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Verbrechen

Ein Schönheitschirurg erklärt, wie sich flüchtige Verbrecher umoperieren lassen

Facelifting mag die Polizei schließlich gar nicht.

von Marvin Xin Ku
10 Jänner 2019, 4:20pm

Fahnungsfoto der Polizei Berlin | bearbeitetd

Würde man Quinoa-Bowls, Craft-Beer und Man-Buns in einen imaginären Mixer stecken und in einem Bambusbecher servieren, käme man vielleicht auf das Trendlevel von Schönheits-OPs. Willst du dir den Krustenbraten vom Weihnachtsfest wegsaugen lassen? Geh zum Schönheits-Doc. Willst du als Barbie durch die Straßen schweben? Schönheits-Doc. Und falls du nach der OP eher wie der Nussknacker aussiehst, kann man auch das wieder richten. Neben Beauty-Freaks lassen sich aber auch flüchtige Tatverdächtige und Verbrecher im Untergrund für eine neue Identität umoperieren.

Anfang diesen Jahres rollte die Polizei einen knapp 20 Jahre alten, ungelösten Mordfall wieder auf. 1999 wurde der Medikamentenhändler Piotr Blumenstock in Berlin erschossen, mußmaßlicher Täter soll der Pole Vladimir Svintkovski sein.

Svintkovski ist seit 19 Jahren untergetaucht. Neben der Polizei Berlin fahnden jetzt auch das Bundeskriminalamt und polnische Ermittler öffentlich nach ihm. Das Problem: Svintkovski, heute 67, gilt als "Verwandlungskünstler". Die einzigen Hinweise sind drei Fotos aus den 1990er-Jahren, wo er an eine junge, gut aussehende, aber auch ziemlich zerballerte Version von Louis C.K. erinnert. Die Polizei geht davon aus, dass Svintkovski heute öfters Perücken trägt und sein Barthaar wechselt wie Männermodels in einer Gilette-Werbung, aber sich möglicherweise sogar durch Facelifting hat auffrischen lassen.

Eigentlich nichts Neues, dass sich Kriminelle auf der Flucht unters Messer legen. 2015 missbrauchte ein Hondurianer ein Kind, floh nach Mexiko und ließ sich dort zu einer Frau operieren. Zwei Jahre später wurde der mexikanische Bandenchef Jesús Martín während seiner Gesichts-OP erschossen. Selbst James Bond ließ sich mal in einen Japaner "umoperieren" (Spoileralarm: "Japanischer" Bond gleich schmalere Augen plus buschige Augenbrauen. #NoRacism). Die Frage ist, wie einfach man sich verwandeln kann. Wir rufen Dr. Afschin Fatemi an. Der Schönheitschirurg aus Düsseldorf ist Gründer der Klinikkette "S-thetic" und hat in seinem Leben über 3.000 Liter Körperfett abgesaugt. Im Gespräch mit VICE erklärt er, wie sich Verbrecher verändern müssten, um nicht erkannt zu werden.

VICE: Dr. Fatemi, was kann ich im Gesicht ändern lassen, um der Polizei zu entkommen?
Afschin Fatemi: So gut wie alles. Man kann jemanden gezielt verändern, so dass man ihn nicht wiedererkennt, indem man markante Gesichtsbereiche wegnimmt oder hinzufügt. Man schleift zum Beispiel Stellen an der Stirn herunter, das machen wir bei Transgender-Patienten. Dadurch wird ein Gesicht deutlich weicher. Dann kann aus einer Adlernase eine Stupsnase werden. Man kann Lippen schmaler machen oder vergrößern und Wangen und den Kinnbereich mit Implantaten verändern. Das führt zu deutlichen Veränderungen des Gesichts.

Welche Risiken muss ich dafür in Kauf nehmen?
Das sind relativ große Eingriffe, die nicht risikoarm sind. Es kann zum Beispiel passieren, dass ein Nerv verletzt wird. Dann verliert man die Kontrolle über die Mundwinkel. Natürlich kann es auch zu schweren Infektionen kommen. Für jemanden, der untertauchen will, sind solche Risiken aber vielleicht ein annehmbarer Preis.

Foto: imago | Horst Galuschka
Foto: imago | Horst Galuschka

Welche Eingriffe sind einfacher?
Am leichtesten lassen sich die Bereiche verändern, in denen man Volumen hinzufügen kann. Hyaluronsäure und Eigenfett sind Substanzen mit überschaubarem Risiko. Damit kann man bestimmte Gesichtsbereiche gewissermaßen aufpumpen. Wenn man etwas in die Oberlider gibt, könnte man Schlupflider oder Tränensäcke erzeugen. Auch die Nasenform kann man durch Volumenzugabe vergrößern oder das Kinn und den Kieferbereich markanter machen. Das sind einfachere Mittel, um sich zu verändern. Wenn ich untertauchen wollte, würde ich mein Gesicht aber nicht übertrieben aufpumpen. So zieht man erst recht Aufmerksamkeit auf sich.

Kann man die Polizei mit einer OP denn tatsächlich täuschen?
Ja. Inzwischen kann man auch Stimme und Augenfarbe dauerhaft verändern. Man schießt zum Beispiel mit einem Laser die dunkle Farben aus der Iris. Ein braunes Auge wird dadurch blau. Mit einer Operation an den Stimmbändern verändert sich die Stimme. Haare lassen sich entfernen oder transplantieren. Wenn man all diese Merkmale ändert, dann wird es schwer, den Mann noch wiederzuerkennen.

Die Polizei geht davon aus, dass Svintkovski heute jünger aussieht. Wie sehr kann man ein Gesicht auffrischen?
Da gibt es heutzutage viele Möglichkeiten. Man fängt mit einer Facelift-Operation an. Zusätzlich lässt man sich die Haut mit einem Laser glätten. Damit gewinnt man locker zehn bis 15 Jahre. Der Mann ist älter, hat also vermutlich eher müde Augen. Wenn man die Schlupflider behebt und die Unterlider glättet, gewinnt man auch nochmal 12 bis 15 Jahre. Es ist möglich, dass der Mann als Mittvierziger auf der Straße rumläuft. Mit diesen Eingriffen wird er allerdings keine komplett neue Person. Viele unserer Patienten bringen ihre alten Fotos mit und wollen wie früher aussehen. Wir verändern sie aber nicht komplett, sondern drehen lediglich die Uhr zurück. Wenn der Mann also nur verjüngende Maßnahmen vornimmt, wird man ihn immer wieder erkennen können.


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Wie viel kostet so eine komplette Gesichtsoperation?
Das ist schwer zu schätzen, da kein seriöser Arzt einen gesuchten Verbrecher operieren würde. Da es sich bei einer kompletten Operation um große Eingriffe handelt, kostet es aber sicher etwa 40.000 bis 50.000 Euro.

Und wie schmerzhaft ist die OP?
Wenn wir beispielsweise den Knochen runterfräsen, sind Sie schon in einem Bereich, wo es sehr weh tun wird. Aber für solche Fälle gibt es Schmerzmittel, mit denen geht das.

Kann man jemanden aufgrund von Narben und Schnittstellen überführen?
Ein guter Operateur versteckt natürlich Schnitte so. Am Haaransatz oder eher in den Ohren als vor ihnen. Als Außenstehender wird man nicht erkennen, ob es eine verjüngende Operation war oder der Arzt den Patienten zu einem neuen Menschen verändert hat.

Und was kann man neben dem Gesicht noch machen lassen, um nicht erkannt zu werden?
Zum Beispiel die Beinlänge. Dafür muss man die Knochen brechen. Dann setzt man von außen einen Abstandhalter ein, einen Fixateur externe. Der hält die Knochen auseinander. Der Bereich zwischen den Knochen muss dann zuwachsen. Damit gewinnt man einige Zentimeter. Aber dieser Eingriff ist extrem risikoreich und hat lange Ausfallzeiten.

Ich kenne keinen ernstzunehmenden Arzt, der so etwas machen würde. In der Regel will man ja in der Schönheitschirurgie auch nicht, dass sich die operierte Person nicht wiedererkennt. Wenn man jemanden so operiert, wäre der Eingriff misslungen.

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