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Popkultur

Die vergessene Geschichte des „japanischen Oskar Schindlers“

Der japanische Diplomat Chiune Sugihare brachte während des Zweiten Weltkriegs Tausende Juden durch das Ausstellen von Reisevisa in Sicherheit. Das Leben des oftmals übersehenen Helden wurde nun verfilmt.

von Victoria Namkung
01 Februar 2016, 12:22pm

Foto: Wikimedia Commons | Gemeinfrei

Direkt neben der Starbucks-Filiale in Little Tokyo in Los Angeles befindet sich die Bronzestatue eines Mannes im Anzug, der einen kleinen Zettel in der Hand hält. Eingraviert ist ein Satz aus dem Talmud: „Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt." Bei dem Mann, dem hier ein Denkmal gesetzt wurde, handelt es sich um Chiune „Sempo" Sugihara—oft auch als der „japanische Oskar Schindler" bezeichnet. Sugihara war ein japanischer Diplomat, der 1939 damit beauftragt wurde, ein Konsulat in Litauen zu eröffnen. Letztendlich arbeitete er dann jedoch gegen seine eigene Regierung und riskierte sogar das Leben seiner Familie, indem er 2.139 Durchreisevisa für gut 6.000 Juden ausstellte, die nach dem Angriff der Nazis auf Polen nach Litauen geflüchtet waren und aufgrund der akuten Lebensgefahr weiterreisen mussten. Leider ist es jedoch so, dass die Tausenden Menschen, die jeden Tag an der Bronzestatue vorbeigehen, gar nichts über den Mann wissen, der vor gut 70 Jahren so viele Menschenleben gerettet hat.

Sugiharas oftmals übersehene Geschichte wird jetzt allerdings in Form einer emotionalen und bewegenden Filmbiografie nacherzählt, bei der der japanisch-amerikanische Filmemacher Cellin Gluck Regie geführt hat. Persona Non Grata feierte vergangenen Dezember in Japan Premiere und zeigt das moralische Erwachen und die heldenhaften Taten Sugiharas während des Zweiten Weltkriegs. Im Gegensatz zu Oskar Schindler, dessen Rettung der Juden am Anfang noch von Profitgier getrieben war, oder dem schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der mit dem gezielten Auftrag der Judenrettung nach Ungarn geschickt wurde, gab es bei Sugihara bei der Entscheidungsfindung abgesehen von seinem eigenen Mitgefühl keinen anderen Motivationsfaktor oder Richtungsweiser.

Man schätzt, dass es heute ungefähr 40.000 Nachfahren der Juden gibt, die damals durch Sugiharas handgeschriebene Visa gerettet wurden. Nachdem ihn das japanische Außenministerium letztendlich entlassen hatte, lebte der Diplomat ein ruhiges Leben und geriet fast in Vergessenheit. Erst als er von einem der von ihm geretteten Juden aufgespürt wurde, lud man ihn nach Israel ein, wo er für seine Heldentaten eine Ehrung erhielt. Bis heute ist Sugihara der einzige Japaner, dem von der israelischen Regierung der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern" verliehen wurde—das Ganze geschah 1984, also nur zwei Jahre vor Sugiharas Tod.

Gluck hat bereits bei Hollywood-Blockbustern wie etwa Contact, Gegen jede Regel oder Transformers als Regieassistent fungiert und bei der japanischen Version von Sideways 2009 direkt selbst auf dem Regiestuhl gesessen. Für sein neuestes Werk hat er eine illustre Runde an internationalen Schauspielern—darunter Toshiaki Karasawa, Koyuki, Borys Szyc und Agnieszka Grochowska—zusammengebracht und Persona Non Grata konnte sich am Wochenende nach der Premiere mit einem Einspielergebnis von umgerechnet 1,2 Millionen US-Dollar direkt an die Spitze der japanischen Kinocharts katapultieren. Wir haben uns mit dem Regisseur getroffen und über Mitgefühl, über die Arbeit mit einer mehrsprachigen Besetzung und über die wahrscheinliche Reaktion Sugiharas auf sein Biopic unterhalten.

Gluck am Set von ‚Persona Non Grata'

VICE: Wie und wann hast du von du von Chiune Sugiharas Geschichte erfahren?
Cellin Gluck: Nachdem Schindlers Liste in die Kinos gekommen war, tauchten plötzlich viele Berichte über andere „Schindlers" aus der ganzen Welt auf, die alle Hebel in Bewegung gesetzt haben, um jüdischen Menschen zu helfen, die aus den von Nazis besetzten Gebieten fliehen wollten. So habe ich zum ersten Mal vom „japanischen Schindler" gehört, aber erst nachdem mir ein Freund eine Ausgabe von Marvin Tokayers Buch The Fugu Plan in die Hand gedrückt hatte, erfuhr ich alles über Sugiharas Geschichte.

Was hat dich an seiner Story am meisten berührt?
Mich bewegte vor allem die Tatsache, dass Sugihara das Ganze scheinbar wirklich komplett aus eigenen Stücken getan hat—der einzige Lohn war die Beruhigung seines eigenen Gewissens. Ihm war nicht wichtig, irgendwie als Held dazustehen. Er wollte einfach nur das tun, was er für richtig hielt, um seinen Mitmenschen zu helfen.

Wie hätte Sugihara deiner Meinung nach auf die Verfilmung seines Lebens reagiert?
Wenn er heute noch Leben würde, dann hätte er jegliche Ehrungen und Glückwünsche wohl höflich entgegengenommen und gleichzeitig aber auch versucht, sich nicht zu sehr auf ein Podest stellen zu lassen.

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Sowohl im Film als auch im echten Leben war Sugihara mit einer Russin namens Klaudia zusammen und lernte erst danach seine japanische Frau kennen. Diese Beziehung war für die damalige Zeit doch recht ungewöhnlich. Inwieweit hat sie deiner Meinung das Weltbild des Japaners verändert?
Als er in der Mandschurei studierte und mit Klaudia zusammen war, kam bei ihm wohl der Gedanke auf, dass es zwar schon unterschiedliche Kulturen gibt, wir letztendlich aber doch alle gleich sind.

Sugihara hat so viele Visa ausgestellt, wie er nur konnte—sogar noch in den letzten Momenten, bevor er selbst aus Litauen flüchten musste. Dabei war er sich nicht mal sicher, ob besagte Visa überhaupt wirkliche Sicherheit garantieren konnte. Wo sind die jüdischen Flüchtlinge dann letztendlich untergekommen?
Mit der Unterstützung des polnischen Botschafters in Tokio sowie mehrerer jüdischer Hilfsorganisationen haben viele Flüchtlinge ein Visum in den USA, in Kanada, in Australien, in Neuseeland oder im Völkerbundsmandat für Palästina bekommen. Ein Großteil der Juden, die [in Japan] zurückblieben, wurde letztendlich nach Shanghai gebracht, wo bereits relativ viele Juden lebten und Japan alles kontrollierte. Es gab allerdings auch welche, die einfach in Japan geblieben sind.

Ist Sugihara in Japan berühmt?
Die meisten Japaner wissen nicht, wer Sugihara war oder was er getan hat. Ich habe nur gehört, dass japanische Englischstudenten ein paar Geschichten über ihn lesen, aber ansonsten wird nicht wirklich viel über ihn geredet—außer natürlich in der Präfektur Gifu, wo Sugihara geboren wurde.

Vor seinem Auftrag in Litauen wurde Sugihara von der russischen Regierung aufgrund von Bespitzelungen zur Persona Non Grata erklärt und damit sein Traum von einer Anstellung in der japanischen Botschaft in Moskau zerstört. Inwiefern hat sich dieser Umstand auf den Titel deines Films ausgewirkt?
Wir sind eigentlich recht schnell auf den Titel gekommen und hielten ihn für sehr passend, denn Sugihara wurde aus Gründen verbannt, für die er nichts konnte, und war so in der Lage, sich in die Leute hineinversetzen, die unverschuldet in Lebensgefahr gerieten.

Wie war es, bei einem Film mit einer solch internationalen und mehrsprachigen Besetzung Regie zu führen?
Ich bin sehr dankbar dafür, dass es mir mein Produzent Kazutoshi Wadakura ermöglicht hat, in Polen zu drehen, weil ich dort einfach das Beste aus beiden Welten zusammenführen konnte. In anderen Worten: Ich war in der Lage, einige der besten japanischen Schauspieler nach Polen zu bringen und dort dann noch einige der besten europäischen Schauspieler auszuwählen. Obwohl viele der eigentlichen Geschehnisse in Litauen passiert sind, hat es doch sehr viel Sinn ergeben, mit polnischen Schauspielern zu arbeiten, denn die meisten der Flüchtlinge, denen Sugihara ein Visum ausgestellt hat und die so gerettet wurden, kamen aus Polen.

Du hast sowohl japanische als auch jüdische Wurzeln. Welchen Einfluss hatte das auf deine Erzählweise dieser Geschichte?
Ich konnte mich in beide Seiten hineinversetzen, da ich mich beim Großwerden mit der ganzen Thematik auseinandersetzen musste. Ich verspürte auch einen gewissen Drang, die Welt auf diese Geschichte aufmerksam zu machen.

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Der Film kommt zu einer Zeit in die Kinos, in der sich viele Menschen selbst in der eigenen Heimat als Persona Non Grata fühlen. Was kann uns Sugiharas Geschichte über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft lehren?
Ich finde, dass man immer das tun sollte, was man für richtig hält—anstatt darauf zu hoffen, dass sich jemand anderes der Sache annimmt. Das vorherrschende Gefühl, dass es in Ordnung ist, Menschen nur aufgrund ihres Glaubens oder ihrer Herkunft auszugrenzen, darf es nicht mehr geben.

Beim Anschauen des Films musste ich immer wieder an die derzeitige Flüchtlingskrise und das fehlende Mitgefühl vieler Menschen und Staaten denken. Wie können Werke wie deins dabei helfen, eine Veränderung in Gang zu setzen?
Ich kann nur hoffen, dass Filme ihr Publikum auf irgendeine Art und Weise dazu bringen, festgefahrene Überzeugungen und Vorstellungen neu zu überdenken. Das führt dann dazu, dass sich die Menschen auch anders verhalten. Wenn es Persona Non Grata schafft, die Leute über gewisse Dinge nachdenken zu lassen, dann würde mich das ungemein freuen und ich hätte mein Ziel erreicht.

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