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"Ich kenne nur einen Mensch, der sagt: Ich bin 25 und glücklich. Einen einzigen."

Steuererklärung, Wampe, Haarausfall: Erwachsenwerden ist trotzdem das Beste, was dir passieren kann, sagt die Philosophin Susan Neiman. Aber die Unis helfen nicht dabei.

von Wlada Kolosowa
13 Oktober 2016, 4:00am

Studium, die beste zeit des Lebens? | Foto: Jamie Taete

Die Werbung, die Eltern, die Popkultur, sie alle sagen uns: So gut wie jetzt wird es nie wieder. Unsere Körper werden nie mehr so heiß sein, das Leben nie mehr so geil, die Welt nie mehr so offen. Oft fragt man sich dann: Warum fühlen sich die 20er nicht an wie ein All-Inclusive-Buffet an Möglichkeiten und Spaß?

Sondern oft als eine Aneinanderreihung von öden Vorlesungen, Billigbier und Zukunftsangst. Erwachsen werden will irgendwie trotzdem keiner. Erwachsene, das sind die mit Sorgenfalten und Wohnungskrediten, die sich angepasst haben oder sich anpassen mussten, weil es die Kinder, die Arbeit oder die zu bezahlende Miete einfordern. So muss es nicht sein, sagt die Philosophin Susan Neiman, wir haben das Erwachsensein nur falsch verstanden.

Neiman studierte Philosophie in Harvard und an der Freien Universität Berlin und leitet heute das Einsteinforum. Sie hat das tolle Buch "Warum erwachsen werden?" geschrieben—eine Ermutigung dazu, dass man keine Angst vorm Älterwerden haben sollte. Aber aber auch eine Erinnerung daran, dass zwar Altwerden nicht dasselbe ist wie Erwachsenwerden. Reifer zu werden, ist auch Arbeit.

VICE: Frau Neiman, das Studium, heißt es, sei die schönste Zeit des Lebens. Wie mache ich das Beste draus?
Susan Neiman: Wer sagt denn, dass es die schönste Zeit des Lebens ist? Die Zeit zwischen 20 und 30 wird verklärt. Ich weiß aus empirischen Studien und aus eigener Erfahrung, dass es eine harte, schwierige Zeit ist. Überall auf der Welt werden die Menschen im Alter glücklicher, in Deutschland so etwa ab 50. Dass die Jugend zu den besten Jahren stilisiert wird, hat damit zu tun, dass unsere Gesellschaft so ein negatives Bild vom Erwachsensein hat. Uns wird früh eingebläut: Später wird nichts mehr gehen. Genieß die Zeit jetzt, danach wird alles schwierig. Aber Erwachsensein besteht ja nicht aus Resignation, Hypotheken, unglücklichen Ehen und langweiliger Arbeit.

Das ist Susan Neiman | Foto: Bettina Volke

Sondern?
Erwachsensein ist für mich zum einem Mut, auch mal zu widersprechen. Aber am meisten ist es für mich die Fähigkeit, einerseits nicht die Augen vor der Realität zu verschließen—und anderseits seinen Idealen treu zu bleiben. Also anzuerkennen, dass die Welt alles andere als perfekt ist, und trotzdem nicht in die adoleszente Haltung verfallen: Alles ist sinnlos, und ich kann eh nichts dagegen machen.

Ich werde also nur glücklich, wenn ich richtig erwachsen bin?
Um Glück geht es gar nicht. Es kann das Leben auch schwieriger machen, anzuerkennen, dass wir gerade in sehr schwierigen Zeiten leben. Aber wer das bestreitet, ist ein Idiot. Klimawandel, Globalisierung: Die Kräfte, die uns bedrohen, sind mächtig und schwer zu fassen. Aber deswegen nichts mehr zu machen, das ist zu bequem. Es gibt im Englischen einen guten Satz: "It's better to light a candle than to curse the darkness".

Helfen die deutschen Universitäten beim Erwachsenwerden?
Allein dadurch, dass man älter wird, und ein bisschen was liest, wird man zwangsweise etwas erwachsener. Aber ich finde vieles an deutschen Universitäten problematisch: zum Beispiel die Hierarchien. In Harvard, wo ich studiert habe, ist die Atmosphäre demokratischer als an jeder kleinen Universität in Deutschland. Die Lehrkräfte in Harvard wollten vor allem von den Kollegen und von Studenten lernen. Professoren saßen in den Seminaren anderer Professoren. Das, fürchte ich, ist in Deutschland nicht möglich. Wie oft hast du als Studentin mit deinen Professoren geredet?

Einfach so, über das Leben? Ich glaube nie. Aber warum genau sind Hierarchien schlecht fürs Erwachsenwerden?
Weil sie Menschen daran hindern, sich in Frage zu stellen. Viele, die Ende der 60er für Unireformen demonstrierten, haben viel von dem Lehrstil der Professoren übernommen, gegen die sie auf die Straße gegangen sind. Ein emeritierter 68er erzählte mir zum Beispiel, dass ein Kollege auf dem Podium einen schrecklichen Fehler gemacht hatte und er ihn nicht korrigiert hatte. Ich fragte: Aber möchtest du in einer ähnlichen Situation nicht auch berichtigt werden? Er sagte: nein. Diese Einstellung, dass man lieber seinen Platz in der Hierarchie sichert, anstatt weiter zu lernen, vermittelt einen falschen Begriff vom Erwachsensein. Denn dazu gehört es auch zu verstehen, dass man nie vollkommen erwachsen ist. Zu sagen "Ich bin jetzt erwachsen", hieße: Ich habe aufgehört zu wachsen.

Die Diskussion, ob Unis Studenten auf das Erwachsensein vorbereiten, drehte sich in Deutschland bisher eher um die Frage, ob sie die Studenten fit für den Arbeitsmarkt macht.
Mit der Bologna-Reform hat man das Schlimmste gemacht: Die hierarchische Situation wurde fortgesetzt und die Studienzeit verkürzt. Die Zeit, die den Studenten geholfen hätte, erwachsen zu werden, etwa in Arbeitsgruppen, ist nicht mehr da. Oft schaffen sie es nicht einmal, das zu lesen, was der Professor ihnen zum Lesen gibt. Ich finde es außerdem schwierig, Erwachsensein daran festzumachen, ob man einen festen Job oder eine Eigentumswohnung hat. Eine Widerstandskämpferin in Ostberlin hat mal zu mir gesagt: Wer mit 30 ein Eigenheim hat, wird sich nicht gegen den Staat auflehnen. Die Zeiten haben sich geändert, aber sie hat Recht: Menschen mit Hypotheken sind gebundener, sie haben Angst, mehr Fragen zu stellen, freier zu leben.

Abgesehen davon, dass für die meisten jungen Menschen Worte wie "Festanstellung" oder "Eigentumswohnung" wie Fremdwörter klingen: Warum ist es falsch, an Eigenheim und Rente zu denken?
Es kommt darauf an, wie man darüber nachdenkt. In Tel Aviv hatte ich mal eine Assistentin, eine wahnsinnig begabte junge Frau. Sie war Mitte 20, dreisprachig, wirklich sehr klug—sie hätte sich überall durchsetzen können. Sie wollte für ein, zwei Jahre ein Projekt machen, das sie wirklich interessiert hat, ließ es aber sein, weil in der Zeit keine Einzahlungen in die Rentenkassen fließen würden. Ich finde es falsch, wegen solchem Absicherungsdenken Möglichkeiten zu wachsen zu verpassen.

Das ist genau diese Art von "Erwachsenwerden" als Resignation, gegen die ich plädiere. Es ist natürlich nicht an sich schlecht, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Aber bei dieser Suche nach Sicherheit denke ich oft: welche Sicherheit? Die Welt hat sich allein in letzten Jahren so unglaublich verändert. Es gibt wirklich große Umbrüche und kein Mensch weiß, wie es weitergehen soll. Ob die angeblich sichere Arbeitsstellen noch in 20 oder gar 10 Jahren so aussehen wie heute, bezweifelt eigentlich jeder, der sich darüber Gedanken macht.

Sie finden es also seltsam, dass wir uns mehr Sorgen um die Rente machen als um die Macht der Konzerne oder die Erderwärmung?
Genau. Es wird keine Sicherheit geben. Mein Rat ist: Sicherheit bekommt man durch Fähigkeiten. Kritisch denken zu können, kann einem zum Beispiel sehr viel bringen, weil man eine gewisse Flexibilität gelernt hat. Ich plädiere außerdem dafür, dass man möglichst viele Sprachen lernt und reist. Wobei ich Auslandssemester nicht immer fruchtbar finde. Ich bin eher dafür, dass man in einem anderen Land arbeitet.

Das heißt, alles in Ordnung, wenn man zwischen 20 und 30 weder für die Rente spart, noch die beste Zeit seines Lebens hat?
Ich habe bis jetzt nur einen Menschen kennengelernt, der gesagt hat: Ich bin 25 und glücklich. Einen einzigen. Dass die 20er die schönste Zeit des Lebens sind, wird von der Werbung propagiert. Und traurigen, älteren Menschen, die ihre Lebensentscheidungen bereuen und sich eingeengt fühlen. Tatsächlich wollen die meisten Erwachsenen aber nicht zurück, und wenn, dann höchstens unter der Bedingung: "Wenn ich damals gewusst hätte, was ich jetzt weiß." Mit der Verklärung der Jugend will man auch vermitteln: Ihr sollt später nichts vom Leben erwarten. Passt euch an. Aber genau diese Einstellung produziert unglückliche Erwachsene.