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Ich habe versucht, mir das Rauchen mithilfe von Magic Mushrooms abzugewöhnen – und es hat funktioniert

Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass die Erfolgsquote einer Nikotinsucht-Behandlung mit Psilocybin bei 80 Prozent liegt. Da musste ich nicht zweimal überlegen, das Ganze auszuprobieren.

von Charlie Gilmour
22 Oktober 2015, 4:00am

Der Autor, ein psilocybinhaltiger Pilz und Tom Fortes-Mayer | Alle Fotos: Heathcote Ruthven

Ein Golfer reckt verärgert seine Faust in die Luft, weil wir mit unserem Golfwagen mitten durch sein Spiel fahren. Dr. Brande*, ein renommierter Experte im Bereich der halluzinogenen Pilze, kichert neben mir vor sich hin. Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen unseren Metabolismus, denn unser Fahrzeug muss zurückgebracht werden, bevor die Wirkung der Droge richtig einsetzt. Und diese Wirkung ist auf jeden Fall schon ein wenig zu spüren.

Vielleicht kannst du dir das jetzt schon denken, aber wir haben uns nicht auf diesen Golfplatz begeben, um den akribisch gepflegten Rasen zu bewundern. Stattdessen testen wir hier eine etwas experimentelle Heilung für eines der größten Laster der Menschheit, nämlich Zigaretten.

Wie dir jeder gelbzahnige Nikotinsüchtling bestätigen kann, ist es total einfach, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich habe das allein dieses Jahr bestimmt schon sechsmal gemacht. Der wirklich schwierige Teil kommt immer erst danach, wenn man jedes Mal gegen seine inneren Dämonen ankämpfen muss, wenn man irgendwo auf der Straße einen Zigarettenstummel entdeckt. Ich habe es bereits mit allem versucht, egal ob nun Nikotinpflaster, Kaugummis, Inhalatoren oder Wunderheiler. Nichts hat funktioniert. Aus diesem Grund habe ich den von der englischen Regierung ausgerufen „Stoptober" auch eher mit einem Hauch von Ablehnung eingeläutet. Es muss doch eine bessere Möglichkeit geben?

Die Suche nach Magic Mushrooms auf der Alm

Der Johns Hopkins University zufolge gibt es diese Möglichkeit wirklich: Magic Mushrooms. Psychedelische Pilze wecken das menschliche Interesse aus ziemlich offensichtlichen Gründen nun schon seit mehreren Jahrtausenden: Siebentausend Jahre alte Höhlenmalereien in der Sahara lassen vermuten, dass altertümliche Kulte sie verehrten, die Azteken heilten damit Kranke, die Wikinger zogen unter ihrem Einfluss in den Krieg und einige Gelehrte behaupten sogar, dass es sich bei Jesus nur um einen Magic Mushroom handelte.

Jetzt können sich unsere pilzigen Freunde dank der Wissenschaft noch die bevorstehende Zerstörung der Tabakindustrie auf die Fahne schreiben. Psilocybin, der aktive Wirkstoff von Magic Mushrooms, zeigt eine 80-prozentige Erfolgsquote, wenn es um die Behandlung von Nikotinabhängigkeit geht. Das haben Forschungen der Johns Hopkins University ergeben. Nur zum Vergleich: Andere Behandlungsmöglichkeiten wie etwa Pflaster oder Kaugummis haben eine Quote von nur 20 Prozent. Die Forschungsergebnisse wurden bereits vor einem Jahr veröffentlicht und trotzdem sie die lebensrettenden Shrooms noch immer streng verboten.

Da ist es doch ein glücklicher Zufall, das der Stoptober und die Magic-Mushroom-Erntezeit genau aufeinander fallen. Dr. Brande zufolge sind Golfplätze (zumindest in London) der beste Ort zum Sammeln.

„Wir sind auf der Suche nach dem psilocybe semilanceata, einem kleinen, beige-braunen Pilz, der wohl eher unter dem Namen „Spitzkegeliger Kahlkopf" bekannt ist", meint er, während wir uns auf dem Platz umsehen. „Der Hut ist im Gras ziemlich gut zu erkennen. Außerdem handelt es sich dabei um das unverkennbare Merkmal: ein spitz zulaufender Hut mit einem Nippelchen oben drauf. Die Nippelchen sind essentiell."

„Hey, da drüben ist einer!", ruft Dr. Brande. „Schaut gerade so aus dem Gras hervor."

Tom Fortes-Mayer und der Autor

Zwar machen sie einen ziemlich harmlosen Eindruck, aber der Umgang mit den Pilzen kann schlimme Folgen haben. „Sobald du die Magic Mushrooms aus dem Boden entfernt hast", meint Dr. Brande, „machst du dich des Besitzes einer sogenannten ‚Class A'-Droge schuldig." Würde ich den kleinen Pilz jetzt an Brande weiterreichen, könnte ich wegen Drogenhandels bis zu 14 Jahre ins Gefängnis wandern. Deshalb esse ich den Shroom lieber selbst.

Für die oben erwähnte Studie war eine jahrelange Vorbereitung vonnöten. Drogen, denen im Allgemeinen kein therapeutischer Wert zugeschrieben wird, an Menschen zu testen, ist ein unglaublich kompliziertes Unterfangen. Die Probanden müssen dabei monatelang vorbereitet werden, bevor sie ihre erste Dosis einnehmen dürfen.

Laut Dr. Matthew Johnson, einem der Hauptforscher der Studie, bestand diese Vorbereitung vor allem daraus, die Patienten auf die Intensität eines Psilocybin-Trips einzustellen. „Zwar kann man damit auch eine angenehme, manchmal mystische, aber auf jeden Fall interessante Erfahrung machen", erklärt Dr. Johnson, „aber es ist ebenfalls möglich, dass einem das furchtbarste Erlebnis seines Lebens widerfährt. Während der Vorbereitung gehen wir mit den Probanden deshalb eine ellenlange Liste an allen möglich Dingen durch, die während des Trips passieren können."

Ein Horrortrip ist wahrscheinlich die größte Gefahr beim Konsum von halluzinogenen Drogen. Dr. Johnson zufolge ist das Ganze jedoch nur eine Sache der falschen Perspektive. „Wenn deine tote Großmutter während eines Horrortrips dein Bein hochklettert, dann begrüße sie freundlich und frage sie, was sie dir mitteilen will. Egal ob es sich nun um die Großmutter oder ein Monster handelt, man muss immer davon überzeugt sein, etwas aus der Erfahrung lernen zu können. Egal ob dir das Ganze gefällt oder Angst macht, sei immer offen und wissensbegierig."

Den Teilnehmern an der Studie wurde das Ganze so angenehm wie möglich gemacht. Die Tests wurden in einem bequemen Umfeld durchgeführt und es waren zu jeder Zeit feinfühlige Helfer sowie ausgebildete Psychologen und Ärzte anwesend, falls irgendetwas schief gehen sollte. Wir hingegen fahren auf einem Golfplatz wirr durch die Gegend und sammeln dabei Magic Mushrooms.

Ein Ass haben wir jedoch im Ärmel, nämlich Tom Fortes-Mayer, einen Hypnotherapeuten, der uns bei unserem Versuch unterstützend zu Seite steht.

„Wenn die Leute das Rauchen aufgeben wollen, haben sie normalerweise das Gefühl, einen schlimmen, aber irgendwie trotzdem netten und treuen Freund zu verlieren", erklärt Tom. „Unser Job bei dem Ritual, das wird gleich durchführen werden, ist es, diese Ansicht zu ändern. In Wahrheit ist das Rauchen nämlich ein ‚Freund', der sich in einem unbeobachteten Moment davonschleicht und deine Tochter missbraucht."

Einem Menschen, der gerade auf Magic Mushrooms ist, zu sagen, dass in ihm drin ein Pädophiler wohnt, ist an sich keine so gute Idee. Aber genau solche Denkprozesse machen Psilocybin bei der Suchtbehandlung so effektiv.

Laut Dr. Johnson hilft die Droge den Patienten dabei, ihr Leben mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Für viele ist das Ganze eine „mystische Erfahrung."

„In diesen Fällen ist uns vor allem aufgefallen, dass normalerweise ein überwältigendes Gefühl der Einigkeit vorherrscht", erzählt der Forscher. „Es fühlt sich so an, als würde man das Raum-Zeit-Kontinuum verlassen; eine Art Paradoxon; eine Erfahrung des Unbeschreiblichen; ein noetischer Wert; ein Gefühl, dass das Erlebte echter und bestechender ist als die Realität."

Vielleicht ist Psilocybin wirklich eine Art Wunderdroge—das legen zumindest viele neue Studien nahe—, aber beim Fahren ist der Wirkstoff nicht gerade hilfreich. Meine Füße befinden sich zwar bei den Pedalen, aber Dr. Brandes Hände scheinen die Kontrolle über das Lenkrad zu haben.

„Wir sollten uns für das Ritual einen ruhigen Ort suchen", schlägt Tom Fortes-Mayer deswegen vor.

Was als Nächstes passiert, lässt sich nur schwer beschreiben. Wir legen uns in einem Wald auf den Boden. Die Bäume pulsieren. Unter der Führung des Hypnotherapeuten reise ich ganz tief in den alters-, gender- und zeitlosen Kern meines Bewusstseins und räume dort mal etwas auf. Ich treffe auf den Teil meines Inneren, der für das Rauchen verantwortlich ist, und rede ein ernstes Wörtchen mit ihm. Es passieren auch noch andere Dinge, aber die meisten davon sind zu persönlich, als dass andere Leute damit etwas anfangen könnten.

Als ich gefühlte Millionen Jahre später wieder in die Realität zurückfinde, ist Rauchen nur noch etwas, das andere Menschen machen. Die Illusion ist zerstört, der Drang ist verschwunden. Wenn ich jemanden rauchen sehe, verspüre ich rein gar nichts mehr.

Im Laufe der darauffolgenden Woche mache ich all die Dinge, die mich vorher immer zum Glimmstengel greifen ließen: Ich gehe außer Haus, ich warte auf den Bus, ich arbeite, ich betrinke mich, ich gehe auf Partys, ich streite mich und ich trinke Kaffee. Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir klar, dass quasi jedes noch so kleine oder große Ereignis meines Lebens für mich ein Grund zum Rauchen war. Jetzt sind Zigaretten passé und ich vermisse sie kein Stück. Es sind jetzt schon eineinhalb Wochen vergangen und das Verlangen ist immer noch nicht zurückgekehrt.

Der Krieg gegen die Drogen hat im Laufe der vergangenen 50 Jahre Millionen Menschen das Leben gekostet. Wir alle haben schon mal von den Opfern der südamerikanischen Narco-Staaten, von den lebenden Toten des Gefängnissystems oder von den jungen Menschen gehört, die den Tod durch ihnen unbekannte Drogen gefunden haben. Aber was ist mit den Leuten, die man hätte retten können? Tabak bringt jährlich sechs Millionen Menschen um. Für viele von ihnen wäre eine Dosis dieser kleinen und verwunderlicherweise immer noch höchst illegalen Magic Mushrooms die Heilung gewesen.

*Auf seinen Wunsch hin haben wir die Identität von Dr. Brande geschützt. Dr. Matthew Johnson bat mich ebenfalls darum, noch einmal explizit darauf hinzuweisen, dass die Johns Hopkins Universität den Konsum von illegalen Drogen in keinster Weise gutheißt. Dieses Experiment wurde außerdem unter der Supervision von absoluten Profis auf diesem Gebiert durchgeführt. Kommt also gar nicht auf die Idee, das selber auszuprobieren.