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'Das Fest des Huhnes' ist die vielleicht wertvollste Doku, die je über Österreich gemacht wurde

Tori Reichel

Tori Reichel

Wir haben uns die Reise ins "rätselhafte und unberührte Oberösterreich" mehr als 20 Jahre später noch einmal angesehen – und mit dem Hauptdarsteller gesprochen.

Als Das Fest des Huhnes 1992 im ORF erstausgestrahlt wurde, war ich noch vollzeitig damit beschäftigt, Babybrei zu essen und meine Windeln voll zu machen. Kurz: Ich war vermutlich noch nicht der interessierteste Fernsehzuschauer. Die satirische Filmreise ins "rätselhafte und unberührte Oberösterreich" hat für mich aber nichtsdestotrotz einen sehr persönlichen Stellenwert.

Erstens weil ich praktisch am Schauplatz des Films, dem oberösterreichischen Land, aufgewachsen bin. Zweitens weil ich das Kind eines afrikanischen Einwanderers bin. Und drittens, weil ich mich daran erinnern kann, dass meine Mutter – eine Oberösterreicherin – in meiner Kindheit vollkommen begeistert von diesem Film war.

Rückwirkend verstehe ich ihre Begeisterung natürlich. Was diesen Film so besonders macht, hab ich als Kind aber wenig verwunderlich nur so halb verstanden. Lediglich die Szene, in der ein Haufen gestandener oberösterreichischer Männer in einem Bierzelt Maßkrüge auf ex aussäuft, während im Hintergrund ein Schunkellied mit dem Text: "Rä Tä Tää, Rä Tä Tää, morgen homma Schädlweh, Rä Tä Tää, Rä Tä Tää, Schädlweh is sche" gesungen wird, die hab ich schon damals so grotesk und unterhaltsam gefunden, dass sie sich für immer in mein junges, nigerianisch-oberösterreichisches Hirn eingebrannt hat.

Der Plot der Mockumentary ist eigentlich schnell zusammengefasst: Ein Forscherteam aus der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa reist für eine Expedition an den in ihren Augen exotischsten und abgelegensten Ort überhaupt: Oberösterreich. Dabei machen, erleben und sagen die afrikanischen Wissenschaftler all das, was weiße Forscher sonst machen, erleben und sagen, wenn sie ins geheimnisvolle Afrika reisen. Sie beobachten allerlei befremdliches, primitives, aber für sie gleichzeitig auch faszinierendes Verhalten der eingeborenen Alpenland-Bevölkerung und stoßen auf zahlreiche ethnologische und religionswissenschaftliche Rätsel.

Der fremde Forscher-Blickwinkel stellt so ziemlich alles, was man von und über (Ober-)Österreich zu kennen und wissen glaubt, auf den Kopf und lässt jedes noch so kleine Detail unfassbar absurd wirken – seien es Gartenzwerge ("Oft findet man vor den Häusern der Oberösterreicher diese kleinen Statuetten, die unschwer als Objekte eines Ahnenkultes zu identifizieren sind"), Schuhplatteln ("Mit diesen grotesken Bewegungen wollen die Burschen um die jungen Frauen werben und sie zum Koitus auffordern"), oder Feste in Tracht ("Erst wenn alle gleich aussehen und im gleichen Schritt und Tritt gehen, von dröhnender Musik halb narkotisiert, dann erst scheinen sie die Vorteile des Lebens in der Gruppe wenigstens zu ahnen").

Im Laufe seiner Forschung entdeckt das afrikanische Team, dass die Kirchen in der Region fast immer leer stehen und die ursprünglich so erzkatholischen Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher stattdessen zu anderen Kultstätten pilgern: in Bierzelte. Als sie auf so ein Zeltfest stoßen und das Geschehen dort dokumentieren, kommen sie zum Schluss, dass es sich dabei um eine Art modernen Gottesdienst handeln muss, bei dem die Ureinwohner literweise Bier statt Messwein konsumieren – und das Grillhendl, das sie in sich hineinstopfen, stellt das dazugehörige Totem-Tier dar. Und jetzt wisst ihr auch, warum der Film so heißt, wie er heißt.

Der vom ORF Oberösterreich produzierte Film wurde in den Neunzigern zu einem derart großen Erfolg, dass bald darauf ein zweiter Teil mit dem Titel "Dunkles, rätselhaftes Österreich" produziert wurde. Rätselhaft ist Oberösterreich – eigentlich ganz Österreich – mitsamt seiner Bräuche und Gepflogenheiten auch für mich – und das sage ich als Mensch, der dort aufgewachsen ist. Ich habe schon in anderen Artikeln erklärt, dass die Menschen in unserer kleinen Republik eigentlich viel mehr einem Stamm gleichen als die Fremden, vor denen sie sich so gerne fürchten.

Für diesen Artikel habe ich mir den Film zum ersten Mal seit meiner Schulzeit (in meiner Oberstufe diente der Film als Lehrmaterial, auch wenn ich nicht mehr weiß, in welchem Fach) in seiner Gänze angesehen. Und ich habe ein paar Dinge gelernt. Eines der wichtigsten: Komasaufen war und ist definitiv kein Phänomen des 21. Jahrhunderts – Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher meiner Elterngeneration konnten offensichtlich noch besser Gerstensaft vernichten als ihre Nachkommen.

Um aus dem Film zu zitieren: "Die Eingeborenen trinken fast die ganze Nacht. Mit fröhlichem, geselligem Zusammensein hat das aber wenig zu tun: Die Teilnehmer an diesem Fest scheinen unter dem Zwang zu stehen, möglichst viel von diesem Getränk zu sich zu nehmen, obwohl dieses Getränk nicht allen zu bekommen scheint. Manch einem wird übel davon. Dann verlässt er für kurze Zeit das Zelt, übergibt sich rasch, nur um weiter gewaltige Mengen Bier in sich hineinschütten zu können."

"Die Teilnehmer an diesem Fest scheinen unter dem Zwang zu stehen, möglichst viel von diesem Getränk zu sich zu nehmen, obwohl dieses Getränk nicht allen zu bekommen scheint."

Walter Wippersberg, der Regisseur des mittlerweile über 25 Jahre alten Meisterwerks, ist 2016 im Alter von 70 Jahren verstorben. Die Hauptrolle des afrikanischen Forschers Kayonga Kagame übernahm damals der österreichisch-nigerianische Schauspieler Frank Oladeinde – er wurde hierzulande auch durch eine Rolle im Kaisermühlen Blues bekannt. Heute ist er neben seiner Schauspiel-Karriere als Mitarbeiter in der UNO City in Wien tätig. Dort erzählt Oladeinde mir, wie Das Fest des Huhnes zustande kam.

Die Frage danach, wie er die Hauptrolle im Film ergatterte, kann er ziemlich leicht beantworten: "Ich war damals einfach der einzige ausgebildete Schwarze Schauspieler in Österreich," erklärt der 69-Jährige, der in den 70er-Jahren nach Wien kam und am Max Reinhardt Seminar studierte. "Walter Wippersberg hatte durch den ORF von mir erfahren und kontaktierte mich. Dann haben wir uns erst einmal ein, zwei, drei Tage Zeit genommen, denn ich wollte vor meiner Zusage auch wissen, was er über meine Leute – über Afrikanerinnen und Afrikaner – überhaupt vermitteln wollte."

Nachdem Wippersberg dem Schauspieler vermitteln konnte, was er da eigentlich genau vorhatte, wurde Oladeinde zum essentiellen Teil des Projektes. "Die Dreharbeiten haben richtig Spaß gemacht", erinnert er sich. "Ich war ja schon seit den 70ern in Österreich und habe im Laufe der Jahre in Ortschaften wie Deutsch-Wagram oder Dornbirn gelebt. Aber einen Film, für den ein afrikanisches Team durchs ländliche Österreich fährt, so etwas gab es damals einfach nicht. Walter nahm mich bei den Arbeiten dort hin mit, wo ihr Leute zum Skifahren hingeht. Wir mussten mit dem Sessellift fahren, ich hab panisch runter in die Tiefe geschaut und Höhenangst bekommen, Walter und seine Frau mussten mich festhalten. Letztendlich hat aber auch das wirklich Spaß gemacht. Die Dreharbeiten waren großartig. Ich wäre jedes Mal wieder dabei."

Frank Oladeinde beim Interview in der UNO-City


Auch daran, wie der Film anfangs aufgenommen wurde, erinnert sich Frank Oladeinde: "Die Reaktion des österreichischen Publikums war am Anfang teilweise sehr negativ und eigentlich ziemlich typisch österreichisch: Nachdem die Leute den Film zum ersten Mal gesehen hatten, gingen die Wogen sofort hoch. Da hatten sich die meisten noch nicht einmal wirklich mit dem beschäftigt, was sie da gesehen hatten. Sie kritisierten den Film ganz oberflächlich."

Erst als Leute mit der Zeit begannen, sich genauer mit dem zu beschäftigen, begann die breite Masse, den Film zu mögen, so Oladeinde: "Nach und nach fingen die Leute in Österreich an, sich damit zu identifizieren. Denn wenn du dir den ganzen Film anschaust, ist es am Ende ja tatsächlich ihre Kultur, die da gezeigt wird: Sich auf ein Rad schwingen und einfach ohne Ziel herumfahren, irgendwann umdrehen und wieder nach Hause fahren, einfach wegen des Fahrens Willen. Das machen die Menschen hier ja auch heute noch."

Wippersberg gelang es, seine eigenen Landsleute böse und gleichzeitig so charmant auf die Schippe zu nehmen, dass die anfängliche Wut letztendlich nicht zu lange anhielt. "Zu meinem Glück war Walter der österreichischste Österreicher, den man sich vorstellen konnte: Er hat mit dem Kater Konstanin einen deutschsprachigen Kinderbuch-Klassiker geschrieben. Und dann kommt noch dazu, dass er geborener Oberösterreicher war – er hat sich also sogar seine eigene Region ausgesucht", erzählt Oladeinde.

Sogar der ÖVP-Politiker und damalige oberösterreichische Landeshauptmann Josef Ratzenböck, der sich laut Oladeinde durch den Film zunächst sehr beleidigt fühlte, änderte seine Meinung im Laufe der Zeit. "Als Walter dann den zweiten Teil der Dokumentation schrieb, bot er letztendlich sogar an, darin einen Gastauftritt zu machen", erinnert er sich lachend.

"Nicht nur in Österreich musste man sich zunächst über den Film aufregen – Leute in Afrika waren auch aufgebracht!"

"Aber nicht nur in Österreich musste man sich zunächst über den Film aufregen – Leute in Afrika waren auch aufgebracht!", erzählt der Schauspieler. "Ich habe den Film damals mit nach Nigeria genommen und ihn an die Leute meiner dortigen TV- und Radiostation weitergegeben. Ich war gespannt auf ihre Meinungen. Als sie den Film gesehen hatten, meinten sie, dass ich eine völlig verfälschte Variante der Geschichte erzähle."

Der Schauspieler musste seinen Landsleuten erst einmal erklären, dass die Bräuche, Traditionen und Verhaltensweisen, die im Film gezeigt wurden, bei aller Satire genau so praktiziert wurden – die österreichische Realität war einfach schon lustig und absurd genug. "All diese Sachen waren ja nicht gespielt. Natürlich hatten wir mit Walter einen Regisseur bei den Dreharbeiten, aber er ging mit seinem Team einfach in ein echtes Bierzelt und fing genau das ein, was man dort zu sehen bekam. Der einzige Schauspieler weit und breit war ich."


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"Wir gewannen Bildungspreise in Ungarn und Österreich, Das Fest des Huhnes wurde mit allen möglichen ethnologischen Filmen verglichen."

Und eben weil Das Fest des Huhnes eigentlich so verdammt nahe an der Realität war, fand das Ganze letztendlich vor allem als ethnologischer Dokumentar- und Unterrichtsfilm riesigen Anklang: Das Satire-Projekt wurde zum Musterbeispiel für eben das Genre, das es eigentlich noch mehr auf den Arm nahm als alles andere.

"Ursprünglich war das Ganze als Mockumentary gedacht, aber Leute sahen mehr in dem Film. Er entwickelte sich zu einem großen Erfolg und letztendlich zu richtigem Unterrichtsmaterial. Wir gewannen Bildungspreise in Ungarn und Österreich, Das Fest des Huhnes wurde mit allen möglichen ethnologischen Filmen verglichen", erinnert sich Frank Oladeinde. "Meines Wissensstandes nach wird der Film noch heute im Ethnologie-Studium als Lehrmaterial verwendet."

Dass man beim Schauen dieses Satire-Meisterwerkes mehr über die Realität im dunklen und rätselhaften Österreich erfährt als bei den meisten ganz erstgemeinten Reportagen zusammen, das kann ich als Eingeborener Oberösterreichs definitiv bestätigen. Und wenn es abschließend noch eine Lektion gibt, die ich beim erneuten Schauen dieses Filmes mitgenommen habe, dann, dass jemand ganz dringend eine Neuauflage über das Österreich von 2018 machen sollte.

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