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Drogen

Meth, Knast, Tod – Die tragische Geschichte von Frederick Turner

Weil er Drogen verkaufte, kam er in eines der härtesten Gefängnisse der USA. Wie er dort starb, weiß seine Familie bis heute nicht.

von Tana Ganeva
17 Juli 2019, 12:57pm

Foto von Frederick Turner bereitgestellt von Mandy Richards | Rechtes Foto: Jason Connolly / AFP / Getty Images

Am 6. November 2016 wurde Cody Brotherson von einem Auto erfasst. Der junge Polizist legte gerade Nagelbänder auf der Straße aus, um drei Teenager zu stoppen, die mit einem gestohlenen Fahrzeug unterwegs waren. Brotherson starb noch an der Unfallstelle. Er wurde nur 25 Jahre alt.

Sein Onkel Frederick "Ricky" Turner war einer der Hinterbliebenen. Sie hatten sich besonders nahegestanden. Der plötzliche Tod des jungen Mannes warf den 35-jährigen Turner, der damals den Tod der eigenen Eltern noch nicht ganz verkraftet hatte, komplett aus der Bahn.

"Er begann, Crystal Meth zu nehmen. Als eine Art Selbstmedikation", sagt Mandy Richards, Turners Schwester.

Bald darauf lernte Turner über die Dating-App Grindr Bassam Ramadan kennen. Turner verbrachte viel Zeit bei ihm, konsumierte Meth und begann, für Ramadan zu dealen. Am 10. August 2017 half Turner als Mittelsmann dabei, einem verdeckten Ermittler 125 Gramm Meth und eine Pistole zu verkaufen. Wenig später verkaufte er wieder Meth an einen verdeckten Ermittler, diesmal eine Unze, umgerechnet 28 Gramm. Auch dieses Mal soll laut Anklageschrift eine Waffe im Spiel gewesen sein.

Turner bat seine Schwestern um Hilfe, aber die Familie hatte nicht genug Geld, um ihn in eine Entzugseinrichtung zu schicken. Wenige Wochen später wurde er festgenommen.


VICE-Video: Eine falsche Anschuldigung, ein halbes Leben hinter Gittern


Bei Turners Verhandlung wurden die Verstöße gegen das Betäubungsmittel- und das Waffengesetzt addiert. Da er zweimal wegen des Tragens einer Waffe während eines Drogendeals schuldig gesprochen wurde, verlängerte sich seine Strafe um 30 Jahre. Das war das gesetzliche Mindestmaß: fünf Jahre für den ersten Waffendeal, 25 für den zweiten und zehn Jahre für die Drogenvergehen. 40 Jahre Gefängnis. Wäre er ein paar Monate später verurteilt worden, wäre er dank einer Strafrechtsreform wahrscheinlich nur zu 20 Jahren verurteilt worden.

Aber es kam noch schlimmer.

Aufgrund der hohen Haftstrafe kam Turner in die Anstalt USP Florence, zu der auch das berüchtigte "Supermax"-Gefängnis in Colorado, USA, gehört, das den Spitznamen "Alcatraz der Rockies" trägt. Kein Jahr später war Turner tot.

Seine Angehörigen begreifen immer noch nicht, wie das Rechtssystem einen Mann, der in erster Linie mit einer Sucht zu kämpfen hatte, so lange wegsperren konnte. Seine Nebenrolle in Ramadans Drogengeschäft sei nur eine Folge davon gewesen. Im Gegensatz zu seinem Mitangeklagten plädierte Turner nicht von vornherein auf schuldig, sondern bestand auf ein Gerichtsverfahren – was in den USA relativ selten geworden ist.

"Ricky hat in unsere Justiz vertraut. Leider."

Die Jugendlichen, die Turners Neffen im Dienst überfahren hatten – 14, 15 und 16 Jahre alt –, bekannten sich noch vor der Verhandlung für schuldig und werden bis zu ihrem 21. Geburtstag im Jugendgefängnis bleiben. Ramadan, der Anführer des Meth-Rings, bekam nur 16 Jahre Gefängnis. Er hatte auch gegen Turner ausgesagt.

"Er hat sich für das Verfahren entschieden, weil er nichts über das Strafrechtssystem wusste", sagt Turners Schwester Mandy Richards. "Wir hatten keine Ahnung. Ricky hat in unsere Justiz vertraut. Leider."

In den sechs Monaten vor seiner Verhandlung habe Turner zwei Jobs gleichzeitig gehabt, alle Drogentests bestanden, sei regelmäßig zu Narcotics Anonymous und in die Kirche gegangen, sagt seine Familie. Turner wohnte in dieser Zeit bei seiner Schwester und kümmerte sich auch um ihren autistischen Sohn Nathan. Er habe einen beruhigenden Einfluss auf ihn gehabt, schrieb Richards in einen Brief an Richter T.S. Ellis: "Ricky hat in seinem Leben keiner Fliege etwas zuleide getan."

Es half alles nichts.

Bei der Urteilsverkündung zeigte sich zwar auch Richter Ellis angesichts des hohen Mindeststrafmaßes frustriert, schob die Verantwortung aber von sich. "Die Situation stellt mich vor etwas, das mir zu ändern nicht zusteht. Ich kann nur meinen Unmut äußern", sagte er. "Es ärgert mich etwas, aber ich folge dem Gesetz. Wenn ich denken würde, dass das unverhohlen unmoralisch ist, müsste ich zurücktreten. Es ist falsch, aber nicht unmoralisch."

Das Leben im berüchtigtsten Gefängniskomplex der USA war für Turner noch schlimmer als erwartet.

"Ich werde hier sterben. Ich habe furchtbare Angst", schrieb Turner laut seiner Familie Monate vor seinem Tod. "Bitte helft mir, mich hier rauszuholen."

Anscheinend wird ein Teil der Anstalt von einer Neonazigang kontrolliert, der andere Teil von einem mexikanisches Drogenkartell. Die Neonazis hätten versucht, ihn zu rekrutieren, aber er habe sich geweigert, schrieb Turner in einem Brief.

Richards und seine anderen Schwestern setzten sich dafür ein, dass Turner verlegt wird. Sie argumentierten nicht, dass er unschuldig sei, aber wegen eines gewaltlosen Drogenvergehens und ohne Vorstrafen habe man es ihrer Meinung nach nicht verdient, 40 Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis einzusitzen, das von Gangs kontrolliert werde.

"Die werden mich vorher umbringen."

Einer der Geschworenen, der Turner schuldig gesprochen hatte, stimmt dem öffentlich zu. "Es war ein Suchtproblem", sagt Paul St. Louis, der in einem Artikel für die Washington Post sein Bedauern über den Fall ausdrückte. "Der Typ war in eine Sache reingeraten, in die er nicht hätte reingeraten sollen. Aber er war kein Anführer. Er war nicht Teil eines Kartells und kein Berufsverbrecher."

Die letzten Monate seines Lebens verbrachte Turner in ständiger Angst.

"Von der ersten Minute, die er dort ankam, war Turner verängstigt. In fast allen Briefen machte er Andeutungen, dass ihn jemand beobachte. Deswegen konnte er auch nicht viel sagen", sagt Richards. Turners Familie geht davon aus, dass ein Gangmitglied ihn im Visier hatte.

Vor Turners Tod suchte seine Familie Hilfe bei allen erdenklichen Personen, von Gesetzgeber, über Richter bis hin zu Donald Trump. Ein Hoffnungsschimmer kam auf, als Turners Anwalt endlich grünes Licht für ein Verfahren bekam, das seine Strafe mildern könnte. Bis dahin wären aber noch Monate vergangen – wenn nicht länger.

"Die werden mich vorher umbringen", habe ihr Bruder gesagt, als sie ihn über die den zeitlichen Rahmen informierte, sagt Mandy Richards.

Am 13. Juni erhielt sie einen Anruf von Turners Sachbearbeiter: "Ricky sei verstorben. Mehr wollte er uns nicht sagen."

Bis heute weiß die Familie nichts über die Todesursache. Zwei Wochen habe es gedauert, bis das Gefängnis Turners Leichnam freigab. Ein Sprecher der Gefängnisbehörde wollte den Fall nicht kommentieren und empfahl VICE, einen formellen Antrag zu stellen. Sobald wir eine Antwort erhalten, werden wir den Artikel aktualisieren.

"Das ist genau das, wovor sich alle fürchten", sagt Kevin Ring, Leiter von FAMM, einer Interessengruppe, die sich gegen die US-amerikanische Mindeststrafmaßregelung einsetzt und Turners Fall begleitet hat. "Ein unbedeutender Drogendealer wird wegen bandenmäßigen Handels verurteilt, landet in einer Haftanstalt mit Mördern und dann ist der Typ nach weniger als einem Jahr tot. Das ist einfach krank."

Als Turners Leichnam endlich im Beerdigungsinstitut eintraf, trauten seine Schwestern sich erst gar nicht, ihn anzuschauen. Eine fasste schließlich ihren ganzen Mut zusammen und zog das Tuch von seinem Gesicht. In den zwei Wochen, in denen Turners lebloser Körper noch im Gefängnis behalten worden war, war der Leichnam schon merklich verwest. Trotzdem konnten Richards und eine andere Schwester, Tari Turner, Schnitte in Rickys Gesicht erkennen. Der Bestatter hatte anscheinend versucht, sie zu überdecken.

Die Familie weiß nicht, was Turner im Gefängnis passiert ist, sie vermutet aber Ganggewalt. Aber auch Suizid müssen sie als Möglichkeit leider in Betracht ziehen.

"Während seiner Haft hat er mich immer wieder gebeten, manchmal regelrecht angefleht, bestimmte Summen an verschiedene Leute zu überweisen, damit er im Gefängnis sicher ist", sagt Jenny Brotherson, Turners Schwester und Mutter des getöteten Polizisten. "Das ging kontinuierlich so – bis zu seinem Tod."

Mehrere Insassen hätten der Familie ihr Beileid ausgesprochen, sagt Richards. Turner habe ihnen dabei geholfen, sich mit ihren eigenen Fällen zu befassen und ihnen die Fortbildungsmöglichkeiten in der Haftanstalt gezeigt.

"Sie haben uns wissen lassen, dass Ricky anderen geholfen hat, obwohl er selbst in einer furchtbaren Situation steckte", sagt Richards.

Viel Trost spendete aber auch das nicht.

"Mein Bruder wurde in den Tod geschickt", sagt seine Richards. "Ich weiß, dass das Gefängnis kein Feriencamp kein soll, aber es sollte auch keine Folter sein."

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