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Ich habe aus Liebeskummer eine Woche in der Irrenanstalt verbracht

Manche Trennungen sind schlimmer als andere – vor allem, wenn man eine leichte Borderline-Störung hat und Antidepressiva einwirft wie Gummibärchen.

von Oskar Schell
13 Jänner 2015, 9:30am

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Trennungen sind scheiße, das ist kein Geheimnis. Manche Trennungen sind dann aber doch noch ein bisschen beschissener, überhaupt, wenn man eine leichte Borderline-Störung hat, so wie ich. Nach netto zwei Jahren kam meine Beziehung zu einem abrupten Ende.

Ich fiel in eine tiefe Depression, habe jeden Tag gesoffen wie ein 50-jähriger Alkoholiker und Antidepressiva reingeschmissen wie Gummibärchen, aber es wurde einfach nicht besser. Ich ging zu Therapeuten, Psychiatern und zu Notdiensten, aber alle haben mir immer nur das gleiche gesagt: lass dich stationär aufnehmen. Für mich klang das nach dem absoluten Horror, da ich Krankenhäuser generell mit dem Tod assoziiere. Die Wochen verstrichen und ich strudelte immer weiter hinab, bis ich zu einem Punkt kam, wo einfach nichts mehr ging. Ich hatte bis dato jeden Tag große Mengen Alkohol getrunken und meine Gedanken wurden immer düsterer.

Also entschloss ich mich dann doch zu einem stationären Aufenthalt. Ich ging ins Krankenhaus, wo man mich weiter verwies. Mein erster Gedanke waren Zwangsjacken und sabbernde, wippende Menschen in einem Sicherheitsbett. Ich schlief nochmal drüber und beschloss am nächsten Tag, mich geschlagen zu geben und hinzufahren. Was ich dort erlebt habe, kann sich, glaube ich, niemand vorstellen, der das nicht schon mal selbst erlebt hat.

Tag 1

Ich recherchiere noch daheim und finde heraus, dass meine Station die "Akutstation" ist, und beschließe, genau dort hinzufahren. Ich werde von einem sabbernden Chinesen empfangen, der unverständlich vor sich hinlallt. Ich werde ins Arztzimmer gerufen und eine quälende Stunde im Wartebereich später werde ich aufgenommen. Eine Pflegerin bringt mir eine schicke blaue Hose, ein weißes T-Shirt und Schlappen. Ich gehe in mein Zimmer und versuche, den umherwandernden Menschen zu entgehen. Am Abend gehe ich das erste Mal in den Raucherraum, wo ich ersten Kontakt zu einem Mitpatienten aufnehme.

Er stellt sich mit Daniel vor, und nachdem ich ihn frage, wie lange er schon hier ist, starrt er mich fünf Sekunden mit unbeweglichem Blick an und sagt dann "ein Monat". Ich merke, dass er ein selbstgestochenes Tattoo am Hals hat, und frage ihn nach der Bedeutung. Er meint, dass ist sein Naruto-Tattoo, das er sich selbst gestochen hat, nachdem die Stimmen ihm es befohlen haben. Danach sagt er noch, dass ihm genau jene Stimmen auch befohlen haben, eine Bank auszurauben. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass er dabei erwischt wurde, wie er gerade in ein Waffengeschäft einbrechen wollte.

So etwas von jemandem zu hören, den man eine Zigarettenlänge kennt, ist eine Sache—das zu verarbeiten eine andere. Er starrt mich die ganze Zeit an und ich versuche, eine passende Antwort darauf zu finden. Ich frage ihn, ob er die Stimmen immer noch hört und was sie ihm erzählen. Er sagt mir, dass sie seine und meine Mutter ficken wollen. Er läuft rot an, beginnt aber gleichzeitig zu lachen. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie wurde er mir in dem Moment sympathisch, weil ich denken wollte, dass ein kleiner Teil von ihm immer noch wusste, wie absurd das alles ist. Ich bekomme meine Gute-Nacht-Drogen und schlafe das erste Mal seit Langem wieder eine ganze Nacht durch.

Tag 2

Frühappell, 7:00 Uhr, eine grantige Lautsprecherstimme in meinem Zimmer lässt mich wissen, dass es Frühstück gibt. Benebelt vom Drogencocktail der letzten Nacht schleppe ich mich in den Aufenthaltsraum, in dem alle Speisen serviert werden und nehme mir meinen Teller mit Brötchen, Butter und Marmelade.

Es ist ziemlich still, bis auf die unverständlichen Dauerkommentare von dem Chinesen, den ich hier nur liebevoll "Tze" nenne. Seine Augen sind zugeschwollen und er sieht praktisch immer so aus, als wäre er zwei und man hätte ihn schlecht gefüttert. Dann gibt es noch Lola, die ebenfalls nur zwei Sätze wiederholen kann und nur dann ruhig ist, wenn sie Zeitung liest oder ihr Mann da ist.

Am zweiten Tag erfahre ich, dass die Hauptbeschäftigung hier Rauchen ist und praktisch alle nur zwischen ihrem Zimmer und der Raucherkammer hin- und herpendeln. Hier lerne ich auch Sam kennen, der sich bereits zweimal mit einem Fistbump vorgestellt hat und es noch circa 200 mal tun wird. Im Raucherraum habe ich auch die erste Begegnung mit "Anna", die mich immer 10 Sekunden stechend ansieht, bevor sie antwortet. Sie ist ein Mysterium und die einzige, mit der man ein "ernsthaftes" Gespräch länger als 10 Sekunden führen kann. "Naruto" fragt mich den ganzen Tag über, ob ich mit ihm eine WG gründen möchte. Ich lehne jedes Mal dankend ab und fühle mich schlecht, als ich seinen Gesichtsausdruck sehe. Gegen Abend habe ich meine gefühlte fünfzigste Zigarette geraucht und gehe schlafen.

Tag 3

Heute lerne ich Markus kennen, der mir bei unserer ersten Begegnung erzählt, er habe den Rap nach Österreich gebracht. Er zeigt mir ein Video auf meinem Handy und rapt sporadisch ein paar Wörter mit:

Von den Pflegern erfahre ich, dass sich Markus nicht auf den Boden legen darf, weil er sonst glaube, er sei tot. Er tut es trotzdem die ganze Zeit. Dann gibt es noch "Sleepy", der immer entweder auf dem Boden, auf dem Tisch oder in angelehntem Zustand schläft. Ich habe nur zweimal beobachtet, dass er sich bewegt. Dann gibt es noch Lisa, die sich mit 17 eine ganze Flasche LSD in die Augen getropft hat und seitdem mit Bäumen reden kann und auf dem geistigen Niveau einer 10-Jährigen ist.

Sie weint die meiste Zeit oder bürstet sich die Haare. Sie, Anna und ich sitzen meistens im Raucherzimmer zusammen und Anna und ich hören gebannt zu, als uns Lisa erzählt, dass sie mit Allah auf ihrem Sofa gesessen hat und ihr Exfreund ein Stahlmann ist. An dem Abend erzählt auch Anna das erste Mal etwas über sich. Nämlich, dass sie Jesus ist. Ich höre mir alles an und gehe in einem weichen Schwall von Selbstsicherheit ins Bett, dass ich wahrscheinlich wirklich der einzige Nicht-Wahnsinnige hier bin.

Tag 4

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Der vierte Tag beginnt wie jeder andere auch: Frühstück, Gesprächsrunde und dann Sing-Runde. Mein Zimmergenosse, Serkan, bietet mir am laufenden Band serbische Süßigkeiten an, die er in einem Billasackerl in seinem Schrank "vor den anderen versteckt". Er nennt mich "Bruda" und erzählt mir, dass er in der Nacht oft Stimmen hört. Wenn er nicht grad rauchen ist, zieht er wie wild an seiner E-Sisha, die er sogar ins Bett mitnimmt.

Der Tag verstreicht wieder unter dem ewigen Pendeln zwischen Rauchen und Lesen in meinem Zimmer. Am Abend sitzen wir alle im Raucherraum zusammen und ich lausche den wahnwitzigen Geschichten von Lisa. Sie erzählt mir, dass sie Eishockeyspielerin war und macht drei Sekunden später einen Handstand. Von ihrer kindlichen Impulsivität angetrieben, versuche ich auch einen, worauf sich das ganze Raucherzimmer plötzlich in eine Turnhalle verwandelt, in der Alle Kniebeugen oder Liegestützen machen.


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Ich lasse mich in das Chaos fallen und lache laut mit, wenn jemand umfällt oder eine Übung nicht schafft. In diesen Momenten liebe ich meinen Aufenthalt, weil man glaub ich nirgends so viel Freiheit hat, alles zu tun, was man will. Ab diesem Abend haben zumindest Lisa und ich jeden Abend Turnübungen gemacht. Meistens solange bis nur noch Lisa, Anna und ich übrig waren und den Abend in abstrusen Gesprächen enden ließen. Anna war mir immer noch ein Rätsel, da sie zwar behauptete, dass sie Jesus war und bewusst sagte, dass sie verrückt war, sich bei Fangfragen aber immer wieder verredete.

Tag 5

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Heute spricht mich das erste Mal "Lady" an, die über ihrer Spitalskleidung meistens feine Seidentücher gewickelt hatte und irgendwie immer ein Joghurt in der Hand hat. Sie erzählt mir, dass sie gestern ihre Uhr gegen einen Nerzmantel getauscht hat und diesen nach Russland zu Putin geschickt hat. Aus "diplomatischen Gründen". Sie raucht explizit nur mit Zigarettenhalter und verhält sich allgemein, als wär sie gerade erst von einem feinen Ball hierhergebracht worden.

Lady erzählt mir, dass sie in einem Jahr 40 Jahre gealtert sei, nachdem ein Arzt sie betrogen habe, der mit ihrer Familie unter einer Decke steckt. Als ich sie einfach weiterreden lasse, erzählt sie mir, dass sie als Jugendliche von einem Laster angefahren wurde und da bemerke ich auch ihre Narben. Ich sage abwechselnd "Ja" oder "diese Schweine" und stimme ihrer komischen Verschwörungstheorie von Ärzten und dem russischen Geheimdienst zu. Am Nachmittag mache ich einen Spaziergang mit Anna und sie erzählt mir endlich mehr von sich. Ihre Schwester hat sie einweisen lassen, weil Anna ihr und ihrer Mutter über Monate eingeredet hat, dass sie Jesus sei.

Nachdem ich ein bisschen nachstochere, sagt sie mir, dass sie das einfach aus Langeweile erfunden hat, um ihre Familie wahnsinnig zu machen. Obwohl sie generell unglaublich kalt wirkt, ist das der erste Moment, wo sie irgendwie menschlich und weich rüberkommt. Vielleicht auch, weil es das erste bisschen Wahrheit ist, das ich seit Tagen höre.

Tag 6

Lisa weint nicht mehr, seit wir miteinander Sport machen. Sie erzählt mir beim Frühstück beiläufig, dass sie zwar einen Freund (Allah) hat, sich aber in mich verliebt hat. Seit diesem Zeitpunkt läuft sie alle 20 Minuten auf mich zu und umarmt mich, was mir sehr unangenehm ist, da ich weiß, dass ich bald gehen werde und ich nicht will, dass die Tatsache, dass sie mich mag, irgendwie ihren Therapieerfolg verschlechtert.

Anna wird zu Mittag entlassen. Wir sitzen noch zusammen, während sie eine Johnny Depp Biografie im Aufenthaltsraum liest. Ich sage ihr, dass ich es genossen habe, dass man mit ihr so gut schweigen kann und dass ich noch immer nicht weiß, ob sie verrückt oder einfach nur genial und gelangweilt ist. Sie grinst nur und speichert sich unter "Jesus" in mein Handy ein. Nachdem sie weg ist, wirkt die ganze Station etwas blasser.

Vielleicht auch aus dem Grund, da sie hier die einzige, wenigstens halbwegs normale Ansprechperson war. Ich verbringe meinen letzten Abend mit Lisa, Sportübungen und ihrer Geschichte über das Ende der Welt. Nämlich das Pac-Man die Welt fressen wird und wir in seinem Bauch als Bäume weiterleben werden. Kurz vorm Schlafengehen kommt Sarah an, eine kleine Inderin, die fast ganz blind ist auf beiden Augen. Ich habe ihr versprochen, dass ich ihr Youtube-Cover hier dazugebe:

Tag 7

Heute werde ich entlassen. Ich packe meine Tasche direkt nach dem Aufstehen und verbringe den Vormittag, wie gewohnt, im Raucherzimmer. Tze kommt immer wieder zu mir rüber und versucht lallend, ein Gespräch anzufangen. Ich bin der einzige, der wenigstens noch versucht, ihm zuzuhören. Sämtliche Pfleger und Patienten ignorieren sein unverständliches Gerede oder lachen ihn aus. Das Problem war nur, dass er das bemerkte und deswegen immer nur zu mir „plaudern" kam. Genauso wie Naruto, der mich ca. zehn Mal am Tag fragte, ob er mein Handy zum WG-Zimmer suchen haben kann.

Ich habe es ihm nach dem dritten Tag nicht mehr gegeben. Nur kurz vorm Gehen wurde ich weich, als er mir zwei Euro anbot, um mein Handy zu benützen, was ich dankend ablehnte. Als ich zu grinsen beginne, grinst er auch und ich fragte ihn, warum er jetzt lachen müsse. Er sagt mir, er denke an Sex. Mit mir. Er grinst weiter und läuft rot an wie ein Tomate. Ich versichere ihm, dass alles OK ist und gehe eine Letzte mit ihm rauchen. Nach dem ersten guten Mittagessen (Chilli con Carne) bekomme ich meinen Entlassungsbrief und meine Drogen für den nächsten Tag. Ich verabschiede mich von allen und Lisa versichert mir, dass wir uns in ihren Träumen wiedersehen werden. Ich mache die Tür auf, rauche mir eine an und fahre nach Hause.

Alles in allem war es das beste Erlebnis, das ich je hatte. Mein persönliches, kleines Abenteuer. Ich bin nicht nur in die wirrsten, kreativsten Welten dieser Menschen eingetaucht, sondern habe auch auch erlebt, dass es eine unglaubliche Freiheit darin gibt, sich gehen zu lassen. Diese Gratwanderung zwischen meiner eigenen Realität und der Realität von diesen Menschen war eine Probe, die mich ein Stück näher zu mir selbst geführt hat und mich endgültig aus meinem Loch geholt hat.

Ich habe in paar Tagen eine Nachkontrolle und freue mich richtig, viele der Gesichter wiederzusehen. Das einzig Negative, das ich aus der Erfahrung ziehen kann ist, dass ich momentan ca. zwei Packungen Zigaretten am Tag rauche.