Hausbesetzungen

Wir haben Berner gefragt, wie sie zu den Anliegen der Hausbesetzer stehen

"Spannend ist, dass man den Demonstranten vorwirft, dass sie mit Gewalt nichts bewirken würden, aber jetzt reden wir ja darüber."

von Philippe Stalder
07 März 2017, 2:40pm

Text von Ugur Gültekin und Philippe Stalder

Fotos von Philippe Stalder


Vor zwei Wochen wurde in Bern das seit Dezember 2016 besetzte Effy29 von der Polizei gewaltsam geräumt, nachdem das Bundesamt für Bauten und Logistik als Besitzer der Liegenschaft angekündigt hatte, das Haus bald zu sanieren. In der Folge kam es in der Hauptstadt zu zahlreichen Kundgebungen und Demonstrationen gegen die aufwertende Wohnpolitik der Behörden. Einige verliefen friedlich, an anderen kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Einsatzkräften.

Lokale Tageszeitungen fokussierten in ihrer Berichterstattung mehr auf die gewaltsamen Ausschreitungen, als auf die Anliegen, welche von den Demonstranten geäussert wurden. Den Besetzern wurde vorgeworfen, die eigentliche Debatte um die anhaltende Gentrifizierung mit der Anwendung von Gewalt zu überschatten. Wir wollten herausfinden, ob das tatsächlich stimmt und wie die Berner selbst zu den Anliegen der Besetzer stehen:

Beat, 32

VICE: Kannst du dich mit den Anliegen der Besetzer, wie die Forderung nach Freiräumen und bezahlbaren Mieten, identifizieren?
Beat: Ja, doch. Ich kann das absolut nachvollziehen. Die Wohnpolitik der Stadt privilegiert reiche Leute, diese können in der Stadt wohnen, während der Rest in die Agglomeration verdrängt wird. Da ist es doch logisch, dass es früher oder später Ärger gibt. Die Mieten sind immer noch unverhältnismässig stark am steigen.

Welche Vorteile hätte eine Stadt, die Leuten mit unterschiedlichen Einkommen gleichermassen zugänglich wäre?
Ich weiss nicht, warum es besser wäre, ich fände es zumindest richtig. Es klingt irgendwie etwas abgedroschen, aber es wäre sicher fairer.

Die Demonstranten wurden von Seiten der Politik und Medien wie dem Bund, der BZ, dem Tagi und der NZZ stark für die Art und Weise kritisiert, wie sie ihren Protest kund gaben. Ist es deiner Meinung nach ein legitimes Mittel, auf die Strasse zu gehen?
Ja, durchaus. Selbst wenn es keine bewilligte Demonstration ist. Dass es dabei auch einmal ausartet und ein bisschen etwas kaputt geht, daran stosse ich mich persönlich nicht besonders. Spannend ist, dass man den Demonstranten vorwirft, dass sie mit Gewalt nichts bewirken würden, aber jetzt reden wir darüber. Es ist Thema. Die Gewalt, die nichts bringt, hat also doch etwas gebracht. Sogar mehr als andere friedlichere Aktionen der Besetzer, die es ja auch immer wieder gab.

Du bist Vater eines Kindes. Wie hat deine Vaterschaft die Wahrnehmung dieses Problems beeinflusst?
Das Naheliegende wäre ja, dass ich vorher Ausschreitungen mehr befürwortet hätte. Aber ich weiss nicht, ob das in meinem Fall zutreffend ist.

Frau Hugentobler, 89

VICE: Was halten sie von den Ausschreitungen der letzten Wochen?
Frau Hugentobler: Wenn es stimmt, was man in der Presse liest, also dass die Besetzer die Gewalt provoziert hatten, dann muss man sich nicht lange fragen, ob das recht ist oder nicht. Die hätten das bestimmt auch anders lösen können?

Können sie die grundlegenden Anliegen der Besetzer nachvollziehen?
Ich glaube, in der Stadt Bern gibt es schon sehr teure Nachbarschaften, aber im Grossen und Ganzen gibt es auch Platz für weniger gut Verdienende. Es gibt hier Wohnungen in unterschiedlichen Preislagen für alle Gesellschaftsschichten.

Finden Sie es legitim, Häuser zu besetzen?
Nein, das ist es nicht. Nur weil ein Haus leer steht, kann man da nicht einfach einbrechen und es besetzen.

Finden sie es gut, dass die Einsatzkräfte die Demonstration nach der Effy-Räumung unterbunden hat?
Ob von links oder rechts, bei solchen Demos wird gezielt provoziert, also muss die Polizei auch einschreiten. Zudem waren da nicht nur Leute aus Bern dabei. Ich weiss nicht, wieso es soweit gekommen ist. Ich war ja auch mal jung in der Stadt Bern. Und wenn wir etwas rumgebrüllt haben, dann kam die Polizei und hatte gesagt: Giele! Und dann wussten wir, was zu tun war. C'est une autre vie.

Lena, 22

VICE: Kommst du aus Bern?
Lena: Ja, aus Oberwangen.

Weisst du, worum es bei der Demonstration nach der Effy-Räumung ging?
Ja, das kann man so sagen. Ich war vor Ort. Also an der friedlichen Nachmittagsdemonstration. Nicht am Abend, wo es zu Ausschreitungen gekommen ist.

Also teilst du die Anliegen der Besetzer?
Durchaus. Ich finde es voll doof, wenn Häuser in Städten mit knappem und teurem Wohnraum leer stehen. Aber die Art und Weise des Protests fand ich nicht so cool. Ich denke, man erreicht weniger, wenn man gewaltsam demonstriert. Hätte man sich kooperativer gezeigt, hätten sie vielleicht mehr erreicht. Denn wenn an einer Demo der Polizisten-Hass im Vordergrund steht, dann kann man von den Polizisten ja kein Verständnis erwarten.

Wie hätten die Anliegen deiner Meinung nach denn konstruktiver kommuniziert werden können?
Das besetzte Fabrikool hätte ja auch geräumt werden sollen, aber die hatten das hönne cool umgesetzt. Sie mussten bis zum Ultimatum das Haus verlassen haben, was sie auch taten, aber sie blieben draussen auf dem Vorplatz und gingen doch nicht weg. Sie hatten draussen dann für Passanten Pizza und Kaffee gemacht, und somit gezeigt, dass sie der Gesellschaft auch etwas zurück geben. So kann man meiner Meinung nach mehr erreichen. Die Besetzer hatten die Forderungen der Behörden eingehalten und gleichzeitig gezeigt, dass die Besetzung eine Bereicherung ist. Aber man kann sowas auch positiv machen und trotzdem klappt es dann nicht. Dass kommt immer auch auf das Gegenüber an.

Hat die Gewalt dem Thema nicht auch zu Aufmerksamkeit verholfen?
Doch, es mobilisiert die Leute. Und die Medien springen auf. Es gibt einen Denkanstoss. Aber auch viel negatives Denken, weil die Gewalt ein falsches Bild der Besetzerszene vermittelt.

Jan, 23, und Aaron, 23

VICE: Wisst ihr, worum es bei den Demonstrationen vor zwei Wochen ging?
Jan: Ungefähr schon. Ich habe gehört, dass die Polizei ein besetztes Haus geräumt hatte und es danach zu Strassenschlachten gekommen ist.

Könnt ihr euch mit den Anliegen der Besetzer identifizieren?
Aaron: Identifizieren nicht direkt, aber ich kann schon nachvollziehen, wieso sie wütend waren. Aber ehrlich gesagt, kenne ich die Thematik zu wenig. Was waren denn genau ihre Anliegen?

In einer Stadt, in der Wohnungsraum immer teurer wird, wollen sie leerstehende Häuser nicht ungenutzt lassen und besetzen sie deshalb, organisieren darin aber auch Projekte und machen sie der Öffentlichkeit zugänglich. Findet ihr das legitim?
Aaron: Ja, das ist schon legitim. Die Idee ist gut, aber ich glaube, in unserer Gesellschaft hat es gar keinen Platz dafür. Deswegen kommt es ja auch zum Stress mit der Polizei.

Stört euch das, wenn es Unruhen gibt in der Stadt?
Jan: Die Polizei macht es ungemütlich. Die Besetzer stören mich nicht, aber ich mag nicht überall Polizisten in Riot-Gear sehen, wenn ich durch die Stadt laufe. Aber es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit von der Problematik erfährt und dass ein Diskurs daraus entsteht.

Wie ist eure Wohnsituation?
Aaron: Wir wohnen bei unseren Eltern in einem Block in Thun. Wir arbeiten beide temporär. Ich als Spengler und Jan als Gebäudereiniger.

Fühlt ihr euch direkt betroffen von der Problematik?
Aaron: Doch schon, es geht ja jedem gleich. Aber wenn jeder gleich Häuser besetzen würde, wäre es auch problematisch. Aber wenn ich mir die Besetzer anschaue, dann erkenne ich schon ein Schema. 

Jan: Das sind vor allem Studenten, die es wohl sowieso nicht besonder schwierig haben im Leben. Die haben sicher auch einfach Freude am Lifestyle, ich denke nicht, dass die wirklich am Limit leben.

Muss man von einer Problematik direkt betroffen sein, um sich dafür einsetzen zu dürfen?
Jan: Nein, das nicht. Ich finde es gut, wenn sich Leute auch für andere Themen einsetzen.

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