VICEhttps://www.vice.com/deRSS feed for https://www.vice.comdeFri, 19 Oct 2018 15:51:30 +0000<![CDATA[Der Drogen- und Suchtbericht 2018 ist da – und die neuen Pillenwarnungen]]>https://www.vice.com/de/article/xw99z3/ecstasy-pillen-warnungen-philipp-plein-red-buli-zoll-drogen-suchtbericht-2018Fri, 19 Oct 2018 15:51:30 +0000Die Niederländer können so einiges: die Bahn austricksen, Steuerdieben ein zweites Zuhause bieten – und Ecstasy-Pillen produzieren. Unser Nachbarland gehört zu den größten Pillenherstellern weltweit. Nach Deutschland kommen die bunten Teile versteckt in unechtem Gemüse, Ü-Eiern oder jeglichen Körperöffnungen. Außer der Zoll findet die Ware und beschlagnahmt sie. Damit hatte er zuletzt allerdings immer weniger Erfolg.

Während der Zoll 2016 noch zwei Millionen Pillen sicherstellte, waren es 2017 nicht mal 700.000. Das geht aus dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung hervor, der diese Woche veröffentlicht wurde. Über die Hälfte der beschlagnahmten Ware geht auf das Konto des Zolls, auch wenn die Großfunde, wie es sie 2016 gab, größtenteils ausblieben. Der Einbruch liege aber nicht an weniger Kontrollen, betont der Zoll auf Anfrage von VICE, und: Im Vergleich zu 2015 hat sich die Menge der vom Zoll sichergestellten Pillen immerhin noch verdoppelt. Vielleicht verzichteten die Schmuggler und Schmugglerinnen ja letztes Jahr einfach auf Fake-Karotten und ließen sich bessere Verstecke einfallen.

Was genau in den geschmuggelten Pillen steckt, die am Ende bei den Konsumierenden in Deutschland laden, können diese nicht nachvollziehen. Anders als in den Niederlanden gibt es keine Chance auf ein legales Drug-Checking. Bis das auch endlich hierzulande geht, sammeln wir, wie jede Woche, die Ergebnisse aus unseren Nachbarländern und Großbritannien. Getestet wurden die Pillen von The Loop, Eurotox in Belgien, dem niederländischen Trimbos Institut, "Checkit!" von der Suchthilfe Wien, der Innsbrucker Drogenarbeit Z6, Energy Control auf Mallorca, dem Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich (DIZ) und der Drogeninfo Bern Plus (DIB+).

Die folgenden Pillenwarnungen wurden in den letzten sieben Tagen veröffentlicht. Alle Warnungen seit Mai dieses Jahres – einschließlich der neuen – haben wir in diesem Artikel zusammengefasst. Jede Pille ist entweder hoch oder extrem hoch dosiert, oder sie enthält gar kein oder nicht nur MDMA. Wenn eine Pille nicht gelistet ist, heißt das nicht, dass sie rein und niedrig dosiert ist. Der Artikel enthält zudem eine Reihe sogenannter Safer-Use-Regeln, um unnötige Risiken und mögliche Schäden durch Ecstasy-Konsum zu reduzieren. Wir erklären dort auch, warum wir überhaupt Pillenwarnungen veröffentlichen.

Die Seite pillen.sauberdrauf.com der bayerischen Drogenberatungsstelle mindzone und das Drug-Checking-Tool von saferparty.ch listen viele weitere und ältere Pillentests. Saferparty veröffentlichen im Laufe des Wochenendes regelmäßig zusätzlich neue Warnungen und Meldungen.

Die Pillenwarnungen der dritten Oktober-Woche 2018

Rote "Red Buli"

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Pillenfotos: Checkit! | DIB+ | DIZ | Drogenarbeit Z6 | The Loop | Trimbos | Energy Control || Hintergründe, sofern nicht anders angegeben unter CC0

Nicht "Red Bull" sondern "Red Buli" war auf eine solche Pille gedruckt, die Mitte Oktober in Innsbruck analysiert wurde. Sie enthielt eine extrem hohe Dosis von 317 Milligramm MDMA, es ist große Vorsicht geboten. Insbesondere, weil in Wien Ende September Pillen mit nahezu identischem Aussehen, aber einer geringeren Dosis von 173 Milligramm MDMA getestet wurden. Die Mengen in diesen Pillen schwanken also erheblich.

Gelbe "Philipp Plein"

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Pillen mit dem klassischen PP-Logo des deutschen Modedesigners Philipp Plein auf der Vorderseite und einem Totenkopf auf der Rückseite gibt es in vielen Farben und mit unterschiedlichen Dosen. Eine gelbe Pille wurde in Bern Mitte Oktober zur Untersuchung gegeben. Die Forscher und Forscherinnen des DIB+ fanden eine hohe Dosis von 137 Milligramm MDMA. Pillen mit einem solchen Aussehen zirkulieren unter anderem auch in Orange, Grün und Gold – in vielen Fällen sind sie extrem hoch dosiert

Grüne "Dom Pérignon"

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Nicht weniger selten als "Philipp Pleins" sind Pillen mit dem Logo der teuren Champagner Marke "Dom Pérignon". Das DIZ in Zürich testete eine grüne Pille in dieser Form Mitte Oktober auf eine hohe Dosis von 131 Milligramm MDMA. Ebenfalls in Zürich wurde eine solche Pille Anfang Juni auf 155 Milligramm MDMA analysiert. Eine weitere grüne Pille erreichte 136 Milligramm MDMA bei einem Test in Wien.

Graue, runde Pille ohne Logo oder Namen

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Eine runde Pille ohne Aufdruck wurde Mitte Oktober zum DIZ in Zürich gebracht. Die Pille erreichte 180 Milligramm MDMA. Andere logolose Pillen enthielten in den letzten Monaten 2C-B.

Graue "Glock"

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Keine echte Kugel aus einer Glock-Pistole, aber trotzdem auf keinen Fall zu unterschätzen – und potentiell lebensgefährlich – ist diese Pille. Eine graue "Glock" tauchte Mitte Oktober in Innsbruck auf und wurde vom Z6 auf 208 Milligramm MDMA getestet. Das ist eine extrem hohe Dosis.

Wenn du schon einmal ambulant behandelt werden musstest, nachdem du Drogen genommen hast, (oder Freunde von dir) und du mit VICE über deine Erfahrung sprechen möchtest, erreichst du unseren Redakteur Thomas Vorreyer per E-Mail oder Twitter-DM.

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<![CDATA[Ominöse Polizisten haben auf der Buchmesse Journalisten bedrängt]]>https://www.vice.com/de/article/3kmmn5/ominose-polizisten-haben-auf-der-buchmesse-journalisten-bedrangtFri, 19 Oct 2018 15:38:54 +0000Gleich gibt es eine Schlägerei, denkt sich Juri Sternburg, als die Männer in den blauen Sakkos auf ihn zustürmen. Sternburg bleibt trotzdem stehen. Wenn's knallt, dann knallt's, denkt er sich.

Dabei war es bis vor ein paar Sekunden noch völlig ruhig gewesen auf dem Parkplatz vor der Frankfurter Buchmesse. Zusammen mit ein paar Dutzend Journalisten und Demonstranten hatte der Autor und Kolumnist Sternburg, der auch für Noisey schreibt, darauf gewartet, dass Björn Höcke, der auf der Messe gerade einen Vortrag gehalten hatte, aus dem Gebäude kommt. Auf dem Parkplatz stand, von Polizisten und Sicherheitsmännern bewacht, ein Auto für den Thüringer AfD-Chef bereit. In der Gruppe der AfD-Gegner wussten viele gar nicht so genau, was sie eigentlich machen wollten, wenn Höcke kommt. Das war dann aber auch egal, weil er nie kam. Irgendwann fuhr das Auto einfach los – das ganze war ein Ablenkungsmanöver gewesen.

Eigentlich hätten jetzt alle nach Hause gehen können, aber dann rief eine Frau laut "Scheiß-Nazi!" – und plötzlich lösten sich vier Männer aus der Gruppe der Sicherheitsmänner und rannten auf sie zu.

Die blauen Herren

"Wir waren alle sicher, dass das Nazi-Securitys waren", sagt Sternburg – und meint damit von der AfD angeheuerte Sicherheitsmänner. Dafür habe man gute Gründe: Dieselben Männer seien ihm und seinen Begleitern schon vorher im Messegebäude aufgefallen, weil sie sich immer wieder in ihrer Nähe aufgehalten und sie beobachtet hätten. Dass es sich um Polizisten handeln könnte, hätten alle in der Gruppe ausgeschlossen. Die Männer waren zwar in Zivil, aber trugen doch alle eine Art Uniform: blaue Sakkos mit Jeans, manche dazu auch noch blaue Krawatten. "Zivilpolizisten ziehen sich immer so an, dass sie nicht auffallen", sagt Sternburg. "Die hier sahen alle gleich aus."

Die Männer sind an diesem Freitag auch anderen Buchmesse-Besuchern aufgefallen. Zwei von ihnen tauchen zum Beispiel kurz in einem Livestream von RT Deutsch (ab Minute 39:30) auf, wo sie sich etwas seltsam benehmen:

Der Kameramann interviewt gerade zwei Frauen, von denen eine ihn hin und wieder mit ihrem Handy zurückfilmt. Plötzlich kommen von rechts zwei Männer ins Bild, einer stellt sich lächelnd sehr nah an die Filmende und sagt ihr, sie solle "hier keine Personen aufnehmen". Als die Frau ihn darauf hinweist, dass er sich gerade in einen Livestream gestellt hat, also jetzt auf jeden Fall gefilmt wird, verdrücken die beiden sich ziemlich schnell wieder. Wer sie sind oder weshalb sie das Filmen stört, haben die Männer nie erklärt. "Wir werden hier schon eingeschränkt in unserer Meinungsfreiheit!", scherzt eine der beiden Frauen.

Später sah Sternburg, wie sich einer der Sakko-Männer länger mit dem rechten Verleger Götz Kubitschek, einem Freund Höckes und langjährigen Unterstützer der AfD, ein paar Minuten unterhielt und dabei lachte. Auch deshalb war er überzeugt, dass es sich um Leute der AfD handelte.

"Das haben Sie doch freiwillig gelöscht"

Zu einer Schlägerei kam es dann doch nicht. Die Männer rannten einfach an Sternburg vorbei und umzingelten die Frau, die "Nazi" gerufen hatte, sowie ihre Freundin. Die Männer "stellten sich daraufhin um die beiden Frauen, die sich so eingekreist offensichtlich verängstigt aneinander klammerten", beschreibt die Autorin Sophie Sumburane die Situation auf ihrem Blog. Mehrere Leute aus der Gruppe fingen jetzt an, nach der Polizei zu rufen, die in der Nähe stand.

Worauf die Männer in den blauen Sakkos schließlich erklärten, sie seien selber von der Polizei.

Weil ihnen das keiner glauben wollte, zeigten die Männer schließlich kurz Ausweise mit der Aufschrift "Hessische Schutzpolizei", deckten die Namen dabei aber mit den Daumen ab. Die Männer wollten die beiden Frauen mitnehmen, um ihre Personalien festzustellen.

Weil niemand aus der Gruppe je von einer Hessischen Schutzpolizei gehört hatte, bestanden sie weiter darauf, dass uniformierte Polizisten dazukommen. Irgendwann kamen die auch, unterhielten sich kurz abseits mit den Männern und erklärten dann, das alles seine Ordnung habe. Die Frauen wurden zu einem Einsatzwagen geführt.

Währenddessen hatte einer der Männer bemerkt, dass Sternburg ein Video drehte, und forderte ihn auf, das sofort zu löschen. Als Sternburg sich weigerte, versuchte er, ihm das Telefon zu entreißen, als das nicht gelang, drohte er, das "Handy mitzunehmen und auswerten zu lassen", erinnert sich Sternburg. Weil er wusste, dass sowas Wochen dauern kann, knickte Sternburg schließlich ein und löschte das Video – was er als Journalist eigentlich nicht muss.

"Dann wurde es aber erst richtig skurril", sagt Sternburg. Als er den Mann nochmal daran erinnerte, dass er das als einen Eingriff in die Pressefreiheit empfinde, erklärte der Mann, Sternburg habe das Video doch freiwillig gelöscht, und ging weg. Kurz darauf kam er aber wieder, erklärte noch einmal, Sternburg habe das Video freiwillig gelöscht – und verlangte dann, er solle das Video auch noch aus dem Ordner für gelöschte Dateien entfernen.

Während all dieser Maßnahmen seien die Männer auffällig unfreundlich gewesen, berichtet Sumburane ("Bist du Jurist? Also, halt den Mund!"). Sternburg sagt, irgendwann hätte einer der Männer den einzigen Schwarzen in der Gruppe zur Seite genommen und ihm gedroht, "wenn er weiter so frech ist, dann knallt's". Nachdem reguläre Polizisten die Personalien aller Beteiligten aufgenommen hatten, fotografierten die Männer in Zivil alle Ausweise noch einmal – auch das ist ungewöhnlich für Polizisten. Danach erteilten sie allen der Gruppe Hausverbot – angeblich im Namen der Buchmesse, obwohl auch Aussteller dabei waren – und warfen sie vom Gelände.

Wer waren die Männer?

Sowohl Sternburg als auch Sumburane waren über die Behandlung so sauer, dass sie Artikel darüber veröffentlichten und auf Twitter Erklärungen von der Polizei Frankfurt verlangten. Die antwortete am Dienstagnachmittag auf Twitter, man wisse selbst nicht, wer die Männer waren – es handele sich möglicherweise um "außerhessische Kollegen".

Auf Nachfragen reagierte die Pressestelle nur schleppend, am Donnerstagabend veröffentlichte die Polizei schließlich folgende Erklärung:

Auf Nachfrage hat die Frankfurter Polizei bestätigt, dass es sich bei den "Kollegen" um Beamte der hessischen Schutzpolizei in Zivil handelte. Warum sie die kleine Gruppe überhaupt derart drangsalierten, wird aber nicht ganz klar. Sternburg hatte vorher zwar aktiv gegen den Auftritt Höckes mobilisiert, in dem Moment des Zugriff geschah aber nichts Auffälliges: Griffen sie nur ein, weil eine Frau "Scheiß-Nazi" gerufen hatte, das sich wahrscheinlich sowieso gegen den nicht einmal anwesenden Politiker richtete?

Dann bleibt noch die Frage, mit welchem Recht der Mann von einem Journalisten die Löschung des Videos verlangte. Auf Nachfrage antwortet die Pressestelle der Polizei, von einem solchen Vorfall "lägen keine Kenntnisse vor". Grundsätzlich seien Aufnahmen "bei Situationen aus dem Bereich der Zeitgeschichte" erlaubt, möglicherweise habe es sich hier nicht um einen solchen Fall gehandelt.

Was bleibt, ist ein komisches Gefühl bei den Betroffenen: Warum führen sich Polizisten so auf, dass mehrere Leute sie unabhängig voneinander mit AfD-Saalschutz verwechseln? Und warum machen sie AfD-Gegnern das Leben sogar dann noch schwer, wenn gar keine AfD mehr in Sicht ist? Die Antworten wissen vielleicht nur die blauen Herren selber.

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<![CDATA[Ich habe mich einen Tag lang mit ASMR zugedröhnt, damit ihr es nicht müsst]]>https://www.vice.com/de/article/evww4p/ich-habe-mich-einen-tag-lang-mit-asmr-zugedrohnt-damit-ihr-es-nicht-musstFri, 19 Oct 2018 13:42:43 +0000Ich kann nicht schlafen. Es ist die dritte Nacht in Folge, in der ich mich im Bett wälze. Gestresst von der Arbeit, dem hektischen Großstadtleben und enttäuschenden Tinder-Dates. Entspannung muss her, Frieden, irgendetwas gegen die Rastlosigkeit in mir. Während ich mich durch Spotify scrolle, stoße ich schließlich auf ASMR-Playlists. Sie sollen mich entspannen. Und zwar mit flüsternden Stimmen und Schmatzgeräuschen.

ASMR steht für "Autonomous Sensory Meridian Response", ein angeblich beruhigendes und angenehmes Kopfkribbeln. Wie es funktioniert, weiß niemand so genau. Es soll aber schon Ängste und Depressionen geheilt haben und Kribbel-Experten bieten inzwischen sogar Sprechstunden an. Das Gefühl wird durch die verschiedensten Geräusche erzeugt, durch Knistern, Atmen, Flüstern, Reiben, Schmatzen. Manche Menschen bekommen davon einen regelrechten "Braingasm". Genau den möchte ich erfahren – und zwar nicht nur in schlaflosen Nächten, sondern den ganzen Tag über. Vom Aufstehen bis zum Einschlafen will ich mich mit ASMR zudröhnen, bis ich dieses Phänomen verstehe.

7 Uhr: Aufstehen

Mein Wecker klingelt und ich bin ausnahmsweise sofort wach, weil jemand in mein Ohr schmatzt. Es is Gentle Whispering, eine YouTuberin mit 1,5 Millionen Abonnenten und eine der erfolgreichsten Sprecherinnen der ASMR-Community. Hinter dem Account steht die 32-jährige Maria, sie wurde in Russland geboren und lebt nun in den USA. Sie sieht genauso aus, wie man sich eine Person, die ASMR-Videos macht und Maria heißt, vorstellt: blonde Locken, strahlende Augen, weiche Gesichtszüge, unschuldiges Lächeln. Sie flüstert zu mir. Ganz leise, ganz sanft, ganz langsam begrüßt sie mich. Maria wird mich an diesem Tag immer wieder begleiten.

9 Uhr: Arbeiten

In der U-Bahn bin ich aber erstmal verwirrt. Die Welt ist zu schnell für diese ruhige Stimme, die scheinbar zusammenhanglose Wörter in mein Ohr haucht: "Magst du das Geräusch von gefaltetem Papier? Es fühlt sich so gut an. Hör zu. Hör zu." Ich lausche also gefaltetem Papier, während um mich herum hektische Menschen vorbeirauschen, die offenbar besser geschlafen haben als ich.

Erst im Büro kann ich mich wieder auf Marias Stimme einlassen. Dabei ist es komisch, wenn mich meine Kollegen in normaler Lautstärke ansprechen. Im Vergleich zu Maria klingen sie, als seien sie sauer auf mich. Ich merke: ASMR ist vielleicht nicht der beste Soundtrack für den Alltag im Großraumbüro. Ich scrolle durch die News und kann mich absolut nicht konzentrieren. Aber es ist auch nicht alles schlecht: Ich beobachte vorbeilaufende Leute und das Wasser der Spree. Ich bin in Trance. Alles zieht an mir vorbei. "OK. OK. OK", sagt die Stimme in meinem Ohren und atmet dabei intensiv ein und aus. Ich bin mir sehr sicher, high zu sein. Ein interessantes Gefühl, wenn auch nicht gerade ideal zum Arbeiten.

11 Uhr: Meeting

Meetings sind merkwürdig, wenn eine Flüsterstimme dabei Komplimente in mein Ohr haucht. Wie toll ich mein Leben meistere. Wie sehr sie mich mag. Wie einzigartig ich bin. Die Kollegen und Kolleginnen diskutieren über Demos, die AfD, den Papst. Die Stimme in meinen Ohren erzählt über den größten Baum der Welt. Er heißt General Sherman. Er ist 220 Jahre alt. OK.

13 Uhr: Mittagspause

Der Trancezustand macht keinen Spaß mehr, sondern nur noch müde. Mein Körper arbeitet in halbem Tempo, höchstens. Nach vier Stunden habe ich noch immer kein versprochenes Kribbeln gespürt, keine Gänsehaut. Inzwischen geht mir Marias Stimme auf die Nerven, also schlage ich eine neue Richtung ein. Die ASMR-Community ist schließlich eine der Größten auf YouTube, und es gibt tausende sogenannte "Trigger", die das Kribbeln auslösen können.

Irgendetwas muss doch dabei sein, was auch bei mir funktioniert. Ich höre mich durch die Klassiker: Auf Papier schreiben, Haare bürsten, Schminken, küssen. Letzteres verstört mich so sehr, dass ich wirklich wieder kurz wach bin. Da steht eine fremde Frau mit ihrem Gesicht direkt vor der Kamera und küsst mich links und rechts. Ich kann verstehen, weshalb ASMR gerade von Außenstehenden immer wieder sexualisiert wird. Für die meisten Fans ist es aber kein Fetisch; ihnen geht es nur um Entspannung und nicht um Erregung.

15 Uhr: Zweifel

Diese Entspannung suche ich immer noch vergeblich. Ich beginne, an dem Experiment und seiner Wirkung zu zweifeln. In einer der wenigen Studien, die über ASMR geführt wurden, heißt es, nicht jeder Mensch sei anfällig für die Geräusche, nicht jeder verspüre das Kribbeln. Enttäuschend. Passend zur Lunchzeit finde ich dann aber noch ein Highlight. Ein YouTube-Video, in dem eine Frau genüsslich Honigwaben und Brot verspeist. Zwölf Minuten lang. Der Clip hat 16 Millionen Aufrufe und enthält eines der ekligsten Geräusche, die ich jemals gehört habe. Das Schmatzen der Frau ist so laut als würde das Mikrofon in ihrem Hals stecken. In diesen zwölf Minuten schüttelt sich mein Körper mehrmals, ich habe Gänsehaut. Ist das hier dieses langersehnte Kribbeln? Dann bin ich froh, dass ich bis eben keins hatte.

16 Uhr: Tiefpunkt

Kopfschmerzen. Müdigkeit. Schlechte Laune. Absoluter Tiefpunkt. Ich hasse ASMR mit der Leidenschaft, für die ich zu müde bin. Ich will alleine sein, stattdessen höre ich wieder Maria zu, wie sie ihre Haare bürstet: "OK. OK. OK. OK. So. OK.OK. So. So. OK. So. OK. So. OK. So. So. OK. So. OK.OK.OK. So. OK. So. OK. So. So. OK. So. OK. OK. OK." Und ich so: müde, müde, müde.

19 Uhr: Entspannung

Mittlerweile stecke ich seit 12 Stunden in der ASMR-Dauerschleife. Ich laufe so schnell nach Hause, als könnte ich dadurch Maria entkommen. Aber Maria seufzt nur, wie schön meine Haare sind. Weil mich die frische Luft tatsächlich etwas runterbringt, spazieren wir gemeinsam durch die Straßen. Habe ich einfach nur diese 12 Stunden benötigt, um mich auf sie einzulassen? Oder bin ich so verzweifelt, dass ich mich füge? Definitiv Zweiteres.

Zum Abschluss möchte ich es aber noch einmal richtig wissen. Also tue ich das, wozu ASMR eigentlich gedacht ist: Entspannen. Ich mache mir eine dieser klebrigen, schwarzen Gesichtsmasken, koche Grünen Tee und zünde Kerzen an. Auf mich warten 70 Minuten Friseurbesuch und mein lang ersehntes Bett. Ich liege da und lasse mir von Maria eine passende Frisur aussuchen, die Haare waschen, schneiden, föhnen, und natürlich ausgiebig den Kopf massieren. Ich höre, wie Maria durch das Mikrofon richtige Haare schneidet, und male mir aus, wie sie in ihrem Studio zwischen Tausenden Perücken sitzt und sie frisiert. Wie lange sie das Studio danach wieder sauber machen muss, wenn überall Haare verteilt sind? Ob sich die Fans von ASMR auch solche Fragen stellen?

ASMR-Playlist
Kann man einen "Kopforgasmus" erzwingen? | Foto: Flora Rüegg

23 Uhr: Verabschiedung

Die Lage ist aussichtslos. Ich beende das Experiment nach 16 Stunden. Das Phänomen des Kopfkribbelns habe ich immer noch nicht verstanden. Bis heute weiß ich nicht, was es mit den Honigwaben auf sich hatte. Oder den Friseurbesuchen. Oder den Küssen. Und was ich eigentlich den ganzen Tag getan habe, denn produktiv war ich in meinem Dämmerzustand nicht. Stattdessen frage ich mich, ob ich Maria vermissen werde. Immerhin hat sie mit mir mehr gesprochen, als viele meiner Familienmitglieder es in zwanzig Jahren getan haben. Da ist es fast schade, dass wir unsere intensive Begegnung so negativ beenden müssen, nur weil ich auf ASMR nicht klarkomme.

Aber auch wenn es bei mir nicht geklappt hat, habe ich nach diesem Tag großen Respekt vor den ASMR-Künstlern und -Künstlerinnen. Weil sie das Talent besitzen, einer so großen Community zu helfen mit nichts anderem als sich selbst und ihrer Stimme. Sie verstehen etwas, was ich nicht verstehe. Hinter der Welt von ASMR steckt ein Gefühl, das Millionen YouTube-Nutzer begeistert, entspannt, vielleicht auch heilt.

Vermutlich war ich auch einfach zu hungrig nach dem "Braingasm" und habe es dabei etwas übertrieben. ASMR ist nicht dazu gedacht, es den ganzen Tag über zu hören. Man muss sich dem Phänomen hingeben, sich darauf einlassen. Auch "Kopforgasmen" lassen sich eben nicht erzwingen.

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<![CDATA[Wir haben Stefan Raabs Comeback-Show mit Twitter und Instagram analysiert]]>https://www.vice.com/de/article/wj99qn/wir-haben-stefan-raabs-comeback-show-mit-twitter-und-instagram-analysiertFri, 19 Oct 2018 13:04:50 +0000Als Stefan Raab 2015 das vorläufige Ende seiner Fernsehkarriere ankündigte, herrschte Panik. Woher sollten denn jetzt die guten neuen Showideen kommen? Wer kümmert sich darum, dass Deutschland beim ESC nicht wieder verlässlich auf den hinteren Plätzen landet? Und: Würde ProSieben in Zukunft darauf umsteigen müssen, nicht nur 50 sondern 70 Prozent seiner Sendezeit mit Wiederholungen von Big Bang Theory zu füllen? Drei Jahre später lässt sich sagen: Die Sorgen waren berechtigt. Stefan Raab schien bei seinem großen Comeback-Auftritt in der Kölner Lanxess-Arena allerdings keinerlei Ambitionen zu haben, ins Fernsehen zurückzukommen. Also, haben wir gehört. Wir waren nicht da. Und ihr wahrscheinlich auch nicht.

Die Karten für Stefan Raab live! waren nämlich schon im vergangenen Jahr innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. In die Kölner Lanxess-Arena passen um die 14.000 Leute und wenn wir nach dem Medienecho gehen, waren rund 4.000 davon Journalistinnen und Journalisten. Trotz gegenteiliger Beteuerungen der Bild-Zeitung gab es keine Übertragung oder Live-Schalte auf ProSieben, den Anwesenden wurde außerdem wohl zu Beginn der Show untersagt, mit dem Handy zu filmen. Einige mutige Instagram- und Twitter-Userinnen und -User haben es trotzdem getan. Und einen Einblick dahingehend gegeben, dass wir alle vielleicht ein bisschen zu viel Hoffnung in das "Comeback" des Entertainment-Gottes (denkt euch hier einen blauen Verifizierungshaken) gesetzt haben.

Was haben die Menschen erwartet, die sich schon im Vorfeld aufgeregt mit ihren Karten ablichteten, vor der Veranstaltung noch schnell ein paar Bier kippten und Selfies aus der halbleeren Halle machten? Nun, es kann sie zumindest nicht negativ überrascht haben, dass Raab zu Beginn der Show erst einmal Elton auf die Bühne schickte. Der Ernie des deutschen Praktikantenwesens, dessen mediale Identität so eng mit seinem Ex-Chef verknüpft ist, dass es wahrscheinlich niemanden in der Lanxess-Arena gab, der sich ein TV-Comeback von Raab mehr wünschen würde.

Stefan Raab betritt also die Bühne, als wäre er nie weg gewesen, aber in Anzug und Sonnenbrille, statt Hemd und Schlabberjeans, und spielt "Wadde Hadde Dude Da". Einen dieser Songs, die nur in einem bestimmten kulturhistorischen Kontext funktionieren und Außerirdische in ein paar Jahren die Frage stellen lassen wird: Was zur Hölle ging eigentlich bei diesen "Menschen"? Das Publikum filmt heimlich und klatscht, ganz unironisch euphorisch wie betrunkene Hochzeitsgäste, wenn nach den ganzen Schmonzetten zu später Stunde endlich "Gangsta’s Paradise" von Coolio läuft. Später wird als eine Art zweites Intro auch noch die Melodie von TV Total gespielt. Was bleibt, wenn Stefan Raab keine lustigen Einspieler zeigen und niemanden in einer ausgedachten oder realen Sportdisziplin besiegen kann? Seine ganz spezielle Art, krude Catchphrases zu eingängigen Songs zu machen. Und mehr scheint es den kompletten Abend dann auch nicht zu geben.

Stefan Raab spielt "Maschendrahtzaun", "Wir Kiffen", "Hier kommt die Maus" und "Alle drei zusammen". Zusammen mit Comedy-Kollegin Carolin Kebekus vertont er "Atemlos" von Helene Fischer neu, mit den Toten Hosen singt er "Bonnie & Clyde" im Duett. Zwischenzeitlich darf Sido mit "Bilder im Kopf" zeigen, dass er mittlerweile auch im Radio gespielt wird – zu den besten Zeiten von TV Total war er schließlich noch der Typ, dessen "Arschficksong" konspirativ wispernd unter Jugendlichen herumgereicht wurde. Und weil Stefan Raab mit seinen halb ernst gemeinten Casting-Shows eben auch ernsthafte Künstlerinnen und Künstler in die musikalische Umlaufbahn geschossen hat, dürfen auch Stefanie Heinzmann ("Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte, und gerne auch bei RTL auftreten darf!" 2008) und Max Mutzke ("Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star" 2004) auf die Bühne.

Die Show endet mit "Ich liebe deutsche Land", was eine Anspielung auf die aktuelle politische Lage in Deutschland sein könnte, es wahrscheinlich aber nicht ist. Denn wenn sich etwas aus den ganzen Fotos und Videos zu "Stefan Raab live!" mitnehmen lässt, dann das: Deutschlands größter Entertainer lebt in der Vergangenheit. Und da gefällt es ihm verdammt gut. (Auch wenn er mittlerweile einen Instagram-Account hat.)

Stefan Raab hat das Konzept eines Hausmusikabends auf gigantische Ausmaße aufgeblasen, so wie er Rodeln in Wok-Pfannen zu einer primetimefüllenden Sportart machte. Vielleicht gibt es Dinge, die nur dann magisch sind, wenn man sie selbst miterlebt. Wer Raabs Greatest Blödelhits am Stück hören möchte, könnte sich schließlich auch einfach eine YouTube-Playlist erstellen. Die 14.000 Menschen, die am 18. Oktober die Wiederauferstehung von Stefan Raab miterlebten, zeigen sich, zumindest in den sozialen Medien, nämlich durchweg begeistert. Als seien sie Zeuginnen und Zeugen von etwas ganz Besonderem geworden, einem Abend unter Eingeweihten, so tief drin im nostalgischen Treibsand, dass es nur ein logisches Fazit gibt: "Jetzt weiß ich wieder, was dem Fernsehen fehlt." Was genau das sein soll, was fehlt, kann hingegen keiner benennen.

Vielleicht ist der Mann mit der endlosen Zahnreihe nicht mehr nur ein Entertainer, sondern ein übermenschliches Symbol geworden. Ein Symbol, das für eine Zeit steht, von der man glaubt, dass sie besser war, angenehmer, frecher, unvorhersehbarer. Das kann man als Kompliment an Raab sehen, oder eben auch als Absage an die Innovationsarmut im deutschen Fernsehen. Zumindest wenn es um die großen Samstagabend-Shows geht.

Könnte Stefan Raab das Fernsehen einmal mehr "retten"? Keine Ahnung. Aber er kann Menschen nach wie vor dazu bringen, rhythmisch mitzuklatschen und einen guten Abend zu haben. Und das ist zumindest weniger peinlich als vieles, was aktuell zur Primetime im deutschen Fernsehen läuft.

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<![CDATA["Holy Shit!": Der furchterregende Riesen-Alligator ist erneut auf einem Golfplatz aufgetaucht]]>https://www.vice.com/de/article/qv9a97/riesen-alligator-erneut-auf-golfplatz-gesichtet-reptil-florida-videoFri, 19 Oct 2018 09:33:08 +0000Offiziell hat Ken Powell auf dem Buffalo Creek Golf Course das Sagen. Der wahre Boss des Golfplatzes in Palmetto, Florida, ist jedoch Chubbs – ein über vier Meter langer Alligator. Schon 2016 spazierte das Ungetüm gemütlich, aber imposant mitten am Tag über das Grün. Die Aufnahme ging um die Welt, immerhin könnte das Reptil zwei durchschnittlich große Menschen mit Leichtigkeit verschlucken.

Seitdem ist einige Zeit vergangen. Die Golfer des Buffalo Creek Golf Course sind vielleicht davon ausgegangen, dass die Herrschaft des gigantischen Alligators vorbei ist und sie ohne Angst ihre Abschläge üben können. Vergangenen Samstag wurden sie aber eines Besseren belehrt: Wie die Zeitung Bradenton Herald berichtet, ist Chubbs erneut aufgetaucht und hat bei seinem Spaziergang gezeigt, wer auf dem Golfplatz immer noch das Sagen hat.

Laut dem TV-Sender Fox 13 hat Sage Stryczny, ein Golfer aus dem nahegelegenen Ort Bradenton, den Ausflug des Riesen-Alligators gefilmt. Das im Video zu hörende "Holy Shit!" ist dabei absolut berechtigt – Chubbs könnte schließlich auch direkt aus dem letzten Jurassic Park-Film stammen. Wie Golfplatz-Chef Powell sagt, gebe es aber keinen Grund zur Furcht: Im Gegensatz zu einigen wilderen Kollegen soll Chubbs ein zahmer Vertreter seiner Art sein und gar keine Lust darauf haben, seine Untertanen auf dem Buffalo Creek Golf Course zu verspeisen.

"Er stellt keine Gefahr da", sagte Powell 2016 gegenüber Fox 13. "Er tut niemandem weh und kann sich jederzeit in sein riesiges Wasserreservoir zurückziehen."

Falls du also Lust auf einen Golftrip hast, dann kannst du Palmetto mit ruhigem Gewissen auf deiner Liste mit möglichen Zielen stehen lassen. Stell dich nur darauf ein, dich auf dem dortigen Golfplatz eventuell vor dem riesigen Reptilien-Boss verbeugen zu müssen.

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<![CDATA[Der Dortmunder Kartoffelkompromiss ist das deutscheste Drama aller Zeiten]]>https://www.vice.com/de/article/negy8d/der-dortmunder-kartoffelkompromiss-ist-das-deutscheste-drama-aller-zeitenFri, 19 Oct 2018 09:24:08 +0000Manche Geschichten machen klar, wie ein ganzes Land tickt. Zum Beispiel die eines eines verarmten Lords aus Schottland, der in seiner Burg eine 100.000 Euro teure Flasche Champagner entdeckte. Anstatt sie zu verkaufen, verschenkte er sie nach Frankreich. Dort gehörte sie seiner Ansicht nach hin. Nun hat Deutschland auch so eine Geschichte, eine, in der alles, wirklich alles, so deutsch ist, wie es nur geht. Es ist die Geschichte des Dortmunder Kartoffelkompromisses.

Sie beginnt – wo sonst? – in einem Fußballstadion und zwar im Dortmunder Signal Iduna Park. Dort regt sich ein Fan über die hohe Polizeipräsenz beim Spiel gegen den 1. FC Nürnberg auf. Er ist empört. Also beschließt die Person mit dem Twitter-Pseudonym "Kartoffelotto", sich zu beschweren.

Zuvor hatte es in NRW zwei Neonazi-Demos gegeben (natürlich, Neonazis dürfen in keiner deutschen Geschichte fehlen). Bei diesen Demonstrationen, das sagt Kartoffelotto später den Ruhr-Nachrichten, wären deutlich weniger Polizeikräfte gewesen als beim BVB-Spiel. Deswegen sei er sauer gewesen.

Bei der Dortmunder Polizei kommt Kartoffelottos politische Kritik gar nicht so gut an. Sie sehen "lachhafter Haufen" als Beleidigung. Der Twitter-Nutzer zollt den deutschen Beamten und Beamtinnen offensichtlich nicht den gebührenden Respekt. Da hilft nur eines, nämlich mit Strafen drohen. Die Reaktion der Polizei fällt entsprechend humorlos aus: Sie behauptet, seinen Kommentar auf "strafrechtliche Relevanz" überprüfen zu wollen.

Aber diese Drohung bringt Kartoffelotto nicht zum Einlenken. Vor allem nicht, da er ordentlich Rückenwind bekommt. Eine ganze Reihe von Twitter-Nutzern und -Nutzerinnen regt sich über die Drohung der Polizei auf. Auftritt: das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Gestalt von Kartoffelkönig Jan Böhmermann.

Und jetzt passiert etwas wirklich Skurriles. Die Polizei twittert, Kartoffelotto solle doch einfach auf einen Kaffee vorbeikommen, um dort "auf menschlicher Ebene" die Sache zu klären. Nur kann Kartoffelotto gerade nicht, weil er "noch kein Auto bewegen darf". Deswegen bittet er um einen anderen Termin für das Kaffeekränzchen. Als daraufhin erst einmal Funkstille herrscht, fährt Kartoffelotto stattdessen für einen Städtetrip nach London. Von dort aus teilt er Bilder verschiedener Biersorten mit seiner neu gewonnen Twitter-Fancommunity. Als er zurückkommt, findet er in seinem Briefkasten eine Vorladung der Polizei.

Das löst wenig überraschenderweise einen ordentlichen Shitstorm aus. Tenor: "An Lächerlichkeit nicht zu überbieten." Am Mittwoch hat die Polizei dann endlich ein Einsehen und erbarmt sich ihrer selbst, Böhmermanns, Kartoffelottos und aller unbeteiligter Zuschauer dieser Posse und beendet den Spaß. Kartoffelotto werde nicht angezeigt, verkündet sie, über ein Gespräch würde sie sich aber immer noch freuen. Kartoffelotto nimmt die Einladung dieses Mal auch an, allerdings nur wenn sowohl er als auch die Polizei und Böhmermann jeweils 100 Kilogramm Kartoffeln für einen guten Zweck spenden. Alle Parteien stimmen zu, der Quatsch hat tatsächlich endlich ein Ende.

Der deutscheste aller Handlungsstränge (Kartoffelotto - Fußball - Empörung - Respekt - Strafe - Beamte - ZDF - Kaffeekranz - Bier - Kartoffeln) findet sein Happy End. Bleibt nur noch eine Frage zu beantworten und das übernehmen wir natürlich gerne.

Die Antwort berechnet sich wie folgt: Der Pro-Kopf-Konsum von Kartoffeln liegt in Deutschland bei 57,9 Kilogramm im Jahr. Da wir hier von Dortmund reden, rechnen wir aber mit 60 Kilogramm, wegen des überdurchschnittlich hohen Pommes-Konsums. Dortmund hat 586.600 Einwohner, im Jahr verzehren die also 35.196.000 Kilogramm Kartoffeln. Wenn man, wie im vorliegenden Fall, von einem 300-Kilo-Ertrag pro Beamtenbeleidigung ausgeht, müsste man die Polizei 117.320 mal beleidigen. Damit wäre der Dortmunder Kartoffelbedarf für ein Jahr gedeckt.

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<![CDATA[Fast alle deine Lieblings-Horrorfilme handeln in Wahrheit vom Ersten Weltkrieg]]>https://www.vice.com/de/article/evw79m/fast-alle-deine-lieblings-horrorfilme-handeln-in-wahrheit-vom-ersten-weltkriegFri, 19 Oct 2018 04:37:00 +000016 Millionen Tote, fast sieben Millionen davon Zivilisten, über 20 Millionen Verwundete. Der Erste Weltkrieg brachte Zerstörungen über die Menschen, wie sie die Welt noch nicht erlebt hatte. Nicht nur ganze Landstriche in Europa wurde verwüstet, sondern auch Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens. Die wahren Ausmaße sind schwer zu fassen. Noch Jahre nach dem Waffenstillstand starben Menschen an den direkten und indirekten Folgen des Kriegs: an Hunger, Armut und der Spanischen Grippe. Insgesamt über 40 Millionen Menschenleben dürften es am Ende gewesen sein. Diese Zahlen erzählen aber nicht die ganze Geschichte.

Zu den Kriegsopfern gehörten auch ganze Weltanschauungssysteme. Menschenbilder und Zukunftsoptimismus fielen Senfgas und Sperrfeuer zum Opfer. Das Erlebte brannte sich in die kollektive Psyche ein.


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Wie viel davon bis heute, 100 Jahre nach Kriegsende, überdauert hat, zeigt Historiker W. Scott Poole in seinem neuen Buch Wasteland: The Great War and the Origins of Modern Horror. Wie der Name schon sagt, betrachtet er darin, wie sich das Horror-Genre nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte und von den Kriegserfahrungen seiner Macher beeinflusst wurde.

VICE hat mit Poole gesprochen, um zu erfahren, was die White Walker aus Game of Thrones mit dem Ersten Weltkrieg zu tun haben.

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W. Scott Poole | Foto mit freundlicher Genehmigung von Counterpoint Press

VICE: Warum soll das moderne Horror-Genre in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs entstanden sein?
W. Scott Poole: Das Makabre existierte auch lange vor 1914 schon in Epen, Schauerromanen und den Werken von Mary Shelley, Bram Stoker und Charles Baudelaire. Aber einige Elemente, die wir heute mit Horror verbinden – Zerstückelungen, Verstümmelungen, wiederauferstandene rachsüchtige Tote, die Vorstellung, dass es nicht nur in einem Haus spukt, sondern die ganze Welt zum Leichenhaus wird –, tauchten hier zum ersten Mal auf und trafen auf ein viel größeres Publikum.

In den Texten von Kriegsveteranen – nicht nur denjenigen, die Horror-Autoren wurden – erkenne ich ein Verlangen, das Trauma zwanghaft wieder und wieder zu erleben. Horror ist die Sprache des Traumas.

Warum wurde der Zusammenhang zwischen dem Krieg und der Entstehung des Horror-Genres bislang noch nicht untersucht?
Ich bin bei Weitem nicht der erste, dem das aufgefallen ist. David Skal schreibt in seinem wegweisenden Buch The Monster Show, wie sich die Welt Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur mit Leichenbergen sondern auch Millionen von oftmals schrecklich entstellten Veteranen auseinandersetzen musste. In einem Roman von Christopher Bram, auf dem der Oscar-prämierte Film Gods and Monsters basiert, geht es um die letzten Jahre des Frankenstein-Regisseurs James Whale, der von Erinnerungen an die Schützengräben und seine Monster heimgesucht wird. Neu an meinem Buch ist, dass es den ersten umfassenden Blick auf diese Ära und die Verbindung zwischen Horror und Geschichte bietet.

Inwiefern hat sich der Erste Weltkrieg in unsere Psyche eingebrannt?
Unsere Vorstellung vom Tod änderte sich radikal. Horror wurde nicht nur Teil der Populärkultur, sondern auch unserer Sicht auf die Welt. Das 19. Jahrhundert hatte den Tod in vielerlei Hinsicht verkitscht, insbesondere unsere Bestattungs- und Trauerpraktiken. Nach dem Ersten Weltkrieg war das unmöglich. Soldaten und Zivilisten wurden in Massengräbern begraben – namenlos und oft nicht identifizierbar.

In Horrorfilmen wie Paul Lenis Wachsfigurenkabinett von 1924 oder Das Cabinet des Dr. Caligari von 1920 sehen wir den Körper als leere Hülle, eine Art Todespuppe. Eine schreckliche Vorstellung. Als diese Vorstellung es in Form von Monsterfilmen in die USA schaffte und unglaublich populär wurde, war es, als hätte der Tod Fans bekommen.

Felder übersät mit Leichen.

Wie haben Schlachtfelder und Gräben die moderne Horror-Bilderwelt geprägt?
Das Niemandsland zwischen den Frontlinien, ein mit Leichen übersätes Feld, verkörperte eine neue Form des Spukhauses. Es repräsentiert die morbidesten Aspekte des Horrorfilms. Selbst in Subgenres wie Offroad-Slashern wie The Hills Have Eyes - Hügel der blutigen Augen sehen wir diese Bilder. Die neue Staffel von American Horror Story, "Apocalypse", greift ebenfalls auf diese Bilder zurück und kombiniert sie mit Gestalten in Gasmasken, die ebenfalls aus dieser Zeit stammen. Diesem zumeist unmenschlich wirkenden Wesen begegnen wir immer wieder in Horrorfilmen.

Du schreibst, dass auch Maler wie Otto Dix das Genre beeinflusst haben. Kannst du das kurz erklären?
Wie viele andere auch hatte sich Otto Dix zu Kriegsbeginn freiwillig gemeldet. Nach vier Jahren an der Front kehrte er als überzeugter Pazifist zurück. Er sah Kunst als "Exorzismus". Sie sollte schockieren und den Moralisten Angst und Schrecken einjagen. Er und andere künstlerisch aktive Veteranen wie Max Ernst erschufen Bilder des Todes, des Grotesken und des Morbiden.

Viele dürfte es überraschen, wie viel Austausch es damals zwischen der sogenannten "Popkultur" wie Film und der "Hochkultur" gab. Der surrealistische Dichter André Breton war der Meinung, dass Kunst einem größtmöglichen Publikum die Albträume der Welt zugänglich machen muss. Deswegen liebten auch junge surrealistische Filmemacher den Film Nosferatu. Sie zogen sich sogar wie die Figuren an und sprachen in Vorführungen laut ihre Lieblingsdialoge mit.

Wie hat der Erste Weltkrieg Filmemacher wie Fritz Lang, F.W. Murnau, Albin Grau und James Whale beeinflusst? Einen direkten Kriegsbezug sieht man ja nicht unbedingt.
Die Kriegserfahrungen hatten sie alle mit einer Form geistiger und emotionaler Fragmentierung versehen, die sie in ihren Filmen nachahmten. Bei Lang hatte der Krieg schwere seelische Narben hinterlassen. In sehr öffentlichen Ehe-Streitereien fuchtelte er oft mit seiner Dienstwaffe rum. Seine damalige Frau starb auch durch einen Schuss aus seiner Waffe. Der Fall ist bis heute nicht geklärt.

Teile dieses Zorns und irrationalen Verhaltens sehen wir in seinen Filmen über Verbrechen, Serienmorde und vor allem in Metropolis. Dieser handelt von einer futuristischen Gesellschaft, in deren Herz ein Monster sitzt, das Menschen verschlingt. Murnau und Grau hatten beide Kameraden in furchtbaren Gefechten an der West- und Ostfront verloren. Produzent Grau sah in Nosferatu ein Mittel, um den Krieg zu begreifen, der "daherbrauste wie ein kosmischer Vampir, um das Blut ungezählter Millionen zu trinken".

"Zombiehorror ist nicht eskapistisch, sondern entspringt unserer Geschichte."

Whale drehte zwei großartige Frankenstein Filme: Frankenstein von 1931 und Frankensteins Braut von 1935. Heutzutage mag Frankensteins Monster vielleicht wie ein freundlicher Quadratschädel daherkommen, aber in Whales Vision war er viel mehr. Das Monster war ein komplettes Leichenfeld, zusammengenäht und unaufhaltsam. Frankensteins Monster ist der Albtraum der vergangenen hundert Jahre.

Die White Walker aus Game of Thrones sollen ihren Ursprung auch im Ersten Weltkrieg haben?
Die White Walker und generell Zombies zeigen unsere Furcht vor einer Armee der Untoten. Filmemacher Abel Gance hat diese zum ersten Mal 1919 dargestellt, als in der Schlussszene seines Films Ich klage an die gefallenen Soldaten von Toten aufersteht und nach Hause zurückkehren, zum Schrecken ihrer Familien.

Gance nahm als Statisten echte Veteranen von Verdun, viele von ihnen bandagiert, manche amputiert und andere mit schrecklichen Gesichtsverletzungen. Diese Vorstellung verfolgt uns bis heute. Zombiehorror ist nicht eskapistisch, sondern entspringt unserer Geschichte.

Welche anderen Bilder aus dem Ersten Weltkrieg halten sich bis heute?
Walter Benjamin, der immer wieder in meinem Buch auftaucht, beschreibt die Geschichte seit 1918 als "eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft". Der Krieg ist der Anfang dieser Katastrophe. Daraus entstand zum Beispiel auch der Nahe Osten, als die Siegermächte Großbritannien und Frankreich das untergegangene Osmanische Reich in Kolonien aufteilten. Die Briten entschieden sich dazu, den Irak zu gründen, ohne die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Region zu berücksichtigen.

Die USA und Japan wurden durch den Krieg sehr mächtig und ihr Kampf um die Vorherrschaft im Pazifik wurde Teil des Zweiten Weltkriegs. Tatsächlich kann man sich den Nahostkonflikt, den Kalten Krieg und den modernen Terrorismus nicht erklären, ohne sich die Welt anzuschauen, die der trügerische Frieden von 1918 erschaffen hatte.

Die faschistischen Ideologien der 20er und 30er Jahre oder die Vorstellung, dass ein Volk von der Idee, ihre Nation wieder großzumachen, so mitgerissen wird, sind alles Monster, die damals in den Schützengräben geboren wurden. Es sind Ideen, die in den Köpfen des Unteroffiziers Mussolini und Gefreiten Hitler entsprangen, die uns heute noch überschatten. Wir leben in einem Spukhaus, aus dem es kein Entkommen gibt – im Niemandsland zwischen Leichenbergen.

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<![CDATA[Wir haben die Besucher eines Fake-News-Events gefragt, ob sie Medien vertrauen]]>https://www.vice.com/de/article/43e8m3/wir-haben-die-besucher-eines-fake-news-events-gefragt-ob-sie-medien-vertrauenFri, 19 Oct 2018 04:03:00 +0000Obwohl – oder vielleicht gerade weil – Daniele Ganser immer wieder mit Theorien auftrumpft, die gerne von Verschwörungstheoretikern wiederholt werden, begrüßt der Schweizer Historiker regelmäßig ein großes Publikum zu seinen Vorträgen. Menschen, die für "alternative Fakten" weniger offen sind, meiden ihn stattdessen. Gansers Kurs "Geschichte und Zukunft von Energiesystemen" an der Hochschule St. Gallen wurde gestrichen. Die Uni Basel sah bereits 2015 von einer weiteren Zusammenarbeit ab, und in einer Folge der Schweizer Talkshow Arena im Frühling dieses Jahres geriet Ganser mit dem Journalisten Roger Schawinski und Moderator Jonas Projer aneinander. Nach der Sendung sah er sich als Opfer unsorgfältiger Berichterstattung.

Das passt zu seinen aktuellen Vorträgen: Derzeit hat er es nämlich auf mutmaßliche "Fake News" abgesehen. Ganser will sein Publikum zum Denken anregen, vor allem geht es um die Frage: Kann man den Medien noch vertrauen? In Zeiten, in denen in Chemnitz Neonazis durch die Straßen marschieren und "Lügenpresse" rufen ist das natürlich brandaktuell. Am Montag hielt Ganser in Aarau einen solchen Vortrag und ich habe ihn besucht. Ich wollte von den Besucherinnen wissen, warum sie gekommen sind.


Auch bei VICE: Hass in Chemnitz: Die Eskalation um die rechte "Trauerfeier"


Das Publikum ist eine bunte Mischung aus jungen Menschen mit Camp-David-Poloshirts, Mittvierzigerinnen und Mitvierzigern mit Jackets oder bunten Hosen und älteren Intellektuellen, die für diesen Abend wieder mal den teuren Blazer aus dem Schrank holten. Es fällt mir nicht ganz leicht, die Leute zu einem Gespräch zu überzeugen. Wenn sie mich fragen, warum sie mir glauben sollen, kann ich nur antworten: "Sie müssen mir einfach vertrauen." Den richtigen Namen wollte trotzdem niemand nennen.

Tobias*, 21 Jahre, Schüler

Daniele Ganser Vortrag Besucher auf Twitter

"Ich finde Daniele Ganser eine interessante Person. Ob alles, was über ihn geschrieben und berichtet wird, stimmt oder nicht, sei mal dahingestellt. Ich glaube, es ist wichtig zu verstehen, was Medien sind und wie sie arbeiten. Wann sie recht haben, wann sie nicht recht haben und eine kritische Perspektive darauf zu haben. Was ich bei den Zeitungen in der Schweiz häufig sehr vermisse sind Quellenangaben, online zum Beispiel Links oder so.

"Man sollte den Medien aber schon vertrauen können – und sollte sich Sorgen machen, wenn man sich fragt, ob man das überhaupt kann."

News konsumiere ich eigentlich nicht, mich interessieren vor allem längere, tiefergehende Analysen. Jeden Tag immer wieder ein bisschen zu einem Thema etwas zu lesen, halte ich nicht für eine angemessene Art und Weise, sich zu informieren. Aber das ist ja kein neues Phänomen. Ich sehe auch, dass die Medienschaffenden immer mehr mit den Geschäftsmodellen der Verlage zu kämpfen haben. Die wollen ja Geld verdienen, die wollen Werbung machen, da muss man halt möglichst clickbaitig sein. Ich würde sagen, man sollte den Medien aber schon vertrauen können – und sollte sich Sorgen machen, wenn man sich fragt, ob man das überhaupt kann. Ich selber habe dieses Vertrauen durchaus noch. Gerade bei Themen, in denen ich mich selber nicht allzu gut auskenne, Wirtschaft zum Beispiel. Aber bei Politik eigne ich mir mein Wissen dann lieber selber an, beispielsweise über Fachbücher."

Fabian*, 28, arbeitet im Informatikbereich

Daniele Ganser Vortrag auf Twitter ueber Fake News

"Ich würde mich auf jeden Fall als Kritiker bezeichnen. Das heißt aber nicht, dass ich nichts glaube, was in den Zeitungen steht – ich hole mir einfach lieber noch Drittmeinungen ein. Für mich hat der Bruch in meinem Vertrauen in die Medien bei 9/11 angefangen. Da konnten die Medien ja aber eigentlich nichts dafür, die haben ja einfach erzählt, was sie wussten. Aber es gibt ja auch Dinge, die einfach anders dargestellt werden, als sie wirklich sind. Beispielsweise Bilder von Flüchtlingen aus dem Syrienkrieg, wo sich danach herausgestellt hat, dass die neben einem Boot standen. Auf dem Foto sah es aber so aus, als seien sie komplett verloren. Seither bin ich kritisch.

"Ich glaube aber auch Ganser nicht einfach alles, was er sagt. Ich glaube ihm auch nicht mehr als den Medien generell."

Ich bin der Meinung, dass das SRF noch einer der wenigen Medienkanäle ist, der unabhängiger ist als andere, weil die nicht Gewinn machen, sondern den Staatsauftrag erfüllen müssen. Wenn beim SRF etwas über den Syrienkrieg läuft, dann glaube ich das eher, als wenn es in einer Zeitung steht. Dort ist im Verlag vielleicht auf der Chefetage gerade ein Kopf gerollt und dann muss die publizistische Ausrichtung gewechselt werden, damit wieder mehr Geld reinkommt. Ich glaube aber auch Ganser nicht mehr als den Medien generell. Ich finde es wichtig, sich zu öffnen und mehrere Perspektiven zu haben in der eigenen Meinungsbildung. Die "Lügenpresse" sind für mich die Medien, die nur auf den Profit gehen und darauf scheißen, ob ihre Geschichten stimmen."

Luca*, 58, arbeitet in der Verwaltung einer Berufsschule in Zürich

Daniele Ganser Vortrag ueber Fake News auf Twitter

"Ganser hinterfragt Dinge auf eine sehr redliche, sachliche Art und Weise, das mag ich an ihm. Die Fragen, die er aufwirft, sind sehr legitim – zu 9/11 oder dem Syrienkrieg. Dadurch, dass ihn viele als Verschwörungstheoretiker diffamieren, ist er mir noch etwas sympathischer geworden. Als Historiker, als Wissenschaftler darf er doch Fragen aufwerfen. Fake News bedeutet für mich, dass einflussreiche Leute, die den Großteil der Bevölkerung erreichen können, Unbehagen ausbreiten – bewusst oder unbewusst. Ganser zeigt auch auf, wie im Kalten Krieg das Verhältnis zwischen Russland und den USA war, da musste ich meine Ansichten revidieren.

"Aber es ist ja auch klar, dass eine Zeitung Geld braucht, Einnahmen braucht und wir sind ja alle bestechlich."

Wenn man immer nur erzählt, dass die Russen die Bösen sind, dann schürt man Konflikte. Ganser ist wirklich auf Frieden aus, nicht auf Krieg. Und ich möchte auch keinen Krieg. Natürlich vertraue ich den Medien noch, aber eben nicht, ohne kritisch zu sein. Es gibt Berichte, die ich wirklich daneben finde, aber es gibt bestimmt noch Journalisten, die ehrliche Arbeit machen und die bemüht sind, sachlich zu sein. Aber es ist ja auch klar, dass eine Zeitung Geld braucht, Einnahmen braucht und wir sind ja alle bestechlich. Also ich denke, dass Journalisten nicht wirklich frei sind, wenn sie bei einem großen Verlag arbeiten. Und wenn Sie als Journalist dann eine gewisse Ansicht vertreten, die nicht der ihrem Arbeitgeber entspricht, dann können Sie Probleme bekommen."

Tamara*, 36, keine Angaben zum Beruf

Daniele Ganser Vortrag nicht auf Twitter über Fake News

"Ich kenne Daniele Ganser schon länger und finde das Thema Fake News und Medienkonsum spannend. Ich finde es wichtig, das von verschiedenen Seiten anzuschauen und selber kritisch darüber nachzudenken. Das heißt nicht, dass ich alles gut finde, was Ganser sagt. Aber er erweitert das eigene Denkspektrum, das mag ich sehr. Generell bin ich ein sehr kritischer Mensch. Ich muss Vertrauen gewinnen, das dauert ein Weilchen. Wenn ich zum Beispiel zehn Jahre lang eine Zeitung lese und dann gibt es dort plötzlich einen Wechsel in der Redaktion und die Artikel gehen dann in eine ganz andere Richtung, dann stimmt das nicht mehr für mich.

"Etwas, das ich mir wünsche von den Schweizer Medien, ist mehr Dialektik. Also ausgewogenes Berichten."

Aber man ist ja auch immer beeinflusst von seinem Umfeld und von seinem täglichen Leben, auch ich. Ich habe ja auch nur ein spezifisches Weltbild und eine konstruierte Wahrheit. Wenn Sie und ich über den gleichen Vortrag sprechen, dann haben wir dennoch beide eine andere Perspektive darauf, obwohl wir genau das gleiche gesehen haben. Etwas, das ich mir wünsche von den Schweizer Medien, ist mehr Dialektik. Also ausgewogenes Berichten. Verschiedene Meinungen und Ansichten zulassen und aufbereiten und dann den Konsumentinnen und Konsumenten selber überlassen, was sie sich für eine Meinung bilden. Ich schaffe es nicht, zehn Zeitungen zu lesen und mir das alles selber zusammenzutragen."

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43e8m3Miriam SuterJohanna SennSebastian Sele9/11SchweizMedienverschwörungstheorieDaniele Ganser
<![CDATA[Warum es heuchlerisch ist, dass Dynamo Dresden in "Hate Racism"-Trikots aufläuft]]>https://www.vice.com/de/article/43embq/ultras-hooligans-dynamo-dresden-hate-racismThu, 18 Oct 2018 14:29:28 +0000Mit Fremd- und Selbstwahrnehmung ist das so eine Sache. Sind sie deckungsgleich, wirkt man authentisch. Klaffen sie aber auseinander, ist man unglaubwürdig. Und damit wären wir bei Dynamo Dresden, einem Traditionsverein, der aktuell in der 2. Fußball-Bundesliga kickt. Während Dynamo-Anhänger und –Anhängerinnen bei rechtsextremen Aufmärschen in Chemnitz, Cottbus und Köthen unlängst noch fremdenfeindliche Parolen skandierten, legt der Verein nun eine nette PR-Kampagne gegen Rassismus neu auf.

Dynamo Dresden wird am Freitag beim Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue Trikots tragen, auf denen die Aufschrift "Love Dynamo. Hate Racism" prangt. Die Trikots gehen auf das antirassistische Fanbündnis 1953international zurück; 2011 feierte die Aktion Premiere.

Hooligans mit Haltung

Dynamo Dresden hat seit Jahrzehnten ein Problem mit Neonazis in der Fanszene. In den 90er-Jahren machte die NPD Sächsische Schweiz Werbung im Stadion. Zu Beginn der Jahrtausendwende arbeiteten verurteilte Neonazis aus Kameradschaften als Security im Stadion. 2002 stachen Dynamo-Hooligans einen Ungarn nieder. Gegenüber der Polizei gaben sie zu, dass ihr Motiv Ausländerhass, ihr Ziel die Tötung gewesen war. Bis heute gibt es etwa 600 gewaltbereite Rechtsextreme im Umfeld sächsischer Fußballvereine; Dynamo Dresden stellt davon die meisten. Auch deshalb begannen Verein und Fanbeauftragte vor ein paar Jahren, die Szene für das Problem zu sensibilisieren. Initiativen, die sich für eine weltoffene und tolerante Fanszene engagieren, wurden gestärkt, Workshops gehalten, Rechtsextreme ausgeschlossen und isoliert. Heute steht auf den Dynamo Dresden-Eintrittskarten: "Rassismus ist kein Fangesang". Die Aktion steht in dieser Tradition und ist zunächst ein richtiges und wichtiges Zeichen.

Dynamo Dresden konnte auch Erfolge im Kampf gegen Rechtsextremismus feiern: Die Gruppierung "Hooligans Elbflorenz" wurde 2015 verurteilt, nicht wegen Körperverletzung oder Landfriedensbruch etwa, sondern wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung – ein Präzedenzfall, der dazu führte, dass sich die Hooligans Elbflorenz auflösten. Als PEGIDA-Gründer Lutz Bachmann ein Jahr später versuchte, die Fanszene für seinen Protest zu vereinnahmen, entrollten Ultras kurzerhand Banner, auf denen "Bachmann Abschieben" zu lesen war. Dynamo Dresden reagierte auf Social Media und stellte sich Bachmann entgegen. Und als der schwarze Spieler Erich Berko letztes Jahr rassistisch beleidigt wurde, reagierten die Fans mit einem "Einer von uns"-Transparent. Hooligans mit Haltung also, es gibt sie auch.

"Dynamo hat wirklich eine engagierte Fanbetreuung", sagt ein Szenekenner, der namentlich nicht genannt werden möchte, "man würde es sich zu einfach machen, wenn man auf sie einfach draufschlägt."


Auch bei VICE: Chaos in Chemnitz


Gut gemeint ist nicht gut genug

Doch nicht überall wo "Hate Racism" draufsteht, ist auch wirklich "Hate Racism" drin. Oft genug hat der Verein die Gelegenheit verpasst, sich klar von Rassisten zu distanzieren. Eine kleinere Auswahl aus den letzten zwei Jahren:

Im Zusammenhang mit den Straftaten fällt immer wieder der Name "Faust des Ostens", einer militanten und offen rechtsextremen Gruppierung, die gerne mal gegen "Kanacken" wütet oder "Judenschweine" angreift. Seit 2013 ist eine Anklage gegen fünf Rädelsführer von "Faust des Ostens" bei der Staatsschutzkammer des Dresdner Landgerichts anhängig. Zur Verurteilung kam es nie. Auch weil sich die Köpfe von "Faust des Ostens" auf freiem Fuß befinden, konnten sich Mitglieder an rechtsextremen Aufmärschen in Cottbus und Chemnitz 2018 beteiligen. Dass dies der Fall war, bestätigen mehrere Beobachter der rechtsextremen Szene gegenüber VICE. Auch in diesen Fällen wartete man auf eine Distanzierung von Dynamo vergeblich.

Die Wahrheit ist: Es ist verdammt schwer, gegen eine Szene vorzugehen, die heterogen und polarisiert ist. Neonazis erkennt man nicht ohne weiteres bei Einlasskontrollen, erst recht nicht, wenn sie Fan-Outfits tragen. Auch linke oder unpolitische Fans können die Haare kurz geschoren tragen. Auch wenn Dynamo Dresden Stadionverbote ausspricht, schaffen es rechtsextreme Dynamo-Hools immer wieder sich einzuschleichen. Die Wahrheit ist auch: Es ist verdammt unbequem, gegen eigene Fans vorzugehen, die den Verein materiell, ideell, finanziell und im Stadion unterstützen. Auch deshalb gibt sich der Verein nach außen hin unpolitisch.

Deutlich wurde das in den Anfangsmonaten von PEGIDA, lange bevor "Bachmann Abschieben"-Banner 2018 im Stadion prangten. Als Hunderte Fans von Dynamo Dresden im Januar 2015 an den Aufmärschen teilnahmen und Gegendemonstranten bedrohten, sagte der damalige Geschäftsführer Robert Schäfer, der Verein positioniere sich nicht zu Pegida. "Als Dynamo Dresden steht es uns gar nicht zu, diese Veranstaltungen zu bewerten." Man sei unpolitisch.

Manchmal ist "gut gemeint" nicht gut genug. So lobenswert die Kampagne von Dynamo Dresden sein mag: Um den rechtsextremen Auswüchsen innerhalb der organisierten Fanszene Einhalt zu gebieten, bräuchte es eine konsequente Strategie: Eine strikte Durchsetzung von Stadionverboten, eine konsequente Distanzierung von rechtsextremen Aktivitäten und eine enge Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden. Bis all das nicht umgesetzt ist, bleibt "Love Dynamo. Hate Racism" nichts weiter als PR.

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<![CDATA[Diese Lego-Bausätze sind wirklich nur für Männer]]>https://www.vice.com/de/article/gye9mx/diese-lego-bausatze-sind-wirklich-nur-fur-mannerThu, 18 Oct 2018 13:32:20 +0000Für euch ist es erst Oktober, für die Menschen in der Marketingabteilung von Lego ist es schon fast Weihnachten. Und das bedeutet: Zeit zum Durchdrehen. Anders lässt sich die jüngste Werbekampagne von Lego Deutschland auf Instagram und Facebook nicht erklären.

In den Anzeigen geht es um Produkte der Reihe "Lego Men", darunter den "größten Lego Technic Kran aller Zeiten". Er wird mit den Worten "So kompliziert wie eine Frau. Aber mit Bedienungsanleitung" angepriesen. Auf der verlinkten Website von Lego finden sich noch weitere "Man-Haves", wie es heißt: Den "gut bestückten" Kran etwa, bei dem es "nicht nur auf die Technik ankommt". Einen orange-farbenen Porsche mit vielen Details, denn "wenn Männer verliebt sind, dann detailverliebt".

Es sollen kernige Sprüche für kernige Bausätze sein, letztlich sind sie aber nur sexistischer Schrott. Weil das auch andere Menschen so sehen, ließ die Kritik an den Anzeigen nicht lange auf sich warten. Auf Twitter verbreiteten sich Screenshots und viele dachten zunächst, es müsse sich um einen Fake handeln. Es war aber keiner. Inzwischen hat Lego die Anzeige zurückgezogen, auch die Website für Lego Men ist derzeit nicht erreichbar.

"Das Spiel mit Lego-Steinen ist grundsätzlich geschlechtsneutral. Die Kampagne sollte im Vorfeld von Weihnachten die Aufmerksamkeit der wachsenden männlichen Zielgruppe in Deutschland wecken", sagte ein Lego-Sprecher gegenüber Watson. Für "die Form der Umsetzung" wolle man sich ausdrücklich entschuldigen und man habe die Social-Media-Kampagne eingestellt.

Aber wieso zurückrudern? Und wieso beim Schaufelradbagger aufhören? Im Segment für erwachsene Männer ist noch so viel Potential. Wir hätten da ein paar Ideen.

Der Lego-Grill

"Wenn deine Frau nicht heiß genug ist… der Grill ist es". Deshalb gibt es jetzt die Lego-Edition eines Weber-Grills, dem neuen Statussymbol der Männlichkeit. Denn was früher der Sportwagen in der Garage war, ist heute der Grill auf der Terracotta-Terrasse. Das Lego-Technic-Set besteht aus 200 Teilen, im Lieferumfang enthalten sind eine Gaskartusche, ein Jahresabo der Zeitschrift Beef und eine kleine Wurst. "Es zählt nicht, was du in der Hose hast. Sondern aufm Teller".


Du willst noch mehr fragile Männlichkeit? Das Geschäft mit Luxusautos in Miami


Der Lego Dax-Vorstand

Piratenschiffe, Raumschiffe aus Star Wars, Feuerwehrautos: All das gibt es bereits von Lego. Mehr Testosteron als auf dem Todesstern gibt es sonst nur in deutschen Dax-Vorständen. Deshalb hier nun der Dax-Bausatz aus der neuen Business-Collection für Entscheider: Endlich können männliche Lego-Fans auch zuhause ihre Machtfantasien ausleben. Jede Figur gibt es wahlweise im aschgrauen oder dunkelblauen Anzug, mit Mahagoni-Schreibtisch und eigenem, anpassbaren Parkplatz-Schild. Garantiert nur eine weibliche Figur pro Set!

Das Lego-Manspreading-Set

Lego-Figuren haben stets die gleichen Proportionen. Schluss damit! Die Manspreading-Edition blendet die natürlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht mehr aus, sondern bildet die gesamte Männlichkeit ab: Die neuen Männerfiguren mit extra weit gespreizten Beinen nehmen statt zwei nun drei Noppen ein und lassen sich somit hervorragend in der Lego-U-Bahn verbauen.

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Der Lego-Junggesellenabschied

Der Lego-JGA ist der Bausatz für bierselige Stunden. Neben einer Auswahl bunter Kostüme enthält das Set einen Sixpack Tuborg und einen Vorratspack abgelaufener Kondome. Das Highlight aber ist der aus 500 Teilen bestehende hydraulische Lego-Bollerwagen mit Musikeinheit, die ausschließlich Mama Laudaaa spielt. So macht garantiert jedes störende Weib einen großen Bogen um eure Party. Problemlos kombinierbar mit dem Lego-Ballermann und dem Lego-Stripclub. "Erst kaufen, dann saufen."

Der Lego-Fernseher

"Den machst du immer an!" Die ultimative Erweiterung deiner Man-Cave im Keller ist das neue Lego-Technic-TV-Set. Mit 4K Teilen ist es das bis dato größte und anspruchsvollste Lego-Set. Vergiss langweilige Pärchenabende zu Bauer sucht Frau, denn dieser Fernseher mit seinem großen Bildrohr empfängt ausschließlich DMAX, den männlichsten aller Sender. Schaue Sendungen, die deine Frau ohnehin nicht verstehen würde. Informiere dich über die Asphalt Cowboys und Krabbenfischer in Alaska. Und erfahre in den preisgekrönten Dokus, welche Lego-Steine Albert Speer am liebsten verbaut hat.

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