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Die Istanbuler Polizei hört nicht auf, bis alle mundtot sind

Seit Sonntag gehören Massenverhaftungen und Schlägertrupps zum Repertoire der Regierung. Langsam macht sich Verzweiflung unter den Demonstranten breit. Sie erzählen mir, dass sie es doch alles nur gemacht haben, damit es besser wird. Statdessen wird es...

von Matern Boeselager
18 Juni 2013, 6:57am

Am Montagnachmittag ist der Taksim-Platz ruhig. Passanten dürfen wieder über den Platz gehen, nur der Zugang zum Gezi-Park wird immer noch von einer Gruppe Polizisten auf Plastikstühlen bewacht, die niemanden außer der Müllabfuhr durchlassen. Dahinter wird weiter fleißig aufgeräumt, um die letzten Spuren der zweiwöchigen Besetzung zu beseitigen.


Gezi Parkeingang Montag Nachmittag. 

Auf dem Platz selbst halten sich mindestens so viele Polizisten auf wie normale Menschen. Durch die ganze Innenstadt ziehen mit Helm und Schild bewaffnete Polizeitrupps wie die Legionäre durchs antike Jerusalem. Tatsächlich fühlt man sich, als lebte man in einer besetzten Stadt.


Polizei vorm Cafe am Taksim-Platz Montag Nachmittag. 

Bis Sonntag Abend um elf wurde in Stadtteilen wie Cihangir, Şişli und sogar dem reichen Nişantaşı noch Widerstand geleistet. Seit vorgesterngestern haben die Demonstranten aber außer Wasserwerfern, Gasgranaten und Gummigeschossen noch zwei Dinge mehr, vor denen sie sich fürchten müssen: spontane Verhaftungen und bewaffnete Schlägertrupps. 

Mittlerweile wurde bestätigt, daß an die 200 mit Stöcken und Messern bewaffnete AKP-Sympathisanten nach Erdoğans typisch aufhetzender Rede am frühen Abend von Kasimpaşa gen Taksim gezogen sind und Demonstranten vor den Augen der Polizei angegriffen haben. In Şişli wurde mir erzählt, eine Gruppe hätte erfolglos versucht, ein Gebäude der Oppositionspartei CHP zu stürmen, seien dann auf Demonstranten losgegangen und schließlich von Bussen abgeholt worden.


Demonstrant in Cihangir. 

So unheimlich solche Schlägertrupps sein mögen, vor der Polizei musste man sich vorgestern mindestens genauso fürchten. Die Beamten benutzen ihre Gasgranaten mittlerweile völlig ungehemmt als Projektile gegen flüchtende Demonstranten. Es reicht, einmal um die falsche Ecke zu biegen, um von zwei, drei dieser glühend heiß am Kopf vorbeizischenden Kartuschen zurückgejagt zu werden.


Gasattacke Sonntag Nachmittag Abend in Cihangir.

Gleichzeitig hat die Regierung auch den juristischen Druck auf ihre Gegner erhöht. Wer sich nach Samstagabend noch auf dem Taksim-Platz aufhielte, würde als Terrorist gelten, ließ EU-Beitrittsminister Egemen Bağiş verlauten. Es wurden jetzt auch die ersten Ärzte verhaftet, weil sie die Demonstranten „unterstützt“ hätten. Der Beşiktaş-Fußballfanclub Çarşı soll ebenfalls zu einer terroristischen Vereinigung erklärt werden, am Sonntag sollen mehrere Mitglieder in ihren Häusern verhaftet worden sein. 


Sonntag Nachmittag Abend in Cihangir

Laut Istanbuler Anwaltskammer wurden gestern 441 Menschen in Istanbul auf der Straße verhaftet und zum Taksim-Platz geschleppt, wo sie in Busse geladen und weggebracht wurden, niemand weiß, wohin. Die Demonstranten erzählten sich Geschichten von Fußballstadien, in denen Gefangene gefoltert würden, jeder kannte irgendjemanden, der von der Polizei geschnappt worden war und nun nicht mehr aufzufinden ist.


Montag Nachmittag Abend in Cihangir.

Ich bin mit dem Fotografen Sven und ein paar Demonstranten nach Şişli gefahren, um mir die Kämpfe einmal von der Rückseite anzusehen. Die Jusstudentin Sevcan erzählte mir im Taxi, dass sie trotz allem keine Angst habe. „Ich habe in den letzten zwei Wochen gelernt, auf mich aufzupassen. Und es wurden schon so viele Menschen verletzt, da kommt es auf mich auch nicht mehr an. Es geht um unsere Freiheit.“ In Şişli war die schlimmste Polizeiattacke gerade vorbei, und ich unterhielt mich mit Ebru, einer Lehrerin an einer islamischen Universität, die mir erzählte, sogar ihre streng konservativen Studenten seien von Erdoğans Methoden mittlerweile schockiert. „Die finden, er benimmt sich mittlerweile genauso wie die Militärregierungen, unter denen die Muslime soviel zu leiden hatten.“


Barrikade in Şişli Sonntagnacht. 

Kurz danach brach ein urzeitliches Gewitter aus, und wir retteten uns in ein Taxi, um nach Cihangir zurückzukehren. Der Taxifahrer manövrierte uns fluchend durch den strömenden Regen, die Barrikaden und die extrem ungehaltenen Polizeisperren. „Ich hasse dieses Land. Ich hasse diese Polizisten, und ich hasse dieses Scheißland.“

Als ich um kurz vor Mitternacht in Cihangir ankam, waren die Straßen wie leergefegt. Ich rief meinen Freund Hüseyn an, der mich beschwor, ich solle sofort von der Straße verschwinden. Er hatte sich nicht weit von mir in der Wohnung eine Freundin versteckt. 

Als ich dort ankam, saßen ungefähr zehn Demonstranten in dem spärlich beleuchteten Wohnzimmer und tippten nervös auf ihren Smartphones herum. Kurz nach meiner Ankunft marschierte tatsächlich ein Trupp Polizisten durch die Straße, und Hasan zog fast panisch die Leute vom Balkon und schaltete das Licht ganz aus. Jetzt durfte man nur noch flüstern.

Hüseyn erzählte mir, dass die Polizei circa eine halbe Stunde zuvor einen Großangriff in Cihangir gestartet und die Demonstranten von sämtlichen Straßen verjagt hatte. Mittlerweile würden die Polizisten auch Leuten in die Häuser folgen, um dort vor allem die Hausbewohner zu verhaften, die ihnen die Türen geöffnet hatten. Auch von durch Fenster geschossenen Gasgranaten und Wassersalven wurde erzählt. 

Obwohl sich die Demonstranten in der Wohnung immer noch einig waren, nicht aufgeben zu wollen, war zum ersten Mal so etwas wie Resignation zu spüren, und echte Furcht. „Wir haben das doch gemacht, damit etwas besser wird, und nicht schlechter“, klagte Hüseyn. „Und jetzt wird es immer schlimmer, und sie werden nicht aufhören.“ Man vertrieb sich die Zeit damit, Schreckensmeldungen auf Twitter zu verfolgen oder Videos herumzuzeigen, in denen Polizisten Demonstranten verprügeln. Kurz danach wurde Hüseyn wieder trotzig: „Sollen sie mich doch verhaften, das macht mir gar nichts.“ Er erzählte, dass er durch das Tränengas schon zweimal an den Rand des Erstickens gebracht worden war. „Aber es ist besser zu sterben, als in so einem Land zu leben.“


Zivilpolizei auf dem Taksim-Platz am Montagnachmittag. 

Gestern haben zwei der größten Gewerkschaften der Türkei zu einem Generalstreik ausgerufen, um gegen die Polizeigewalt zu demonstrieren. Viele Demonstranten wollen gegen Abend wieder versuchen, zum Taksim vorzudringen.


Polizei Montagnachmittag als ich das hier gerade aufschreiben wollte

Gerade als ich diesen Text fertig geschrieben hatte, kam eine größere Gruppe Demonstranten die Istiklal hochmarschiert und baute sich hundert Meter vor der Polizei auf. Eine Weile ließ man die Leute singen, dann tauchten plötzlich Polizisten in ihrem Rücken auf. Eine Sekunde später stürmten sie mit erhobenen Gaswerfern auf uns zu, und die Menge zerstob unter dem leisen Knattern der Gummigeschosse in die Seitenstraßen. 

Ich rannte in einen Hauseingang und konnte sehen, wie die Polizisten die Leute ziemlich schnell die Gassen runterjagten, nach fünf Minuten kamen sie bereits zufrieden grinsend den Berg wieder herauf.

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