Ich habe versucht, einen Monat lang auf Männer zu verzichten

Man sagt ja, die Liebe kommt dann, wenn man nicht danach sucht. Also habe ich aufgehört zu suchen.

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02 November 2017, 8:41am

Die Autorin | Foto: Megan Koester

Ich mache kein Geheimnis aus meinem Liebesleben. Deswegen geben mir Freunde, Bekannte, Fremde und One-Night-Stands oft ungefragt Dating-Tipps. Einige dieser Tipps machen mich richtig wütend. Ich soll mich zum Beispiel mit Typen abfinden, mit denen ich offensichtlich nichts gemeinsam habe – nur weil sie mich mögen. Was ich jedoch am meisten zu hören bekomme: Ich dürfe einfach nicht mehr aktiv suchen. Ich meine, man kennt es ja aus zahlreichen Rom-Coms und diversen Erzählungen von Freunden: "Wir haben uns gefunden, als wir nicht auf der Suche waren."

Eigentlich ist mein Liebesleben eine einzige Suche. Auf meinem Handy wimmelt es nur so von Dating-Apps, ich habe ständig Blind Dates und auch sonst gehe ich mehrmals pro Woche fort, um dabei vielleicht einen netten Fremden kennenzulernen. Aber keine meiner bisherigen Beziehungen hat länger als ein paar Monate gehalten. Was noch erschwerend dazukommt: Wenn eine junge Frau heutzutage zugibt, dass sie verliebt sein will, dann gilt das direkt als kitschig. Aber ich habe keine Lust mehr, gelassen abzuwarten. Ich will die schnulzige Romantik erleben, die mir Filme, Serien und Bücher schon seit Jahren eintrichtern.

Also entschließe ich mich dazu, eine Art Männer-Diät einzulegen. In anderen Worten: Ich verzichte einen Monat lang auf Online-Dating und One-Night-Stands. Und romantische Treffen sind nur dann erlaubt, wenn der Typ wirklich daran interessiert ist, mich zu heiraten, mit mir Kinder zu zeugen und mir sanft durchs Haar zu fahren, wenn wir im Alter gebrechlich werden.


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Woche 1

Erste Amtshandlung: Ich lösche alle Dating-Apps. Tschüss Tinder, Bumble, Happn, Feeld und OkCupid. Als nächstes müssen alle Nummern von den Männern dran glauben, die ich für "sexuelle Notfälle" eingespeichert habe. Und schließlich fallen meinem Versuch auch noch die Kontaktdaten des Skateboarders zum Opfer, auf den ich schon seit Monaten stehe, der aber vielleicht eine Freundin hat. Das alles fühlt sich an wie eine ergebnislose Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten: Ich habe wieder eine weiße Weste und bin bereit für meine besondere Art des Fastens.

"Ohne die Apps wird mir klar, welchen große Rolle das Wischen in meinem Leben eigentlich spielt."

In der ersten Woche passiert dann jedoch nicht viel, ich habe keine zufällige romantische Begegnung. Eigentlich hatte ich so etwas noch nie. Ich war lediglich einmal im gleichen Café wie eines meiner Tinder-Matches. Der Typ schrieb mir danach, dass er mich gesehen habe. Also schliefen wir noch am gleichen Abend miteinander, aber am darauffolgenden Tag zog er nach Argentinien.

Ohne die Apps wird mir klar, welche große Rolle das Wischen in meinem Leben eigentlich spielt. Ich dachte immer, ich würde das nicht so oft machen, aber in Wahrheit gehören Tinder und Co. schon so sehr zu meinem Alltag, dass ich das Ganze gar nicht mehr wirklich wahrgenommen habe. Ist das traurig? OK, die Frage kann ich mir selbst beantworten.

Woche 2

Ich glaube, ich muss mich für die romantische Begegnung meiner Träume doch ein bisschen anstrengen. Zumindest passiv. Also stimme ich meine äußerliche Erscheinung in dieser Woche besser auf dieses Ziel ab. Dazu muss man wissen, dass ich tagsüber dank Leggings, übergroßen T-Shirts, fehlendem Make-up und ungekämmten Haaren normalerweise viel ungepflegter aussehe als abends (da will ich ja auch flachgelegt werden).

Also trage ich mir jetzt jeden Morgen etwas Make-up auf, kämme meine Haare und trage fast nur noch Kleider. Ich bin das wandelnde Weiblichkeitsklischee. Zusätzlich verändere ich auch meinen Tagesablauf: Ich suche mir neue Orte zum Arbeiten, hole mir meinen Kaffee in anderen Cafés und erledige meine Einkäufe in für mich fremden Geschäften.

Und trotzdem passiert: nichts.

OK, eine Sache passiert doch. Als ich mit einer Freundin etwas trinken gehe, lerne ich zufällig einen Typen kennen, mit dem ich gemeinsame Freunde habe. Der Single-Dad ist älter als ich, hat viele Tattoos und ist emotional gesehen garantiert nicht verfügbar. Nachdem wir etwas geflirtet haben, wird schnell klar, dass wir miteinander schlafen wollen. Aber ich widerstehe der Versuchung, weil ich genau weiß, dass das lediglich eine einmalige Sache wäre. Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre das kein Problem, aber ich muss mich an die Vorgaben meines Versuchs halten.

Immerhin tauschen wir Nummern aus und ich hoffe heimlich darauf, dass wir für den Rest des Monats zumindest ein bisschen weiterflirten. Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich das brauche, um den Rest meiner Männer-Diät zu überstehen. Wenn er von sich aus anfängt, kann ich ja darauf eingehen.

Wie erwartet, fängt er gar nichts an. Muss ich hier denn wirklich alles selbst machen?

Woche 3

Ich will ehrlich sein: Ich habe im betrunkenen Zustand Tinder neu installiert und dem Skateboarder geschrieben, dessen Nummer ich am Anfang des Monat gelöscht hatte. Zum Glück habe ich nicht mehr als "Hey" geschrieben, worauf er zwölf Stunden lang nicht reagiert hat. Aber ich versuche dann auch gar nicht, die Konversation irgendwie weiterzuführen, und meine neuen Tinder-Matches lasse ich ebenfalls links liegen. Das Männer-Fasten ist immer noch in vollem Gange.

Außerdem höre ich wieder damit auf, mich auch tagsüber in Schale zu werfen. Irgendwie widerspricht das ja doch den Regeln meines Versuchs und passt auch gar nicht zu mir.

"Das Ganze rückt mein Liebesleben ins rechte Licht: Verdammt, ich versuche wirklich alles, um Männer kennenzulernen."

Ich gehe diese Woche allerdings erneut fort und werde überraschenderweise wieder angeflirtet. Dieses Mal von einem 23-jährigen Baseball-Fan mit Bandana und nur einem Gesprächsthema: sein Startup-Unternehmen. Normalerweise würde ich die Konversation so schnell wie möglich beenden und nach Hause gehen, aber mit einem weiteren typischen Rom-Com-Szenario im Hinterkopf stelle ich mir vor, wie sich unsere Gegensätze anziehen. Vielleicht kann ich ihn in die Kunst- und Punkrock-Welt einführen, während er mir etwas über Sparen und Altersvorsorge beibringt? Eigentlich ergibt unsere Liebe keinen Sinn … aber ich probiere es trotzdem.

Also gebe ich ihm meine Nummer. Vielleicht bringt es ja doch etwas, in Sachen Dating nicht immer alles erzwingen zu wollen. Im Laufe meines Experiments bin ich jetzt schon zweimal angesprochen worden, was vor meiner Männer-Diät lange nicht mehr passiert ist.

Die Woche vergeht und der Startup-Typ meldet sich nicht. Eigentlich würde ich jetzt den ersten Schritt machen. Nicht jedoch während meines Versuchs. Das Ganze rückt mein Liebesleben ins rechte Licht: Verdammt, ich versuche wirklich alles, um Männer kennenzulernen. Männer, die wohl gar nicht wirklich an mir interessiert sind. Zumindest nicht genug, um von sich aus auf mich zuzugehen.

Woche 4

OK, ich habe doch die Initiative ergriffen und mit dem tätowierten Single-Vater geschlafen. Zu meiner Verteidigung kann ich jedoch sagen, dass ich zuvor monatelang keinen Sex mehr gehabt hatte – und meine Männer-Diät erinnert mich immer schmerzlicher an diese Tatsache. Normalerweise kann ich mich mit Dates und Online-Flirterei ablenken, aber in diesem Fall hatte ich es wirklich bitter nötig und mein Vibrator reichte nicht mehr aus.

Außerdem kam mir der Gedanke, dass mein Objekt der Begierde ja vielleicht doch mehr Interesse an mir haben könnte. Nach unserem Schäferstündchen redeten wir allerdings über verflossene Lieben und er erzählte mir von seiner aktuellen Ex, die er ohne zu zögern zurücknehmen würde. Alles klar, ich lag mit meiner ersten Einschätzung richtig. Immerhin war der Sex ganz gut.

"Ich werde auch in Zukunft nach einigen Regeln meines Experiments leben."

Unterm Strich war meine Männer-Diät ein Misserfolg (ich habe es ja nicht geschafft, komplett auf Männer zu vernichten). Dennoch habe ich einige wertvolle Lektionen gelernt.

Ich werde auch in Zukunft nach einigen Regeln meines Experiments leben. Meinen Tinder-Account behalte ich trotzdem. Das Wischen macht mir zu viel Spaß. Falls sich daraus etwas ergeben sollte, schön! Falls nicht, dann ist das auch in Ordnung. Zwar würde ich immer noch gerne eine zuckersüße Liebesgeschichte wie im Film erleben – aber ich sollte aufhören, irgendetwas mit Männern zu erzwingen, die meine Zeit und Aufmerksamkeit nicht verdient haben. Keine Frau sollte das.

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