Norbert Hofer fühlt sich als Opfer von "Hass im Netz" – und hat leider recht

Norbert Hofer twittert Screenshots von Hasspostings und wird dafür belächelt. Warum das ziemlich selbstgerecht ist.

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Sep. 1 2016, 10:00am

Donnerstag Vormittag hat Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer innerhalb von etwa 15 Minuten 15 Tweets mit dem Titel "Hass im Netz" abgesetzt. An jeden Tweet ist ein Screenshot von kritischen bis gehässigen Tweets über Norbert Hofer angehängt. Die Äußerungen gehen von "Bauernfänger Norbert Hofer" bis "Norbert Hofer hat Schwanzfäule" oder "Wie will Norbert Hofer die Wahl gewinnen, wenn er nicht einmal mit beiden Beinen im Leben steht?"

Auf Twitter wird sich währenddessen über ihn lustig gemacht und einige fragen sich, ob Norbert Hofer überhaupt weiß, was "Hass im Netz" eigentlich bedeutet. Ja, Norbert Hofer ist eine Person des öffentlichen Lebens und muss allein aufgrund dessen einiges mehr aushalten können als beliebige Privatpersonen. Und ja, einige der Screenshots sind wirklich eher harmlos.

Der vorherrschende Tenor im Netz, das wirklich selten von Liebe dominiert wird, lautet daher: Norbert Hofer soll nicht jammern, wo er doch schließlich selbst Positionen vertritt, die viele Menschen wütend machen, und lieber mal vor der eigenen Facebook-Türe kehren, ehe er sich beschwert. Das stimmt. Aber die Frage ist eher, ob es deswegen automatisch in Ordnung ist, wenn er sich aufgrund seines hinkenden Beins Behindertenwitze anhören muss—und damit auch, ob es lächerlich ist, Hass im Netz auch dann zu kritisieren, wenn er nicht von Rechts kommt, sondern gegen Rechts geht.

Seit einigen Monaten ist Hass im Netz als Thema im Mainstream angekommen. Immer mehr Menschen machen sich dagegen stark, veröffentlichen Hass-Postings und machen damit Politik. Die Grünen beispielsweise zeigen immer wieder Hassposter an. Hofers Konkurrent Van der Bellen musste sich in den letzten Monaten viel gefallen lassen—unter anderem die Gerüchte, dass er Krebs habe und dement sei.

Am Mittwoch hat Van der Bellen auf diese Gerüchte reagiert und Arztbefunde veröffentlicht, die bestätigen, dass er keineswegs an Krebs leidet. Das ist nicht nur eine Richtigstellung; es ist auch eine Kampfansage an haltlose Behauptungen und Hass-Postings. Insofern sollte es kaum jemanden wundern, wenn nun auch Norbert Hofer auf den Zug aufspringt.

Aber die Kritik ist auch verständlich. Immerhin ist die FPÖ geübt darin, sich als Opfer zu inszenieren: Sie stellen sich immer wieder als Underdogs dar, die vom Establishment unterdrückt werden und mit Widerstand von allen Seiten zu kämpfen haben—nur weil sie angeblich die Wahrheit aussprechen, die die anderen nicht hören wollen. Norbert Hofers "Hass im Netz"-Tweets passen perfekt in dieses Narrativ.

Auch, dass Politiker Hass-Postings öffentlich machen, ist nichts Neues. Erst wenige Tage davor machte der Grünen-Abgeordnete Michel Reimon bekannt, dass er einen Hassposter bei dessen Mutter "verpetzt" hatte. Die Aktion wurde weitgehend gefeiert. Der Hass im Netz, der in unserer Filterblase fast permanent thematisiert wird, kommt dabei aber immer aus einer Richtung: von FPÖ-Wählern, Rechten und selbsternannten "Asylkritikern", die Journalistinnen Vergewaltigungen durch Flüchtlinge wünschen oder davon träumen, ein kleines Flüchtlingsmädchen mit einem Flammenwerfer zu töten.

All das darf man kritisieren; an der FPÖ, an Norbert Hofer, am Umgang der Rechten mit kritischen Stimmen gegen sie und an ihrer zum Teil sehr nachlässigen Haltung, wenn es um die Verurteilung von Hassrede im Netz geht. Aber diese Kritik kann es nur geben, wenn sie selbst nicht blind gegenüber den eigenen Reihen ist. Dass Hass im Netz auch dann verurteilenswert ist, wenn er sich gegen Menschen richtet, die man selbst womöglich nicht leiden kann und die nicht der eigenen Filterblase angehören, müssen wir im Netz, wo man sich schnell Zustimmung holen kann, erst wieder neu lernen. Alles andere wäre selbstgerecht.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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