Kiffen ist kein Ding der Linken

Nur Linke mit Dreads kiffen regelmäßig – so das Klischee. Aber auch Rechte, High-Achiever und Mütter in Karenz rauchen regelmäßig Weed. Wir haben mit ihnen gesprochen.

|
Okt. 7 2017, 10:22am

Foto: Alaska Carter | 
FlickrCC BY 2.0

Dieser Artikel ist Teil unseres Schwerpunkts zum Thema Cannabis in Österreich, den Dossier und VICE zusammen gestartet haben, um einen sachlichen Beitrag zu einer Debatte zu leisten, die in Österreich meist sehr emotional geführt wird.

Kiffen gehört den Linken – zu diesem Gesellschaftsklischee tragen mehrere Faktoren bei. Für die Legalisierung von Gras setzen sich in Österreich drei der Parteien ein, die bundesweit zur Nationalratswahl Mitte Oktober antretenDie Grünen , die NEOS und die KPÖ+.

Der Hanfwandertag – eine Demo in Wien, die jährlich stattfindet und für die Legalisierung von Cannabis kämpft – wird zum Großteil von weißen Menschen mit Dreads besucht und verbreitet mehr linken Hippie-Flair als so manche Goa-Party. Und nicht zuletzt: Öffentlich zu kiffen und auch darüber zu sprechen, trauen sich oft nur genau diese Menschen.

Dass Kiffen nicht nur KSA, PoWi-Studenten und Leuten mit Rasta-Mützen vorbehalten ist, merkt man, wenn man länger als eine Stunde beim Dealer des Vertrauens sitzt. Sie halten sich einfach nur im Hintergrund, besuchen keine Hanfmessen und melden sich auch sonst aus Angst vor Stigmatisierung nie zu Wort, sobald eine Diskussion zum Thema losbricht. Ich musste allen fünf Menschen absolute Anonymität versichern, da drei der Befragten Angst vor beruflichen Konsequenzen hatten.

Lina*, 24, in Karenz

Foto: Alaska Carter | Flickr | CC BY 2.0

Die kleine Gemeindebauwohnung von Lina ist sehr persönlich eingerichtet. An jeder Wand hängen Familienfotos. Sie ist seit zwei Jahren Mutter und seit einem halben Jahr verlobt. Ihre kleine Tochter schläft im Nebenzimmer und ihr Verlobter Martin* ist arbeiten, als sie mich am Abend in ihrer Wohnung empfängt. In ihren Haaren ist Blondierungsmittel, ihre Gelnägel sind lang und spitz, und zwischen ihren Lippen steckt ein Joint.

"Wenn die Kleine schläft, dann geht das." Gekifft wird bei Lina in der Küche und nur, wenn die Kleine schläft. Beide tun das seit ihrem 14. Lebensjahr täglich. Martin musste vor ein paar Jahren wegen des illegalen Verkaufs von Gras in eine Haftanstalt, aber diese Zeit sei ja jetzt vorbei. Sie wurde während seiner letzten Monate schwanger. Jetzt sind beide nur noch Konsumenten.

Grundsätzlich sei es aber schon ein tägliches Hobby – wie sie es liebevoll nennt –, aber es bringe nun einmal auch Schwierigkeiten. So streitet sich das Paar regelmäßig darüber, wer den nächsten Nachschub holen geht und wie viel Geld sie dafür ausgeben. Das Geld fehle nämlich, seitdem Martin nicht mehr am Grasverkauf verdiene und sie in Karenz sei. Außerdem sei ihre Schwiegermutter wachsam und besorgt, erklärt Lina. Sie würde sich wünschen, dass beide aufhören würden. Wenn sie Konsum mitbekommt, verweigert sie den beiden Jungeltern ihre Hilfe im Haushalt.

"Es entspannt uns. Wir trinken abends eben kein Bier."

"Das verstehen eben Nicht-Kiffer nicht, dass das keine wirkliche Droge ist. Es entspannt uns. Wir trinken abends eben kein Bier." Ob sie sich wegen des Biers auch regelmäßig streiten würden, frage ich sie. Sie denkt kurz nach: "Na ja, vielleicht nicht davor, aber sobald wir angetrunken wären, können die Teller durch die Wohnung fliegen." Ein Aufhören kommt für sie nicht in Frage. Ob das Rauchen legal wird oder nicht, interessiert Lina nicht. Sie war erst einmal wählen und da hat sie der FPÖ die Stimme gegeben: "Wir wohnen hier im Gemeindebau, ich bekomme mit, wie sich Ausländer aufführen. So eine Zukunft will ich für meine Tochter nicht."

Ob die FPÖ und ihr Cannabis-Konsum sich nicht widersprechen, frage ich sie. Lina verneint resolut: "Ausländer und Gras sind zwei paar Schuhe. Die FPÖ ist wahrscheinlich kein Fan von Gras, weil es von Ausländern kommt, aber mir ist lieber, wir haben weniger Ausländer als legales Gras." Als ihr Freund heimkommt, frage ich ihn, ob er sich für die Legalisierung von Gras einsetzt – immerhin wäre er so nie in Haft gekommen. Aber auch er verneint: "Ich habe eine Familie zu ernähren und muss nach vorne blicken. Das Protestieren überlasse ich Studenten."

Manuel*, 34, Kfz-Mechaniker

Foto: Amrtanshu Sikdar | unsplash | CC by 2.0

Manuel lebt alleine im 22. Bezirk und bleibt dort auch die meiste Zeit. Seine Genossenschaftswohnung hat einen kleinen Garten, in dem er im Sommer gerne Grillfeste veranstaltet. Er sei gar kein Jugendkiffer gewesen, sagt er, bevor ich ihm überhaupt eine Frage stellen konnte. Er habe es damals in der Berufsschule mitbekommen, aber Gras habe ihn einfach nie gereizt. Erst als er 25 war, hat er bei einem Freund probiert – und nichts gespürt.

Dann probierte er es mit einer Bong – und spürte sofort etwas. "Der Rausch ist ein ganz anderer, ich rauche bis heute keine Joints." Manuel zeigt mir seine zwei Bongs – eine als Ersatz, sollte die Hauptbong kaputt gehen. Das sei ihm schon einmal am Wochenende passiert und habe ihm eine schlaflose, schwitzige Nacht beschert: "Ich würde schon sagen, dass ich süchtig bin. Aber es ist im Rahmen. Ich rauche morgens ein Hut und am Abend. Am Wochenende mehr." Ein Hut ist der Slangausdruck für eine Portion Grasgemisch in der Pfeife. Die Größe der Behälter, in denen das Grasgemisch geraucht wird, also Hüte, variiert je nach Pfeife und persönlicher Vorliebe. Seine Hüte sind nicht klein.

Er merke schon nach ein paar Stunden die körperlichen Entzugserscheinungen, aber das wirke sich nicht auf seinen 40-Stunden-Job aus. Manuel besucht regelmäßig die Hanfmesse, von Demos hält er nichts: "Ich bin einfach kein politischer Typ, ich kiffe seit sieben Jahren und hatte noch nie ein Problem mit der Polizei. Außerdem mag ich Demos generell nicht, sie halten nur den Verkehr auf, gehen Menschen auf die Nerven, die tatsächlich etwas tun müssen und bringen auch nichts. Nur Kinder gehen demonstrieren, manche sind halt bis in die 30er Kinder."

"Ich würde schon sagen, dass ich süchtig bin. Aber es ist im Rahmen. Ich rauche in der Früh ein Hut und am Abend. Am Wochenende mehr."

Er redet sich in Rage, ich frage ihn vorsichtig nach der politischen Gesinnung: "Meine Freundin ist aus dem Ostblock und somit Ausländerin hier, mir ist der Strache zu hart. Diese Wahl werde ich Kurz wählen, auch wenn die ÖVP nie meine Partei war. Aber irgendetwas muss gemacht werden. Aus Gutgläubigkeit Kulturen und Religionen unkontrolliert reinzulassen, das ist mir zu weltfremd und dumm."

Seinen Konsum hält er vor niemandem aus seinem Privatleben geheim – nur vor Arbeitskollegen. Da es sein Job verlangt, muss Manuel manchmal Autofahren – schon oft war er währenddessen high. Das einzige Problem dabei sei, dass es sein Chef nie erfahren dürfe: "Das würde mich die Arbeitsstelle kosten, das muss nicht sein". Beeinträchtigt fühle er sich beim Fahren nicht, nüchtern zu fahren löse Stress in ihm aus. Macht der Gewöhnung nennt er das und stopft sich einen Hut.

Katharina*, 26, arbeitet in einem internationalen Softwareunternehmen im Bereich Marketing

"Was mich vom Klischeekiffer abgrenzt, ist mein Lebenslauf. Ich arbeite seit neun Jahren Vollzeit und stehe jeden Tag auf, um durchschnittlich neun bis zehn Stunden zu arbeiten, und seit ich 17 bin, schmeiße ich meinen eigenen Haushalt." Katharina ist eigentlich Deutsche, lebt aber in Wien und hat sich gerade erst ihre erste Eigentumswohnung gekauft. Sie trägt einen perfekt gebügelten Blazer, während unseres Gesprächs hat sie "einen Call".

Das Handy hält sie während der gesamten Gesprächszeit in der Hand, einen Kopfhörer stets im Ohr drinnen: "Nichts Wichtiges, aber falls sie Österreich ansprechen, muss ich reagieren." Ihre Calls führt sie mit Kolleginnen und Kollegen in England, Deutschland oder den USA. Sie bestellt sich ein Soda Zitron mit zwei Eiswürfeln. "Was mich schon zu einem Klischeekiffer macht: Ich komme ursprünglich aus einem sozial schwachen Umfeld und höre HipHop." Über Politik möchte sie nicht reden, Hanfwandertage sind ihr egal, sie selbst habe für so etwas keine Zeit.

Katharina ist nicht zwingend für eine Legalisierung: "Eine Entkriminalisierung halte ich für richtig. Es ist heuchlerisch, so zu tun, als wäre Alkohol weniger schädlich. Sollte man sich volljährig dazu entschließen Cannabis konsumieren zu wollen, dann sollte man das auch ohne Konsequenzen tun können. Wie auch jeder einen Wochenendrausch in der Disco haben kann." Seit ein paar Jahren kiffe sie abends. Das brauche sie auch, um Stress abzubauen: "Ich räume dann halt bekifft auf und mache den Haushalt. Es entspannt meinen Kopf. Und ich habe am nächsten Tag keinen Kater."

Angefangen habe sie wegen ihrer Schlafstörungen – die sie seit ihrer Kindheit habe. Mit dem Eintritt ins Berufsleben konnte sie sich keine Schlafstörungen mehr leisten und suchte nach etwas, das ihr beim Einschlafen helfen könnte. Nur zwei ihrer Arbeitskollegen wissen, dass sie kifft. Ihr Gras bezieht sie über eine Freundin, meistens muss sie nur kurz vorbeikommen und kann ihre zehn Gramm abholen. Die halten dann auch mindestens ein Monat.

Lukas*, 32, arbeitslos

Foto: Nicolas Ladino Silva | unsplash | CC by 2.0

Lukas ist im 19. Bezirk aufgewachsen und wohnt dort noch immer. Seine Wohnung ist groß, hell und geschmackvoll eingerichtet. Er hat seine Matura als Jugendlicher abgebrochen, weil er laut Eigenaussage auf die schiefe Bahn geraten sei. Konkret bedeutet das, dass Lukas zwischen 18 und 25 mit Glatze und Springerstiefeln gewaltbereit durch die Straßen Wiens gelaufen ist. Erst als er wegen eines Gewaltverbrechens – er hat mit Freunden nach einem Discobesuch eine Schlägerei mit einer Ausländergruppe angefangen – habe er gelernt, sich zu benehmen.

Lukas interessiert sich für Politik und kauft sein Gras nicht bei Ausländern: "Ich beziehe mein Gras von Österreichern, da weiß ich, dass die Qualität stimmt." Früher wollte er zur Wiener Polizei gehen, speziell zur WEGA, aber seine Gerichtsverhandlung habe ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Heute hilft er seinem Vater in der Firma aus.

"Leute, die zu Hanfmessen gehen, sind mitschuldig am Verfall Österreichs."

Mit dem Kiffen hat Lukas erst vor ein paar Jahren begonnen. Als ich die Demos und Hanfmessen anspreche, reagiert er mit Verachtung. "Die Leute, die zu so etwas gehen, sind mitschuldig am Verfall Österreichs." Mit Ausländern komme er heute besser zurecht als mit linken Träumern, sagt er und lacht: "Jeder Ausländer hat mehr Realitätssinn." Eine Legalisierung oder Entkriminalisierung lehnt er für Österreich strikt ab: "Wenn wir Gras entkriminalisieren, sieht bald jede U-Bahn-Station wie die Josefstädter Straße aus. Wenn wir es legalisieren, dann haben wir dieselben Touristen wie Amsterdam. Auf beides kann ich gut verzichten."

Früher habe er täglich gekifft, heute nur noch am Wochenende. "Das High war irgendwann nicht angenehm, sondern führte Depressionen, Paranoia und Angstzustände." Durch die negativen Nebeneffekte habe er eine Therapie begonnen und lebe heute laut Eigenaussage ruhiger und zurückgezogener.

Martin, 28, Angestellter bei einem öffentlichen Unternehmen

Foto von der Autorin

Martin hat seinen Master auf einer FH abgeschlossen und das erste Mal 2005 bei einem Konzert Cannabis geraucht. Seitdem hat er maximal fünfmal im Jahr an einem Joint gezogen. Erst seit zwei Jahren raucht er regelmäßig, aber nicht täglich. Eher am Wochenende, ab und zu auch an Wochentagen, wenn seine Freundin bei ihm ist.

Sie ist es auch, die ihm das Gras beschafft. "Ich habe Angst davor, träge zu werden. Ich halte das Klischee des Kiffers, der nur daheim sitzt und nichts weiterbringt, für durchaus realistisch. So will ich auf keinen Fall sein." Kollegen und Familie wüssten nichts davon und das wolle er auch weiterhin unbedingt beibehalten. Denn viele Menschen aus seiner privaten Umgebung hätten Vorurteile gegenüber Gras. Martin kommt aus einer ländlichen und konservativen Umgebung, an den meisten Arbeitstagen trägt er ein Hemd.

Er findet, dass der Weg für einen richtigen Konsum Reflexion sei: "Man muss sich bewusst sein, wie viel und wie oft man konsumiert. Keine Sucht sollte man glorifizieren – weder Alkohol noch Zigaretten noch Gras." Trotzdem sei er für eine Legalisierung, hauptsächlich weil es niemanden was angehe, wie ein erwachsener Mensch seine Freizeit verbringt.

Wichtig dabei sei das "Erwachsen": Die Altersgrenze von 18 halte er, obwohl er selbst bei seinem Erstkonsum nicht volljährig war, für wichtig. Außerdem hätte Gras eine bessere Qualität und würde dem Staat viel Geld bringen. Ungesünder oder gefährlicher als Tabak oder Alkohol sei es ja laut Martin auch nicht. Trotzdem sieht er sich nicht als jemanden, der das Tabu in seiner Umgebung bekämpfen wolle – dafür sei ihm der Graskonsum einfach zu unwichtig.

Fredi hat Twitter: @schla_wienerin

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Twitter.

Mehr VICE
VICE-Kanäle