Bewohner des reichsten Landkreises Deutschlands erzählen von ihrem Kontostand

"Ich verdiene 6.000 Euro. Übrig bleiben ein paar Hundert Euro."

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27 November 2017, 1:41pm

Foto: Christina Hertel

Wer in Starnberg am Bahnhof aussteigt, sieht ihn gleich – den See, der sie alle anzieht: die Reichen, Schönen und Berühmten. Oder die, die gerne reich, schön oder berühmt wären. Doch an diesem Novembertag liegt der Starnberger See genauso grau und trist da wie jeder andere Weiher am Rande Münchens. Am Bahnsteig, direkt am See gelegen, gibt es kein Dach, sondern bloß ein Gerüst. Es nieselt. Und man fragt sich, was die eigentlich alle hier wollen. An diesem 58 Quadratkilometer großen, bis zu 128 Meter tiefen See.

Das Schlagerpaar Helene Fischer und Florian Silbereisen, der Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann und der Tabaluga-Erfinder Peter Maffay wohnen hier. Und offenbar befinden sie und die Millionen auf ihren Konten sich in bester Gesellschaft. Nirgendwo in Deutschland sind die Menschen so reich wie in der Gegend rund um den Starnberger See.

Das Marktforschungsunternehmen GfK ermittelte, dass die Leute im Landkreis Starnberg im Schnitt pro Jahr 32.194 Euro ausgeben können – fast 10.000 Euro mehr als die Menschen im Rest der Republik. Heruntergerechnet hat der durchschnittliche Starnberger jeden Monat fast 2.700 Euro zur Verfügung. Steuern und Sozialabgaben sind da schon abgezogen.

Der See, an dem die Reichen wohnen. Was wollen sie hier? Foto: Nico Kaiser | Flickr | CC BY 2.0

An keinem anderen Ort in Bayern leben so viele Millionäre – 14,2 pro 10.000 Einwohner. Gleichzeitig ist das Leben am Starnberger See teuer. Im Schnitt kostet die Miete fast 15 Euro pro Quadratmeter. Und wer sich mit seinen Kindern ein Häuschen mit kleinem Garten anschaffen will, muss schon fast Millionär sein: Eine Doppelhaushälfte in Starnberg kostet durchschnittlich 920.000 Euro. Erzieher, Lehrer, Polizisten und Verkäufer dürften es also schwer haben zwischen all den Menschen, für die Geld keine große Rolle spielt.

Wir wollten genauer wissen, was die Menschen hier verdienen. Und vor allem: Wofür sie das ganze Geld ausgeben.

Max (44, selbstständig): "Ich zahle 2.000 Euro für 160 Quadratmeter mit Garten. Für Starnberg ist das richtig billig."

Langzeit-Starnberger Hans gehen die vielen Reichen auf die Nerven | Alle folgenden Fotos: Christina Hertel

"Ich arbeite als selbstständiger Projektmanager in der Automobilbranche. Da verdiene ich im Monat zwischen 5.000 und 6.000 Euro. Viel geht schon für die Miete drauf: Ich zahle 2.000 Euro für ein Haus mit 160 Quadratmetern und Garten. Für Starnberg ist das richtig billig. Ich wohne hier nur, weil meine Familie schon so lange hier lebt. Denn eigentlich bin ich eher der gemütliche Typ. Die ganzen Reichen, die an den Starnberger See ziehen und sich toll fühlen, nerven mich eher. Deshalb gehen meine Freunde und ich nie in Starnberg essen oder in die Kneipe. Wir baden nicht mal hier. Dafür fahren wir rüber zum Ammersee. Ansonsten geht viel Geld für meine Tochter drauf. Und meine Exfrau bekommt jeden Monat 600 Euro. Wir sind schon lange getrennt, sonst müsste ich ihr sicher mehr geben. Am Ende des Monat bleiben dann bloß ein paar Hundert Euro übrig."

Susanne (49, Erzieherin): "Am Ende des Monats kann ich 2.000 Euro auf mein Sparkonto legen."

Susanne hat ein Haus geerbt und genug Geld für große Reisen übrig

"Ich habe Glück. Meine Großeltern haben sich vor Jahren am Starnberger See ein paar Grundstücke gekauft. Ich habe ein Haus geerbt und muss jetzt keine Miete zahlen. Das heißt, von meinem Gehalt bleibt mir jeden Monat ziemlich viel. Ich bin Erzieherin und leite einen Kindergarten in München. Da verdiene ich im Monat 4.000 Euro. Von dem Geld mache ich jedes zweite Jahr eine große Reise, vier Wochen am Stück, nach Australien oder in die USA. Sonst fahre ich ungefähr zweieinhalb Wochen im Jahr weg, mache irgendwo in Europa Urlaub. Am Ende des Monats kann ich gut 2.000 Euro auf mein Sparkonto legen."

Tatjana (25, Zimmermädchen): "Trinkgeld bekomme ich keins."

Tatjana kommt aus der Slowakei, neidisch auf die vielen Reichen sei sie nicht

"Ich arbeite als Zimmermädchen und verdiene maximal 1.100 Euro. Trinkgeld bekomme ich keins. Vielleicht legt mal jemand einen Euro aufs Kopfkissen, aber mehr als vier Euro kommen da im Monat sicher nicht zusammen. Ich wohne mit einem Freund in einer WG. Für mein Zimmer zahle ich 350 Euro. Von meinem Gehalt spare ich nichts. Ich gebe alles aus für Sachen, die ich eigentlich nicht brauche: Jacken, Taschen, Schuhe, Make-up. Ich bin nicht neidisch, dass die meisten Leute hier viel mehr Geld haben als ich. Ich komme immer zurecht mit dem, was ich habe. Trotzdem will ich bald nach Hause. Ich komme aus der Slowakei und lebe jetzt seit vier Jahren hier. Langsam reicht es."

Peter (50, Manager): "Mein Hund kostet mich mehr, als du in einem ganzen Monat ausgibst."

Peter verdient 20.000, Hans 10.000 Euro im Monat – übrig bleibt bei beiden nichts

"Ich bin ein Mann, der immer große Ziele hatte. Mit 25 hatte ich mir vorgenommen, dass ich mit 30 einen Porsche besitze. Und mit 31 stand er in meiner Garage. Heute arbeite ich als Manager in einem IT-Konzern. Da verdiene ich im Monat 20.000 Euro und gebe alles aus. Ich wohne in einem Haus mit Seeblick, 200 Quadratmeter groß. Die Miete kostet 3.500 Euro. Ich habe einen Hund. Der kostet mich wahrscheinlich mehr, als du in einem Monat ausgibst. Ich kaufe ihm Futter für 200 Euro im Monat und Medikamente für 400. Er hat Neurodermitis. Ich habe zwei Harleys und drei Porsche und ein Boot. Und das alles steht nicht zufällig in meiner Garage. Ich habe mir immer den Arsch aufgerissen. Nach dem Studium habe ich begonnen, für eine große Firma zu arbeiten. Nach drei Monaten, ich war noch in der Probezeit, habe ich meine erste Gehaltserhöhung verlangt. Ich habe dann tatsächlich 115.000 Mark statt 75.000 Mark bekommen. Aber ich glaube, Geld verdirbt den Charakter. Vor zehn Jahren habe ich im Jahr eine Million gemacht. Wenn ich mit meinen alten Freunden feiern gegangen bin, stand immer der Champagner auf dem Tisch. Plötzlich wollte keiner mehr etwas mit mir zu tun haben. Ich hatte mich verändert. Heute denke ich: Ich brauche das ganze Geld eigentlich gar nicht mehr. Wenn ich auf einer einsamen Insel ausgesetzt werden würde, ich wäre der glücklichste Mensch der Welt."

Hans (50, Anwalt) sitzt neben Peter, die beiden trinken Glühwein vor einem Café: "Ich verdiene 10.000 Euro im Monat, aber gebe 14.000 aus."

"Ich arbeite als selbstständiger Anwalt. Neulich habe ich mal nachgerechnet und bin darauf gekommen, dass ich jeden Monat 10.000 Euro verdiene, aber 14.000 ausgebe. Im Minus bin ich am Ende des Jahres aber nicht, weil ich von der Steuer noch etwas zurückbekomme. Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht genau, für was ich mein Geld ausgebe. Nichts Besonderes eigentlich, einfach so fürs Leben. Ich habe zwei Porsche und die kosten schon mal viel Unterhalt. Und zwei Söhne, aber die verwöhne ich eigentlich nicht. Dem Kleinen, er ist 12, kaufe ich auch schon mal Klamotten von Aldi. Ist ja wurscht, was draufsteht. Mein Haus liegt nicht direkt am See, trotzdem ist die Miete hoch. Ich zahle 2.500 Euro."

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