Wie uns Wälder, Insekten und Vegetarier vor Nahrungsmittelknappheit schützen

Wenn wir in 34 Jahren zwei Milliarden mehr Menschen als heute ernähren müssen, wird dafür kaum noch Bodenfläche vorhanden sein.

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Okt. 12 2016, 7:00am

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Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Raiffeisen entstanden.

Fleischproduktion frisst Land, Wald und verschärft den Welthunger. Eine Nahrungsmittelknappheit steht uns bevor—nicht heute, nicht morgen, auch nicht übermorgen. Die meisten von uns werden es trotzdem erleben. Wir haben uns daher die Frage gestellt: Wie können wir heute vorsorgen, damit wir uns in Zukunft noch ernähren können?

"Wir werden uns ökologisch ernähren müssen oder nicht mehr", sagte einst Felix zu Löwenstein, von Beruf Agrarwissenschaftler und bekannter Kritiker der industriellen Landwirtschaft. Heute ist das vielen noch egal und wir kauen fröhlich auf unseren Wurstsemmeln, unseren Afterhour-Käsekrainern und Chicken-Teriyakis. Morgen sieht das möglicherweise anders aus. Morgen steht selbstredend als Symbol für die Zukunft und ist nicht zwingend der Tag, nach dem heutigen. Aber morgen ist auch nicht so weit weg, dass es uns nicht mehr treffen würde —die Rede ist von 2050. Laut FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) werden dann schätzungsweise 2 Milliarden mehr Menschen zu versorgen sein als heute. Gleichzeitig sollen auch die für Ackerbau und Viehzucht geeigneten Bodenflächen vollständig genutzt sein.

Es ist keine neue Erkenntnis und kein Durchbruch in der gegenwärtigen Forschung: Nahrungsmittelknappheit bei gleichzeitiger Überpopulation ist ein Problem. Was man als einzelne Person dagegen tun kann, dürfte auch dem niederbayrischen Waldpropheten nicht entgangen sein: statt Käsekrainer mehr Brokkoli essen und weniger Lebensmittel verschwenden. Die Herstellung deines Käsekrainers erfordert die vierfache Menge an Wasser, Pflanzenschutzmittel und Arbeitseinsatz im Vergleich zu pflanzlicher Nahrung. Jedoch ist für viele der Verzicht auf Fleisch schier unmöglich. Überzeugten, aber besorgten Fleischessern stellt sich angesichts dieser Prognosen unwillkürlich die Frage: Sterbe ich 2050 eher an Protein- und Eisenmangel oder sterben andere aufgrund von Hungersnot?

Die große Lösung in dieser Problematik liegt laut dem weltweit größten Netzwerk von Wald-Forschern — der International Union of Forest Research Organizations (IUFRO)—in dem Konzept der Permakultur, nach dem das Zusammenleben aller Lebensformen—Menschen, Tieren und Pflanzen—ein nie enden wollender Kreislauf sein sollte. Man ahmt also natürliche Vorgänge nach, wie sie in Wäldern passieren. Diese sind grundsätzlich Klima- und Wetterresistenter und außerdem leichter zu bewirtschaften als Felder und Äcker. Letztere wiederum sind für 75 Prozent des weltweiten Waldverlusts verantwortlich. Ein Modell, das diesem Problem entgegensteuert und Selbstversorgung auf kleinstem Raum ermöglicht, könnte der sogenannte Waldgarten sein.

Wenn sich Bauer Herbrich künftig seinen Waldgarten pflanzt, bleibt dann für Menschen in Afrika mehr Nahrung?

Ein Waldgarten ist ein mehrstöckiger, dreidimensionaler Garten, der nach dem Vorbild eines tropischen Regenwalds funktioniert und Erträge wie Lebensmittel, Viehfutter, Medizin, Energie und Bauholz liefert. Jede Schicht mit eigenem Schwerpunkt—von Wurzelgemüsen und Knollen, über eine Lebendmull-, Kraut- und Staudenschicht, bis zu Beerensträuchern, Obstbäumen und anderen Baumarten. Je nach Dimension, können dort ansässige Lebensformen und Pflanzen anderen wiederum als Nahrungsquelle dienen. Als Pendant für Menschen ohne Garten gelten Essbalkone, auf das Konzept im kleineren Sinne übertragen werden kann.

Klingt nach Garten Eden. Aber was heißt das konkret? Wenn sich Bauer Herbrich künftig seinen Waldgarten pflanzt, bleibt dann für Menschen in Afrika mehr Nahrung?

Neben dem Vorteil, dass durch hierzulande gepflanzte Waldgärten eine globale Ausdehnung von Ackerflächen zurückgehen könnte, gilt es vor allem, den Bevölkerungsgruppen, die aufgrund von Armut einen Mangel an Mikronährstoffen aufweisen, den Zugang zu Wäldern und den daraus gewonnenen Ressourcen zu gewährleisten.

Was hierzulande im Sinne der Umwelt-und Klimavorsorge getan werden kann, ist vor allem auch den überzeugtesten Paleo-Anhänger dazu zu bringen, sich zumindest fünfmal die Woche nach Alternativen zu Fleisch umzusehen. Vor allem für die sportliche Spezies scheint der Konsum von Fleisch essenziell für den Muskelaufbau und deshalb unverzichtbar. In dieser Hinsicht bietet sich der Konsum von Insekten als hochwertiger Proteinlieferant und gesunde Alternative an.

Diesen Gedanken versuchen die beiden Insektengourmets Christoph Thomann und Stefan Trautsch durch Vorträge, Infoabende und Kochkurse in die Köpfe der Österreicher zu pflanzen.

Unserer Gesundheit und der Zukunft unserer Umwelt zuliebe sollten wir Europäer es den zwei Milliarden Menschen auf der Welt gleichtun, die heute schon Insekten essen. Sie sind gesund, einfach herzustellen und ihre Züchtung braucht wenig Platz. Man benötigt ungefähr 16 Kilogramm Futtermittel und 7000 Liter Wasser, um 1 Kilogramm Rindfleisch herzustellen. Zum Vergleich: Für 1 Kilo Heuschecken sind rund 2 Kilogramm Futtermittel und so gut wie gar kein Wasser nötig. Außerdem liefern sie dem Körper hochwertige Proteine, Aminosäuren, Vitamine ungesättigte Fette und Mikro- und Makronährstoffe.

Als Verein wagten sie erste Annäherungsversuche an das Thema, seit Anfang des Jahres ist die Plattform insektenessen.at offiziell in Betrieb. Die beiden leisten dabei schwere Überzeugungsarbeit. „Die häufigste Frage, die mir gestellt wird, ist, ob ich heute noch in den Wald geh—zum Insektensammeln. Und dass es unhygienisch wäre. Es ist unsere Aufgabe, den Leuten zu erklären, dass und wie Insekten gezüchtet werden und wo dabei ihre Vorteile liegen."

"Für mich sind Insekten mittlerweile ganz normale Lebensmittel, wie Karotten, Pilze oder Tauben."

Ein baskisches Projekt mit dem Namen „Food Trend Trottels" prophezeit, dass unsere Nahrung in Zukunft vor allem eines sein sollte: ein Ausdruck der Individualität. Klingt, als ob Christoph und Stefan alles richtiggemacht hätten—es gibt wenige Nahrungsmittel, die so polarisieren wie Insekten und bei denen der alleinige Anblick eine so breite Palette an Emotionen auslöst. Auch bei Christoph war viel Ekel da am Anfang: "Ich habe auf meinen Reisen durch Asien Insekten probiert und die Tatsache, dass das zwei Milliarden Menschen auf der Welt essen, wir Europäer aber nicht, hat mich interessiert. Zu Beginn, weil wir's auch nicht anders wussten, haben meine Kollegen und ich uns lebendige Heuschrecken und Mehlwürmer im Tierfachhandel gekauft und sie zu Hause zubereitet. Davon würde ich heute natürlich klar abraten."

Ende 2015 ist Stefan Trautsch während eines Vortrags an der BOKU an Christoph herangetreten und hat sich als Koch und Rezeptentwickler angeboten. Um den Menschen hierzulande den Zugang zu Insekten zu ermöglichen und vor allem zu erleichtern, kreiert er mit seinen Rezepten, so sagt er, eine Geschichte drum herum. "Für mich sind Insekten mittlerweile ganz normale Lebensmittel, wie Karotten, Pilze oder Tauben." Ob Tauben wirklich für mehr Menschen als normale Nahrungsmittel gelten, darf man zwar hinterfragen, aber wir wissen, was gemeint ist.

Früher wurden lebendige Heuschrecken frittiert; heute würde man das nicht mehr machen. Vor der Zubereitung und dem Verzehr werden die Tiere in der Regel eingefroren—eine schonende Methode, bei der die Körperfunktionen eingestellt wird und sie in einen Winterschlaf fallen. Ein Argument, dass vor allem viele Vegetarier überzeugt.

Ein weiterer Aspekt, der dafürspricht, statt Steak Heuschrecken zu essen, ist laut Christoph die Art der Züchtung, bei der bislang vollkommen auf Medikamente verzichtet wird: "Wir wissen heute, dass wir zu viel Fleisch essen. Da wird massenproduziert und dabei kommen Antibiotika zum Einsatz, die wir in weiterer Folge zu uns nehmen. Die Insektenzüchtung unterliegt einerseits strengen Kontrollen und Hygienevorschriften, andererseits werden, nach heutigem Stand, keine chemischen Mittel eingesetzt." Deshalb könnten in Zukunft immer mehr Menschen vom Fleisch- zum Insektenesser werden.

Ein weiteres Gebiet, auf welchem Insekten einen großen Vorteil bieten, betrifft den Anfang der Nahrungskette: die Futtermittelproduktion. Drei Viertel der globalen landwirtschaftlichen Flächen werden jetzt schon für die Ernährung von Nutztieren gebraucht. In Zukunft sollen es noch mehr werden, so Johanna Naynar von der BOKU Wien. Sie züchtet Larven der schwarzen Soldatenfliege auf der Basis von ausgewählten, organischen Abfällen—so werden diese effizient verwertet und gleichzeitig hochwertiges, proteinreiches Futtermittel für Tiere hergestellt.

Der Ökologische Kreislauf schließt sich also.


Der einzige Haken an der Sache: Die Verfütterung von Insektenprotein ist derzeit noch verboten. Man habe bei Gesetzesbeschlüssen Insekten als eine alternative Futtermittelquelle einfach vergessen, so Christoph Thomann. Dies wird in Zukunft aber unumgänglich sein und dürfte sogar in einigen, wenigen Jahren geändert werden.

Laut Weltagrarbericht erwartet man bis 2050 einen Anstieg der Fleischproduktion auf 455 Millionen Tonnen. Tritt diese Prognose tatsächlich ein, so zieht das eine Reihe von Problemen mit sich. Konzepte und Lösungen werden laufend entwickelt und umgesetzt. Ein Umdenken findet langsam, aber sicher statt.

Was Felix also sagen wollte: Wenn wir morgen die Welt ernähren wollen, müssen wir heute schon vorsorgen. Jeder einzelne von uns.

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