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10 Fragen an eine asexuelle Person, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Willst du als Jungfrau sterben? Masturbierst du eigentlich? Hast du nicht einfach nur eine Orgasmusstörung?

Emilia Garbsch

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Balthazar

Als asexuell definieren sich Menschen, die keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen empfinden. Balthazar ist einer von ihnen. Er hat das Wort "asexuell" mit 19 im Internet gefunden. Davor hat er sich jahrelang gefragt, was eigentlich los ist mit ihm – er wusste zwar, dass er beim Thema Sex anders als die meisten tickt, dachte aber er wäre alleine damit und glaubte, vielleicht psychisch oder physisch krank zu sein. Ein Gefühl, das übrigens viele asexuelle Menschen haben, bevor sie die Ace-Community entdecken.

"Das Wort zu finden, war für mich wie ein Aha-Moment", meint Balthazar. "Ich bin auf irgendeinem Blog darüber gestolpert, hab die Definition gelesen, und es hat Klick gemacht. Es war plötzlich, als würde alles einen Sinn ergeben und ich wusste, dass ich doch nicht kaputt oder alleine bin."

Heute ist er 24 und studiert in Freiburg. Er versteht seine Sexualität mittlerweile ganz gut und redet offen darüber. Bei anderen stößt er aber oftmals auf Unverständnis. "Du wirst auf ewig einsam sein", "Du hattest nur noch nie guten Sex", "Du wurdest sicher als Kind sexuell missbraucht" oder "Du bist einfach nur zu hässlich, um wen abzubekommen." – solche Reaktionen muss er sich immer wieder anhören, wenn er seine Identität erwähnt. Was Asexualität aber wirklich für den Alltag eines Menschen bedeutet und was doch nur Klischees und Vorurteile sind, verstehen dabei die wenigsten. Wir hatten ein paar Fragen an ihn und haben uns einiges erklären lassen.

VICE: Masturbierst du als Asexueller und wie steht's im Allgemeinen mit Pornos?
Balthazar: Schon bei dieser Frage fangen die Missverständnisse an. Asexualität und der Sexualtrieb sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Asexuell sein bedeutet, von keiner Person sexuell angezogen zu sein, egal welchen Geschlechts. Es passiert uns also nie, dass wir jemanden anschauen und denken: "Wow, mit DIESER Person will ich in die Kiste springen." Der Sexualtrieb hingegen ist rein körperlich, und das bedeutet, dass manche Asexuelle auch gerne masturbieren. Um diesen Trieb zu befriedigen, um Spannung abzubauen, oder einfach nur, weil es Spaß macht.

Pornos können dabei ein gutes Mittel sein. Während allosexuelle Menschen – also Menschen, die nicht asexuell sind – vielleicht gerne mal beim Masturbieren an ihre Fantasien, an früheren Sex oder an bestimmte Personen denken, mögen manche Asexuellen es lieber, wenn Sex nichts mit ihnen zu tun hat. Andere asexuelle Menschen wiederum sind sowohl vom Masturbieren als auch von Pornos gelangweilt oder sogar abgestoßen. Wenn es darum geht, ob ich persönlich masturbiere: Das fragt man wildfremde Menschen doch sonst auch nicht. Uns asexuellen Menschen passiert es viel zu oft, dass uns nicht die gleiche Privatsphäre für unsere Sexualität erlaubt wird, wie anderen.

Waren deine Eltern schockiert, als du es ihnen gesagt hast?
Vor meiner Mutter habe ich mich schon vor Jahren als asexuell geoutet, das war kein Problem. Sie unterstützt mich in allem und gibt sich wirklich viel Mühe zu verstehen, was es für mich bedeutet – sie fragt mich, nach was für einer Art von Beziehung ich suche und ob es mir gut geht mit meiner Identität; das ist für sie am wichtigsten.

Bei meinem Vater ist das eher schwieriger: Er hat überhaupt kein Verständnis für queere Identitäten. Bevor ich wusste, dass es Asexualität gibt, habe ich mich als bisexuell identifiziert. Das passiert übrigens vielen asexuellen Menschen, bevor sie Asexualität entdecken – sie stellen fest, dass sie an allen Personen, gleich viel oder eben gleich wenig interessiert sind und gehen deswegen davon aus, dass sie wohl bi sein müssen. Als bi habe ich mich damals bei ihm noch geoutet, als asexuell dann schon aus guten Gründen nicht mehr.

Aber hast du als asexuelle Person jetzt auch Sex?
Ich kann da ganz getrost darauf verzichten. Das heißt aber nicht, dass allen asexuellen Menschen Sex genauso egal ist, wie mir. In der englischsprachigen asexuellen Community haben sich drei Begriffe herausgebildet, die das Verhältnis von Menschen gegenüber Sex beschreiben: "sex repulsed", "sex indifferent" und "sex favorable".

Oft wird fälschlicherweise angenommen, dass alle asexuellen Menschen "sex repulsed", also abgestoßen und vielleicht sogar angewidert von Sex sind. Das stimmt aber nicht. Manche von uns sind einfach nur nicht interessiert daran und fragen sich, warum alle so von Sex besessen zu sein scheinen – sie sind also "sex indifferent". Andere finden Sex durchaus interessant und spannend, auch wenn sie keine sexuelle Anziehung empfinden – diese Menschen sind "sex favorable".

Ist Asexualität nicht nur eine billige Ausrede, um deine Komplexe zu vertuschen?
Welche Komplexe? OK, mal im Ernst: Viele asexuelle Menschen bekommen dieses Vorurteil zu hören, vor allem solche, die nicht als attraktiv angesehen werden, die körperlich oder geistig behindert sind, oder die mit psychischen Krankheiten und Traumata kämpfen. Asexualität ist aber kein Auslöser, oder ein "Symptom" von irgendeinem dieser Dinge. Sie ist genauso eine sexuelle Orientierung wie auch Hetero-, Homo-, Bi-, Poly- oder Pansexualität.

Hast du nicht einfach nur eine Orgasmusstörung?
Danke für die Besorgnis, aber meine Genitalien sind in bester Ordnung.
Und selbst wenn sie es nicht wären – genitale Funktionen haben doch nichts mit Asexualität zu tun!

Kannst du dir vorstellen, wie sich Liebe anfühlt?
Das muss ich mir nicht vorstellen. Ich war schon oft genug selbst verliebt. Die Annahme, dass asexuelle Menschen sich auch nicht verlieben, ist immer noch sehr weit verbreitet. Dabei ist es doch schon längst in der Gesellschaft angekommen, dass Sex und Liebe zwei ganz unterschiedliche Dinge sein können: Wir haben nicht immer nur Sex mit Menschen, die wir lieben, und manchmal lieben wir Menschen und wollen keinen Sex mit ihnen.

Menschen, die sich nicht verlieben, sind aromantisch. Asexuelle Menschen sind aber nicht automatisch auch aromantisch. Sie können genauso gut auch heteroromantisch, lesbisch, schwul, biromantisch und vieles mehr sein, wie auch allosexuelle Menschen.

Redest du gerne über Sexthemen oder sind sie dir unangenehm?
Ich persönlich habe kein Problem damit, über sexuelle Dinge zu reden, und mich stören auch versaute Witze nicht. Etwas komisch wird es nur für mich, wenn es um nichts anderes mehr geht als irgendwelche Sexgeschichten. Das wäre für mich wie eine endlose Diskussion über Autos: Ich hab kein Problem mit Autos, finde sie sogar ganz interessant, aber ich hab kein eigenes Auto, und es ist für mich nicht wirklich sinnvoll, und irgendwann auch langweilig, wenn alle anderen den ganzen Abend lang nur über Hubräume und Pferdestärke reden.

Machst du dir keine Sorgen, einsam zu sterben?
Ganz ehrlich? Andauernd. Es gibt in unserer Gesellschaft so festgefahrene Vorstellungen davon, wie eine eine ideale Beziehung auszusehen hat Es scheint ganz selbstverständlich für die meisten, dass diese Art von Beziehung das wichtigste ist, nach dem alle ihr Leben ausrichten sollen – alle anderen Beziehungen, zum Beispiel Freundschaften oder Familie, werden zweitrangig. Auch Beziehungen, die nicht in das Klischee passen, gehen dabei völlig unter.

Dabei gibt es so viel mehr Familienformen, die Anerkennung verdienen: Angefangen bei Patchworkfamilien und Alleinerziehenden, über polyamore Beziehungen, bis hin zu Beziehungen, bei denen Sex und/oder Romantik keine Rolle spielt, zum Beispiel sogenannte queerplatonische Beziehungen. Das sind Beziehungen, in denen eine feste Bindung besteht, vielleicht auch eine gemeinsame Zukunft geplant wird, aber die Gefühle zueinander rein freundschaftlich sind.

Mich mit solchen Beziehungsformen zu umgeben – vor allem auch mit asexuellen und aromantischen Menschen – gibt mir Hoffnung für meine eigene Zukunft. Und ich glaube, es würde uns allen helfen, wenn wir verstehen würden, dass eine romantisch-sexuelle Beziehung nicht das Wichtigste in unserem Leben sein muss.

Willst du als Jungfrau sterben?
Zu spät. Ich persönlich bin "sex indifferent" – kann also mehr als gut damit leben, wenn ich bis ans Ende meiner Tage keinen Sex mehr habe, aber wenn doch, dann wäre es auch OK. Und mal ganz abgesehen davon, dass ich das Konzept von Jungfräulichkeit sowieso für eine sehr sexistische Erfindung halte: Es sollte es keine Schande sein, niemals im Leben Sex zu haben. Diese Entscheidung kann so viele Gründe haben und hat nichts mit Unreife oder "Prüderie" zu tun.

Welche Kommentare zu deiner Orientierung nerven dich am meisten?
Oh je, die Liste ist endlos. Angefangen bei "sowas gibt's doch gar nicht" über "du bist doch nur prüde/verklemmt" bis hin zu "du findest schon noch die richtige Person".

Was ich auch ganz schrecklich finde: Wenn wildfremde Menschen mich plötzlich zu meinem Sexleben ausquetschen wollen, damit ich "beweisen" kann, dass ich wirklich asexuell bin. Viele queere Menschen sind mit sowas konfrontiert, zum Beispiel lesbische oder bisexuelle Frauen, und das ist unerhört. Es hypersexualisiert unsere Identitäten und ist ein Versuch, uns in Schubladen zu pressen, statt Individualität zu erlauben.

Was mich allerdings gar nicht stört, sind ehrliche Fragen zu Asexualität und meinen Erfahrungen damit. Natürlich geht es dabei immer auch um Respekt, und man muss erkennen, wann die andere Person bereit ist, solche Dinge auch zu teilen. Aber ich weiß selbst, wie wenig bekannt Asexualität in der Allgemeinheit ist, und deswegen freue ich mich immer, wenn ich Leuten etwas erklären kann. Schließlich habe ich selbst das Wort ja auch nur für mich entdeckt, weil sich jemand die Zeit genommen hat, es zu erklären. Davon haben wir dann am Ende alle was.

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