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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Bis so guet

Die Notwendigkeit des Mittelfingers

Seit Neustem ist Mittelfingerzeigen ein Verbrechen, also gehen wir dieses Wochenende ein paar Verbrechen begehen.

von Till Rippmann
10 April 2013, 4:33pm

Jemanden zu verdreschen ist illegal. Wäre dem nicht so würden viele (ich selbst wohl eingeschlossen) statt zu arbeiten, andere verdreschen oder selbst verprügelt werden. Mal ganz abgesehen von den Spitalkosten wäre alleine der Zeitaufwand wenn man jeden verhauen würde, dem man eben gerne mal eine reindonnerte, immens. Wir wären bei dem heute vorherrschenden Arbeitsklima in Banken und Versicherungen beispielsweise ohne Unterbruch gewalttätig. Der ganze Paradeplatz wäre bewaffnet, das Strassenverkehrsamt eine militarisierte Zone, der 33er Bus zu Stosszeiten ein Spiel mit dem Tod.

Du glaubst mir nicht? Scrolle einmal deinen Facebook Newsfeed herunter und erforsche deine Gefühle junger Jedi: Wie oft würdest du gerne statt dem „Like"- lieber den „Faust"- Button drücken?

Dafür musst du dich nicht schämen, das entspricht deiner Natur als Mensch. Wir Menschen sind, von einigen (wenigen) Bakterienstämmen abgesehen, die einzigen Lebewesen die es auf die Reihe bringen, gleichzeitig im Lift zu stehen und sich nicht gegenseitig umzubringen weil man z.B. nicht demselben Stamm angehört. Oder ein Weibchen in der Gegend ist. Andererseits sind wir bestimmt am erfinderischsten wenn es darum geht, uns gegenseitig abartige Gewalt anzutun. Oder hast du mal einen Schimpansen gesehen, der einem anderen Schimpansen seinen Penis erst gekocht und dann gegessen hat?

Weil wir nur in den verhältnismässig seltensten Fällen Gewalt anwenden, funktioniert unsere Gesellschaft überhaupt. Das hat uns Jahrtausende gekostet, aber wir haben es soweit hinbekommen, dass wir nur in Spezialfällen (Selbstverteidigung z.B.) als Soldaten oder Polizisten legitim Gewalt anwenden dürfen. Dann aber auch grad richtig.

Um diesen an sich unnatürlichen Zustand aufrecht zu erhalten hat die Kultur uns kleine Hilfen gegeben, Ventile für unsere naturgegebene Zerstörungswut wenn man so will. Diese Ventile sind auch so alt wie die Zivilisation: Flüche, Zunge rausstrecken oder eben den Mittelfinger in die Höhe recken sind einige davon. Mittels dieser Utensilien schufen wir uns ein Instrumentarium der nichtphysischen Gewalt. Wir können Zeichen setzten und unser Gesicht wahren indem wir unseren Unmut zwar zum Ausdruck bringen aber nicht zur Faust ballen. Das wäre eine Perspektive auf den Bürger, die ich hätte verstehen können: Er (oder Sie) sieht von Gewalt ab. Das heisst nicht dass er keine Gewalt denken oder zeigen darf oder dazu unfähig sein muss. Vor allem darf das nicht bedeuten, dass er oder sie sich jeglicher Gewalt zu beugen hat um danach Anspruch auf einen Opferstatus zu haben.

Jetzt hat das Bundesgericht einen Entscheid gefällt, der diese Ventile in Zweifel zieht und somit die ganze Kultur des gewaltfreien Zorns.

In einem Parkhaus wird ein Autofahrer von zwei jungen Männern provoziert, mit Gesten versteht sich. Neben dem 34 jährigen Familienvater sitzt dessen schwangere Frau, er zeigt den beiden Jugendlichen den Mittelfinger. Die beiden Jungens rennen daraufhin hinterher, zerren das Opfer aus der Karre und prügeln ihn krankenhausreif. Das war 2010.

Letzte Woche hat das Bundesgericht hat diesen Mann als mitschuldig an der Schlägerei bezeichnet, wegen des Fingers und gibt dessen Versicherung deshalb darin Recht, sein Krankentaggeld zu halbieren.

Damit stellt das Bundesgericht mein gesamtes Gewaltverständnis auf den Kopf. Wenn ein demonstrativ gereckter Mittelfinger bereits einen Beitrag an eine Schlägerei darstellt, wie soll ich durch die Stadt fahren ohne dauernd in Schlägereien verwickelt zu werden? Befindet sich der Mittelfinger neuerdings in derselben Kategorie wie ein Faustschlag? Wieso sollte ich mich dann mit diesem Mittelfinger begnügen wenn es eh nicht drauf ankommt? Oder soll ich lieber eine Verstands- und Persönlichkeitsfreie Drohne, werden die sich solange beleidigen und hauen lässt, bis die Täter ablassen, nur dass ich später auf mein Recht als Bürger und Versicherter zurückgreifen kann? Wie schaut es mit Vergewaltigungen aus? Dürfen Frauen sich noch aufreizend anziehen oder ist das auch ein Beitrag zu einer Vergewaltigung? Wie ist das mit Facebook, hat jeder dessen Profilbild von einem Mittelfinger geziert wird mich zu einer Schlägerei herausgefordert? Also jeder zweite? Dürfen Paparazzos neuerdings den Promis auf die Fresse hauen, wenn diese den Mittelfinger zeigen und deshalb angefangen haben? Brauche ich einen Flammenwerfer an der Autotür?

Wenn wir diese Fragen in der Logik des besprochenen Bundesgerichtsurteils beantworten, dürften die letzten paar hundert Jahre Arbeit an einer, dank kulturell verankerten Ventilen, gewaltfreien Gesellschaft wohl den Bach runtergehen.

Bis dahin wollen wir aber noch ein bisschen gewaltfreien Spass haben und zwar hier:

Donnerstag:

Gehen wir in die Trace Gallery an die Vernissage von Toast. Der stellt dort unter seinem bürgerlichen Namen Ata Bozaci seine (thematisch sehr passende) Reihe „Lineares Boxen" aus.

Freitag:

Gehen wir ins Helsinki, dort machen The Puddle und die Hula Honeys einen Abend mit Fell und Candie Hank.

Samstag:

Gehen wir in die Härterei. Ja, ernsthaft, weil dort an eine so unbeschwerte Zeit erinnert wird in der es noch kein Morgen gab. Nasty Trash für einmal wieder wie früher.

Sonntag:

Gehen wir selbstverständlich ans Letten Opening.

Und ja wir verlosen Tickets, einfach ein hübsches Bild von dir und deinem Mittelfinger an: till@viceland.ch schicken.