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„Zwergenwerfen" im Stripclub: Ein fragwürdiger Publikumsmagnet

Wir waren bei einer solchen Veranstaltung in Kanada, bei der weder das Publikum noch der Mann, der geworfen wurde, ein Problem mit dem kontroversen „Sport" zu haben schien.

von Dean Scott
03 Februar 2016, 3:19pm

Leopard's Lounge ist ein Stripclub in Windsor, Ontario, in dem ein sogenannter „Dwarf Toss" stattfindet | Alle Fotos von Michael Evans

Es ist Samstagabend in Windsor in der kanadischen Provinz Ontario und der Stripclub Leopard's Lounge ist proppenvoll.

„Seid ihr bereit für ein bisschen Werfen?", fragt der Moderator, während aus den Boxen Mötley Crüe schallt. Die Männer im Publikum fangen an, „Dwarf! Dwarf! Dwarf!" zu skandieren und mit den Händen auf die Tische zu schlagen.

Die Anwesenden sind hier, um Michael Murga zu sehen. Der kleinwüchsige Entertainer nennt sich Mighty Mike und wird durch die Luft geworfen, während barbusige Stripperinnen Bier servieren und mit den Clubbesuchern in Privatkabinen gehen.

Eine Gruppe Männer wechselt sich darin ab, Mike an einem Geschirr, unter dem er ein T-Shirt mit dem Logo des Clubs trägt, zu packen und auf eine Reihe Luftmatratzen zu werfen, welche die Bühne bedecken. Es ist ungeschickt, unkoordiniert und erinnert kaum an die Szene in The Wolf of Wall Street, in der Leo und seine Kumpane einen „Zwerg" auf eine Zielscheibe werfen. Mighty Mike trägt zu seiner Sicherheit einen Helm und eine Schutzbrille.

Auf der Toilette verkündet ein Mann, der gerade seinen Wurf hinter sich hat: „Er ist einen Meter groß, aber Scheiße, ist der kompakt."

Ich sehe ein paar Runden lang zu und fange an mich zu fragen, ob das hier tatsächlich das Thema ist, über das alle so meckern und motzen. Sind wir hier, um Mikes Recht darauf zu verteidigen, einer solchen Behandlung zuzustimmen, oder sitzen wir einfach nur in einem überhitzten, feuchten Club mit überteuerten Drinks, weil es so schön verboten wirkt? Dieser „Sport" ist ein kontroverser, gegen den weltweit protestiert wird.

Und das bringt mich dazu, mich zu fragen, was diese beliebte Veranstaltung über meine Heimatstadt sagt.

Nach zehn Würfen macht Mike eine Pause und geht ins Hinterzimmer des Clubs, um seinen Rücken auszuruhen. Er kennt die Entertainment-Branche gut: Mike war bereits mit Britney Spears auf Tour, hat in American Horror Story mitgespielt und ist als Mini-Elvis und Mini-Eminem aufgetreten. Seine Website bezeichnet ihn als „Entertainment's #1 Little Person for World Tours". Er achtet sehr darauf, in Form zu bleiben, um seinen Körper beim Werfen vor Verletzungen zu schützen.

„Ich trainiere. Ich bin willensstark. Es ist nicht so, dass die Leute sich einfach einen Zwerg greifen und ihn werfen. Ich habe einen kräftigen Oberkörper. Wenn du falsch landest, machst du dir den Rücken kaputt, du must also einen starken Körper haben", sagt mir Mike.

In einer durchschnittlichen Nacht des „Zwergenweitwurfs" wird Mike zwischen 50 und 60 Mal geworfen, manchmal über Entfernungen von 2,5 bis 3 Metern.

Der Organisator, Renaldo Agostino, hat mich strengstens angewiesen, Mike nicht auf die Kontroverse um diesen „Sport" anzusprechen.

„Wenn ich da oben bin, dann bin ich ganz in den Augenblick vertieft", ist das einzige, was er mir gegenüber sagt, das auch nur ansatzweise auf diese Sache eingeht.

Ich frage ihn, was seiner Meinung nach seine Anziehungskraft für diese Veranstaltung ausmacht, und Mike erklärt, das Event sei aufgrund seiner Ungewöhnlichkeit so beliebt. Es seien hauptsächlich Männer in ihren 20ern und 30ern, die Schlange stehen, um ihn über die Bühne zu schleudern—oder in einen Hotelpool, wenn er gerade einen Dwarf Toss in Los Angeles absolviert.

Wieder auf der Bühne greifen sich zwei Frauen Mike, indem sie ihn jeweils seitlich anpacken. Sie schaffen es nicht, ihn zu werfen, und lassen ihn unter Gelächter und Applaus wieder auf den Boden gleiten. Das Publikum bestellt noch eine Runde Drinks.

„Vorzeitige Zwergulation", tönt der Moderator. „Der Schlüssel ist der richtige Griff."

Der „Zwergenweitwurf" hat in Windsor schon länger Beschwerden und Empörungen hervorgerufen. Eine Parlamentsabgeordnete hat versucht, ein Gesetz gegen das Spektakel durchzubringen: Sandra Pupatello, Abgeordnete für Windsor West, hat 2003 einen Initiativantrag gestellt, doch bei der zweiten Lesung schied der Vorschlag aus.

„Meine Gemeinde ist außer sich. Meine Telefone stehen nicht mehr still. Die Gemeinde ist aufgebracht, dass diese Veranstaltung überhaupt erlaubt ist", las Pupatello 2003 vor, als sie ihren Antrag vorstellte. Das Gesetz hatte für die Organisatoren und Teilnehmer solcher Veranstaltungen ein Bußgeld unter 5.000 Dollar oder eine Haftstrafe unter sechs Monaten vorgesehen.

Die Veranstaltung gibt es seit 2012 wieder, und wieder gingen Beschwerden und Anrufe bei Stadträten von Windsor ein, doch wie schon zuvor fand das Event dennoch statt.

VICE hat Pupatello um einen Kommentar gebeten, jedoch keine Antwort erhalten.

Dieses Jahr gibt es im direkten Anschluss aneinander Veranstaltungen im Leopard's sowie in einem Detroiter Club names The Toy Chest. Die Kleinwüchsigen-Organisation Little People of America hat in Reaktion darauf eine Petition auf Change.org gestartet, die ein Ende dieser Praktik in Ontario und Detroit verlangt.

In der Petition heißt es: „Zwergenwerfen ist ein abscheuliches Spektakel, das kleinwüchsige Menschen Spott und körperlichen Schäden aussetzt." Und: „[Es] behandelt Menschen von kleiner Statur als Sportgerät und leistet der verbreiteten Ansicht Vorschub, es handle sich bei kleinwüchsigen Menschen um Objekte."

Zu diesem Zeitpunkt hat die Petition circa 3.600 Unterschriften. In Kommentaren nennen Unterzeichner die Veranstaltungen „erniedrigend" und „objektifizierend" sowie ein verwerfliches Handeln, „das jede anständige Gesellschaft verurteilen sollte".

2012 hat der Game of Thrones-Darsteller Peter Dinklage Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt, als er in seiner Dankesrede für den Golden Globe einen Mann grüßte, der bei einem Angriff verletzt wurde, von dem man annimmt, er sei durch „Zwergenweitwurf" inspiriert gewesen.

Trotz der Beschwerden und der Empörung gab es während der Veranstaltung keine Proteste vor dem Club.

James Campeau, ein Maschinenschlosser in Fort McMurray, war seit fünf Jahren nicht in seiner Heimatstadt Windsor gewesen. Als er im Internet von dem Event las, beschloss er, es zum Anlass für einen Besuch zu nehmen.

„Es ist einfach nur Spaß. Ich denke nicht, dass es erniedrigend ist oder so. Er wird bestimmt gut bezahlt. Sie haben ihn eingeflogen, ihm ein Hotelzimmer gegeben. Es ist ja nicht so, als würden wir ihn gegen eine Ziegelmauer werfen. Es liegen Matratzen aus und alle haben Spaß."

Campeau spekuliert mir gegenüber über Mikes Gage. „Selbst wenn er 1.000 Dollar dafür bekommt, dass er fünf Stunden in einem Stripclub abhängt ... Ein Stundenlohn von 200 Dollar ist in Windsor viel. Die höchsten Stundenlöhne liegen sonst bei 40 Dollar. Er verdient das Vierfache [sic], und dabei hängt er in einem Stripclub ab."

Agostino wollte nicht verraten, was Mike pro Abend verdient, doch bei meiner Ankunft versichert er mir: „Er liebt es. Er verdient das, was ein ziemlich guter DJ verdienen würde. Er verdient so viel, wie eine annehmbare Band von außerhalb reinbringen würde."

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Zwei Beobachter im Publikum, Andrew und Kristen, erzählen mir, sie würden normalerweise keinen Fuß in einen Stripclub setzen, doch sie hätten mit eigenen Augen sehen wollen, wie es beim Dwarf Toss zugeht. Sie sind mit einer kleinen Gruppe Freunde da und stehen breit grinsend in einer Ecke.

Für eine der Stripperinnen des Clubs, Shannon, ist es das seltsamste Event, das sie in ihren zehn Jahren in diesem Geschäft erlebt hat.

„Es wird an Samstagabenden schon voll, aber nicht so wie jetzt. Im Moment haben wir hier Leute, für die es nicht mal Stühle gibt. Normalerweise haben alle einen Tisch", erzählt mir Shannon.

„Du willst gar keinen Tanz, oder?", fragt sie, als ihr klar wird, dass ich nicht mit ihr spreche, um für eine Privatvorstellung zu bezahlen.

Der Dwarf Toss ist krass und geschmacklos, und die Kontroverse bringt den Veranstaltungen nur mehr Publicity ein. Die Clubbesitzer lieben es, denn sie profitieren von der Gratiswerbung. Ohne Hollywood-Effekte, Drähte oder doppelten Boden fliegt Mike ein paar Meter durch den Raum, ungeschickt geschleudert von größtenteils betrunkenen Männern, die hier sind, um auf seine Kosten Spaß zu haben.

Am nächsten Morgen wird er wieder nach Los Angeles zurückfliegen und weiterhin „Entertainment's #1 Little Person for World Tours" sein.

Der Rest von uns bleibt in Windsor, wo eine Veranstaltung, bei der ein kleinwüchsiger Mensch durch die Gegend geworfen wird, an einem Samstagabend für einen vollen Club sorgen kann.