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Popkultur

​Sag uns deinen Lieblings-Film von John Carpenter und wir sagen dir, wer du bist

'Dark Star', 'Halloween', 'They Live', 'The Thing' und viele mehr—wir haben die Werke unseres Lieblingsfilmemachers durchleuchtet und ein Psychogramm erstellt.

von Josef Zorn
13 Mai 2016, 4:30am

Gartenbaukino (c) 'The Fog' 1980

Bild 'The Fog' 1980 (c) Gartenbaukino

John Carpenter war in etwa so wichtig für Genre-Kino und Film im Allgemeinen wie die Entdeckung von Penicillin für die moderne Medizin. In beiden Fällen gibt es natürlich Leute, die allergisch auf das Wundermittel reagieren, aber das tut seiner Bedeutung oder generellen Wirkung keinen Abbruch. Sein Zugang zu Horror, Fantasy und dem fleischwolfigen Verdrehen bestehender Filmtropen sichert dem Regisseur—und Filmmusik-Komponisten—einen Platz ganz oben am Kino-Olymp.

Carpenters Filme sind alle irgendwie einzigartig, symbolbehaftet und enigmatisch—ein bisschen so wie die Beschreibungen von Sternzeichen, weshalb wir sie in diesem Artikel auch genauso deuten. Es folgen Fan-Psychogramme zu einigen der herausragendsten Werke von John Carpenter.

Assault on Precinct 13

Du bist eine Mischung aus Anarchist und konservativem Selbstjustizler. Du siehst täglich den asozialen "Abschaum" auf der Straße, vertraust der Gesellschaft nur hin bis zur geladenen Glock in deiner Hand und Assault on Precinct 13 stellt mehr oder weniger dein persönliches, wahr gewordenes Alptraumszenario—oder vielleicht doch eher deinen Wunschtraum—dar. Stereotype Bösewichte brechen in deine beschützte Lebenswelt ein und endlich darf scharf geschossen werden.

Eine alte Polizeistation im heruntergekommenen South Central Los Angeles wird von Straßenbanden und wie Zombies gehandhabten Gangstern belagert. Das Ganze verwandelt sich in einen Mini-Kriegsschauplatz ohne Genfer Konventionen, dafür mit Street Justice. Das war einer der allerersten Filme von Carpenter, trotzdem schon gut blutig und er spielt sogar selber einen der fiesen Bandenmitglieder. Der Mann hat seine Seite schon gewählt.

Escape from L.A.

Du hasst Verschwendung und das heißt: Wenn eine Idee gut ist, warum nicht 1:1 wiederverwenden. Du bist selbstironisch und liebst deinen eigenen campy Stil. Du bist das Gegenteil von Leuten, die Dinge sagen wie: "Ein Film, in dem jemand eine Augenklappe trägt, kann nur beschissen sein!" Du bist nicht postmodern, du bist postmodisch und alles was du tust, wirkt so, als ob auf deinen Kopfhörern "Here I go again" von Whitesnake läuft.

In Escape from L.A. wird die Klapperschlange Snake Plissken—alleine der Name zischt wie eine Natter—erneut unter Mordandrohungen in eine entmilitarisierte Zone geschickt, genau wie im ersten Teil Escape from New York. Der Film ist wie dein Kumpel aus der Schulzeit, den man wieder trifft und irgendwie erfreut feststellt, dass er sich kein bisschen verändert hat. Kurt Russell ist zwar älter geworden, scheint auch durch Paragleiten, Basketball und Surfen ein bisschen zu kompensieren zu müssen, aber bleibt unumstritten eine coole Sau. Willkommen in der Steinzeit!

Dark Star

Du bist ein Typ, der gerne in dunklen Räumen sitzt und mit Freunden (auch wenn sie womöglich imaginär sind) Gedankenspiele inszenierst. Wer braucht schon richtige Requisiten oder Production Design, der Gymnastikball von Oma reicht als Monster völlig aus. Du bist pragmatisch, magst Rollenspiele und wärst gerne ein Emo in Space.

Mit Dark Star hat Carpenter noch vor Ridley Scotts Alien den Weltallhorror erfunden, und das mit seinem Debut-Film! Psychosen, Klaustrophobie und ein schöner Batzen Trashyness machen dieses Sci-Fi-Experiment zum Pflichtprogramm, besonders für Filmstudenten. So muss gedreht werden: Nicht lange reden, einfach machen.

Big Trouble in Little China

Du magst Halluzinogene, hast (vielleicht gerade deshalb) psychische Probleme bis Wahnvorstellungen und eine leicht rassistische Tendenz gegenüber Asiaten. Es ist aber wenigstens eine fantasievolle, kreative Form des Rassismus. Alles was aus dem "Land des Lächelns" stammt, ist für dich märchenhaft, verwunschen oder ein Dämonensack voller "Wind, Feuer und lauter so Zeug".

Wieder haben wir Carpenters Liebling Kurt Russell an unserer Seite, der mit Big Trouble in Little China eine komplett verdrehte, filmische Ausnahmeleistung hinlegt. Eine charismatischere Rolle als die von Jack Burton gibt es wohl nicht auf dieser Erde. Wer wäre nicht gerne der lässige Fernfahrer, der mit beiden Beinen in der Realität steht, bis dann halt alle um einen herum bunt zaubern, Typen zu dampfenden Knödel anwachsen und Geistkrieger der Stürme in Strohhüten auftauchen. Und so einen coolen Freundeskreis aus chinesischen Kämpfern, die immer so gut drauf sind, wäre schon auch ziemlich super.

The Thing

Du bist in der Pubertät steckengeblieben oder in einer anderen ekelhaften Phase deines Lebens, die irgendwie mit verwachsenen Eigenschaften deines Körper zu tun haben. Du magst keine Hunde, vertraust grundsätzlich niemandem und bist asexuell, weil du die Vorstellung von Menschen, die sich physisch sprich klebrig miteinander vereinen, ganz schlimm findest.

The Thing ist wie alle der besten Monster-Of-The-Week-Folgen von Akte X kombiniert und hat wahrscheinlich auch einige davon inspiriert. Ein Alien-Organismus, der aussieht wie dein Kumpel oder Kollege auf der Forschungsstation in der Antarktik, dann aber plötzlich in ein skurriles, formloses Tentakelmonster aus Faschiertem mutieren kann, ist schlichtweg eine wunderschöne Idee. Das gleichnamige Prequel aus 2011 fand ich eigentlich auch nicht schlecht.

Halloween

Du bist ein Voyeur, stehst auf große Busen und würdest gerne William Shatners Gesicht haben. Wenn du nicht gerade in der Nacht Teenager durchs Fenster beobachtest, dann spielst du mit einem Taschenmesser und übst Abstechen auf der Wohnzimmertischplatte während Jamie Lee Curtis-Filme im Nachmittagsprogramm laufen.

Ein der Psychiatrie entflohener Insasse maskiert sich und sticht Babysitter ab. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn sich Filme kurz und ohne Nebensätze zusammenfassen lassen. Halloween ist wie ein frühes Daft Punk-Album: roh, gewaltig und simplistisch genial. Carpenter meinte selber, dass er mit dem Film so etwas wie eine Jahrmarktsattraktion abliefern wollte. Ein Geisterhaus. Der Symbolismus von sexueller Unschuld und so weiter, der diesem Film von überschlauen Cineasten gerne angedichtet wird, ist übrigens den Aussagen des Meisters nach vollkommener Bullshit.


They Live

Du kommunizierst ausschließlich in 80er-Jahre-Zitaten und trägst zur Sicherheit auch in den dunkelsten Clubs deine Sonnenbrillen. Außerdem hinterfragst du alles, liest (immer noch) gerne Orwell und magst Wrestling. Du solltest aufpassen, dass dir dein Kaugummi nicht ausgeht—denn das könnte sehr schlecht für deine Mitmenschen ausgehen!

Roddy Piper in They Live war für manche Leute wichtiger für das Action-Genre als Arnold Schwarzenegger. Dieser Pro-Wrestler (dessen letzten Cameos als "Maniac" in It's Always Sunny in Philadelphia einen Tränen lachen lässt) ist leider schon von uns gegangen. Kollege Markus Lust, seines Zeichens absoluter WWE-Profi, hat damals einen ausführlich herzzerreissenden Nachruf für Roddy Piper geschrieben. They Live läuft leider nicht in der Gartenbaukino-Schiene, aber erwähnen mussten wir ihn trotzdem. Alleine schon, weil der Film eine zentrale These zum Thema Ideologie bei Slavoj ŽižekŽižek illustriert (und das so schön, dass es einem wirklich nicht egal sein kann). Und wenn ihr euch jetzt quietschend fragt "Um was geht es denn in diesem Carpenter-Film, ich kenn den ja gar nicht", geht mir aus den Augen.

The Fog

Du bist ein mysteriöses, in sich ruhendes, leicht ätherisches Wesen, das gerne Radio zum Einschlafen hört (bevorzugt Rede- und Erzählformate). Zumindest ist das der Eindruck, den du anderen gerne von dir vermittelst—auch wenn du die Wahrheit vielleicht eine winzige Spur näher am passivaggressiven Wasser gebaut bist, als dir lieb ist. Anstatt Menschen mit Problemen zu konfrontieren, hoffst du darauf, dass sie wie ein feiner Nebel in ihr Bewusstsein wabern und sich dort todbringend (zwischen Mitternacht und 1:00 Uhr) festsetzen.

Zugegeben, The Fog ist im Hinblick auf vermarktbare Handelsartikel nicht unbedingt die Art von Film, für die George Lucas zugunsten von Marketingrechten auf eine höhere Gage verzichtet hätte. Das beweist diese Nebel-Actionfigur ziemlich eindrucksvoll. Aber Action ist ohnehin nicht der Fokus dieses sublimen, wabernden, schwelenden Psychoterrorstreifens über kriechende Luft. Und dass dieser Film am Ende in einem völlig unsublimem, knallharten Trash-Fest (also: dem genauen Gegenteil) endet, unterstreicht die vorangegangenen reizentwöhnten 80 Horror-Minuten nur noch deutlicher.

Es geht um Karomuster, Landleben, kriechende Isolation und alte Geister, die einen einholen. Und um eine für immer schön schreiende Jamie Lee Curtis. Wer The Fog nicht in sein Herz und über seine Netzhaut kriechen lässt, gehört selbst zu den Verdammten.

Josef auf Twitter: @theZeffo

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