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Menschen

Kranker Scheiß aus dem Leben einer Schlagersängerin

"Wenn du das wieder gut machen willst, kannst du mir ja einen blasen", sagte der Veranstalter.

von Yannah Alfering
26 September 2019, 9:48am

Foto: Discokugel: Max Pixel || Schlagersängerin und Menschenmenge: imago images | nicepix.world

Schlager klingt nüchtern so hip wie Aqua-Fitness. Nach drei Litern Frischgezapftem kann es allerdings passieren, dass selbst Techno-Fans Discofox zu Helene Fischer tanzen.

Für Laura ist Schlagermusik immer eine große Leidenschaft gewesen – egal mit welchem Pegel. Seit über zehn Jahren tritt sie in Deutschland und dem Zweitwohnsitz aller Tennissocken-in-Birkenstocks-Fans auf, Mallorca. Obwohl die Mittdreißigerin ihren Job nach eigenen Angaben sehr gerne macht, passiert ihr dabei ziemlich viel kranker Scheiß, den wir euch nicht vorenthalten wollen. Da Laura Angst hat, keine Bookings mehr zu bekommen, wenn wir ihren echten Namen nennen, haben wir ihn geändert.

Sexuelle Belästigung
Bei einem meiner Auftritte hat sich ein Fan mit einem gefälschten Presseausweis in den Backstage-Bereich geschlichen. Obwohl ich nichts dafür konnte, hat der Veranstalter mir die Schuld dafür gegeben. Ich habe ihm dann erklärt, dass es doch Aufgabe der Security sei, dafür zu sorgen, dass niemand Fremdes in den Backstage-Bereich kommt. Daraufhin meinte der Veranstalter: "Wenn du das wieder gut machen willst, kannst du mir ja einen blasen".

Wenn man in meinem Business tätig ist, kann man leider nicht einfach sagen: "Ok, fick dich!". Das war ein wichtiger Veranstalter, also musste ich mich freundlich aus der Situation herauswinden. Sowas passiert ständig. Ein Produzent hat mir mal einen Song angeboten. Als ich wenig später seine Essens-Einladung abgelehnt habe, hat er den Song einer anderen gegeben. Entweder man macht mit oder man muss schauen, wo man bleibt.

Rechtsextreme Fans
Mir wird vor einem Auftritt häufig nur der Ort, die Personenzahl und der Anlass mitgeteilt. An einem Tag sollte ich auf einem Geburtstag auftreten. Leider waren das Neonazis. Die haben mich wohl gebucht, weil mein Name so deutsch klingt. Das war echt eine harte Nummer für mich. Die Gäste hatten Hakenkreuze tätowiert und trugen eindeutigen Schmuck. Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich dort nicht aufgetreten. Leider war es dann aber zu spät, um den Auftritt abzusagen – dafür brauche ich einen Krankenschein. Nach meinem Auftritt bin ich sofort abgezischt. Für mich war das echt schlimm, weil ich rechtsextreme Menschen überhaupt nicht toleriere.

Viel nackte Haut
Sex sells: Meine Erfahrung ist, dass du als Frau auf Mallorca nur auf die Bühne darfst, wenn du ein knappes Outfits trägst – am besten bauchfrei. Wenn die Veranstalter zwei Künstlerinnen zur Auswahl haben, nehmen sie auf jeden Fall die, die weniger anhat. Da steht nicht die Musik im Vordergrund, sondern das Saufen. Bei Oktoberfesten, dem Après-Ski oder an Karneval ist das etwas besser. Mallorca ist schon hart. Trotzdem sollte man früher oder später dort auftreten, wenn man berühmt werden möchte.

Ich habe eigentlich kein Problem damit, mich freizügig zu kleiden. Ich finde es aber schlimm, wenn Zuschauer mein Outfit zum Anlass nehmen, sexistisch zu werden. Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Fan mir mit dem Handy unter den Rock gefilmt hat. Seitdem ziehe ich grundsätzlich eine Hose unter Kleider und Röcke.

Fliegende Würste
Das Publikum ist manchmal unberechenbar. Zuschauer standen mit gezogenem Stinkefinger vor mir oder haben “AUSZIEHEN!” gerufen. Meistens gibt es für solche Fälle Securitys. Ich hatte aber auch mal einen Auftritt in Holland, bei dem es kein Sicherheitspersonal gab. Da flogen sogar ein paar Würstchen auf die Bühne. Einige Jungs haben versucht, die Bühne zu stürmen. Ich musste nach zehn Minuten abbrechen. Der Veranstalter steht jetzt auf meiner roten Liste.

Vorurteile
Die Leute denken immer, mein Leben bestehe nur aus Party und Saufen. Dabei stand ich noch nie besoffen auf der Bühne. Sowas nervt mich manchmal. Hinter jedem Auftritt steckt Vorbereitung. Man braucht Outfits, neue Songs, Autogrammkarten, Fotoshootings, einen Online-Auftritt. Mein Beruf ist Arbeit.

Zu viele Männer
Ich kenne keine einzige Musikproduzentin und nur sehr weniger Veranstalterinnen. Die Branche ist sehr männerdominiert. Die meisten Menschen, die was zu sagen haben, sind Männer. Für die männlichen Kollegen ist man als Frau Frischfleisch. Auf Veranstaltungen kommt es oft vor, dass mich einer fragt, ob ich noch mit aufs Hotelzimmer komme. Als ich einmal Nein gesagt habe, klopfte der Kollege danach trotzdem an meiner Zimmertür. Wenn ein Kollege bei der Begrüßung betont, wie "feucht" und "warm" es heute sei, weiß ich direkt Bescheid und gehe weiter.


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Mobbing unter Kollegen
Als ich in einer Band gesungen habe, sind Bandmitglieder mal zum Tontechniker gegangen und haben ihn gebeten, mir das Mikro abzudrehen. Außerdem haben sie gefordert, dass ich weniger Geld bekomme, weil ich angeblich die Schlechteste wäre. Als ich auf einer Aftershow-Party ein Glas Sekt getrunken habe, meinte ein Kollege zu einem anderen: Sekt ist immer da, wo die Nutten stehen.

Schlechte Deals
Wenn man zu häufig Nein zu Deals oder Songs sagt, ist man in der Branche schnell out. Es gibt immer Newcomer, die alles dafür tun würden, berühmt zu werden. Ich habe auch schon Songs gesungen, die ich scheiße fand. Zum Beispiel welche mit sehr zweideutigen Liedtexten, bei denen meine Mutter sich aufregt, weil sie so vulgär sind. Oder Kindermelodien. Die finde ich auch furchtbar nervig.

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