Was ist am "eindeutigen IS-Hintergrund" des Doppelmörders von Linz dran?

Die Lebensgefährtin des mutmaßlichen Täters bezweifelt im Gespräch mit VICE vehement ein islamistisches Motiv. Auch ein Experte äußert sich skeptisch.

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06 Juli 2017, 1:07pm

Screenshot via BMI

Mohamed H. war im Juni 2015 schon einmal in den lokalen Medien. Der 54-jährige gebürtige Tunesier lächelt damals freundlich in die Kamera des Fotografen der Oberösterreichischen Nachrichten. Er hält eine Kiste Erdbeeren in der Hand, sein Aussehen wirkt gepflegt, angepasst ein "einschlägiger Bart", der in den letzten Tagen immer wieder Thema war, ist nicht zu sehen. 20 Jahre lang arbeitete H. in einem Linzer Bio-Laden und war in einer Beziehung mit der Besitzerin.

Vergangene Woche tötete H. auf brutale Weise ein altes Ehepaar, das ihm von seinen Gemüselieferungen bekannt gewesen sein soll. Der Mann stellte sich daraufhin selbst bei der Polizei. In den nächsten Tagen überschlugen sich dann gleich zweimal die Meldungen zu dessen angeblichen Motiv.

Zunächst berichtete die Kronen Zeitung, dass hinter der Tat ein "politisches Motiv" stehe. Der mutmaßliche Täter habe aus "Hass auf die FPÖ" agiert und ein Exempel statuieren wollen. Der angebliche Zusammenhang: Die Getöteten waren die Eltern eines Abteilungsleiters der oberösterreichischen Landesregierung. Dieser unterstehe wiederum dem Ressort von FPÖ-Landeschef Manfred Haimbuchner.

"Was wir nicht wissen, ist, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Tat selbst und dem IS gibt."

Am Mittwoch kam es dann zu einer erneuten Wendung. Innenminister Wolfgang Sobotka berief eilig eine Pressekonferenz ein, in der er erklärte, dass der Tatverdächtige "eindeutig einen IS-Hintergrund" aufweise.

Konrad Kogler, der Generaldirektor für öffentliche Sicherheit, wurde am Donnerstag im Ö1-Mittagsjournal dann konkreter – ruderte aber gleichzeitig zurück, was das Tatmotiv direkt betrifft: "Wir wissen, dass der Tatverdächtige einen IS-Bezug hat. Was wir nicht wissen, ist, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Tat selbst und dem IS gibt." Den Kontakt zur Terrororganisation erklärt Kogler damit, dass Mohamed H. mit einer verdächtigen Person über soziale Netzwerke kommuniziert hätte. Aktuell prüfe man jetzt, ob dahinter ein Netzwerk steht.

Wir haben die Lebensgefährtin des Beschuldigten in Linz-Urfahr aufgespürt und uns mit ihr über die Anschuldigungen unterhalten. Im Gespräch mit VICE bestreitet diese vehement, dass H. ein religiöses Motiv gehabt haben könnte: "Das ist völliger Unsinn", sagt sie. "Man will hier durch diese erfundene Erklärung die Menschen für dumm verkaufen. Wir wissen ja, dass demnächst eine Wahl ansteht."

"Man will die Leute vor der Wahl für dumm verkaufen."

Ihr Lebensgefährte sei nie "radikal, sondern sensibel" gewesen. Hinzukommt, dass er leider sehr frustriert war und sich "von niemandem geholfen" fühlte. Die entsetzliche Tat sei durch nichts zu rechtfertigen, das Motiv aber in seiner persönlichen Misere zu sehen. Über die Jahre soll er "Diskriminierungserfahrungen" gemacht haben; zum Beispiel, als er von einem Nachbar der Tierquälerei bezichtigt wurde, oder sein Haus mit dem Wort "Moschee" besprüht wurde.

Zum angeblichen IS-Kontakt sagt sie: "Er stammt aus Tunesien und hat natürlich mit wem kommuniziert, der Arabisch spricht. Dabei ist es aber sicher nie um Radikalität oder Religion gegangen", so die Lebensgefährtin.


Unser Videobericht aus dem Inneren des sogenannten "Islamischen Staats":


Der Dschihadismus-Experte Thomas Schmidinger zeigt sich ebenfalls skeptisch, was eine Terrorverbindung angeht: "Das wäre jedenfalls der erste Mord des IS, bei dem Bekannte des Täters getötet werden, zu dem sich der IS nicht bekennt und bei dem sich der Terrorist danach in eine Polizeistation begibt und sich brav anstellt, um sich selbst anzuzeigen", erklärt er.

"Ausschließen kann man ja nie etwas, aber es wäre jedenfalls ein völliges Novum", meint Schmidinger, der zu Forschungszwecken Dutzende Dschihadisten in Haft interviewte und deren Biografien studierte.

Im sozialen Netz wird währenddessen gemutmaßt, dass es Innenminister Sobotka in der Sache vor allem darum gehe, mit den Aussagen zum IS-Bezug seine Pläne für umfassendere Überwachungsmaßnahmen voranzutreiben. Und zwar – im Gegensatz zur Vergangenheit – mit etwas anderem als damit, wer ihm wie oft vor die Tür geschissen haben soll.

Thomas auf Twitter: @t_moonshine