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Wie ich versucht habe, ohne Medikamente meine Panikattacken loszuwerden

Meine Finger und Unterarme verkrampften sich, verdrehten sich. Ich war sicher, nach einem Hirnschlag nun gelähmt zu sein.

von Anonym
24 Juli 2015, 7:00am

Dieser persönliche Erfahrungsbericht spiegelt nicht die Meinung der Redaktion zum allgemeinen Umgang mit psychischen Problemen wider. VICE rät natürlich niemandem von der professionellen Behandlung psychischer Erkrankungen ab. Selbsttherapie ist mit Sicherheit nicht immer die richtige Lösung—nicht jedes Problem ist eins, das man mit sich selbst ausmachen kann. Manche sind gravierend und brauchen, je nach konkretem Fall, Gespräche mit Außenstehenden, systematische Hilfe von Experten oder auch medikamentöse Behandlung.

Letztes Wochenende kam wieder dieses Gefühl in mir hoch. Ein Gefühl, das ich seit einigen Jahren nicht mehr erlebt hatte. Die Nacht zuvor hatte ich einen Jahrhundertrausch eingefahren und darauf folgte der entsprechende Jahrhundertkater. Nach einem Tag mit zu wenig Schlaf, Schwindel, zwei Essensbestellungen, einer Schmerztablette und gefühlt jeder Serie auf Netflix, ging ich um Mitternacht wieder ins Bett. Mein Puls raste, die Atmung war flach und unnatürlich. Meine linke Schläfe pochte stark mit einem eigenartigen Druck und ich bekam Angst—tatsächliche Angst, einen Schlaganfall zu bekommen, mit Anfang 30. Ich erinnere mich genau: So begannen damals meine Panikattacken, wegen denen ich im Krankenhaus gelandet bin und von denen ich dachte, sie geheilt zu haben.

Es ist nun zirka fünf Jahre her, dass ich meine Panikattacken als solche erkannt und selbsttherapiert habe. Was ich damit meine: Ich war Student und mein Lebensstil ausschließlich von Fortgehen und Drogen bestimmt. Nach einem Abend mit übertrieben viel Speed-Konsum, Schlägereien und einem verlorenen iPhone, stellten sich diese Anfälle von Panik, Beklemmung in der Brust und Herzrasen mit einer hohen Regelmäßigkeit ein—auf der Uni, am Schreibtisch, immer und überall.

Komplett nüchtern konnte es passieren, dass ich mit aufgerissenen Augen im Bett lag und stundenlang mein Herz abtastete, um zu prüfen, ob es nicht vielleicht Schläge auslassen würde oder überhaupt aufgehört hatte, zu pumpen. Ich hatte über Monate hinweg immer wieder richtige Angst, nein Panik, einen Herzinfarkt zu haben und wusste nicht warum.

Eines Abends—es war heiß und damals war ich auch noch starker Raucher—hatte ich wieder dieses mysteriöse Unwohlsein in der Brust. Ich versuchte mich hinzulegen, was alles nur schlimmer machte. Kalter Schweiß und ein damals noch undefinierbares Gefühl der Anspannung ließen mich langsam auf meiner Bettdecke erstarren. Meine Pupillen rasten hin und her, als ein neues Symptom hinzukam.

Meine Finger und Arme fingen leicht schmerzhaft an zu kribbeln, so als ob sie eingeschlafen wären. Ich habe mich nie wieder so dermaßen angeschissen vor Angst wie damals. Ich klingelte um 2:00 Uhr früh meine Nachbarin aus ihrer Wohnung und bat sie um Hilfe.

Ich wippte auf ihrer Couch verstört vor und zurück, als sich meine Finger und Unterarme verkrampften und sich sogar unkontrollierbar verdrehten. Sie waren taub, ich konnte sie nicht mehr bewegen und war sicher, nach einem Hirnschlag nun gelähmt zu sein. Ich stotterte meine manische Diagnose vor mich hin. Es war ein Anfall purster Panik.

Meine Nachbarin war ratlos und rief die Rettung. Als die Sanitäter kamen, brauchten sie nur einen kurzen Blick, um meine Situation zu durchschauen und zu wissen, dass ich lediglich hyperventilierte—sprich meine panische Atmung zu einem Sauerstoffüberschuss und den Krämpfen geführt hatte. Sie erklärten mir das und sagten auch, dass ich einfach normal atmen solle. Nach dieser Ansage lösten sich meine „Lähmung" und die Angst beinahe sofort auf.

Trotzdem verbrachte ich die Nacht in einem Krankenhausrollstuhl mit einer Infusion im Arm, erschöpft und geschwächt, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Die kardiologischen Tests kamen alle negativ zurück. Ich hatte mir also alles nur eingeredet. Was wahrscheinlich nur eine kleine Kreislaufschwäche war, hatte ich in meinem Kopf zum Herzanfall und Hirnschlag aufgebauscht.

Wie so oft ist auch hier Wissen die halbe Miete. Mein Bruder ist Arzt und erklärte mir damals, dass überbelastete Lungen—unter anderem vielleicht von den zwei Packungen gelbe Gauloises, die ich pro Tag rauchte—ein unangenehmes Gefühl in der Brust erzeugen können, das von vielen Menschen oft als Herzprobleme fehlinterpretiert wird. Im Film Charlie Bartlett , der überhaupt ziemlich cool ist, hörte ich das erste Mal jemanden von Panikattacken sprechen und dass manche sie wie einen Herzinfarkt erleben würden.

Monate später, auf einer Auslandsreise mit Freunden, haben wir bei Leuten im Keller übernachtet. Auf der Terrasse der Gastgeber haben wir dann einen riesigen Joint geraucht, an dem ich einmal gezogen habe. Sofort machte sich das vertraute ungute Gefühl der anschwellenden Panik bemerkbar. Ich zog mich zurück in meinen Schlafsack im feuchten Kellerraum.

Wieder schien mein Herz hundertmal so fest zu schlagen wie normal und meine Augen zitterten wirr über die unverputzte Betondecke. Aber eines war entscheidend anders bei dieser sich anbahnenden Panikattacke—ich wusste, dass es sich um eine handelte.

In einem verzweifelten Versuch, mich selbst zu therapieren, analysierte ich, was gerade mit meinem Körper passierte. Ich versuchte meine Atmung zu beruhigen und vor allem meine nervös herumrasenden Augen.

Ich konzentrierte mich auf einen Punkt auf der Decke und betete mir vor: „Ich schaue erst weg, wenn ich mich beruhigt habe." Tatsächlich half diese Technik. Immer wenn ich den Blick kurz woandershin führte, wurde mir gleich wieder unwohl. So starrte ich also für fünf oder zehn Minuten auf diesen Punkt an der Decke.

Es gibt auch ein verhaltensbiologisches Prinzip, das besagt, dass äußere, also exogene Reize körperliche oder psychologische Reaktionen hervorrufen können, die eigentlich umgekehrt funktionieren sollten. Wenn du immer lächelst, bist du theoretisch auch plötzlich besser drauf. Die Beruhigung meines Blicks hatte so vielleicht auch rückwirkend Einfluss auf mein Gehirn. Vielleicht kann man den Körper ja wirklich manchmal austricksen: „Die Augäpfel verhalten sich nicht mehr panisch und hektisch?! Na dann wird alles wohl wieder okay sein. Abbruch der Panikattacke!" Das Symptom war weg und der Auslöser ist kurz darauf auch verschwunden.

Ich habe keine psychologische Ausbildung und war nie in Behandlung wegen diesen Dingen—und ich weiß auch, dass das ziemlich dumm ist. Aber seit dieser komischen plötzlichen Selbsthilfe in dem Psychokeller hatte ich tatsächlich nie wieder eine Panikattacke. Von diesem Tag an konnte ich, wenn sich das Panikgefühl einstellte, immer mit dieser einfachen Methode des Starrens den drohenden Anfall abwenden.

MOTHERBOARD: Ein schalltoter Raum kann bei Menschen auch Panikattacken und sogar Halluzinationen auslösen.

Auch der sich anbahnenden Panikattacke letzte Woche konnte ich auf diese Weise Herr werden. Ich war wieder kurz davor, zu hyperventilieren und fühlte das übliche schlimme Kribbeln. Aber die Beruhigungstechnik mit dem auf einen bestimmten Punkt fixierten Blick und ein paar liebe Worte der Freundin halfen perfekt.

Ich verstehe natürlich, wenn manche jetzt mit Kritik reagieren und mir einfach nur sagen wollen, dass ich mit meinem esoterischen Gerede von „Selbsttherapie" scheißen gehen soll; oder auch, dass bei meinem Lebensstil solche Episoden sowieso niemanden wundern könnten.

Wie eingangs erwähnt, rate ich natürlich nicht von professioneller Hilfe bei psychischen Krankheiten ab. Aber ich wollte diese Erfahrung teilen und im besten Fall fühlt sich jemand verstanden oder es wird jemanden die Definition seiner Probleme klar—so wie mir bei dem Film damals.

Wenn die Zustände nicht so anstrengend und der blanke Horror für mich gewesen wären, würde ich es wahrscheinlich sogar noch faszinierender finden, wie sehr dich dein grundlos panisches Gehirn eigentlich völlig ohne äußere Gründe in die Knie zwingen kann. Einfaches „Hineinsteigern" kann zu körperlichen Auswirkungen wie Lähmung, Krämpfen und Atemnot führen. Also seid nett zu eurem Geist und wagt im Fall der Fälle auch—mit dem sollte man es sich im Leben am allerwenigsten nicht verscherzen.

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