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Wie es ist, eine Geisel bei einer Flugzeugentführung zu sein

Die EgyptAir-Entführung von Dienstag hat sich als relativ harmlos herausgestellt. Ein Überlebender der Pan-Am-Flug-73-Entführung von 1986, bei der 21 Menschen starben, erzählt von der Ahnungslosigkeit und dem Psychoterror bei einem solchen Martyrium.

von Mark Hay
31 März 2016, 8:00am

Die Pan American World Airways Boeing 747-121, die am 5. September 1986 von bewaffneten Entführern gestürmt wurde | Foto: aussieairlines.org | Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Auch wenn die relativ aktuelle Nachricht des entführten EgyptAir-Flugzeugs, das von Alexandria nach Kairo unterwegs war, die Leute anfangs noch fassungslos machte, hat sich das Ganze inzwischen zu einer Art schlechtem Witz entwickelt.

Der Entführer Seif Eldin Mustafa zwang die Piloten zuerst dazu, nach Zypern fliegen, und drohte nach der dortigen Landung stundenlang damit, seinen Sprengstoffgürtel hochgehen zu lassen. Neben der Forderung, seine Ex-Frau zu sprechen, hatte er noch andere bizarre und zusammenhangslose Wünsche. Nachdem er noch schnell für ein Selfie mit einem Passagier posiert hatte, gab Mustafa schließlich auf und es sollte sich herausstellen, dass sein Sprengstoffgürtel nur eine Attrappe war. Die zypriotischen und ägyptischen Behörden haben den Entführer nun als labilen Menschen eingestuft, während die sozialen Netzwerke vor allem Hohn und Spott übrig hatten.

Zwar handelte es sich bei diesem Entführungsfall eher um eine harmlose Angelegenheit, aber die Realität sieht trotzdem eher so aus, dass es doch eine der schrecklichsten Erfahrungen überhaupt ist, sich an Bord eines entführten Flugzeugs zu befinden. Um genau diese Erfahrung besser zu verstehen, haben wir uns mit Michael J. Thexton in Verbindung gesetzt—einem Überlebenden der Geiselnahme an Bord des Pan Am Flugs 73 von 1986.

Vier als Security-Mitarbeiter verkleidete Terroristen stürmten eine in Pakistan zwischengelandete Boeing 747-121, die auf dem Weg von Mumbai nach New York war. Die Piloten konnten zwar aus der Maschine fliehen, aber die Entführer nahmen trotzdem 361 Passagiere und 19 Crew-Mitglieder 16 Stunden lang als Geiseln—dabei bedrohten sie Thexton 12 Stunden lang mit vorgehaltener Waffe, bevor sie letztendlich das Feuer eröffneten. Insgesamt kamen 21 Menschen ums Leben und 120 wurden verletzt. Als Thexton die Entführer zum ersten Mal erblickte, hatte er noch keine Ahnung, in welcher Gefahr er eigentlich schwebte und welche Katastrophe sich da anbahnte. Genau diese Ahnungslosigkeit war neben des Psychoterrors von Flugzeugentführungen das Thema unseres Gesprächs.

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VICE: Wann war dir damals zum ersten Mal richtig bewusst, dass du dich in Gefahr befandest?
Michael J. Thexton: Ich hatte mich noch nicht mal richtig hingesetzt, als ich schon beobachten konnte, wie ein Mann gegenüber einer Flugbegleiterin handgreiflich wurde ... und er trug dabei eine Pistole bei sich. Anfangs war ich deswegen total verwirrt und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Dann hörte ich im vorderen Bereich der Maschine laute Geräusche und plötzlich tauchte ein uniformierter Mann auf, der ein großes Sturmgewehr bei sich hatte. Ich dachte, dass es sich dabei um einen Security-Mitarbeiter handeln würde, der sich um den Typen mit der Pistole kümmern sollte. Schließlich rief jemand: „Das ist eine Entführung, Hände hoch!" Wir Passagiere hatten keine Ahnung, was passiert. Diese Ungewissheit war schrecklich.

Davor hatte es ja schon mehrere Flugzeugentführungen gegeben. Konntest du dir deswegen irgendwie vorstellen, wie das Ganze weitergeht?
Am Anfang der Geiselnahme redete ich mir einfach ein, dass die Leute oft freigelassen werden, denn ich hatte damals noch nie von einer Entführung gehört, bei der alle Involvierten ums Leben kamen. Ich meine, wir befanden uns ja noch nicht in der Luft und dazu noch in einem grundlegend freundlichen und gut organisierten Land. Deswegen ging ich auch davon aus, dass sich alles zum Guten wenden würde.

Die Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen sollten sich durch ihr Verhalten und ihren Mut als wahre Helden entpuppen. Wie schafften sie es, dass an Bord alles ruhig blieb und keine Panik ausbrach?
Sie zeigten alle unglaublichen Einsatz und Ruhe. Ihre Stimmen zitterten während der Durchsagen kein einziges Mal. Das „Meine Damen und Herren, bitte bleiben Sie sitzen oder Sie werden erschossen" kam dabei genauso rüber wie ein normales „Meine Damen und Herren, es gibt eine kleine Startverzögerung. Wir bitten um Entschuldigung". Ich bin mir sicher, dass das viel dazu beigetragen hat, dass alle Passagiere davon ausgingen, da lebend rauszukommen.

Kommen wir zu den Entführern. Welchen Eindruck machten sie auf dich und hat sich ihr Verhalten in irgendeiner Art und Weise auf dich ausgewirkt?
Anfangs wirkten sie natürlich noch ziemlich nervös. Sie hatten da ja auch gerade ein Flugzeug gekapert und wussten nicht, wie das Ganze enden würde. Als dann alle Passagiere in den hinteren Teil der Maschine gebracht wurden, reichten zwei Entführer als Bewacher aus—das Ganze war ja auch vor dem 11. September. Ich glaube, dass wir alle dachten, dass da noch mehr Entführer sein müssten. Ich meine, ich selbst hatte die ganze Zeit über Angst, dass einer von ihnen hinter mir stehen würde. Heute wäre so etwas meiner Meinung nach nicht mehr möglich, weil irgendjemand sicherlich versuchen würde, die Entführer zu überwältigen. Damals war es für sie jedoch ziemlich einfach, die Kontrolle zu erlangen und auch zu behalten.

Foto: Kraipit Phanvut | Getty

Ist es dir zu irgendeinem Zeitpunkt in den Sinn gekommen, aufzustehen und etwas zu tun?
Ich glaube, nicht wirklich, nein. Wenn ich bei einer Menschenmenge war, dachte ich, dass ich es irgendwie schaffen würde—jemand würde vielleicht verletzt werden, aber ich würde es schaffen. Sicherheit in der Gruppe. Doch als sie mich dann ausgesondert hatten, gab es nichts, das ich wirklich hätte tun können. Ich war unbewaffnet und völlig verängstigt.

Ich habe seit dem 11. September viel daran gedacht. Ich glaube, heutzutage hätte ich sie wahrscheinlich angegriffen und viele Andere hätten das auch gemacht. Ich wäre ohnehin davon ausgegangen, dass ich sterben muss. Das erwartet man seit 9/11 nicht anders. Aber an dem Tag hatte ich einfach das Gefühl, dass ich nichts tun konnte.

Wie lange hat es gedauert, bis sie dich ausgesondert haben? War dir klar, warum sie es tun? Zu welchem Zeitpunkt hast du wirklich angefangen, um dein Leben zu fürchten?
Am Anfang der Entführung sah ich zu zwei Leuten, die neben mir saßen. Sie wirkten auf mich wie Amerikaner, und ich weiß noch, dass ich diesen ziemlich brutalen Gedankengang hatte: „Die werden vor mir dran sein. Die Amerikaner sind unbeliebter als die Briten." Ich glaube, alle dort haben versucht, jemanden zu finden, dem es noch furchtbarer ging als ihnen selbst. Das ist eine ziemlich unangenehme menschliche Eigenschaft.

Es war ungefähr drei Stunden nach Beginn der Entführung ... der Anführer kam in den Mittelgang und zog jemanden aus einem Gangplatz. Der Passagier war Inder, doch er hatte einen amerikanischen Pass. Er hat ihn erschossen und rausgeworfen, um zu verdeutlichen, wie ernst sie es meinten. Aber das habe ich nicht mitbekommen, weil ich mit meiner eigenen Lage beschäftigt war und das Flugzeug das Geräusch anscheinend geschluckt hat.

Dann haben sie verkündet, dass sie die Pässe einsammeln würden. Logisch, in so einem Fall denkt man sich, dass es besser wäre, ihn nicht abzugeben. Man wird ihn stattdessen los. Aber ich stand so unter ihrer Kontrolle, dass ich meinen Pass einfach [der Flugbegleiterin] gab. Ich dachte immer noch, dass es Amerikaner geben würde, die vor uns dran wären. Die Flugbegleiterin war zwar Inderin, doch sie hatte anscheinend denselben Gedankengang gehabt und tat etwas unglaublich Mutiges: Sie entfernte alle „westlichen" US-Pässe, die man ihr gegeben hatte. Als sie mit der Tüte voller Pässe zu den Entführern ging, gehörten die einzigen amerikanischen Pässe darin Leuten aus Indien und Pakistan, und sie schaffte es, [die Terroristen] zu überzeugen, dass es sich bei ihnen nicht um Feinde handelte. [Anm. d. Red.: Die junge Flugbegleiterin Neerja Bhanot bewahrte durchgehend die Ruhe und rettete, bereits selbst verletzt und die Flucht ablehnend, noch viele weitere Menschenleben, bevor die Entführer sie erschossen. Sie gilt als indische und internationale Heldin.] Dann wurde mein Name aufgerufen. Ich habe nicht verstanden, warum sie mich ausgewählt haben.

Sie haben euch nicht deutlich mitgeteilt, was sie wollten, aber du bist davon ausgegangen, dass sie ein politisches Motiv hatten und es auf Amerikaner abgesehen hatten. Wie hast du dir das zusammengereimt?
Als sie die Kontrolle über das Flugzeug übernahmen, hielt ich es für möglich, dass sie Pakistaner waren—dass es sich um eine Art pakistanische Revolution handelte. Ich hatte am Flughafen vorher eine Zeitschrift gelesen, und darin hatte gestanden, dass Benazir Bhutto in jenem Sommer wieder ins Land gelassen worden war und dass sie eine politische Opposition gegen die ziemlich diktatorische Regierung gegründet hatte. Das war mit ein Grund, warum ich versuchte, mich davon zu überzeugen, dass es sich um ein innerpakistanisches Problem handelte und sie es nicht auf Ausländer abgesehen haben konnten.

Erst viel später, als ich ganz vorne im Flugzeug war und der Anführer sich mir gegenüber in einen Stuhl setzte und sagte „Die Amerikaner und Israelis haben mein Land gestohlen", wurde mir klar, dass es sich um Palästinenser handeln musste.

Du wurdest nach etwa vier Stunden ausgewählt, doch die Geiselnahme dauerte insgesamt mehr als 16 Stunden. Erzähl mir bitte etwas darüber, wie du die nächsten 12 Stunden erlebt hast.
Ich kniete einfach da beim Vordereingang, während der Entführer seine Forderungen machte, und fragte mich, ob man sie erfüllen würde. Ich betete und dachte an all die Menschen, die ich zurücklassen würde. Dann dachte ich an all die Leute bei der Bergexpedition [in Pakistan], mit denen ich mich nicht gut verstanden hatte. Ich beschloss, dass ich nicht ängstlich oder wütend sterben wollte. Und ich war entschlossen, auch nicht auf die Entführer wütend zu sein oder Angst vor ihnen zu haben. Sobald ich diese Entscheidung gefällt hatte, waren sie viel weniger furchteinflößend. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie mich früher oder später erschießen würden. Aber das war es nun einmal, was sie vorhatten, und sie würden mich nicht dazu bringen, sie zu hassen. Ich würde nicht zulassen, dass all das mich veränderte.

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Diese Geiselnahme endete besonders blutig. Wie hat sich das aus deiner Perspektive zugetragen?
In den letzten 12 Stunden gab es vielleicht 5 oder 6 Zwischenfälle. Die meiste Zeit saß ich einfach nur da. Ich war sogar dort neben der Tür weggedöst. Ich merkte, dass es dunkler und heißer war, und dachte, dass etwas mit der Stromversorgung nicht stimmen konnte. Ich saß da und dachte: „Ich bin wieder bei den Anderen. Ich habe eine Chance, hier lebend rauszukommen." Doch es war klar, dass gleich etwas passieren würde, denn es wurde dunkel, die Anspannung stieg immer mehr, und die Geiselnehmer haben alle Positionen im Flugzeug eingenommen.

Dann, als es komplett dunkel war, erinnere ich mich an einen einzelnen Knall. Ich erinnere mich, wie ich am Boden kauerte. Dann kamen aus nur ein paar Metern Entfernung von vorne Schüsse aus einer Automatikwaffe. Und dann noch mehr Schüsse vom Heck des Flugzeugs. Es klang so weit entfernt, als wäre es in einem anderen Land. Sie haben einfach [ihre Magazine] in die Passagiere geleert. [Anm. d. Red.: Nach dem Totalausfall der Stromversorgung eröffneten die Entführer in der Dunkelheit panisch das Feuer. Sie hörten erst auf zu schießen, als ihnen die Munition ausging.]

Dann erinnere ich mich an Stille. Was seltsam ist, denn es kann gar nicht still gewesen sein. Es gab Tote und Sterbende. Aber es war so unglaublich laut, und dann war es nicht mehr laut. Ich konnte am anderen Ende des Flugzeugs zu einer Tür. Die [Rutsche] war nicht auf der Tragfläche gelandet, doch nichts auf der Welt hätte mich wieder zurück ins Flugzeug bewegen können. Also rutschte ich über die Tragfläche auf den Boden. Es ging wirklich sehr tief nach unten, aber ich musste von dieser Tragfläche runter.

Hast du seither genauer auf Flugzeugentführungen geachtet?
Ja. Andere, ähnlich dramatische Dinge belasten mich heute meist auch mehr.

Wie verarbeitest du solche Ereignisse?
Was wir durchgemacht haben, war kein bisschen wie der 11. September. All diese Dinge sind auf völlig unterschiedliche Art grauenvoll. Ich denke an die glücklosen Menschen und wie viel schlimmer als ich sie es oft haben. Manchmal kommt es mir so vor, als sei es für Außenstehende noch viel schlimmer als für direkt Beteiligte. Man macht sich Sorgen um alles Mögliche. Wenn man dabei ist, weiß man wenigstens, was vor sich geht.