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Foto: Patrick Hansy

18 Fragen an einen ehemaligen Neonazi

Hanna Herbst

Hanna Herbst

Sind Nazis dumm? Was macht Spaß am Neonazisein? Was dachtest du früher über den Holocaust? Und was hat eure Ansichten von denen von FPÖ oder AfD unterschieden?

Foto: Patrick Hansy

Das mit den nackten Füßen, das ist etwas, das die Leute beschäftigt. In Interviews wird er darauf angesprochen, auf der Straße zeigen Menschen darauf. Manche lachen. Früher war Christian Weißgerber jemand, der überzeugt war, dass es während des Zweiten Weltkriegs keine Gaskammern gegeben hätte – heute bewegt er sich barfuß durch die Gegend, in den gedehnten Ohrlöchern neongrüne Ohropax, in der Lippe ein Piercing. Er ist nicht unbedingt das, was man sich unter einem Neonazi vorstellt. Auch nicht unter einem ehemaligen.

Einige der Hinweise, die ihn dann doch verraten könnten, hat Christian mittlerweile beseitigt. Die Schwarze Sonne mit dem Hakenkreuz, die auf seinem Bein tätowiert war, zum Beispiel. An ihrer Stelle trägt Christian jetzt die große, schwarze Augenhöhle eines Totenkopfs. Von dem, was darunter war, weiß man nur, wenn man es vom ihm erzählt bekommt.

Ab seinem 16. Lebensjahr war Christian in der Neonaziszene aktiv – erst als sogenannter "völkischer" Nationalist, dann als "autonomer" Nationalist –, koordinierte Jugendgruppen, spielte und sang in rechtsextremen Bands und bereitete seinen Körper für den Kampf auf der Straße vor. Er spricht ruhig und angenehm, ist höflich und zurückhaltend. Christian wählt seine Worte bewusst und spricht nicht gerne von sich, viel lieber über das größere Ganze. Das ist man von Philosophen und Kulturwissenschaftlern ja gewohnt.

Das Studium half ihm beim Ausstieg. Nicht nur, weil es eine gute Erklärung dafür war, dass er an gemeinsamen Aktivitäten nicht mehr oft teilnehmen konnte, sondern auch, weil es ihn ehemalige Ansichten hinterfragen ließ.

Wir treffen uns in einem Wiener Café im 6. Bezirk. Die Kellnerin nimmt die Bestellung nicht auf, ohne davor Christians nackte Füße zu mustern. Ich erkläre ihm, dass ich einiges nicht mehr fragen werde, weil es vielfach über ihn im Netz nachzulesen ist. Christian schnauft erleichtert. Das Ex-Neonazi-Dasein sei für ihn Beruf und Privatleben. Seine Vergangenheit ist Thema bei Podiumsdiskussionen, in Vorträgen und Interviews, aber auch beim Kennenlernen neuer Menschen. Christian sieht das als seine Aufgabe. Er sieht es als seine Pflicht, sich gegen die Strukturen einzusetzen, die er damals selbst mit geschaffen hat. Ich habe ihm ein paar Fragen gestellt.

VICE: Was macht Spaß am Neonazisein?
Christian Weißgerber: Hass macht Spaß. Man fühlt sich einfach besser, wenn man sich über andere stellt. Und zusätzlich kann man Wut ablassen. Prügeln ist ähnlich wie Drogennehmen. Und man entspricht der eigenen Vorstellung von Männlichkeit.

Was dachtest du früher über den Holocaust?
Ich bin verschiedene Phasen durchgegangen. Erst hat er in meinem Weltbild zwar stattgefunden, was ärgerlich, aber irrelevant war, weil sich die Politik des Nationalsozialismus ja nicht einzig auf den Holocaust reduzieren ließe. Dann habe ich eine Phase durchlaufen, in der ich überzeugt war, dass er auf jeden Fall nicht so passiert war, wie man es uns im Geschichtsunterricht vermitteln möchte. Dann gab es die Gaskammern für mich irgendwann gar nicht mehr.

An einem Punkt haben die Zionisten für mich die Geschichte des Holocausts für ihre Zwecke instrumentalisiert. Und am Ende war es wieder völlig irrelevant, ob es die industrielle Vernichtung gegeben hatte oder nicht, weil schon das Einsperren in Konzentrationslagern – deren Existenz ja auch die härtesten Holocaustleugner nicht anzweifeln – Verbrechen genug war. Das war ein erster Schritt heraus aus der unerträglichen Leichtigkeit, Holocaustleugner zu sein.

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, dass es den Holocaust nicht gegeben haben könnte?
Bücher, Videos, Vorträge. Und irgendwann fühlst du dich besser als die Menschen um dich herum, weil du glaubst, auf einmal mehr als alle um dich herum zu wissen. Sogar mehr als die Geschichtslehrerin.



Was war euer Endziel?
In meiner Anfangsphase, als ich noch überzeugter völkischer Nationalist war, da war es die Wiedereinsetzung des Deutschen Reichs mit den Grenzen von 1936, die Entmachtung der Hochfinanz, Zerschlagung der Freimaurerlogen – alles, was halt so in den Verschwörungserzählungen aufkommt.

Ich bin dann von den völkischen Nazis weg und zu den Autonomen Nationalisten gegangen, die eine verjugendlichte, modernisierte Form der Nationalisten waren. Dort ging es darum, typische Reizworte zu vermeiden. Wir sind zum Beispiel welche der Ersten gewesen, die Begriffe wie Ethnopluralismus verwendet haben. Dort waren damals auch jetzt hohe "Identitäre" dabei.

Was unsere Gruppe im Gegensatz zu anderen ziemlich schnell gesehen hat, war, dass es nicht funktionieren wird, dass man einfach irgendwie die Macht erlangt und dann das durchzieht, was man eigentlich vorhat. Das haben wir zum Beispiel der NPD gesagt: Ihr fangt dann an, Leute in irgendwelche Züge zu stecken und irgendwohin zu bringen. Da kommen dann sofort die Amis und zerbomben hier alles. Weil das hatten wir schon einmal, das wird nicht mehr hingenommen werden.

Ethnopluralismus versucht hingegen, Anreize für Rückführungen zu bieten. Heute sagt man Remigration dazu, wir haben damals Rückführung gesagt. Das kam uns dann beinahe lächerlich vor, weil das ja schon beinahe wieder ernstzunehmende Vorschläge sind.

Klingt das nicht eigentlich nach FPÖ oder AfD?
Oder CDU/CSU. FPÖ oder AfD dürfte man ja jetzt nicht als Nazipartei bezeichnen, aber es ist schon manchmal verwirrend, wenn die heute dastehen und teilweise dasselbe oder sehr ähnliches fordern wie wir früher.

Was hat euch unterschieden?
Wir hätten auch Leute, die schon seit zwei Generationen hier leben, Leute, die selbst vielleicht niemals in der Türkei waren, aber deren Großeltern von dort kommen, rückgeführt.


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Wer war in euren Augen nicht deutsch?
Man möchte ja nicht von Blut und Boden sprechen. Man muss das umschreiben. Deswegen wird dann da lang schwadroniert – von Völkern und Traditionen, die historisch gewachsen sind. Das ist ja das bei den Neuen Rechten: Auch wenn sie die Wortwahl nicht verwenden, sie bringen immer etwas von geografischem Raum und Abstammungsverhältnissen und das ist einfach nur eine andere Form von Blut-und-Boden-Politik.

Was hältst du von Allgemeinplätzen wie "Nazis sind dumm"?
Dumm ist nicht die Abwesenheit von Wissen oder Intellekt, sondern die Fähigkeit, falsche Probleme zu erzeugen. Die Islamisierung des Abendlandes ist so ein Beispiel. Da baut sich jemand eine Phantasiewelt mit falschen Problemen – und das ist dumm. Das heißt aber nicht, dass wir nicht dumm sind. Ich raste zum Beispiel aus, wenn mein Computer nicht geht. Das ist auch ein falsches Problem. Hält mich aber nicht davon ab, nicht trotzdem auszurasten.

Darf man sich über die Rechtschreibung von Nazis lustig machen?
Das halte ich für dümmlich. Ein Schießbefehl, der einen Rechtschreibfehler hat, und ausgeführt wird, ist genau so tödlich wie ein Schießbefehl, der keinen Rechtschreibfehler hat. So ist es mit rassistischen, sexistischen, antisemitischen Beschimpfungen, die ja deswegen nicht weniger beleidigend sind.

Ein Schießbefehl, der einen Rechtschreibfehler hat, und ausgeführt wird, ist genau so tödlich wie ein Schießbefehl, der keinen Rechtschreibfehler hat.

Sind Aktionen der Antifa, in denen zum Beispiel die Identität eines Neonazis veröffentlich wird, überhaupt konstruktiv oder bestätigt einen so etwas noch viel mehr?
Es ist konstruktiv insofern, als dass man dann etwa in seiner Nachbarschaft nicht mehr agitieren kann oder seinen Job verliert. Destruktiv ist es, weil man vielleicht so weiter in die Szene getrieben wird, weil es ein Ritterschlag ist, von der Antifa oder Journalisten diese Art von Aufmerksamkeit zu bekommen.

Menschen müssen immer abwägen, ob die Vorteile oder Nachteile überwiegen und ob sie das, was sie vorhaben, verantworten können. Es geht hier aber nur um strategische Überlegungen, nicht um rechtliche. Weil wenn ich mir Gedanken darüber mache, ob etwas strafrechtlich relevant ist oder nicht, dann gewinnen auf jeden Fall immer die Rechten. Weil denen ist das vollkommen egal.

Wenn du heute zum Beispiel auf der Straße eine weiße Frau mit einem Schwarzen Mann siehst, wirst du wütend?
Radikalisierung ergreift Köpfe und Körper. Leute verhalten sich anders, denken anders, fühlen anders. Rational hat jemand zum Beispiel verstanden, dass Rassismus bescheuert ist, aber dann klickt er mal auf den falschen Porno und dann war's das. Mir passiert das nicht mehr. Bei mir ist das alles schon ein paar Jahre her und ich hab das auch aktiv mit Pornoschauen bekämpft.


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Sind diese Phantasien gerade reizvoll, weil sie verboten sind in diesen Kreisen?
Das ist nicht so einfach. Es gibt ganz klar die Vorstellungen, dass es für einen rassistischen Menschen zum Beispiel nicht gut wäre, Sex mit einer Schwarzen Frau zu haben. Aber natürlich wäre es in einem typischen Kolonialgedanken dann wieder in Ordnung. Das legen sich manche ja dann aus, wie sie wollen: Die Bändigung des Tieres und so weiter.

Habt ihr das auch so gesehen?
Wir haben das sehr offen abgelehnt, um Moralapostel sein zu können. Bei uns ging es halt an anderen Stellen etwas zynischer zu. Man sucht sich halt das aus, was man verkraften kann. Du musst dich ja in mindestens einer Einstellung von anderen Gruppen unterscheiden.

Darf man als Neonazi Lesbenpornos schauen?
Das kann ich nicht für alle beantworten. In den meisten Fällen ist das kein Problem. Da gibt's die verschiedensten verrückten Aussagen: "Wenn die hübsch sind, kann man ja gut dazu wichsen" oder "Kann ja sein, dass die trotzdem noch Nachwuchs zeugen".

Im homophoben Diskurs sind homosexuelle Frauen ja meisten die, die noch am meisten akzeptiert sind. Ende der 80er-Jahre gab es eine lang anhaltende Diskussion über Homosexualität und Nationalsozialismus, die durchaus Spaltungspotential aufwies, aber auch zeigte, dass einige Nazis bereit sind, Homosexualität als Privatsache zu akzeptieren – sofern die Leistungen des Kameraden an anderen Fronten stimmen. Und es gab da natürlich auch Gruppierungen, die haben noch einmal eine ganz andere Herangehensweise zu Homosexualität. Da gab's etwa Partys von Skinheads, die gesagt haben, Frauen sind das schwache Geschlecht, wir sind Krieger und deshalb kreuzen wir unsere Schwerter, die haben dann nur Sex unter sich. Gibt halt nichts, das es nicht gibt.



Du sprichst über alles sehr offen, zeigst dein Gesicht: Ist das nicht gefährlich für dich?
Na ja. Was soll ich machen? Wenn die mich umnieten wollen, können sie das ja versuchen. Würd ich darüber nachdenken, würde mich das lähmen. Das ist ja die Logik der Einschüchterung. Aber über so etwas wie eine Morddrohung auf Facebook kann ich nur müde lachen. Das sind ja nicht die, die wirklich was machen.

Und ich bin auch langsam raus, habe gesagt, ich kümmere mich jetzt einmal um das Studium und so. Wir hatten auch Leute, die sind direkt von uns zur Antifa, und die waren zum Abschuss freigegeben. Zum Beispiel wurde einmal von einigen vorgeschlagen, sie in einem Haus zu verbarrikadieren und anzuzünden. Wir wussten also, dass wir das ganz bestimmt nicht machen, aber wir hatten auch gar nicht vor, sofort zur Antifa zu gehen. Man darf ja nicht vergessen: Die Nazis waren unsere Freunde.

Hast du noch Freunde von damals?
Nein, seit 2011 nicht mehr. Die meisten Freundschaften haben sich schon davor verlaufen. Manche waren sehr enttäuscht, als ich angefangen habe, Adorno zu lesen. Ein paar hab ich dann mal zu einem Marx-Lesekreis eingeladen. Einer, der noch lange mein Fitnesspartner war, war richtig traurig deswegen und hat gesagt, es tut ihm richtig weh.

Wir hatten auch Leute, die sind direkt von uns zur Antifa, und die waren zum Abschuss freigegeben.

Fehlt dir diese Gruppenzugehörigkeit?
Ja schon. Die fehlt. Die ist nicht mehr so da. Manchmal wär das natürlich angenehm, weil grundsätzlich ist dieser Zusammenhalt ja nicht problematisch. Auf die inhaltliche Ausrichtung kommt es halt an. Es ist ja ähnlich wie im Sportverein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr. Man muss ja nicht Gaskammern in Frage stellen, um ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln.

Wäre es nicht besser, Neonazis, "Identitären", Rechtsextremen keine Aufmerksamkeit zu schenken und sie einfach zu ignorieren, weil sie sowieso nur eine kleine Gruppe sind?
Wenn jemand Recherche- oder Aufklärungsarbeit betreibt, dann ist oft gar nicht klar, wie groß oder klein die Gruppen tatsächlich sind, weil es sich viel eher um Netzwerke handelt. In Vorarlberg zum Beispiel gab es viele Verbindungen zu Bekannten von mir in Thüringen. Ohnehin sollte nicht die Größe allein, sondern die Wirkmächtigkeit ausschlaggebendes Indiz für die Wichtigkeit einer Gruppe beziehungsweise eines Netzwerkes sein. Der NSU in Deutschland konnte mit einer Gruppe von drei Personen und einem Unterstützerumfeld von mindestens fünf Personen das Leben unzähliger Menschen zerstören.

Die Frage, was dann von dieser Recherchearbeit veröffentlicht wird, ist nochmal eine ganz andere. Aber ohne die Recherchearbeit vieler Menschen, die nicht vom Staat engagiert wurden, wäre die Aufklärung des NSU-Komplexes wohl noch katastrophaler gescheitert. Viele Informationen dazu lieferten Antifa-Rechercheteams und Journalistinnen und Journalisten, nicht die dafür eigentlich zuständigen staatlichen Institutionen.

Und Strache war ja zum Beispiel ein bisschen wie ich, nur dass er es durchgezogen hat. Den Körper als Jugendlicher militarisieren und Jahrzehnte später Vizekanzler werden. Sowas passiert. Da kann man schon mal drüber aufklären. Jemand mit einer Nazivergangenheit kann hier zum Vizekanzler werden.

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