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Popkultur

Ein Nordkoreaner erzählt von seiner gefährlichen Flucht

Das nordkoreanische Regime verweigerte Jun Heo den Schulbesuch, er wurde gefoltert und jahrelang von seiner Mutter getrennt. Jetzt will er, dass die Welt seine Geschichte erfährt.

von Guillaume Piedboeuf
13 Februar 2018, 1:57pm

Jun Heo | Alle Fotos: Guillaume Piedboeuf

Er wird nie vergessen, wie schockiert er war, als er die Autos gesehen hat. Es waren so viele und die Gebäude rechts und links der Straße kamen ihm riesig vor. "Ich sah so etwas zum ersten Mal in meinem Leben" sagt Jun Heo. "Auf den nordkoreanischen Straßen gibt es keine Autos. Eigentlich gibt es dort gar nichts."

Zwölf Jahre ist das her, aber wenn Jun über diesen Tag spricht, wirkt es, als sei es gestern gewesen. Damals folgte er zwei chinesischen Fluchthelfern über den Fluss Tumen nach China. "Davor wurde uns immer gesagt, Nordkorea sei das beste und reichste Land der Welt. Wir wussten ja nicht, wie es anderswo aussah. Als ich dann die Autos und riesigen Häuser erblickte, stellte ich alles in Frage, was ich bis dahin wusste."


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Jun wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Chongjin auf, einer Küstenstadt im Nordosten Nordkoreas. Er war 13 Jahre alt, als seine Mutter 2004 entschied, nach China zu fliehen. Gut ein Jahr später hatte sie es bis nach Südkorea geschafft – das Ziel vieler nordkoreanischer Überläufer, weil sie dort Asyl beantragen können.

Bei Jun klappte die Flucht nicht so reibungslos. In China versteckte er sich zusammen mit rund zehn anderen Flüchtlingen in der Nähe von Peking im Haus eines Fluchthelfers. Sie bekamen die Anweisung, das Haus nicht zu verlassen. Sie waren in eine Falle getappt. Der Fluchthelfer kam zurück zum Haus – gemeinsam mit bewaffneten, chinesischen Polizisten. War er ein Spion? Oder hatte er die Nordkoreaner an die Behörden verraten? Jun weiß das bis heute nicht.

Nach wenigen Tagen schickten die chinesischen Behörden Jun und die anderen nordkoreanischen Überläufer in ihr Heimatland zurück. So lautet die Abmachung zwischen China und seinem südlichen Nachbarstaat. Dort wurde Jun in ein Straflager verbannt. Nachts schlief er auf dem Boden einer Zelle, tagsüber bestand sein Alltag aus Folter und Zwangsarbeit. Die Aufseher redeten ihm immer wieder ein, dass alles, was er in China gesehen hatte, nur eine Illusion gewesen sei. "Ich fragte mich, ob ich verrückt werde. Ob ich die Flucht nur geträumt hatte", sagt er heute.

In Nordkorea endet eine fehlgeschlagene Flucht oft in einer lebenslangen Haftstrafe. Kinder werden milder bestraft. Jun durfte nach mehreren Monaten zurück zu seinem Vater. Sein Leben war nun aber ein anderes.

Die erfolgreiche Flucht

"Ich konnte mit niemandem über meinen Fluchtversuch reden", sagt Jun. Sonst hätte ihm ein Leben im Straflager gedroht. "Der Geheimdienst folgte mir auf Schritt und Tritt. Jeden Morgen und jeden Abend musste ich mich bei den Beamten melden." Der damalige Teenager durfte nicht mehr zur Schule. Begegnungen mit Gleichaltrigen wurden auf ein Minimum beschränkt. In einer Stadt ohne Strom wurden seine Tage so zur Qual. An Essen für ihn und seine Familie mangelte es täglich.

"Ich bin fast drei Jahre lang jeden Tag den gleichen Berg hochgewandert. Viel Anderes durfte ich nicht machen", erinnert sich der Nordkoreaner. Von dort oben aus konnte er weit über die Landschaft blicken und den anderen Jugendlichen dabei zusehen, wie sie zur Schule gingen. Alleine auf dem Berg plante Jun schließlich seine nächste Flucht.

Drei Jahre nach seinem ersten Versuch probierte es Jun im Dezember 2008 erneut. Bei der Überquerung des Tumen half ihm wieder jemand, aber mehr will der Nordkoreaner nicht verraten. Das Regime seines Heimatlands soll keine Hinweise zu möglichen Fluchtrouten bekommen. Die Grenzpatrouillen wurden 2017 sowieso schon hochgeschraubt.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Jun richtige Mahlzeiten auf seinem Teller.

China ist aber nur der erste Schritt auf dem Weg in Richtung Freiheit. Die ersten Monate versteckte sich Jun in Yanji, einer chinesischen Großstadt nahe der Grenze. "Weil ich mich weiterhin in der Nähe von Nordkorea befand, war die Gefahr immer noch groß", sagt er. "In Yanji versuchen viele nordkoreanische Spione, Überläufer zu schnappen. Nach drei Monaten hatte ich es aber nach Shanghai geschafft, dort war es sicherer."

In der chinesischen Metropole fand der Teenager einen Job in einem Restaurant. Die Betreiber erkannten seinen Akzent nicht und er ging als Südkoreaner durch. Zwar sei die Bezahlung schlecht gewesen, aber zum ersten Mal in seinem Leben hatte Jun richtige Mahlzeiten auf seinem Teller. "Ich war die ganze Zeit nur am essen und wollte alles probieren", sagt er.

Von Shanghai aus kontaktierte Jun seine Mutter. 2005 hatten ihm die Fluchthelfer eine Telefonnummer in Südkorea gegeben. Er hat sie nie vergessen. Sie funktionierte. "Trotz meines Jobs hatte ich ständig Angst, aufzufliegen und zurück nach Nordkorea zu müssen", sagt er. "Meine Mutter war nicht reich, aber nach zwei Jahren harten Sparens konnte sie einen neuen Fluchthelfer engagieren, der mich nach Südkorea bringen sollte." Und es klappte: Nach einem zweimonatigen Zwischenstopp in Thailand flog Jun nach Seoul. Nach fünf Jahren sah er dort seine Mutter wieder.

Das geflohene Wunderkind

Im Sommer 2017, an einem sonnigen Tag in Seoul, sitzt Jun mit einem Lächeln im Gesicht, akkurat geschnittenem Haar und einem frischen Hemd im Gebäude von "Teaching North Korean Refugees", einer Nonprofit-Englischschule für Flüchtlinge. Die Schule besucht Jun seit einem Jahr. Mittlerweile ist er 27 Jahre alt und studiert Politikwissenschaft.

Jun vor dem Gebäude seiner Englischschule

Lachend erinnert er sich daran, wie seine Mutter ihm nach seiner Ankunft in Seoul erstmal beibringen musste, wie man ein Smartphone bedient: "In meiner Heimatstadt gab es ja keinen Strom. Anfangs war ich total überfordert. Selbst jetzt kann ich kaum glauben, dass ich ein Handy benutze und das Licht an- und ausschalten kann. Ich fühle mich wie im Paradies oder in der Zukunft."

In Juns jetzigem Leben dreht sich alles ums Lernen. "In meinen letzten drei Jahren in Nordkorea musste ich mitansehen, wie alle anderen zur Schule gingen", sagt er. "Man ist sich nie bewusst, was man eigentlich hat, bis es einem weggenommen wird. Ich weiß, wie es ist, nicht lernen zu dürfen. Deswegen will ich jetzt nie mehr damit aufhören."

Als Jun in Seoul ankam, war sein Wissensstand weit entfernt von dem eines jungen Südkoreaners. Er ging zuerst auf eine Privatschule für Erwachsene. Als Flüchtling bekam er finanzielle Unterstützung, sonst hätte er sich das Studium niemals leisten können. Seine Dozenten merkten, wie sehr er sich reinhängte. Sie erlaubten ihm, so viele Kurse zu belegen, wie er wollte – ohne Zusatzkosten.

"Ich wache jeden Tag mit einem Lächeln im Gesicht auf. Dafür habe ich aber auch hart gearbeitet."

"Mir wurde schnell klar, dass es die meisten nordkoreanischen Flüchtlinge mit ihren kleinen Wohnungen und Gelegenheitsjobs in Südkorea immer noch schwer haben", erzählt Jun. "Ich hatte aber keine Lust mehr auf Elend und zielloses Umherirren. Dafür hatte ich zu viel riskiert."

Jun setzte sich ein Ziel: Er wollte an der Seoul National University studieren – einer der angesehensten Universitäten in ganz Asien. Dazu musste er zuerst einen standardisierten Eignungstest absolvieren, geprüft wird das Wissen in Englisch, Koreanisch, Mathe, Geografie, Geschichte, Wirtschaft und Politik. Jun schaffte es in die zweithöchste Stufe. Er konkurrierte mit jungen Südkoreanern, die ihre gesamte Jugend auf solche Tests vorbereitet werden. Das Zulassungsbüro der Uni lud ihn zum Vorstellungsgespräch ein: "Mit meinem nordkoreanischen Akzent erzählte ich ihnen meine Geschichte und sagte am Ende noch, dass ich wirklich mein Bestes gegeben hätte", sagt er.

Heute befindet sich der Nordkoreaner in den letzten Zügen seines Studiums: "Ich kann mich wirklich glücklich schätzen", sagt er. "Ich wache jeden Tag mit einem Lächeln im Gesicht auf. Dafür habe ich aber auch hart gearbeitet."

Eine Nation leidet

Jun glaubt, viele Südkoreaner sehen auf Nordkoreaner herab. Er thematisiert das auf seinem YouTube-Account. In seinem ersten Video steht er mit verbundenen Augen und offenen Armen in den Straßen von Seoul, vor ihm ein Schild mit der Aufschrift: "Ich bin ein nordkoreanischer Überläufer. Manche bezeichnen mich als Kommunisten, Spion oder Verräter. Ich vertraue euch, ihr mir auch? Wer will mich umarmen?" Viele Passanten beäugen Jun kritisch, erst nach einiger Zeit kommen einige von ihnen der Aufforderung nach.

Selbst in Südkorea, das vor 70 Jahren mit dem nördlichen Teil der koreanischen Halbinsel noch ein Land bildete, differenzieren die Leute nicht zwischen der Kim-Familie und dem Rest der nordkoreanischen Bevölkerung. Viele konservative Südkoreaner sind dagegen, nordkoreanischen Flüchtlingen zu helfen. Sie befürchten, dass es sich um Spione handelt, die im Auftrag des Regimes handeln. "Solche Leute scheinen die Situation nicht zu verstehen", sagt Jun. Seiner Meinung nach kommt die normale nordkoreanische Bevölkerung in der medialen Berichterstattung zu kurz: "In Nordkorea wird täglich gegen die Menschenrechte verstoßen. Was ist mit den wahren Opfern von Kim Jong-un?", fragt er.

Aus diesem Grund hätten er und andere Flüchtlinge auch die Pflicht, ihre Geschichte zu erzählen. "Wir kennen die Wahrheit, wir haben in der Wahrheit gelebt", sagt Jun. "Manche Leute glauben nicht, dass die Situation dort so schlimm ist. Es verhungern aber wirklich jeden Tag Menschen in Nordkorea. Politiker aus der ganzen Welt wollen dem dortigen Atomprogramm ein Ende setzen. Sie sollten das Regime aber auch dazu auffordern, die eigene Bevölkerung ordentlich zu behandeln."

Der Traum von der Wiedervereinigung

Seit seiner Flucht – also seit über neun Jahren – hat Jun keinen Kontakt mehr mit seinen Verwandten gehabt, die noch in Nordkorea leben. Zwar wäre das durch chinesische Vermittler möglich, allerdings auch sehr teuer. Eine Kontaktaufnahme birgt zudem ein großes Risiko für die Leute, die man erreichen will. Deswegen hat er es noch nicht versucht.

Ein möglicher Nuklearschlag der USA gegen Nordkorea, sagt Jun, bereite ihm nicht so viele Sorgen wie der Alltag in seinem Heimatland. "Egal ob Krieg oder nicht, meine Freunde werden auf jeden Fall sterben", sagt er. "Sie haben nichts zu essen und müssen 15 Stunden am Tag arbeiten. Schlimmer geht es nicht."

"Nicht nur die Kim-Familie muss weg, sondern die ganze Elite Nordkoreas. Anders werden meine Freunde niemals frei sein."

Eines Tages, sagt Jun, möchte er seine Geschichte vor der UN erzählen. Aber ihm ist auch klar: Derzeit könnte nur China das Regime zu Fall bringen. "Wenn China Veränderungen in Nordkorea sehen will, dann wird es diese Veränderungen auch geben. Nicht nur die Kim-Familie muss weg, sondern die ganze Elite Nordkoreas. Anders werden meine Freunde niemals frei sein."

Irgendwann werde es eine Wiedervereinigung geben, glaubt Jun. Diese Hoffnung treibe ihn jeden Tag an. Deswegen studiere er Nordkoreapolitik. Und deshalb wolle er auch einen Master-Abschluss in den USA oder in Australien machen und sich auf das Sozialwesen spezialisieren.

"Meine Heimatstadt ist für mich der schlimmste und gleichzeitig der schönste Ort der Welt", sagt Jun. "Eines Tages will ich dorthin zurückkehren und den Leuten, meinem Vater und meinen Freunden aus der Armut helfen."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE CA.