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Über die Schwierigkeit, erwachsen zu werden

Erwachsenwerden ist schwierig und beschissen. Aber müssen wir es überhaupt und wann passiert es?

von Valerie Nederschitz
15 November 2016, 10:00am

Foto: VICE Media

Als ich um 06:00 Uhr morgens betrunken in mein Bett falle und nicht einschlafen kann, schreibe ich einem Freund auf Facebook eine Nachricht: "Ich will erwachsen sein und ich will ein Buch schreiben und ich will keine Was-wäre-wenns und Abers mehr."

Der Abend war toll, aber während ich heimgehe und am Telefon mit einem Freund eine weitere sinnlose Diskussion führe, denke ich mir, dass er auch irgendwie unnötig war. Ich habe mit Menschen, die mir nur bedingt wichtig sind, über Dinge gesprochen, die mir noch weniger wichtig sind—und morgen werde ich verkatert sein und nicht viel machen außer mit meinem Hund spazieren zu gehen.

Seit Längerem fühle ich mich so, als könne ich das langsam nicht mehr verbinden: Erwachsenwerden und unbekümmert dem Hedonismus frönen. Früher war Erwachsenwerden: Matura machen, Auslandsjahr machen, studieren. Bis zu einem gewissen Zeitpunk lässt sich das wunderbar mit Fortgehen kombinieren, mit "heute lieber baden als auf die Uni gehen", mit "heute hab ich mal keine Lust".

Es ist OK, wenn man in diesen Momenten nicht weiß, wie es weitergeht. Es ist OK, wenn man am Wochenende verkatert im Bett Filme schaut. Aber ab wann ist es das nicht mehr? Eigentlich sollte es auch mit Mitte 20 noch in Ordnung sein, Wochenenden dem Vergnügen zu widmen. Und klar, eigentlich ist es das auch.

Aber irgendwann kommt man in das Alter, in dem man sich zwischen zwei Sorten von Freunden wiederfindet. Jenen, die einem vorwerfen, man trinke zu viel und gehe zu viel fort und jenen, die einen schimpfen, weil man zu viel arbeitet und die böse auf einen sind, wenn man um 02:00 Uhr nach Hause gehen will, weil man eigentlich lieber im Bett liegen als in einem verrauchten Beisl Weißwein trinken möchte.

Irgendwo genau zwischen diesen beiden Arten von Freunden beginnt man sich dann zu fragen, ob man sich nicht für einen der beiden entscheiden muss. Was mache ich am Freitagabend? Gehe ich fort und habe einen Abend mittelguten Spaß oder bleibe ich daheim und bin das restliche Wochenende über produktiv? Naheliegend wäre—im Geiste unserer "Wir können alles haben, was wir wollen"-Gesellschaft—einfach beides; oder das Vertrauen in die Welt, dass es sich mit der Zeit einfach ergibt.

Erwachsensein kann man noch lange genug, aber andererseits muss man eben auch irgendwann damit anfangen.

Aber es ergibt sich nicht einfach. Die Welt nimmt einem die Entscheidung leider nicht ab. Will ich mit 30 noch die sein, die bis 6:00 Uhr fortgeht? Will ich mit 26 die sein, die ihre Freizeit nur mit Selbstoptimierung verbringt? Je mehr "Entweder, oder"-Fragen ich mir stelle, umso öfter lautet die Antwort "Weder, noch".

Oder muss man Abstriche einfach hinnehmen, um ein zufriedenes Leben zu führen? Sollte man mehr Kompromisse suchen? Und sind diejenigen, die eine fürsorgliche Familie und einen erfüllenden Job haben, im Alter automatisch glücklicher als andere, die sich die ganze Zeit nur "ausgelebt" haben? Beherrsche ich das mit der Selbstkontrolle vielleicht einfach schlechter als andere Leute?

In einer britischen Studie wurden 2000 Jugendliche über 18 gefragt, ab wann sie sich erwachsen fühlen. Durchschnittlich hatten die Befragten das Gefühl, vor 29 nicht erwachsen zu sein. 68 Prozent der Befragten gaben an, sich durch den Kauf eines eigenen Zuhauses erwachsen zu fühlen, 63 Prozent nannten Kinder bekommen, 52 Prozent Heirat, 29 Prozent in eine Pensionsversicherung einzahlen, 21 Prozent sich auf einen Abend zuhause freuen.

Umgekehrt waren die Gründe, weshalb sich viele noch unreif fühlten, unter anderem: auf die Eltern angewiesen sein (42 Prozent), noch zuhause wohnen (36 Prozent), Computerspiele spielen (31 Prozent), Cartoons ansehen (29 Prozent), Angst vor dem Erwachsenwerden und Verantwortung übernehmen (28 Prozent), reisen und die Welt sehen wollen (22 Prozent) und sich zu wenig auf das wahre Leben vorbereitet fühlen (19 Prozent).

Trifft man schwerwiegende Entscheidungen, weil man sich erwachsen fühlt oder fühlt man sich erwachsen, weil man schwerwiegende Entscheidungen getroffen hat?

Die Untersuchung soll außerdem zeigen, dass Menschen überzeugt sind, signifikante Lebensereignisse würden ihnen die Verantwortung von Erwachsenen übertragen. Bis zu diesem Zeitpunkt würden sie, unabhängig vom Alter, noch immer als Jugendliche wahrgenommen.

Trifft man also schwerwiegende Entscheidungen, weil man sich erwachsen fühlt oder fühlt man sich erwachsen, weil man schwerwiegende Entscheidungen getroffen hat? Die Studie würde auf Zweiteres hindeuten.

Ein Hauskauf ist allerdings nichts, das einfach so nebenbei passiert. Wie viele erfüllen Mitte 20 überhaupt die Kriterien, die in der Studie fürs Erwachsensein genannt wurden? Ich selbst freue mich über Abende, an denen ich daheim sein kann. Das war's. Von den Kriterien, die mich den Nicht-Erwachsenen zuordnen, erfülle ich allerdings kein einziges.

Wie eine österreichische Studie zeigt, fühlen sich nur 38 Prozent der 18- bis 25-Jährigen erwachsen. 55 Prozent gaben an, sich zumindest teilweise erwachsen zu fühlen. Auch hier tragen lebensverändernde Entscheidungen dazu bei, dass wir uns nicht mehr wie Jugendliche fühlen.

Welche Entscheidungen treffen wir also, welche müssen wir treffen und welche werden uns einfach abgenommen, weil wir sie gar nicht bewusst beeinflussen können? Handelt man irrational oder logisch, nach Gefühl oder nach Verstand? Scheißt man auf alles und genießt einfach, was gerade ist? Oder muss man sich Gedanken darüber machen, was in 10 Jahren sein soll, damit man nicht irgendwann dasteht und wütend auf sein vergangenes, irrationales, hedonistisches Ich ist?

Ich hätte gern eine Antwort, aber ich weiß es einfach nicht. Stattdessen schwanke ich im Stundentakt zwischen "Genieß doch einfach mal" und "Reiß dich zusammen, irgendwann bist du froh drüber".

Immer wieder wird uns vermittelt, irgendwann käme der Tag, die Erleuchtung, die Liebe unseres Lebens, die traumatische Erfahrung, die uns erwachsen werden lässt. seit jeher mit Liebeskomödien zugeschüttet, die uns zeigen, dass man auch mal leben, auf die schiefe Bahn geraten kann oder manchmal rebellieren muss, bevor man sich schlussendlich aber dann doch dem widmet, was unser aller Ziel zu sein scheint: Das eine ultimative Happy End mit dem Partner, um dessen Gunst gerade 90 Minuten gekämpft wurde.

Oft geht es noch eine Stufe weiter: Gerade in letzter Zeit gibt mehr und mehr Serien und Filme, die nicht nur den Kampf um die perfekte Liebe bis zum Happy End, sondern auch das Leben danach zeigen. Nicht nur die Liebe als anzustrebendes Ziel, sondern Familie, Kinder, Heim. Bridget Jones, die ich einmal geliebt habe, ist derzeit der windelwechselnde Höhepunkt: Muttersein als Ideal und als wunderschöne Herausforderung.

Am Schlimmsten war es in Hunger Games. Katniss Everdeen, die vielen Mädchen gezeigt hat, dass Stärke cool sein kann und dass Dinge wie Pfeil und Bogen, Mut und andere klassisch männliche Attribute auch für Frauen erstrebenswert sind, wollte—Achtung, Spoiler!—schlussendlich auch nur weichgezeichnet mit Baby im Arm auf einer Wiese sitzen und ihrem Mann beim Spielen mit dem gemeinsamen Sohn zusehen. Der Epilog zerstört (im Film viel mehr als im Buch) jeden Mut, der davor über viele Seiten und Stunden aufgebaut wurde; Mut, etwas zu riskieren, etwas Neues zu versuchen, aber auch Zeit zu verschwenden, sich auszuprobieren, die Welt im Großen in die Hand zu nehmen, statt das häusliche Glück im Kleinen zu suchen.

Unsere Eltern haben gelehrt, aus klassischen Mustern auszubrechen. Jetzt kehren die ersten von uns zum 'Bewährten' zurück—weil die Alternative viel schwieriger ist.

Und wer kann es uns verübeln? Schließlich machen uns Krisen und vermeintliche Krisen täglich vor, dass nichts mehr sicher ist, dass wir es nicht alleine schaffen und dass jetzt einfach nicht die Zeit ist, etwas zu riskieren.

Ich kann das gut nachvollziehen. An manchen Tagen ist alles zu viel, der Druck zu groß, die Erwartung zu hoch. Dann ist der Gedanke nicht fern, alles hinzuwerfen, gar nicht mal mehr zu versuchen, dem Druck nachzugeben, sich in ein Haus zurückzuziehen und Kinder zu machen. Damit man wenigstens den Überblick und das Sagen in einer selbst geschaffenen kleinen Welt behält. Man baut sich ein Biotop und simuliert darin Kontrolle, die einem überall sonst fehlt.

Dass die Vorstellung von Selbstbestimmung im Häuslichen genauso eine Illusion ist wie überall sonst, merken wir spätestens, wenn uns Karenzregelungen, Pensionsvorsorge und Kindergartenplätze zeigen, wie wenig sie sich um deine Verwirklichung scheren.

Unsere Eltern haben gelehrt, aus klassischen Mustern auszubrechen, neue Modelle zu akzeptieren, uns auszuleben. Sie haben uns vermittelt, dass wir alles sein, alles machen, alles werden können. Jetzt kehren die ersten von uns zum "Bewährten" zurück—weil es nun mal schwierig ist, diesen hohen Ansprüchen der Selbstverwirklichung auch gerecht zu werden, die entweder die Eltern oder man selbst hat.

Die, die wir in dieser unendlich privilegierten Situation sind, uns über solche Dinge den Kopf zu zerbrechen, genau deswegen gleichzeitig aber von einer Industrie damit vollgemüllt werden, dass wir zu unzureichend, zu alt, zu jung, zu laut, zu leise, zu Single, zu Pärchen, zu prüde, zu offen sind, müssen diese Gedanken als das sehen, was sie sind: vermeintliche Probleme, die uns zu einem großen Teil von außen auferlegt und eingeredet werden.

Vielleicht passiert das Erwachsenwerden ja doch irgendwann einfach von selbst. Noch sieht es nicht danach. In der Zwischenzeit lebe ich weiter von Abend zu Abend mit der Frage: Noch ein Spritzer oder lieber ins Bett?