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Der VICE Guide zur Bewältigung deiner Quarterlife-Crisis

Eine Sammlung wissenschaftlich fundierter Methoden, damit du dich nicht mehr so durch dein junges Erwachsenendasein quälen musst.

von Hannah Ewens
14 November 2016, 7:00am

Illustration: George Yarnton

Illustration: George Yarnton

Du bist im Urlaub, starrst auf eine Speisekarte und verfällst unverhofft in eine existentielle Krise. Normale Pommes oder Süßkartoffelpommes? Welche magst du lieber? Und überhaupt, was bringt das eigentlich? Beide sind stärkehaltige Nahrungsmittel, die schlappe 3,50 Euro kosten. Aber solltest du nicht mehr auf dein Geld achten? Was ist, wenn du zu harmlos damit umgehst, um jemals für deine Kinder sorgen zu können? Und wo wir schon beim Thema sind: Mit 26 hast du deine fruchtbarsten Tage bereits hinter dir, nicht wahr?

Du hast letztens so ein Diagramm gesehen und, nein, es sieht nicht gut aus für dich. Also müsstest du wohl eins adoptieren—wenn du überhaupt Kinder möchtest (Was willst du eigentlich? Wer bist du eigentlich?). OK, wenn das bald passieren soll, solltest du dann nicht besser mit deinem Freund schlussmachen und die nächsten vier Jahre mit so vielen Typen wie möglich vögeln?

Du sagst deinem Freund, dass du die normalen Pommes nimmst. Als sie kommen, sind sie kalt.

Es ist dein erster Arbeitstag nach dem Urlaub und du fühlst dich irgendwie komisch—ungewohnt entspannt. Nafisa fragt dich, wie dein Urlaub war, und du sagst: "Es war super." Und dann fragt dich Johann, und du sagst: "Es war großartig." Und das war sie in der Tat, diese Welt fernab jeglicher Produktivität und dem Gefühl, ein entrechtetes, unterbezahltes und austauschbares Rädchen in der Maschine zu sein, mit über 2.000 E-Mails, die auf eine Antwort warten. Du gehst auf die Toilette und googelst auf deinem Handy nach Masterstudiengängen.

Beißende Selbstzweifel, das Gefühl in Arbeit und Beziehung gefangen zu sein, und die ständige Frage nach dem ominösem "richtigen Leben". Ganz klar, du steckst mitten in einer Quarterlife-Crisis.

Dr. Oliver Robinson ist jemand, der seine eigene Quarterlife-Crisis durchlebt hat, diverse Teile seines Lebens hinter sich ließ und eine akademische Karriere begann, in der er die Quarterlife-Crisis als Phänomen studierte. "Eine Quarterlife-Crisis ist ein zweischneidiges Schwert", sagt er mir am Telefon. "Sie ist eine Zeit der Instabilität und des Stresses. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Zeit der intensiven Entwicklung und des Wachstumspotentials."

"Bei der Locked-In-Crisis hat der junge Mensch das Gefühl, dass er ungeachtet seiner Anstrengungen nie in der Erwachsenenwelt ankommen wird"


Diese Form der Lebenskrise ist unter jungen Menschen noch nie so weit verbreitet gewesen wie heute. Momentan ist nämlich nicht nur die Welt ein furchterregender Ort, sondern das, was Generationen vor uns in ihren 20ern getan haben, wurde ein gutes Jahrzehnt nach hinten verschoben. Die Menschen heiraten und kriegen heute Kinder in ihren Dreißigern. "Das Gute daran ist, dass es Menschen die Gelegenheit bietet, tolle Erfahrungen zu sammeln, bevor sie sich in einer Routine niederlassen. Andererseits macht es allerdings auch eine Quarterlife-Crisis wahrscheinlicher, weil es in diesem Altersbereich mehr Instabilität und Stress gibt", so Dr. Robinson.

Er fügt hinzu, dass es zwei Arten dieser Lebenskrise gibt: die sogenannte Locked-In-Crisis, die Krise des Gefangenseins, und die Locked-Out-Crisis, die Krise des Ausgesperrtseins. "Bei der Locked-In-Crisis hat der junge Mensch das Gefühl, dass er ungeachtet seiner Anstrengungen nie in der Erwachsenenwelt ankommen wird", erklärt er. "In der Locked-In-Crisis findet sich der junge Mensch auf einem Weg wieder, auf dem er nicht sein möchte. Das erfordert das Treffen von schweren Entscheidungen über sein weiteres Handeln. Das kann ein langer und schmerzvoller Prozess sein."

Natürlich muss es nicht so sein. Wenn du Glück hast, durchlebst du vielleicht einen aufregenden Mix aus beiden Varianten.

Weil du wahrscheinlich nicht mit dem Meditieren anfangen oder ein Moodboard (der Vorschlag meiner Mutter) machen möchtest, sind hier ein paar andere Ideen von Life-Coaches, Psychologen und Menschen, die ihre eigene Quarterlife-Crisis durchlebt haben, was du machen solltest, um dir dein Leben etwas zu erleichtern und den lähmenden Fängen der Verwirrung zu entkommen.

Junge Männer auf ihren Rollern | Foto: Chris Bethell

Erkenne deine bescheuerte, aber sehr normale Reaktion auf deine Krise an

Laut Karin Peeters, Life-Coach und Psychologin, wird eine Quarterlife-Crisis im Grunde von ständigem Entscheidungsfindungsstress dominiert. "Manche Menschen reagieren darauf, indem sie einfach erstarren und nichts mehr machen können; andere reagieren mit Flucht, ergo kündigen ihren Job, verlassen ihren Partner oder ziehen in eine andere Stadt", erklärt sie. "Und die dritte Reaktion ist Kampf, bzw. 'Ich werde härter arbeiten, ins Fitnessstudio gehen und alles tun, was ich kann, um etwas—egal was—zu erreichen.'"

Erkenne deine eigene Reaktion. Meine befindet sich irgendwo zwischen a) totaler Lähmung, unfähig zu entscheiden, was ich zu Mittag essen werde, und b) irrational vor einer Konstellation aus Umständen wegzurennen. Ich kann keins von beidem empfehlen, aber wenn du dein Verhalten analysieren und mit diesen Impulsen arbeiten möchtest, anstatt weiterhin blind Kurzschlussentscheidungen zu treffen, dann ist es ganz hilfreich, sich seiner selbst besser bewusst zu sein.

Ändere deine Zeitvorstellung

Nehmen wir ein furchtbar klischeehaftes Dilemma, dem sich Menschen Mitte 20 gegenüberstehen: "Soll ich in meinem mittelprächtigen Job bleiben, auch wenn ich eigentlich irgendwann mal reisen möchte, und ich momentan nichts anderes tue, als mich langsam aber sicher ins Grab zu arbeiten, anstatt eine Route durch die entlegenen Ecken Mittelamerikas zu planen?"

Diese Angst wird von dem Umstand verstärkt, dass du in Unmittelbarkeiten und einem sehr kurzen Zeitraum denkst. Sollte ich die Dinge jetzt tun? Jetzt? Jetzt? Jetzt? Life-Coach Natalie Dee schlägt vor, die eigene Zeitwahrnehmung weiter zu fassen: "Plan längerfristig", sagt sie. "In etwa so: 'In meinen 20ern will ich irgendwann reisen.' Das lässt dir mehr Zeit, das auch umzusetzen. 'In meinen 30ern möchte ich mich auf einer Karriereleiter in einem Beruf befinden, den ich mag.' 'In meinen 40ern will ich mir etwas aufbauen.' Wenn du eine Familie möchtest, gibst du dir vielleicht zehn Jahre Zeit, in denen du auch offen dafür bist, jemanden kennenzulernen."

Das heißt: Hör auf, dir darüber einen Kopf zu machen, augenblicklich die nächsten drei Monate in Thailand verbringen zu müssen. Du bist bereits mehr als ein halbes Jahrzehnt länger auf diesem Planeten als jeder andere Full-Moon-Partygänger. Ein paar Jahre mehr tun also auch nicht weh. Bonus: Du kannst diese Art des weniger zwanghaften Planens auf so ziemlich jeden Lebensaspekt anwenden.

Hör auf Heiraten und das ganze Drumherum als Mittelpunkt deines jungen Erwachsenenlebens zu sehen

"Keine Ahnung, warum ich mich auf dieses Alter festgelegt habe, aber ich finde es cool, 37 und Single zu sein", sagt Bertie Brandes, Mitbegründerin des Magazins Mushpit, das gerade seine "Crisis Issue" veröffentlicht hat—einer ganzen Ausgabe über die Quarterlife-Crisis. "Du musst diese Vorstellung hinterfragen, dass eine Eheschließung der Mittelpunkt deines jungen Erwachsenenlebens ist, das von da an so weitergeht, bis du stirbst. Du musst erkennen, dass jedes einzelne Jahr deines Lebens ein kostbares Jahr ist. Das ist der Druck, den wir uns selbst machen. Ich habe Single-Freundinnen, die älter sind. Auch wenn sie nicht mega angetan davon sind, wissen sie, dass sie kein bemitleidenswerter Unglücksfall sind, und es geht ihnen gut."

Die Verlängerung dieser unsichtbaren Zeitlinie ist das Kinderkriegen. Das betrifft Menschen mit Eierstöcken mehr als Männer, weswegen laut Peeters auch ungleich mehr ratsuchende Frauen in ihren 20ern zu ihr kommen. Männer suchen eher später im Leben Hilfe. Mit Biologie lässt sich schlecht streiten, aber andererseits gibt es auch Grenzen für den Druck, den du dir selbst machen solltest. Außer du machst dir um die ganze Hochzeitsgeschichte solche Sorgen, dann möchte ich hier den Rat einer ehemaligen Kollegin weitergeben: Sollte es bis 40 nicht geklappt haben, dann kannst du ganz bequem die erste Runde Scheidungsopfer abgreifen. Soviel dazu.

Hör auf, mit dem Gedanken zu spielen, wieder an die Uni zu gehen

OK, wenn du das finanzieren kannst, warum nicht? Wenn du unbedingt umlernen und deinen Karrierepfad ändern willst, nur zu. Aber wenn du wieder an die Uni willst, um dir etwas von der jugendlichen Unbeschwertheit des Lebens zu bewahren, dann lass es. Du wirst nur noch weniger Geld, bzw. mehr Schulden haben als ohnehin schon und überhaupt ist das ein grauenvolle Idee. Du bist nicht Van Wilder von Party Animals und, um Gottes Willen, das willst du auch gar nicht sein. Mach weiter mit dem Erwachsenwerden, verschulde dich nicht für einen MA in Kreatives Management.

Vertraue deinen kriseninduzierten Beziehungsenden

Wenn du mit jemandem im Zuge einer amtlichen Quarterlife-Crisis schlussmachst, dann fragst du dich natürlich auch, ob du das nicht nur wegen dieser ganzen Krisensituation getan hast. In ein paar Jahren schaust du dann zurück und erkennst, dass du einen furchtbaren Fehler gemacht hast. "Das sind keine unglücklichen Symptome", sagt Bertie. "Du kommst an einen Punkt in deinem Leben, an dem du merkst, dass ein Mensch vielleicht scharf ist, aber gleichzeitig ein Arschloch, und du hast die Schnauze voll von ihm. Es ist ein sehr egoistisches Alter und du musst dich auch etwas mit dir selbst beschäftigen."

Durch dein egoistisches Verhalten lernst du dich besser kennen und merkst, was du von deiner besseren Hälfte brauchst, um nicht mit einem langweiligen Trottel zu enden.

Hör nicht auf, semiregelmäßig Sex zu haben

Das hier ist wissenschaftlich bewiesen, also hinterfrag es nicht. Ein sexuelle Durststrecke ist oftmals eine Goldene Ära der Produktivität und der Selbstentwicklung. Es kann aber auch passieren, dass du so wählerisch und abgeschieden wirst, als würdest du dich selbst herausfordern, es möglichst lange ohne Sex auszukommen. Sechs Monate hast du bereits hinter dir, was sind da schon drei weitere Jahre?

Nein. "Versuch, zumindest alle vier Monate einmal Sex zu haben. Mindestens", rät Bertie. "Sonst beginnst du, dich vor Intimität zu fürchten, wirst total besessen von deiner Karriere, bzw. Nicht-Karriere oder wie du auf Fotos aussiehst und stalkst dein eigenes Instagram mehr als das der Zerflossenen deines Ex. Du vergisst sonst, wie man mit anderen Menschen auf diese Art interagiert."

Und verwandle dein Zimmer nicht in einen heiligen Ort

"Wenn du dein Zimmer in eine Art Schrein verwandelst, in dem nichts nicht an seinem Platz sein darf, beginnst du langsam zu denken, dass du deinen Raum oder Zimmer niemals mit einer anderen Person teilen kannst. Du baust dir quasi deine zweite Fruchtblase", sagt Bertie.

Foto: Bruno Bayley

Teile deine Belastungen in Bedürfnisse und Wünsche ein

Wir gehen zur Grundschule, zur weiterführenden Schule, wir machen eine Ausbildung oder gehen zur Uni. Dieser Route, die uns mehr oder weniger vorgelegt wurde, sind wir blind gefolgt. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass viele Quarterlife-Krisen von der Tatsache verstärkt werden, dass wir plötzlich allein auf der großen Weide stehen und der sich verteilenden Herde nachschauen.

Life Coach Natalie schlägt vor, dass genau das der Zeitpunkt ist, an dem du ernsthaft das, was du willst, von dem trennst, was du haben solltest. "Ein 'Bedürfnis' ist etwas, das von außen an dich herangetragen wird—wahrscheinlich von der Gesellschaft, deinen Freunden, Familie, deinen Kollegen. Das hat eine ganz andere Energie als ein Wunsch", sagt sie. "Es ist fast wie ein Zwang und setzt dich enorm unter Druck. Ein Wunsch hingegen ist eine Bewegung zu etwas hin. Du bist dabei diejenige, die dorthin drängt."

Hüte dich davor, nur einen bestimmten Lebensbereich verantwortlich zu machen

Schnell kommst du auf die Idee, hättest du nur einen vernünftigen Job, würde sich deine Person von Grund auf ändern und auch alles andere in deinem Leben würde sich fügen. "Ich hänge mich an der Idee auf, dass ich nicht weiter Single sein will. Das hat aber nichts damit zu tun, ob ich tatsächlich eine Beziehung brauche oder möchte. Es liegt vor allem daran, dass ich mich darum sorge, was ich mit dem Rest meines Lebens anstelle", sagt Bertie. "Was gefährlich ist. Wenn du dich nämlich auf deinen Job als die eine Sache fixierst, die dich unglücklich macht, du kündigst und feststellst, dass das gar nicht so war, dann hast du ein großes Problem."

Außerdem: Hör auf, dich über deine Arbeit zu definieren.

Nimm dir das Recht, erschöpft zu sein

Ich habe 25 Jahre gebraucht, um nicht diese grauenvolle Schuld der "mangelnden Produktivität" zu spüren, wenn ich mich dazu entscheide, mich ins Bett zu setzen und das ganze Wochenende Netflix zu schauen, weil ich emotional oder körperlich erschöpft bin. Früher dachte ich, Monate oder gar Jahre an psychische Krankheiten "verschwendet" zu haben, nur weil ich währenddessen keine volle Leistung bringen konnte. Wenn du phasenweise mal nicht alles geben kannst, dann mach dir deswegen keine Schuldgefühle.

"Letztes Jahr bin ich durch eine depressive Phase gegangen. Ich saß einfach im Bett und war besessen von YouTube Vlogs. Ich konnte nicht ohne sie", sagt Bertie. "Ich fühlte mich, als würde ich mein verdammtes leben damit verschwenden und drei Monate später habe ich dann einen Artikel darüber geschrieben, der sich aus meinen ganzen Gefühlen zu jener Zeit gespeist hat und es ergab alles Sinn. Jede einzelne deiner Erfahrungen, selbst fünf Tage im Bett, wird dir irgendwann in irgendeiner Weise nützlich sein. Es fühlt sich währenddessen nur einfach nicht so an. Wir sind dermaßen auf das Gefühl konditioniert, jederzeit funktionieren zu müssen, dass wir unseren Respekt für Zeitverschwendung komplett verloren haben. Während der Zeitverschwendung geschehen so viele gute Dinge oder dumme Ideen verwandeln sich in großartige Ideen. Erholung ist nützlich. Wenn du im Bett liegst, ruht dein Körper, auch wenn dein Kopf verrücktspielt."

Diese Kultur des Alles-Gebens und jeden Bereich unseres Lebens Auskostens—immer und überall—hat die gleichen Ursprünge wie die Quarterlife-Crisis. Robinson sagt mir, dass du richtige Entscheidungen eher aus der Ruhe als aus Stress heraus triffst. Erlaub dir also eine Auszeit, wann immer du kannst.

Foto: Jake Lewis

Scheiß auf alle, die deine Gefühle als Anspruchsdenken abtun

"Viele junge Erwachsene sorgen sich, dass andere ihre 'Krise' als Gejammer oder Rumgeheule wahrnehmen", sagt Robinson. "Und manche Menschen—insbesondere ältere oder solche, die nie selbst solche Selbstzweifel gehabt haben—tun genau das. Vergiss nicht, dass alles, was du fühlst, auch gerechtfertigt ist. Auch wenn andere das anders sehen."

Wenn dich also das nächste Mal jemand daran erinnern möchte, dass die Zwanziger doch die beste Zeit deines Lebens sind, dann antworte ihnen, dass ein Experte im Bereich generationaler Krisen Folgendes sagt: "Die Menge an großen Entscheidungen, die du treffen musst, macht diese Zeit zum wahrscheinlich schwierigsten Lebensabschnitt in Bezug auf Stress und geistige Gesundheit."

Zu guter Letzt: Tu etwas, egal was, irgendetwas

Finde Trost in der Tatsache, dass, egal wie sehr du dein momentanes Leben auch versaust, es auf lange Sicht wahrscheinlich gar nicht so schlimm sein wird. Mach es einfach. Oder auch nicht. Und sitz hier mit diesem Artikel als Bookmark auf deinem Arbeitscomputer, während du dir kalte Pommes bestellst und mit jemandem ausgehst, den du ganz OK findest.