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U-Bahn

Ich habe trotz Essverbot den ganzen Tag in der Wiener U-Bahn gegessen

Äpfel? Kein Problem. Thunfisch-Pizza? Interessiert niemanden. Da braucht es schon Kebap mit Zwiebeln.

von Naomi-Saphira Weiser
16 Jänner 2019, 4:05pm

Foto von der Autorin

Es ist acht Uhr morgens. Eltern schleifen ihre Kinder in die Schule. Der Himmel ist bewölkt, eiskalter Wind zieht durch die Straßen. Aber nichts ruiniert meine Laune. Über WhatsApp lade ich eine Freundin auf eine Pizza in der U3 ein. Sie willigt ein. Sehr gut, mein Lunch-Date steht. Im Supermarkt besorge ich mir Chips, Manner-Schnitten, Lutscher und einen Apfel für den Vormittag. Für gewöhnlich frühstücke ich immer auf dem Weg zur Arbeit, wie viele Wiener und Wienerinnen. Und das habe ich auch an diesem Tag vor – trotz des Essverbots, das seit dem 15. Jänner in den U-Bahnen gilt.

Der Wiener NEOS-Klubobmann Christoph Wiederkehr hat in einer Presseaussendung gesagt, dass das Essen in der U-Bahn gleichwertig mit dem Tragen von Schusswaffen sei. Was wird passieren, wenn ich mir einen Snack gönne? Löse ich einen Alarm aus? Wird man über mich herfallen und mir das Essen aus der Hand reißen? Ich stelle mich dieser Gefahr mutig, rücksichtslos, alles im Dienste meines Selbstversuchs. Um meine Mitmenschen auf die Probe zu stellen, werde ich heute den ganzen Tag gegen das Essverbot verstoßen. Ich habe mir Kategorien überlegt: von geruchlos, bröselig, laut bis zu superstinkig ist alles dabei.



Wann erreiche ich die Schmerzgrenze? Und die wichtigste Frage: Was passiert, wenn ich erwischt werde?

Auf dem Weg zur U-Bahn stoße ich auf einen Ständer mit Gratiszeitungen. Sie titeln: "Ab heute Essverbot in allen Wiener U-Bahnen". Ich zeige mich unbeeindruckt und gleite im gläsernen Aufzug hinab zur U1 Richtung Leopoldau. Noch lasse ich mich nicht einschüchtern. An den Gleisen angekommen, bitten die Wiener Linien auf allen Anzeigen, das Essverbot zu beachten. Überall sind Aufkleber mit Verbotssymbolen und Plakate mit Sprüchen wie "Nudelfall ungelöst". Wow, die meinen es wirklich ernst. Ich kriege Hunger, mein Magen knurrt leise wie ein liebestoller Wal.

Ich poste auf Instagram, dass ich heute – wie immer – in der U-Bahn frühstücken will. Ich werde mit einem "Fuck the System" von Freunden und Freundinnen unterstützt. Andere sagen, dass sie das Gleiche vorhaben. Trotz der Zusprüche bin ich angespannt. Da spüre ich auch schon den Windstoß der U-Bahn. Ich reiße die Tür des Waggons auf und steuere auf einen der Plätze unter dem übergroßen Sticker zu, auf dem das Fastfood durchgestrichen ist. Auf geht es in die Stadt. Ich fühle nach den Schätzen in meiner Tasche. Nach und nach füllt sich die U-Bahn.

Eine Frau, die mir gegenüber sitzt, beäugt mich misstrauisch. Ich bin eingeschüchtert, greife aber trotzdem nach meinem grünen Apfel. Bis die Frau ausgestiegen ist, halte ich ihn in der Hand. Ich fühle mich wie Eva höchstpersönlich und beiße in den verbotenen Apfel. Er knackt laut und ist herrlich saftig-süß. Ich bin überrascht, dass mich das Essen Überwindung kostet. Aber die Leute im Waggon interessiert mein Apfel gar nicht. Sind das etwa alle Rebellen und Rebellinnen so wie ich?

Nachdem ich den ersten Schritt gewagt habe, beschließe ich, den Tatort zu wechseln. Ich steige am Stephansplatz von der U1 in die U3 um. Vielleicht nimmt man das Essverbot dort ernster. Am Bahngleis treffe ich auf eine weitere Widerstandsesserin, ebenfalls mit einem angebissenen Apfel in der Hand. Eine Frau bricht in Lachen aus, als sie uns zwei unter der "Essverbot beachten"- Anzeige frühstücken sieht. Wir unterhalten uns darüber, wie unsinnig das Verbot ist – vor allem für Apfelesser. Meine Genossin steigt vor mir in die U-Bahn ein und sagt, dass sie nach einer Station raus muss und bis dahin warten wird. Das Verbot hat sie also doch im Griff. Ich beiße genüsslich in meinen Apfel und steige ein.

"Ich bin eine Revoluzzerin. Meine Waffe: der Schokoriegel."

Leider ist der Stickerplatz schon besetzt. Eine ältere Frau mit roten Haaren und einem "Leck mich am Arsch"-Blick sitzt dort. Mit meiner prall gefüllten Tasche auf dem Schoß lasse ich mich auf den Platz schräg gegenüber fallen. Nach zwei Stationen beginnt sie, in ihrem roten Jutesack zu kramen und sich etwas in den Mund zu stopfen. Motiviert reiße ich eine Packung Manner-Schnitten auf. Ich überlege, ob ich ihr welche anbieten soll – aus Solidarität, ein Bund der U-Bahn-Esser-Schwestern. Ihr Gesicht sagt aber immer noch "Leck mich am Arsch", also schiebe ich mir eine Schnitte in den Mund und verteile mikroskopisch feine Brösel auf meinem schwarzen Mantel. Jeder Biss erzeugt mehr Beweisspuren. Nach einer halben Packung ist mir schlecht und ich steige aus. Die Brösel bleiben als Beweise in der U3. Hoffentlich werde ich deswegen nicht von der Spurensicherung aus der Wiener Linien Werbung überführt.

U4: Ich bekomme Lust auf Chips. Es ist inzwischen 11 Uhr und ich bin noch keinem einzigen Kontrollorgan der Wiener Linien begegnet. Davon bestärkt, reiße ich die Chips auf. Wenn ich einmal mit Kartoffelchips anfange, kann ich nicht aufhören. Die Tüte raschelt, meine Zähne knuspern. Bisher hat sich niemand an mir gestört. Die meisten schauen hypnotisiert auf ihre Handys. Ich wische Brösel aus meinem Gesicht.

Wien ist die Hauptstadt der Suderanten und Suderantinnen. Da weiß jeder, der länger als zwei Stunden hier verbracht hat. Nicht umsonst wurde Wien zur zweit unfreundlichsten Stadt gewählt. Aber ich habe das Gefühl, dieses Essverbot ist sogar dem wienerischten Wiener egal. An der Umfrage der Wiener Linien haben über 50.000 Leute teilgenommen, der Großteil hat sich für das Verbot ausgesprochen. Wo ist diese überwältigende Mehrheit? Erhebt euch, steht zu eurem Urteil!

Jetzt was Süßes. Das Verbot könnte mir nicht egaler sein: Ich bin eine Revoluzzerin. Meine Waffe ist der Schokoriegel.

Auf dem Weg zum vereinbarten Pizza-Date mit meiner Freundin entdecke ich einen vergessenen Lutscher in meiner Tasche, mit Kaugummifüllung sogar. Ja, Lutscher sind laut den Wiener Linien auch verboten, weil sie als Nahrungsmittel gelten. Ich gewinne den Kampf gegen die bombensicheren Verpackung. Er ist riesig und passt kaum in meinen Mund. Eine Frau, die mir gegenübersitzt sitzt, sieht mich schockiert an. Wenn mich schon dieser Blick verunsichert, wie soll ich dann eine ganze Pizza schaffen? Ich google: ”Wie isst man einen Lutscher in der Öffentlichkeit”. Ich finde keine Antwort, dafür aber eine Liste mit Dingen, die Frauen nicht in der Öffentlichkeit essen sollten - Bananen zum Beispiel. Ganz beiläufig nehme ich den Lutscher aus der Hand und lege ihn in eine leere Taschentuchverpackung.

In Ottakring gesellt sich meine Freundin Vera zu mir. Sie hält nicht viel vom Essverbot. Ich gönne mir eine Thunfisch-Pizza mit Mais. Als ich mich der Pizzabäcker fragt, ob ich Knoblauch will, sage ich ausnahmsweise ja. Heute will ich provozieren.

Zurück auf dem Bahnsteig hängt die Anzeige über uns wie ein Mahnmal. Aber ich kann mich nur auf den Knoblauch-Geruch konzentrieren. Wann stürmt endlich einer der Mitarbeiter auf mich zu, und entreißt mir die Pizza? Der Zug fährt ein und wir ergattern einen Platz beim Sticker. Zeit für ein Beweisfotos. Die Thunfischpizza mit extra Knoblauch interessiert niemanden. Niemand rümpft die Nase.

Also weiteressen. Wir fahren zu meinem Lieblings Asia-Take-Away beim Gasometer. Es ist mittlerweile später Nachmittag. Ich hole mir eine große Box mit Asia Nudeln. Ob sich dieses Mal endlich jemand aufregt?

Die einfahrende U-Bahn ist voll. Die Frau neben mir rückt fast schon angeekelt zur Seite. 16 Uhr. Die erste Reaktion eines Fahrgastes!

Am Praterstern begegnen wir Sicherheitsangestellten der Wiener Linien. Wir stecken uns jeweils einen Lutscher in den Mund und marschieren selbstbewusst an ihnen vorbei. Keine Reaktion. Schade, dass die Nudelbox leer ist. Zugegeben, der Lutscher ist vergleichsweise harmlos, aber einen mahnenden Blick oder wenigstens ein kurzes Kopfschütteln hatte ich mir schon erhofft. Strafen soll es laut Kathrin Liener, Pressesprecherin der Wiener Linien, für U-Bahn-Essende vorerst nicht geben. Nur die Bitte, das Essen wieder einzupacken.

Es braucht also einen Kebap essenden, vollbärtigen Austro-Ägypter, um die Hilfssheriffs aus der Ruhe zu bringen.

Mein Freund hat jetzt Feierabend, und ich will ihn überraschen: Ich hole ihm ein saftiges Kebap mit extra Zwiebeln. Beim Kebapstand diskutiert man aufgeregt über das Essverbot. Eine ältere Frau scherzt, dass sie nicht aus dem Bus fliegen will, nur weil sie Pizza mit hat. Ich lächle müde und nehme das duftende Kebap in Empfang.

Mein Freund freut sich sehr, mein Hund noch mehr. Sind Hunde eigentlich vom Fressverbot ausgenommen? Kinder sind es auf jeden Fall nicht. Würden sich Securitys wohl mit einem Kleinkind wegen eines Kekses anlegen?

"Unverschämtheit!", ruft eine ältere Frau, als wir mit dem köstlich duftendem Kebap die U-Bahn wechseln. "Es gibt ja immer welche, die sich nicht an die Regeln halten können!"

Aha. Es braucht also einen Kebap essenden, vollbärtigen Austro-Ägypter, um die Hilfssheriffs aus der Ruhe zu bringen. Die anderen Mitfahrenden sind amüsiert. Zehn Stunden U-Bahn. Zehn Stunden Essen. Mir ist schlecht.

Das Essverbot ist ein Paradox. Es gibt so viele Bäcker, Imbissstände oder Snackautomaten in der U-Bahnstation oder in unmittelbarer Nähe. Und, jetzt mal ganz im Ernst: Viele Menschen sind darauf angewiesen, in der U-Bahn zu essen. Weil sie viel arbeiten, Kinder haben, die sie zur Schule bringen müssen oder weil sie einfach einen verdammt stressigen Alltag bewältigen, der es nicht zulässt, dass sie entspannt essen. Und wer hat schon etwas gegen einen Schokoriegel, ein Weckerl oder einen Apfel einzuwenden?

Aber obwohl ich einen Tag lang nichts Anderes getan habe, als gegen das Essverbot zu verstoßen, muss ich zugeben: Bei gewissen Speisen ergibt es einfach Sinn, weil ich andere mit meinem Essen nicht stören will. Bei einem Kebap mit extra Zwiebeln stimme ich den Wiener Linien also zu: Das muss nicht sein. Die Thunfischpizza wohl auch nicht. Meinen Apfel werde ich aber weiterhin neben dem Verbotssticker essen, ich Adrenalinjunkie.

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