Die Technologieausgabe

Mensch gegen Maschine 2: "Diesmal kann keiner sagen, wir hätten nichts gewusst"

Wie machen wir uns Technologie besser zunutze?

von Ben Wizner
27 April 2017, 4:00am

Fotos: Maria Gruzdeva

Aus der Technologieausgabe.

Ben Wizner ist Direktor des Speech, Privacy, and Technology Project der American Civil Liberties Union und Anwalt von Edward Snowden

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Nach den Terrorangriffen des 11. Septembers sagte der Autor und Aktivist Wendell Berry voraus, dass das Ereignis für immer für das Ende des "unkritischen Technik- und Wirtschaftsoptimismus" stehen würde, der die Jahrzehnte zuvor geprägt hatte. Er war überzeugt, wir müssten einsehen, dass unsere viel gepriesenen Innovationen auch gegen uns verwendet werden können, wenn eine der größten Erfindungen des 20. Jahrhunderts, das Flugzeug, in ein Massenmordwerkzeug des 21. Jahrhunderts verwandelt werden konnte. Nun müssten wir eingestehen, dass "Wachstum" und "Innovation" uns nicht durch jede globale Herausforderung bringen können.

Doch Berry hatte unrecht. Wenn überhaupt haben die Trends, die er verurteilte, in den 15 Jahren seit 9/11 nur noch rasanter an Fahrt aufgenommen. "Innovation" steht an der Spitze einer neuen normativen Hierarchie, und der Technologie wird die Macht zugeschrieben, "alle Probleme der Welt zu lösen", wie Ex-Google-CEO Eric Schmidt sagte. Dieser Götzendienst an der Innovation beschränkt sich auch nicht länger auf das Silicon Valley, sondern hielt Einzug ins Herz des Überwachungsstaats und zwar in der Person von Keith Alexander, dem ehemaligen Direktor des US-Geheimdienstes National Security Agency. 

"Wie viele Unternehmer setzen sich heute mit der Frage auseinander, ob man ihre Produkte eines Tages gegen ihre Kunden einsetzen könnte?"

Der stolze "Geek" genoss seine Arbeit in einer Kommandozentrale nach dem Vorbild der Brücke des Raumschiffs Enterprise, "mit Chrom-Täfelung, Computerstationen, einem riesigen TV-Monitor an der Wand und Türen, die beim Auf- und Zugleiten zischen". Ein anonymer Regierungsangestellter sagte dem Journalisten Shane Harris: "Alexanders Strategie [war] dieselbe wie Googles: 'Ich will einfach alle Daten.'" Es mag nicht gleich ersichtlich sein, welche Vorteile globale Schleppnetzüberwachung und Massenabhörung einem Staat überhaupt bringen, doch Alexander teilte den naiven Optimismus der Big-Data-Enthusiasten, laut denen die NSA-Überwachungsmaschine Probleme nur lösen, nicht aber verursachen würde.

Dieser Optimismus ging vielerorts einher mit einer grundlegenden Geringschätzung für Gesetze und Politik, die eher als Hindernisse denn als Instanzen zur Erhaltung gesellschaftlicher Werte wahrgenommen wurden. Die Chefs der Überwachungswirtschaft erwirkten für den amerikanischen Tech-Sektor Ausnahmen von den üblichen Verbraucherschutzmaßnahmen, die in anderen industrialisierten Demokratien existieren. 

Innovation diente ihnen als Rechtfertigung: Für staatliche Eingriffe sei es zu früh, das würde nur den Fortschritt aufhalten. Im selben Atemzug behaupteten sie, es sei zu spät für Gesetze, denn diese würden das Internet "kaputt machen". Derweil verbargen sie den Überwachungsausbau nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern belogen sie auch direkt. Rechtliche Gegenmaßnahmen ließen sie aus Vertraulichkeitsgründen unterbinden. In beiden Sektoren machte sich kaum jemand Gedanken darüber, dass wir eines Tages die Schlüssel zu diesen Systemen böswilligen Akteuren aushändigen könnten, die demokratische Normen mit Füßen treten.

Einer, der sich Gedanken machte, war der Whistleblower Edward Snowden. 2013 sah er die aktuelle Lage voraus: "Ein neues Oberhaupt wird gewählt werden und sie werden sagen: 'Angesichts dieser Krise und der globalen Gefahren, aufgrund irgendeiner neuen und unvorhergesehenen Bedrohung, brauchen wir mehr Autorität, mehr Macht.'" Snowden sorgte sich, dass ein Staatschef mit autoritären Tendenzen, ermutigt durch die Reaktion der Öffentlichkeit auf Terroranschläge, den kolossalen Überwachungsapparat der USA nach innen richten würde, gegen die eigenen Minderheiten und Dissidenten. Ein Albtraumszenario, das heute gar nicht so abwegig wirkt.

Snowdens Botschaft, es sei kurzsichtig, nur an die Vorteile der Technologie zu denken und dabei die potenziellen Bedrohungen zu ignorieren, wird in der Trump-Ära noch sehr wichtig sein. Wie viele Unternehmer setzen sich heute mit der Frage auseinander, ob man ihre Produkte eines Tages gegen ihre Kunden einsetzen könnte? Bevor es geschah, hätte sich bestimmt auch niemand träumen lassen, dass ein Däne ein Einwohnerverzeichnis der jüdischen Gemeinden Dänemarks den Nazis überreichen und ihnen so den Völkermord erleichtern würde. Doch im Gegensatz zu den Menschen damals werden wir nicht mehr behaupten können, wir hätten es nicht kommen sehen, denn heutzutage wissen wir von vielen Fällen, in denen aggregierte Daten der Verfolgung statt dem Fortschritt dienen.

Die demokratische Zerreißprobe einer Trump-Regierung sollte uns wachrütteln, wie Wendell Berry es bereits vor 15 Jahren für nötig hielt. Technologen, die immer betonen, nicht an Politik interessiert zu sein, wird hoffentlich klar werden, dass die Politik sehr wohl an ihnen interessiert ist – und dass wir ohne Werte, die unsere Innovationen im Zaum halten, Mördern geladene Waffen reichen.

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