungen der modernen Welt mit ihrer Religion und unterscheiden sich damit elementar von unserer atheistischen Generation: Sie rezitieren Koransuren auf Arabisch, statt sich im Berghain beschallen zu lassen. Sie fasten während des Ramadans, anstatt sich zyklisch mit Drogen ins Jenseits zu katapultieren. Sie heiraten, statt polyamourösen Hedonismus zu praktizieren. 

Ich wollte wissen, warum junge Deutsche zum Islam konvertieren. Ist unsere grenzenlose Freiheit vielleicht doch nicht das höchste der Gefühle, so wie wir es immer dachten? Hat Sartre recht, wenn er schreibt, „der Mensch ist zur Freiheit verdammt“? Steht den grenzenlosen Möglichkeiten die grenzenlose Unverbindlichkeit gegenüber, auf die wir mit der Sehnsucht nach Sicherheit antworten? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen traf ich Daniel und Linnea. Beide sind biodeutsch und konvertierten vor einigen Jahren zum Islam. Daniel wuchs im Osten Berlins auf, Linnea im Westen. Sie erzählen, wie deutsch der Islam sein kann und warum sie heute noch mal konvertieren würden.


Daniel in seiner radikaleren Phase


Daniel in der Moschee am Görlitzer Bahnhof

Als ich Daniel in Kreuzberg treffe, bin ich zunächst überrascht. Seinen muslimischen Glauben sieht man ihm nicht an, er trägt Baggies und Turnschuhe, als er die Hinterhofmoschee am Görlitzer Bahnhof betritt.

Daniel wurde 1986 in der damaligen DDR geboren. Er wuchs in einer Neubausiedlung an der Grenze zu Hohenschönhausen auf. „Da war es so künstlich, so steril, dass es einem vorkam, wie ein Gefängnis. Ich fühlte mich dort isoliert und gleichzeitig beobachtet. Es war wie eine Plastik-Porno-Welt voller dummer Prolos und gefühlskalter Egoisten. Zu denen wollte ich nicht gehören und bemühte mich um die entsprechende Abgrenzung. Also schwamm ich immer gegen den Strom.“ In seiner Jugend probierte er wie viele von uns eine Menge verschiedener Subkulturen durch. „In der Pubertät war ich mal Punk, Sprayer, mal links, mal dem Ganzen wieder abgeneigt gegenüber, mal gesellschaftskritisch, mal nachdenklich, mal depressiv, mal euphorisch“, erinnert er sich heute. „Ich habe mich, trotz Wohlstand, trotz relativ normaler Familie, nicht wirklich geborgen gefühlt in dieser Welt, in dieser Gesellschaft, in dieser Stadt. Ich trug öfters ein Gefühl der Entfremdung mit mir herum—das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt.“

„Ich habe damals wie ein Schlot gekifft. Das hat sicher auch eine Wirkung auf meine Entwicklung gehabt“, sagt er heute. Er konvertierte in einer Zeit des Umbruchs. Er war gerade mit dem Abi beschäftigt, aber die Schule lief bei ihm sowieso als Nebensache. Sein Abi bestand er mit 3,0, danach folgte die Sinnsuche. Er beschreibt diese Zeit als Emanzipation von seinen alten Freunden. „Ich habe da keine Gemeinschaft mehr gespürt. Es ging immer nur um die gleichen Sachen. Ich wollte diese Kreise der Gewohnheit durchbrechen.“ Er hatte auch keinen Bock mehr auf die ganzen illegalen Machenschaften—Graffiti, Drogen und anschließende Polizeikontrollen. Das wurde ihm schließlich zu stressig, er fing an, seiner Unzufriedenheit eine Stimme zu geben und schrieb HipHop-Texte, die er mit harten Beats unterlegte, und pflegte so noch mehr sein Einzelgängerimage.

Als Daniel 2006 zum Islam konvertierte, war die letzte abrahamitische Religion eine fremde Welt für ihn, sagt er: „Ich wusste am Anfang nichts über den Islam, außer das, was alle Leute so denken. Die Twintowers und die Frauenrechte und so.“

Trotzdem schreckte ihn das nicht ab, als er durch Zufall von einem türkischen Bekannten eingeladen wurde, einmal eine Moschee zu besuchen. Er fuhr an einem verregneten Samstag in den Wedding und betrat eine Sufigemeinde. Der Sufismus ist eine mystische Strömung des Islam. Dort wurde laut gesungen und im Dunkeln getanzt. Er war beeindruckt, so hatte er sich den Islam nicht vorgestellt. Dann konvertierte er. „Am selben Abend habe ich ganz spontan den Islam angenommen. Mehr aus einem Gefühl heraus, weniger wegen des Verstands. Das Fremde hat mich fasziniert—vielleicht sogar hypnotisiert. Es löste einen euphorischen Schub in mir aus. Eine Energie, die ich vorher nicht kannte.“ Da war Daniel gerade 20 Jahre alt.

„Ich hatte durch den Islam das Gefühl, dass es jetzt alles wieder bergauf geht, und zwar mit göttlicher Unterstützung—wie gesagt, da war diese Energie, die mich so stark gemacht hat, dass ich vom einen auf den anderen Tag, den ganzen Müll wegwerfen konnte und ,reinen Tisch‘ machte.“

Daniel ist heute 26 Jahre alt. Seine Augen leuchten blau und er trägt seinen blonden Bart nicht ohne einen gewissen Stolz. „In der Antike haben die Männer auch Bart getragen, dass ist nicht nur ein Symbol für den Islam, sondern auch Platon und Aristoteles trugen ihn“, sagt er, als wir uns in seiner Lieblingsmoschee in Kreuzberg treffen. „Da ist es immer so ruhig“, betont er.

Durch den Übertritt zum Islam wurde Daniels Suche aber nicht beendet, sondern sie fing gerade erst an. Er schloss sich verschiedenen Gruppen an und machte sich auf die Suche nach dem „wahren“ Islam. Allerdings fand er nirgendwo richtigen Anschluss. „Das ist eine Art umgedrehtes Integrationsproblem. Der Deutsche in der türkischen Moschee ist und bleibt ein Fremder oder ein Neuling“, erklärt er das Gefühl, als Deutscher nicht zur Gemeinschaft der geborenen Muslime zu gehören.

Erst langsam lernt er seine neue Religion kennen. Es dauert Jahre, bis er sich in den innerislamischen Angelegenheiten zurechtfindet. „Ich selbst hatte auch keine Ahnung, wie zerstritten die Muslime eigentlich sind. Von außen sieht das ja recht homogen aus. Ist man dabei, bekommt man aber diese ganzen Rivalitäten mit.“

Als er einen älteren Mann aus dem Irak kennenlernt, findet er in ihm einen Mentor und vertieft mit seiner Hilfe sein Arabisch und Wissen über die Religion. Er hält religiöse Vorschriften fortan strenger ein, was zu Konflikten mit seiner Familie führt.

Als er das erste Mal mit radikaleren Strömungen in Berührung kam, war er fasziniert. „Im politischen Sinne radikalisierte ich mich nicht ,professionell‘, sondern eher unterschwellig. Zum Beispiel war der Irakkrieg wie auch der Konflikt zwischen Palästina und Israel ein Thema für mich und ich identifizierte mich mit den Mudschaheddin.“

Dass es auch immer mehr Menschen gibt, die den Glauben radikaler ausleben, findet er dabei gar nicht so verwunderlich. „Die bieten Antworten. Wer gibt denn heutzutage sonst noch Antworten in unserer Gesellschaft?“, fragt er. Daniel ist sich sicher, dass die Politisierung eine der wichtigsten Argumente für den radikalen Islam ist.

„Ich sah mir dann später auch Videos an, wie Amerikaner in die Luft flogen. Das fand ich absolut gerecht und es geschah in meinen Augen für eine gute Sache. Diese sittenlosen Schweine hat es endlich mal erwischt. Das haben sie davon, dass sie überall ihre von Gott verfluchte Welt aufbauen möchten, in der es nur um eins geht: ,It’s all about the motherfucking money.‘ Das Gleiche empfand ich übrigens auch für Deutschland. Mein Heimatland … ein willensloser Sklave der Amis und Israel immer schön die Füße küssen.“

Daniel schaute sich Videos im Internet an und identifizierte sich mit der Seite der Iraker. „Klick hatte es für mich gemacht, als ich einen Ausschnitt sah, in der irakische Widerstandskämpfer triumphierend durch die Wüste marschierten. Als ich die vermummten Männer sah, mit den Waffen in der Hand, voller Stolz, aufgestellt in einer Reihe, dachte ich: ,Das sind sie: Die Muslime, die den Kern und die Ehre des Islam bewahrt haben und sich von niemanden einschüchtern lassen, genau wie die ersten Muslime zur Prophetenzeit‘“, erklärt Daniel die Faszination dieser ultramännlichen Vorbilder.

Daniel kam im Ramadan 2008 in Kontakt mit den radikaleren Seiten des Islam. In der Al-Nur Moschee, im Stadtteil Neukölln, die zu dieser Zeit vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, traf sich eine Gruppe junger Löwen, die sich dem Dschihad anschließen wollten. In den nächsten Jahren machten sie Schlagzeilen: Einer in seiner Peer-Group wurde auf dem Weg nach Waziristan festgenommen und anschließend zu einer Haftstrafe verurteilt, ein anderer setzte sich in die Türkei ab und wurde dort festgenommen. Ein dritter wurde verdächtigt, eine Bombe in Berlin zünden zu wollen, wurde jedoch aus Mangel an Beweisen freigelassen. 

Heute ist er froh, dass diese Ideologie nur eine kurze Phase in seinem Leben war. Die Brutalität in der islamistischen Szene schreckte ihn ab. „Diese dumpfe Radikalität nahm bald solche Züge an, dass selbst Personen, die eben noch religiöse Autoritäten darstellten, auf einmal als Abtrünnige, gleich den Ungläubigen, bezeichnet wurden. Ich war froh, dass ich meinen eigenen Weg ging.“

Für ihn kommt es nicht infrage, die Religion noch einmal zu wechseln. Er könnte es gar nicht, das käme ihm falsch vor und vielleicht käme er sich dann ein bisschen wie ein Verräter vor. Stattdessen praktiziert er den Islam in der Art, wie es für ihn gut ist und Sinn macht. In den ersten Jahren war er ziemlich streng unterwegs, da war er zu keinerlei Kompromissen bereit. Inzwischen ist er nicht mehr so streng zu sich selber, deshalb betet er nicht mehr regelmäßig fünf Mal am Tag.

Daniel fühlt sich heute nicht mehr als Fremdkörper, sondern als Teil des großen Pluralismus in Deutschland. Er hat eine Palästinenserin geheiratet, die ihm neue Seiten der Religion nahebrachte, erzählt er mir: „Durch meine Schwiegerfamilie aus Palästina habe ich einen ruhigen, traditionellen Islam kennengelernt, der nicht auf Mission ausgerichtet ist.“

Daniel ist sich sicher, dass wir uns mehr um den Islam bemühen müssen, weil er, genau wie er selbst, zu Deutschland dazugehört. „Islam ist nicht Frieden, aber auch nicht Dschihad.“ Im Islam wie auch im Koran wurde vieles offengelassen. Und er ergänzt: „Jeden Text kann man auf verschiedene Arten interpretieren, das gilt auch für vermeintlich eindeutige Regelungen. Was jemand also unbedingt über den Islam wissen sollte, ist seine Geschichte. Wer die verstanden hat, der kann die heutigen Probleme in islamisch geprägten Gesellschaften besser verstehen.“

Am Morgen, als ich mit Linnea verabredet bin und zur Moschee am Columbiadamm nach Neukölln fahre, ist es kalt. Der Regen gefriert auf der Straße zu Eis und aus den Kaminen über dem ehemaligen Arbeiterviertel steigen graue Rauchschwaden von verfeuerten Briketts auf. Die weißgetünchten Minarette der Sehitlik Moschee sind schon aus der Ferne zu sehen. Dieses Bauwerk mit seinen arabesken Verzierungen erinnert eher an Istanbul, als an die Spree. Pünktlich auf die Minute, um 13:04 Uhr, schallt der Ruf des Muezzins durch die Lautsprecher über den Hof und erinnert die Gläubigen an das Mittagsgebet.

Linnea trägt einen dicken Wintermantel und hat einen Schal umgebunden. Wir gehen über den Hof, vorbei an den Waschräumen, einem Kiosk und zahlreichen Gräbern, die auf dem Gelände sind. Ihre dunkelblauen Augen strahlen, als sie die massive Holztür der Moschee öffnet und hineingeht. „Wenn ich in die Moschee komme, dann finde ich Ruhe und Zufriedenheit. Da kann ich aus meinem Alltagstrott ausbrechen“, sagt sie und lächelt. Vor sieben Jahren ist sie zum Islam konvertiert.

Linnea ist ein normales deutsches Mädchen, so wie ich. Sie hatte eine klassische westdeutsche Kindheit, sie sammelte Pferdesticker und ihre Vorbilder waren Pipi Langstrumpf und Ronja Räubertochter.


Linnea vor der Sehitlik-Moschee in Kreuzberg

Die Konversion einer jungen Deutschen ist heute längst nicht mehr ungewöhnlich, denn tatsächlich konvertieren immer mehr junge Frauen zum Islam. Längst wurde die Liebeskonversion wegen eines Partners durch die Konversion als selbstbestimmte Entscheidung junger Frauen, die sich bewusst für ein Leben mit dem Islam entscheiden, abgelöst. Es genügt nicht über Kopftuch, Steinigung und schwarze Witwen zu sprechen, wenn man über Deutschland, Islam und die Frauen spricht. Linnea ist ein Beispiel für eine moderne deutsche Muslima.

Vor ihrer Konversion gab es ein Schlüsselerlebnis, das sie während eines Auslandssemesters in Spanien in ihrem Entschluss bestärkt hat, den muslimischen Glauben anzunehmen, der sie schon lange Zeit fasziniert hat. „An einem Abend war eine Gruppe von Jugendlichen am Hafen. An einem Abend waren alle besoffen, der Wind blies stark, einer ist ins Wasser heruntergefallen und ist gestorben, weil seine Freunde zu besoffen waren, um ihm zu helfen. Das war einer der Momente, wo ich verstanden habe, dass es Sinn macht, auf verschiedene Dinge zu verzichten. Ich könnte nicht damit leben, dass ich zu besoffen war, um jemandem zu helfen.“ Da war sie gerade 24. Sie konvertierte in der Nacht, bevor sie nach Deutschland zurückkehrte, vor einem befreundeten Muslim. „Ich habe mich gewaschen und dann habe ich die Shahada, das islamische Glaubensbekenntnis auf Arabisch gesprochen: La- illa-ha illa Alla-h wa-Muh•ammadan rasu-l Alla-h“. Es bedeutet übersetzt: „Es gibt keinen Gott außer dem einen Gott und Mohammed ist der Gesandte Gottes!“ Nun war sie konvertiert, war eine Muslima und gehörte zur globalen Gemeinschaft der Muslime. Danach ging sie auf das Flachdach über ihrer WG und schaute sich die aufgehende Morgensonne an, die golden über den schiefen Häuserdächern von Cadiz hing. „Ich habe damals ungern Verantwortung übernommen. Aber ich wusste, wenn ich mich jetzt dafür entscheide, dann ziehe ich es durch!“ Das war 2005, seitdem betet sie fünf Mal am Tag und verzichtet auf Dinge, die im Islam haram, also verboten sind, wie Schweinefleisch und Alkohol.

Den ersten Kontakt zu Muslimen nach ihrer Konversion hatte sie durch eine Gruppe von Frauen, die weit entfernt war von radikalem Ideengut. Sie erinnert sich: „Ich kam manchmal im Minirock nach dem Schwimmen zu unseren Treffen, das war überhaupt kein Problem.“ Diese Offenheit imponierte ihr und öffnete ihr schon früh den Zugang zu einer gemäßigten Interpretation des Islam. Vielleicht die beste Immunisierung gegen radikale Einflüsse.

Einige Zeit später kommt sie in Kontakt mit einer salafistischen Gruppe, die die religiösen Regeln ganz besonders streng auslegen. Die Salafisten sind ihr suspekt und sie merkt schnell, dass deren Interpretation des Korans sehr einseitig ist.

„Das Typische bei den Salafisten ist, dass sie immer mit dem Sheitan (Teufel) argumentieren. Es geht immer nur um Details und um die Frage, was passiert, wenn ich etwas falsch mache. Sie konzentrieren sich immer auf das Negative.“

Linneas Übertritt zum Islam war der Anfang von einem langen Weg, aber heute sagt sie, dass sie es geschafft hat. „Mich kann nichts mehr aus der Ruhe bringen, was meinen Glauben betrifft.“ Um an diesen Punkt zu gelangen, ist sie durch eine harte Schule gegangen. Es gäbe wenig Schlimmeres, als zum Islam zu konvertieren, versichert sie mir. Eltern haben oft Angst, weil sie nicht wissen, in welche Richtung das geht, meint Linnea: „Als ich bei meiner Mutter zu Besuch war und Koransuren auf meinem Rechner gehört habe, da hat sie gleich gedacht, ich werde eine Terroristin.“ Wie eine Terroristin wirkt Linnea gar nicht, eher wie eine Vorzeige-Muslima, die in zehn Jahren zur Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime gewählt werden könnte—als gelungenes Beispiel für eine Doppelintegration.

Vorsichtig schlägt sie den Koran auf. „Ich fühlte mich lange Zeit hingezogen zum Islam und doch hatte ich Angst, dass ich mein ganzes Leben ändern muss, wenn ich konvertiere. Dafür war ich lange Zeit nicht bereit“, erinnert sie sich an die Zeit ihrer Zerrissenheit, „Ich stand immer zwischen den Welten. Ich habe am Anfang noch dieses Partyleben mitgemacht, aber ich war immer hin- und hergerissen zwischen einem guten muslimischen Leben und meinem alten Leben.“ Sie bleibt immer häufiger zu Hause, anstatt, wie die anderen, durch Cafés, Bars oder Clubs zu ziehen. „Mir hat das einfach irgendwann keinen Spaß mehr gemacht, dieser ständige Exzess“, sagte Linnea und schüttelt den Kopf. Ich muss unwillkürlich an die Wochenenden meiner Freunde denken und auch ich zweifle manchmal an dem Sinn dieser willkürlichen Entgrenzung. Nach so einer wilden Nacht im Exzess ist meist der nächste Tag der Moment der Abrechnung. Zwischen meinen Beinen klebt der Dreck aus Tausenden solcher Nächte und ich frage mich ernsthaft, ob Religion nicht doch eine ernst zu nehmende Alternative ist. Ordnung in den sozialen Beziehungen, das ist ja schon mehr, als man haben kann im Berlin der Gegenwart.


„Arabisch ist nicht leicht“, versichert Linnea, es hat sie viel Mühe gekostet, das fremde Alphabet zu lernen.

Linnea hat diese Welt des Rausches und der nächtlichen Katakomben hinter sich gelassen. Sie haftet dem Exzess nicht mehr an, hat dem schillernden, abgründigen und tollwütigen Leben abgeschworen. Sie hat ihren Dämon gezügelt. Sie brennt sich nicht mehr ihr Gehirn weg, in der Hoffnung, damit alles vergessen zu machen. Sie hat einen Glauben, eine Religion, einen Sinn. All das, was meine Freunde und ich nicht haben, denke ich.

Verkündete Nietzsche noch Ende des 19. Jahrhunderts „Gott ist tot“, so scheint dies inzwischen überholt zu sein. Längst hat die Renaissance des Religiösen um sich gegriffen. Auf dem Markt der Religionen können wir unsere religiöse Identität frei wählen. Diese selbst geschnitzte Religiosität, die wir uns auf den Sinnmärkten der Moderne zusammenbasteln, stellt uns vor ein neues Problem: Welcher Glaube ist der richtige? Welches Produkt passt am besten zu mir? Was suche ich eigentlich? Das Angebot reicht von Aura-Therapie bis zu Zen-Buddhismus. Der Islam konkurriert hier mit allen Variationen der Esoterik und anderen Weltreligionen. Aber im Gegensatz zu einer zerstückelten Praxis des Religiösen, wo alles gleichzeitig möglich ist, verspricht der Islam Stabilität, Grenzen und klare Leitplanken im Alltag, einen orthodoxen Gegenentwurf.

Linnea fand im Islam endlich das, was sie gesucht hatte. Die alltäglichen Rituale geben ihr Sicherheit: „Mir gefiel schon immer die Art zu beten, diese tägliche Regelmäßigkeit, die Ruhe in den Alltag bringt“, sagt sie, bevor sie in den Waschraum der Moschee geht und die rituelle Waschung vor dem Gebet beginnt. „Ich hatte das Gefühl, dass ich das bekenne, was ich schon bin“, sagt sie, während sie ruhig in den Spiegel schaut und das blaue Tuch um ihr dunkelbraunes Haar bindet. „Ich fühle mich mit dem Kopftuch geborgen“, sagt sie und versteckt die letzten Haarsträhnen unter den Schleier. „Das Kopftuch kann auch bedeuten: Ich bin erkennbar oder ich bin geschützt, werde nicht angebaggert. Manche Frauen beten nicht und tragen trotzdem ein Kopftuch. Es gibt wirklich alle Spielarten.“ Das Kopftuch kann Teil der Selbstbestimmung sein, muss aber nicht. Auch wenn sie kein Kopftuch trägt, spielte Kleidung eine zentrale Rolle im Prozess ihrer religiösen Identitätssuche. Miniröcke hat sie gegen längere Röcke getauscht. Trotzdem wird sie regelmäßig von alten Freundinnen oder ihrer Familie gefragt, ob sie nicht wieder ein bisschen engere und kürzere Kleidung tragen möchte, aber sie fühlt sich in langen Kleidern wohler. Sie möchte sich nicht mehr „zum Objekt machen lassen“ oder sich der Pornofizierung der Frau kampflos ausliefern. Sie führt ein selbstbestimmtes Leben.

Emanzipation interpretiert Linnea auf ihre ganz eigene Weise. Das erinnert mich eher an Kristiane Backer, die schon Ende der 90er in Cat Stevens Fußstapfen trat und mit ihrem Buch Von MTV nach Mekka keinen Zweifel daran lässt, dass heute auch weibliche Vorbilder zum Islam konvertieren—Frauen, die Geld, Ruhm und Erfolg freiwillig für ein bescheidenes Leben im Einklang mit Allah aufgeben—nicht nur verzweifelte Außenseiter. 

Linnea hat keine Beziehung, aber schon klare Vorstellungen davon. Da wird mir erst bewusst, wie fundamental sich eine Partnerschaft im Islam von einer Partnerschaft im hedonistischen Kontext unterscheidet: Während wir uns noch fragen, ob wir homo, hetero oder bi sind und ob wir eine monogame, polygame oder verdeckt-polygame Beziehung führen wollen, hat sie sich bereits für die Ehe entschieden: „Ich will auf jeden Fall heiraten. Ich sehe dieses ganze Konstrukt der Ehe schon als sehr sinnvoll an. Einfach auch, weil ich gerne Kinder haben würde. Ich habe dieses Bedürfnis nach etwas Ruhigen und Festen und Verbindlichen. Das merke ich auch in meinem Freundeskreis, egal ob das Muslime oder Nicht-Muslime sind, ab Ende 20 ändert sich das.“

Ich bin auch Ende 20. Warum konvertiere ich nicht zum Islam?, frage ich mich, nachdem Linnea und ich aus der Moschee kommen. Ich halte kurz inne. Könnte ich das wirklich tun? Könnte ich dem ganzen wilden Hedonismus einfach abschwören? Wie lange würde die Läuterung andauern? Könnte ich es wirklich mit meinem Leben vereinbaren fünf Mal am Tag islamisches Yoga zu machen und im Namen Allahs auf Currywurst zu verzichten?

Ich stecke mir eine Zigarette gegen den Zweifel an und schaue auf die weißen Türme der Moschee. Der Muezzin ruft zum nächsten Gebet. Vielleicht morgen, denke ich, und inhaliere tief.