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Wir haben Rezo gefragt, ob YouTube jetzt die Politik regelt

"Ich bin mir meiner Macht genauso bewusst wie jede Zeitung", sagt Rezo. "Aber ich gehe verantwortungsbewusster damit um."

von Matern Boeselager
27 Mai 2019, 9:49am

Foto Reichstag: Imago | robertharding; Rezo: Screenshot aus seinem Youtube-Video

Beim Wort "Erdnüsse" verliert Rezo die Kontrolle. Er prustet los, eine Wasserfontäne schießt ihm aus dem Mund und klatscht ins Gesicht seines Gegenübers, dem YouTuber Julien Bam, der sich nicht mehr rechtzeitig wegducken kann. Rezo hatte sich große Mühe gegeben, das Wasser im Mund zu behalten, aber dann hat sein Kameramann gefragt:

"Was hat ein Mann ohne Beine?"

Rezo presste die Lippen zusammen.

"Erdnüsse".

Kurz danach wischen sich Rezo und Julien kichernd Wasser und Spucke aus den Gesichtern.

Das ist die Sorte Video, die Rezo normalerweise dreht. Am vergangenen Samstag hat er jedoch ein anderes Video gemacht – eines, das Deutschlands Regierungspartei CDU gerade in eine PR-Krise gestürzt hat, die Tag für Tag mehr eskaliert.

Rezos Video "Die Zerstörung der CDU" ist in sehr kurzer Zeit sehr wichtig geworden. Am Freitag haben es bereits siebeneinhalb Millionen Menschen gesehen, in den großen deutschen Medien sind Dutzende Kommentare, Faktenchecks und Verrisse dazu erschienen, die CDU sah sich am Donnerstag – nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen, den YouTuber einfach als "Fake News"-Verbreiter abzukanzeln – gezwungen, eine elfseitige Replik herauszugeben, in der sie auf fast alle Vorwürfe von Rezo eingeht. Die Politik hat also auf sehr schmerzhafte Art und Weise gelernt, wie viel Macht die jungen Influencer haben.

Aber was denkt Rezo selbst über seine Macht?


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Am Dienstag schien der 26-Jährige selbst noch ziemlich überrumpelt von dem Erfolg seines Videos, das zu diesem Zeitpunkt schon ungefähr drei Millionen Menschen gesehen hatten. "Ich habe natürlich gehofft, dass möglichst viele Menschen durch das Video aufgeklärt werden", sagt er am Telefon. Aber welche Dimension das annehmen würde, damit hätte er selbst nicht gerechnet. "Das macht mich stolz."

Die CDU macht das außerordentlich unglücklich. Die Partei muss sich gerade fühlen wie die Dinosaurier: Eben war noch alles in Ordnung und plötzlich kracht aus heiterem Himmel ein Meteorit auf die Erde, dessen Einschlag von einem Tag auf den anderen ihren Lebensraum vernichtet.

Die CDU hat sich das selbst zu verdanken

Dabei hätte die CDU das kommen sehen können, denn sie selbst hat diesen Angriff praktisch heraufbeschworen. Als die Partei die neue EU-Urheberrechtsreform durchboxte, die wohl nur mit Uploadfiltern umsetzbar sein wird, pfuschte die Partei den YouTubern massiv in ihr Handwerk – offenbar ohne das selbst so richtig zu verstehen. Und als die YouTuber sich und ihre Zuschauenden dann zum Protest organisierten, weigerten prominente CDU-Politiker und -Politikerinnen sich, diesen Widerstand überhaupt ernst zu nehmen und verunglimpften die Gegner der Reform pauschal als von US-Unternehmen gesteuert oder Bots.

Wenn man mit Rezo über die Artikel-13-Proteste redet, merkt man, dass die Arroganz der CDU ihn immer noch ärgert. "Es ging nicht darum, dass die Leute sich nicht ernst genommen gefühlt haben", sagt er. "Sie wurden faktisch nicht ernst genommen, Punkt." Im Zuge dieser Proteste formierten sich zahlreiche, sehr reichweitenstarke YouTuber um den Hashtag #niemehrcdu, auch Rezo beteiligte sich an dem Kampf – mit einem energischen Video, in dem er antrat, um die "strukturellen Propaganda-Techniken" von GEMA, FAZ und CDU zu entlarven.

Die CDU ignorierte den Protest größtenteils, erwirkte die Reform trotzdem und bereitete sich dann in aller Ruhe auf die Europawahl vor. In der YouTube-Szene gärte es weiter. Der Hashtag #niemehrcdu verschwand nicht aus dem deutschen Netz, stattdessen verband er sich kurz darauf mit den Fridays-for-Future-Protesten, denen die CDU ebenfalls mit maximaler Arroganz begegnete. Die deutsche YouTuber-Szene, vorher immer kritisiert, sie sei im Großen und Ganzen zu unpolitisch, zu glatt, zu unengagiert, begann sich jetzt politisieren – und zwar hauptsächlich in Opposition zur CDU. Irgendwann musste der Deckel vom Fass fliegen, und das ist mit Rezos Video jetzt passiert. Aber was bedeutet das – nicht nur für die CDU, sondern für uns alle?

Heute haben YouTuber Macht, von der Zeitungen nur noch träumen können

Rezo sagt, er und zwei seiner Mitarbeiter hätten zusammen Hunderte Stunden in die Recherche für das Video gesteckt. Aber die enorme Wirkung seines Videos liegt nicht nur in der Recherche, sondern auch in der Leidenschaft, mit der er seine Polemik vorträgt.

Vor allem, weil Deutschland mit dem aktuellen Kurs der Regierung die Klimaziele verpassen wird, ist Rezo überzeugt, dass die CDU "unser Leben und unsere Zukunft zerstört" – und deshalb bei der Europawahl so wenig Stimmen wie möglich bekommen sollte. Das Video habe er gemacht, "um Bürgerinnen und Bürger aufzuklären und den Diskurs anzukurbeln", sagt er mir. Aber natürlich hat er es auch gemacht, um möglichst viele Leute von seinem Standpunkt zu überzeugen. Deswegen hat er all sein über Jahre angelerntes Können eingesetzt, um das Video so überzeugend wie möglich zu machen. Und das funktioniert sehr gut: Die Reaktionen unter dem Video sind mit überwältigender Mehrheit positiv, 759.000 Menschen haben ihm einen Daumen hoch gegeben. Wie gut das ankommt, habe ihn selbst überrascht, sagt Rezo.

Die FAZ wirft ihm deshalb vor, "Propaganda von der ganz feinen Sorte" gebastelt zu haben. Das ist völlig übertrieben – aber wahr ist, dass Rezo sehr viele Informationen weggelassen hat, die ihm nicht ins Konzept passten.

Mit dem Vorwurf der Einseitigkeit kann er jedoch leben. Es handele sich eben um einen "Meinungsbeitrag", nur deutlich besser als eine normale Glosse, weil er seine Quellen angebe, sagt Rezo. "Was man mir da vorwerfen kann, kann man auch jeder Zeitung vorwerfen. In deren Meinungsbeiträgen werden ja auch nicht immer 'beide Seiten' vorgestellt." Die Bild-Zeitung zum Beispiel, sagt er, sei doch oft viel schlimmer.

Rezos YouTuber-Kollegen sehen seinen Beitrag kritisch – viele hat er aber auch inspiriert

Damit hat er in gewisser Weise recht. In gewisser Weise aber auch nicht. Denn der Einfluss von Zeitungen schwindet, während der von YouTubern zunimmt. Ein weiterer Unterschied ist, dass YouTuber wie Rezo sich über Jahre eine Fanbase aufgebaut haben, die in einer viel engeren Beziehung zu ihnen steht als der normale Zeitungsleser zu seiner Zeitung. Das ganze Geschäftsmodell von YouTubern basiert auf Vertrauen und Nähe. Wenn einer von ihnen eine Wahlempfehlung ausspricht, dann kann man zumindest vermuten, dass das in seiner Zielgruppe Gewicht hat.

Felix von der Laden
YouTuber Felix von der Laden: "Der Großteil der Zuschauer wird sich natürlich keine zweite Meinung einholen." || Foto: imago images | Hoch Zwei

Felix von der Laden, ein anderer großer deutscher YouTuber, sieht Rezos Video kritisch: "Es war stilistisch und rhetorisch sehr gut gemacht – aber eben auch einseitig", sagt er mir. "Der Großteil der Zuschauer wird sich dazu natürlich keine zweite Meinung einholen. Da wird einfach hängenbleiben, dass die CDU echt scheiße ist."

Mit Wahlempfehlungen hat von der Laden schon seine Erfahrungen gemacht. 2013 zitierte die Bild-Zeitung den damals 19-Jährigen damit, dass er die Alternative für Deutschland wählen wolle. Dafür wurde er später unter anderem von Jan Böhmermann kritisiert. Von der Laden hat sich seitdem mehrfach deutlich von der AfD distanziert und sagt heute, er habe nie die Partei gewählt, das Zitat sei von der Zeitung aus dem Kontext gerissen worden. Außerdem machte er mit dem ZDF Dokus für junge Menschen, in denen er über den US-Wahlkampf oder Armut in Deutschland berichtete.

Es ist wohl das erste Mal, dass ein sonst mit völlig anderen Inhalten erfolgreicher YouTuber sich so ausführlich der Politik widmet

Aber Rezos Video ist eben auch eine Pionierleistung. Natürlich gibt es schon lange Politik auf YouTube, von echten Politik-YouTubern bis zu wilden Verschwörungstheoretikerinnen. Dazu versuchen Gruppen wie die "Identitären" schon seit geraumer Zeit, gezielt rechte Influencer aufzubauen. Aber es ist wohl das erste Mal, dass ein sonst mit völlig anderen Inhalten erfolgreicher YouTuber sich so ausführlich der Politik widmet – und eben deshalb damit einen solchen Erfolg hat, weil er die Leute erreicht, die sich in erster Linie nicht für Politik, sondern für ihn und seine Meinung interessieren.

Das scheint auch seine eigene Szene inspiriert zu haben. An die 70 "sehr reichweitenstarke Leute aus der YouTube-Szene" hätten ihm in den letzten Tagen geschrieben und sein Video gelobt. Der YouTuber VIK alias iBlali zum Beispiel kündigte auf Twitter an, er wolle jetzt ein Video über die AfD machen. Und Rezo treibt die Sache selbst voran: Am Freitagnachmittag hatte er 70 sehr große YouTuber und YouTuberinnen überzeugt, ein weiteres Video hochzuladen, in dem sie davor warnen, die CDU und die SPD – und die AfD – zu wählen, um das Klima zu retten:

Felix von der Laden glaubt trotzdem nicht, dass Politik-Rants jetzt der nächste große Trend im deutschen YouTube werden. "Politik ist immer noch kein dankbares Thema, die meisten halten sich da einfach raus, weil man immer noch viel mehr verlieren als gewinnen kann", sagt er. "Wenn Rezo jetzt weiter nur Politik machen würde, wäre er lange nicht mehr so erfolgreich wie mit seinen Musikvideos." Außerdem bedeute die Unabhängigkeit der YouTuber auch nicht, dass sie sich jeder Verantwortung entziehen und einfach erzählen könnten, was sie wollen.

Rezo glaubt, dass es gerade der Zwang zur Authentizität ist, der dazu beitragen kann, Missbrauch zu verhindern. "Bei Videos merkt man sehr schnell, ob jemand aufrichtig ist", sagt er. "Und das kann man einfach nicht so gut faken."

Der YouTuber ist sich seiner Macht also durchaus bewusst – "genauso wie jede Zeitung", sagt er. "Und ich gehe verantwortungsbewusster damit um als so manche von denen."

Man kann nur hoffen, dass sich seine Nachfolger und Nachfolgerinnen nicht nur Rezos politische Meinungsstärke, sondern auch sein Verantwortungsbewusstsein zum Vorbild nehmen. Am Ende ist es bei YouTube also wie bei jedem Medium: Macht ist erstmal Macht. Ob man sie zum Guten oder zum Schlechten einsetzt, hängt immer vom Einzelnen ab. Was aber jetzt schon klar ist: Was diese Leute sagen – oder eben nicht sagen –, wird immer wichtiger werden.

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