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Er feierte mit Pete Doherty – dann stürzte er in den Tod

Auch 12 Jahre später kann niemand erklären, warum Mark Blanco sterben musste. Rockstar Doherty war Sekunden nach dem Sturz vom Tatort geflohen.

von James McMahon
17 August 2018, 7:55am

Mark Blanco. Photo via justiceformark.com

Wer auf YouTube nach Aufnahmen von Pete Doherty sucht, stößt schnell auf Videos mit beeindruckend vielen Aufrufen. "Don't Look Back Into The Sun" seiner Band The Libertines wurde beispielsweise zwölf Millionen Mal gesehen. Auch "Fuck Forever", der Hit, den Doherty 2005 mit seinem Nebenprojekt Babyshambles landete, weist vier Millionen Views auf. Doch es gibt auch einen Clip mit lediglich 34.500 Klicks: Es sind Aufnahmen einer Überwachungskamera an der Romford Street im Londoner Stadtteil Whitechapel vom Dezember 2006. Und sie sind schockierender als jede von Dohertys Drogenbeichten.

Die Schwarz-Weiß-Bilder sind stark verpixelt. Sie zeigen, wie Pete Doherty und seine damalige Freundin Kate Russell-Pavier aus einem Gebäude flüchten, in dem Nicholas Roundhill an diesem Abend eine kleine Party geschmissen hatte. Roundhill wird oft als Dohertys Literaturagent bezeichnet, ist aber besser dafür bekannt, Dohertys "Blutbilder" zu verticken. Die hat der Sänger einst mit Eigenblut und Spritzen "gemalt". Roundhills Apartment war bei Gästen auch als "Hotel in the Sky" bekannt, in Anspielung auf die Drogen, die dort konsumiert wurden.

Im Video sieht man, dass Doherty und Russell-Pavier einem Körper ausweichen, der am Boden liegt. Hinter ihnen sieht man Dohertys ehemaligen Bodyguard Jonathan Jeannevol, auch bekannt als Johnny Headlock. Der Mann am Boden ist der 30-jährige Schauspieler Mark Blanco. Wenige Sekunden vorher war er vom Balkon im ersten Stock auf die Straße stürzt. Blanco verstirbt noch in dieser Nacht an schweren Kopfverletzungen. Doherty, Russell-Pavier und Headlock bestreiten bis heute, an seinem Tod beteiligt gewesen zu sein. Bis heute wurde niemand im Zusammenhang mit Mark Blancos Tod verurteilt.

Drei Tage nach seinem Tod hätte Blanco im Theaterstück vom Balkon stürzen sollen

"Mein Sohn war ausgelassen", beschreibt Sheila Blanco ihren Sohn heute. "Er war voller Leben und Witz. Er las schon als Kind viel und sammelte antiquarische Bücher. Er führte gerne Kartentricks vor. Er war Unternehmensberater. Er konnte Dummköpfe nicht ausstehen, aber er war nie bösartig. Er war stets großzügig und verdiente zeitweise viel Geld. Er arbeitete auch für Goldman Sachs, aber hasste es dort."

Sheila ist heute Mitte sechzig, unterrichtet Klavier und Englisch als Fremdsprache. Sie erzählt, dass Mark in Frankreich, Australien und Spanien gelebt hatte. Ihr Sohn sei außerdem Pazifist gewesen, habe Freunde mit ganz unterschiedlichen Hintergründen gehabt und zudem unter extremer Höhenangst gelitten. "Er wäre nie freiwillig an den Rand dieses Balkons getreten."

Dennoch sollte Mark Blanco eigentlich drei Tage nach seinem Tod in dem Theaterstück Zufälliger Tod eines Anarchisten auftreten. In dem stirbt der Protagonist durch einen Sturz aus dem Fenster. Das Stück des italienischen Autors Dario Fo basiert auf der Geschichte des anarchistischen Aktivisten Giuseppe Pinelli, Mitglied des Anarchist Black Cross. Pinelli wurde vorgeworfen, am 12. Dezember 1969 eine Bombe in einer Bank an der Piazza Fontana in Mailand gezündet zu haben. Drei Tage später stürzte Pinelli aus einem Fenster im vierten Stock des Mailänder Polizeireviers in den Tod. Im Falle des Bombenanschlags wurde Pinelli posthum für unschuldig erklärt.

Blanco wird von der Party geschmissen – Sekunden später fällt er vom Balkon

Mark Blanco soll an diesem Abend die Party in Roundhills Apartment besucht haben, um Pete Doherty zu überreden, zu seiner Theatervorführung zu kommen. Roundhill berichtete, dass der Schauspieler an diesem Abend sehr "aufgeregt" gewesen sei und dass er viel getrunken habe. Mark Blanco soll sich auffällig verhalten haben. Deshalb, gab Roundhill zu, habe er ihm dreimal ins Gesicht geschlagen, seine Mütze angezündet und ihn vor die Tür gesetzt, "weil er nicht gehen wollte und aggressiv war".

Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen, dass Mark Blanco einige Minuten nach seinem Rausschmiss auf die Party zurückkehrte. 56 Sekunden später lag er auf der Straße, weitere 15 Sekunden später verließen Doherty, Russell-Pavier und Headlock die Szene. Sie stiegen in ein Taxi und fuhren zum Malmaison Hotel in Clerkenwell. Dort verwüstete Doherty sein Zimmer und flüchtete, als um 2:25 Uhr morgens die Polizei gerufen wurde.

Am nächsten Tag besuchte Sheila Blanco den Ort, an dem ihr Sohn seine tödlichen Verletzungen erlitten hatte. Sie war schockiert, als sie erfuhr, dass die Polizei den Tatort nicht ordentlich abgesperrt hatte. Am Straßenrand fand sie ein Brillenglas ihres Sohnes.

Drei Wochen nach Mark Blancos Tod, am Weihnachtsmorgen 2006, betrat Johnny Headlock das Polizeirevier in Bethnal Green und gestand den Mord an Mark Blanco. Wenige Stunden später zog er die Aussage wieder zurück. Gegenüber Newsnight sagte er 2012: "Ich habe der Polizei gesagt, dass ich es war, weil die Leute mir auf der Straße ständig 'Du Mörder' hinterherriefen. Der Stress war einfach zu viel für mich." Im Jahr 2014 sagte Headlock im Flur des Gerichtsgebäudes zweimal zu Sheila Blanco, dass er ihren Sohn nicht getötet habe.

Experten halten einen Suizid oder Unfall für unwahrscheinlich

Der Gerichtsmediziner Dr. Andrew Reid hatte einen Suizid früh ausgeschlossen. Im Jahr 2012, nachdem die britische Staatsanwaltschaft erklärt hatte, dass es nicht genügend Beweise gebe, um eine bestimmte Person strafrechtlich zu verfolgen, engagierte Sheila Blanco Forensiker aus den USA und Großbritannien. Sie kamen zu dem Schluss, dass Mark Blanco nicht ausgerutscht oder gefallen sei, sondern wahrscheinlich "fallen gelassen" worden war.

Der Forensikexperte John Kennedy sagte gegenüber der BBC: "Auf den Videoaufnahmen sieht man keinerlei Abwehrbewegungen. Er fällt einfach außerhalb der Brüstung nach unten." Auch Grant Fredericks, Ausbilder an der FBI National Academy, meint, dass die Bilder von Mark Blanco so aussehen, "wie die einer Person, die getragen und dann über eine Balkonbrüstung geworfen wird".

"Wir haben ein mächtiges Gerangel gehört. Paul Roundhill brüllte rum und es wurde viel geflucht", sagte ein Nachbar dem Evening Standard wenige Tage nach Mark Blancos Tod. "Es gab einen Schrei und dann landete der Typ auf dem Boden." Zwei Frauen aus der Wohnung sollen dann versucht haben, den Verunglückten wiederzubeleben, Roundhill aufgefordert haben, einen Krankenwagen zu rufen. Der Nachbar weiter: "Dann warf Paul ein paar Taschentücher nach unten und sagte: 'Sorry Mark, sorry Mark.'"


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Drei polizeiliche Untersuchungen konnten nicht feststellen, was mit Sheila Blancos Sohn geschehen ist – und die Mutter steht allen dreien kritisch gegenüber. "Korruption, Unvermögen und Ineffizienz", lautet ihr Gesamturteil. "Die Polizisten vor Ort waren mehr an Doherty interessiert als daran, eine ordentliche Untersuchung durchzuführen. Sie gingen sofort davon aus, dass Mark Suizid begangen hatte."

Laut Sheila Blanco wurden nur drei der sechs Leute, die an diesem Abend in der Wohnung waren, vorgeladen. Headlocks Geständnis sei sogar aus dem Polizeibericht gestrichen worden, bevor der dem Gerichtsmediziner vorgelegt wurde. "Marks Kleidung wurde nie forensisch untersucht", sagt Blanco. "Wir erwarten doch nur, dass die Polizei professionell handelt und die Arbeit erledigt, für die sie bezahlt wird."

Doherty und sein Agent verbreiten eine absurde Theorie über Blancos Tod

Neben Doherty, Headlock, Russell-Pavier und Roundhill waren an diesem Abend auch Annabel Heald Smith und Naomi Wang anwesend. Sheila Blanco hat Russell-Pavier angeschrieben, aber keine Antwort erhalten. Naomi Wang soll ihr versprochen haben, ihr dabei zu helfen, "die Wahrheit ans Licht zu bringen". Im Februar 2007 tauchte Sheila Blanco unangekündigt vor Roundhills Wohnung auf und fragte ihn, was passiert sei. "Er sagte mir, dass er Mark dreimal ins Gesicht geschlagen hatte", sagte sie. "Er ist eine abscheuliche Kreatur."

Roundhill glaubt nicht daran, dass der Tod von Mark Blanco ein Unfall war – auch wenn seine eigene Theorie sehr absurd ist. Roundhill glaubt, dass der Schlüssel in der Theaterrolle liegt, die Mark Blanco spielen sollte. Er vermutet, dass Mark Blanco "ein kreatives Statement abgeben wollte, nachdem er von der Party geschmissen worden war, indem er sprang." In einem Blogpost von 2011 griff Pete Doherty diese Theorie auf: "Als er fiel oder sprang, war er alleine. So ist es gewesen. Er ist entweder gefallen oder wollte ein extremes Zeichen darüber setzen, wie das Leben die Kunst imitiert."

Weniger als sechs Monate nach Mark Blancos Tod kehrte Doherty an den Ort der Tragödie zurück, um ein Promo-Video für den Babyshambles-Song "The Lost Art of Murder" aufzunehmen. Der Song ist eine Anspielung auf den Essay On Murder Considered as One of the Fine Arts von Thomas De Quincey aus dem Jahr 1827, in dem Mord als Kunstform betrachtet wird. De Quincey soll einer von Mark Blancos Lieblingsautoren gewesen sein.

Zwölf Jahre später kämpft Sheila Blanco noch immer darum zu erfahren, was mit ihrem Sohn passiert ist. Über die Jahre haben sich immer mehr Leute mit Informationen bei ihr gemeldet. Doch das reicht ihr noch nicht. "Als Mark im Sterben lag", sagt sie, "habe ich ihm versprochen, dass ich herausfinden würde, was ihm zugestoßen ist. Ich werde niemals aufgeben. Er war mein Sohn."

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