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Salafismus

Der Salafisten-Prediger Sven Lau wurde zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt

"Das sind die Dämonen, die Sie selbst gerufen haben", sagte der Richter zu Lau. Beobachtungen vom Prozess in Düsseldorf.

von Lea Albring und Niclas Seydack
27 Juli 2017, 8:50am

Foto: imago | Eibner

Als das Urteil verkündet wird, regt sich kein Muskel in Sven Laus Gesicht. Auf seine Ellenbogen gestützt, die Hände unterm Bart gefaltet, hört er dem vorsitzenden Richter Frank Schreiber zu. Der erklärt ihm gerade, dass Lau zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt wird, wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland.

Die Staatsanwaltschaft hatte auf sechseinhalb Jahre plädiert. Vor dem Gerichtssaal hatte der Staatsanwalt den versammelten Journalisten noch einmal erklärt, warum eine so hohe Strafe gerechtfertigt sei: Lau habe ein "umfassendes Unterstützungsnetzwerk beherrscht und aufgebaut". Verschärfend komme hinzu, dass Lau seine Stellung als Führungspersönlichkeit ausgenutzt habe, "um junge Leute in den bewaffneten Kampf zu führen".

Seit einem Jahr steht Sven Lau vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Dem 36-Jährigen wird vorgeworfen, islamistischen Terror von Deutschland aus unterstützt zu haben. Der genaue Strafbestand lautet: Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung in vier Fällen. Es ist das erste Mal, dass in Deutschland ein salafistischer Prediger wegen Terrorbeihilfe vor Gericht steht. Er soll zwei Männer für den Dschihad angeworben sowie drei Nachtsichtgeräte gekauft und zur dschihadistisch-salafistischen Organisation JAMWA nach Syrien geschickt haben. JAMWA kämpft an der Seite der al-Nusra-Front gegen die Regierung von Assad, ein Teil der Gruppe hat sich 2013 aber auch dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen.

Lau wurde jetzt für schuldig in allen vier Fällen erklärt. In der Begründung zeichnete Richter Schreiber noch einmal den Werdegang Laus als salafistischer Prediger nach: seine ersten Aktivitäten in Mönchengladbach, wo er mit dem Imam Muhammed Ciftci und Pierre Vogel 2010 und 2011 den Salafisten-Verein Einladung zum Paradies (EZP) gründete. Damals, so der Richter, sei Lau vielleicht noch gar nicht so radikalisiert gewesen, wie er von außen wahrgenommen worden sei. Aber gerade durch diese Außenwirkung als Radikaler sei er in der Szene unter Zugzwang geraten. Durch Laus "Abfeiern von IS-Kämpfern" in den sozialen Medien sei es zu einer Erwartungshaltung gekommen, die dazu geführt habe, dass er immer radikaler wurde. "Das sind die Dämonen, die Sie selbst gerufen haben", sprach der Richter Lau direkt an. Es sei klar, dass Lau irgendwann "eine rote Linie" übertreten habe.


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Insgesamt 35 Zeugen befragte das Gericht, darunter Ismail I., einen der Männer, die Lau nach Syrien vermittelt haben soll. Ismail I. hat eine Strafe wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung abgesessen, wurde aber nach zwei Dritteln der Haft entlassen. Er sagte aus, Lau bei einer von ihm organisierten Pilgerfahrt nach Mekka kennengelernt zu haben, wo ihn dieser ermutigten haben soll, für den Islamischen Staat zu kämpfen. Ismail I. fühlte sich geschmeichelt, so umworben zu werden. Vor Gericht sagte er, Lau habe einen Schleuser organisiert. Ismail I. inszeniert sich vor Gericht als Opfer von Lau, der Richter und die Verteidigung äußerten aber Zweifel daran, weil sich Ismail I. in Widersprüche verstrickt hatte. Teilweise konnte er sich an Details erinnern, teilweise sagte er aber auch, er würde sich an nichts erinnern.

In der Urteilsbegründung erklärt Richter Schreiber, man sei zu dem Schluss gekommen, dass der Zeuge glaubwürdig sei. In einem Gutachten heißt es: "Dem Zeugen fehlt manchmal der ausreichende Wortschatz, er redet manchmal schneller, als er denkt, ist aber keinesfalls verrückt."

Die Staatsanwaltschaft warf Lau vor, noch einen zweiten Mann nach Syrien geschleust zu haben: Zoubir I. Der sagt am 46. Verhandlungstag aus, das stimme nicht. Er sei zwar zum Kämpfen nach Syrien ausgereist. Lau aber habe damit aber nichts zu tun gehabt.

Vor Gericht wurde auch Pierre Vogel geladen, der als einflussreicher Hassprediger gilt. Er sagt aus, Sven Lau sei "unschuldig" und "ein guter Mensch".

Zu Prozessbeginn hatte Lau die Anwesenden im Gerichtssaal mit einem gestreckten Daumen und einem Lächeln begrüßt. Letzte Woche war er vor Gericht in Tränen ausgebrochen, als er seine Haftbedingungen schilderte. Die Isolationshaft setze ihm zu, seine Mitgefangenen beschimpften ihn als "IS-Ratte": "Ich kann meine Kinder nicht umarmen. Ich sitze mit Mördern in der JVA, die haben nicht so schwere Sicherheitsvorkehrungen wie ich." Lau sitzt seit 19 Monaten in Untersuchungshaft. Prozessbeobachter beschreiben ihn als müde und angeschlagen.

Laus Verteidiger Mutlu Günal, der sich auf Terrorverdächtige spezialisiert hat, ist der Auffassung, an seinem Mandaten werde ein "Sonderstrafrecht" vollzogen – ohne echte Beweise. Bereits 2014 scheiterte ein Verfahren gegen Lau aus Mangel an Beweisen. Sein Anwalt fordert einen Freispruch. Er hat bereits angedeutet, dass er im Fall einer Verurteilung in Revision gehen will.

Nach dem Ende der Verhandlung, als der Saal bereits geräumt wird, steht auch Lau auf. Er dreht sich noch einmal zu seinen Freunden im Publikum und zeigt ihnen den Daumen hoch. Dann wird er abgeführt.

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