Der rätselhafte, ungelöste Fall des Serienmörders von Long Island

In New York treibt seit über einem Jahrzehnt ein Mörder sein Unwesen, der Prostituierte tötet. Um den ungeklärten Fall ranken sich unzählige Gerüchte und Verschwörungstheorien.

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08 Februar 2016, 5:00am

Als sie in Joseph Brewers Haus war, wusste Shannan Gilbert aus irgendeinem Grund, dass sie ermordet werden würde. Die 24-Jährige war Prostituierte in einigen der dunkelsten Ecken des Großraums New York; Todesangst muss ihr ständiger Begleiter gewesen sein (sie hatte seit einem brutalen Angriff eine Titanplatte im Kiefer), doch an jenem frühen Morgen des 1. Mai 2010 war sie derart akut, dass Gilbert die Notrufnummer wählte.

Gilberts plötzliches Verschwinden aus der privaten Wohnanlage Oak Beach am Ende einer langen, schmalen Insel südlich von Long Island hat eine schwarze Wolke des Mords und der Verschwörung aufgewirbelt, die noch immer über dem verschlafenen Ort hängt. Spätestens als ihre skelettierten Überreste 19 Monate später in einer Salzwasserlache gefunden wurden, war selbst den unaufmerksamsten Anwohnern klar: Etwas stimmte nicht auf Long Island.

Der Fall des Serienmörders von Long Island war endlich eröffnet, nachdem er, wie sich herausstellen sollte, bereits seit mindestens 14 Jahren aktiv war.

Die Polizei von Suffolk County und rekrutierte Bürger suchen einen Strandabschnitt ab, an dem die Polizei am 5. April 2011 menschliche Überreste gefunden hat; Babylon, New York | Foto: Spencer Platt/Getty Images

Die Suche nach Gilbert führte zur Entdeckung der zerstückelten Leichen acht weiterer junger Frauen in der Nähe von Gilgo Beach, einem unbebauten Küstenabschnitt von Suffolk County, New York. Die Ermittlungen in diesen Mordfällen laufen nun bereits seit mehr als fünf Jahren. Außerdem wurden im Zuge der Ermittlungen die Leiche eines kleinen Mädchens im Alter von 16 bis 24 Monaten und eine männliche Leiche in Frauenkleidung gefunden, von der man annimmt, es habe sich um eine prostituierte Transfrau gehandelt, denn alle bisher identifizierten erwachsenen Opfern waren prostituierte Frauen. Der Großteil der Überreste wurde am Ocean Parkway gefunden, einer dunklen und verlassenen Straße, die entlang der gesamten Jones Beach Island verläuft und sich an deren Ende, wo auch die Wohnanlage Oak Beach liegt, in der maritimen Einöde verliert. Zwei Torsos wurden etwa 63 Kilometer nordöstlich in Manorville auf Long Island gefunden; man hatte sie in den Wald geworfen.

Der Serienmörder von Long Island trat bereits 1996 in Erscheinung, auch wenn es damals noch niemandem klar war. Laut Richard Dormer, dem ehemaligen Police Commissioner von Suffolk County, fand damals ein Paar bei einem Spaziergang auf Fire Island (der Nachbarinsel von Jones Beach Island, die gleich bei Oak Beach beginnt) zwei in Plastik gehüllte weibliche Beine. Als die Leichen 2010 entlang des Ocean Parkway gefunden wurden, empfahl ein Polizist, der an den Ermittlungen von 1996 beteiligt gewesen war, einen DNA-Vergleich: Die Beine, die man 1996 gefunden hatte, gehörten nicht nur einem Opfer des Serienmörders von Long Island, es sollte sich auch herausstellen, dass die Frau die Mutter des ermordeten Kleinkinds war.

2013 wurde das bisher letzte potentielle Opfer entdeckt, die 31-jährige gebürtige Jugoslawin Natasha Jugo. 2013 fuhr sie aus unbekannten Gründen um 4 Uhr morgens mit ihrem Toyota Prius die etwa 40-minütige Strecke von Queens zum Ocean Parkway, wo sie ähnlich wie Shannan Gilbert spurlos verschwand und nichts als ihr Portemonnaie und ihre Kleidung zurückließ. Im Juni jenen Jahres, drei Monate nach ihrem Verschwinden, entdeckte eine Gruppe Strandbesucher ihre Leiche, die im Meer trieb.

Im Dezember 2015 verkündeten lokale Boulevardzeitungen, das FBI habe sich der Suche nach dem Serienmörder von Long Island angeschlossen. Tage später behauptete eine anonyme Quelle in der Presse, ein in Ungnade gefallener ehemaliger Polizeichef von Suffolk County, James Burke, habe gezielt versucht, das FBI davon abzuhalten, in diesen Fällen zu ermitteln. Dies fachte nur weiter Gerüchte einer Vertuschung von Seiten der Polizei an. Burke wurde unterdessen am 9. Dezember 2015 angeklagt, weil er einen Mann zusammengeschlagen und bedroht haben soll, der ihn bestohlen hatte, und weil er sich verschworen haben soll, die Ermittlungen der Bundespolizei gegen ihn zu behindern. Sollte das FBI in seiner Suche nach dem Serienmörder—oder, wie einige vermuten, den Serienmördern—von Long Island erfolgreich sein, würde es damit eines der größten ungelösten Rätsel der modernen US-Geschichte aufklären.

Das namenlose Grab von Maureen Brainard-Barnes auf dem Friedhof St. Mary's Cemetery in New London, Connecticut | Foto von Laura McClintock

Niemand hätte je etwas vom Serienmörder von Long Island erfahren, wäre da nicht Shannan Gilbert gewesen, die an jenem Morgen im Mai nahe den noch unbekannten Ruhestätten diverser weiblicher Überreste durch die bewachte Wohnanlage Oak Beach rannte.

Sie rief den Notruf an und sagte im Laufe des Telefonats, das über 20 Minuten andauerte: „Sie versuchen, mich umzubringen!" Eine Aufnahme des Anrufs existiert, doch das Büro des Staatsanwalts von Suffolk County Tom Spota hat sie der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich gemacht. Spotas Büro lehnte es ab, VICE gegenüber einen Kommentar abzugeben, und verwies bei Fragen zu den Ermittlungen stattdessen auf die Polizei. Detective Vincent Stephan vom Suffolk County Police Department hat einen Artikel für Newsday geschrieben, in welchem er versucht, Kritik seitens der Familie Gilbert zu entschärfen, indem er darauf besteht, ihre Stimme habe bei dem Anruf ruhig geklungen. Dormer hingegen sagte VICE gegenüber, Gilbert habe sich in der Aufnahme angehört, als sei sie in Gefahr und „völlig außer sich vor Angst".

Das „sie" in Gilberts Anruf bleibt, wie fast alles im Zusammenhang mit ihrem Tod, ein Rätsel. Niemand weiß, auf wen sich Gilbert bezog, und es gibt Menschen, die sogar in Zweifel ziehen, dass es diese Mörder überhaupt gab. Michael Pak, Gilberts Fahrer, hatte sie auf Wunsch nur eines Mannes in die private Wohnanlage aus 72 Häusern gebracht: Joseph Brewer. Brewer war laut Anwohnern, die ihn kannten, ein Junggeselle mittleren Alters und sehr aktiver Freier. Er rief Pak gegen 5 Uhr morgens an, um Gilbert zurück in ihren Wohnort Jersey City zu bringen, doch aus bisher ungeklärten Gründen rief sie stattdessen die Polizei und flüchtete, klingelte in der Morgendämmerung an Türen und flehte um Hilfe, ganz gleich von wem.

(„Ich vertraue auf die Polizei", sagte Brewer am Telefon, als ich ihn für diese Story auf Gilbert ansprach, und legte auf. Laut Dormer, dem ehemaligen Police Commissioner, haben die Ermittler Brewer bereits nach kurzer Zeit als Verdächtigen ausgeschlossen.)

Dormer fasst den Morgen von Gilberts Verschwinden wie folgt zusammen: Nachdem sie aus Brewers Haus geflüchtet war, klingelte sie an der Tür eines älteren Mannes namens Gus Coletti, der inzwischen verstorben ist. Coletti rief ebenfalls die Polizei. Pak wendete seinen schwarzen Ford Explorer und fuhr auf sie zu, woraufhin Gilbert sich hastig an ein Fensterbrett zurückzog, auf dem elektrische Kerzen standen. Diese Lichter gehörten einer Nachbarin namens Barbara Brennan, die sie zum Gedenken für ihren Mann aufgestellt hatte, der bei den Anschlägen des 11. September ums Leben gekommen war. Brennan antwortete nicht auf Shannans Klopfen, sondern machte stattdessen selbst zwei Anrufe: einen um 5:22 Uhr bei der Polizei und einen weiteren bei Tom Canning, einem Nachbarn, dem sie vertraute.

Canning, ein pensionierter Landschaftsgärtner mit geröteten Gesicht und schlohweißen Haaren, behauptet, er sei daraufhin mit seinem Hund, einem Weimaraner, bei Brennan eingetroffen.

„Es war niemand dort, den ich hätte retten können", erinnert sich Canning. Er starrt auf die Veranda seines Hauses in Oak Beach, bevor er seine Augen auf den sanft wogenden Atlantik hinaus schweifen lässt. „Ich wünschte, ich hätte die Gelegenheit gehabt, ihr zu helfen."

Gilgo Beach, Long Island, New York. Die Leichen von Maureen Brainard-Barnes, Megan Waterman, Melissa Barthelemy und Amber Lynn Costello wurden hier zwischen 11. und 13. Dezember 2010 gefunden | Foto von Laura McClintock

Canning deutet vom Wasser weg und links an seinem Haus vorbei, wo ein dichtes, mannshohes Schilfrohrdickicht sich Richtung Horizont erstreckt.

„Sie ist in das Ried gerannt", sagt er und bezieht sich damit auf den Ort, an dem Gilberts Leiche gefunden wurde.

Andere Aussagen widersprechen Cannings. Sein damals 20-jähriger Sohn Justin sagte 2010 der New York Post gegenüber: „Wir haben ihre Fußspuren im Sand gesehen. Sie war panisch. Wir dachten, sie sei auf Drogen."

Canning Senior streitet ab, Fußspuren im Sand gesehen zu haben. Sein Sohn Justin lehnte es ab, für diese Story interviewt zu werden.

Joe Scalise ist in seinen 70ern und arbeitet für den Jones Beach State Park. Seine Augen sind so blau wie das Meer um Oak Beach, wo er bereits seit mehr als 40 Jahren mit seiner Familie lebt. Er erinnert sich daran, kurz nach Hurricane Sandy und damit etwa ein Jahr nach dem Fund von Gilberts Leiche mit Canning in dessen Auffahrt gesprochen zu haben. Bei dieser angeblichen Begegnung ging es um einen weiteren Bewohner von Oak Beach und Freund von Canning, den ehemaligen Polizeiarzt des Suffolk County Police Department Peter Hackett.

„Canning hat mir nach Sandy erzählt, Dr. Hackett habe Shannan Gilbert betäubt", sagt Scalise. Doch Canning streitet ab, dass Hackett überhaupt Kontakt mit Shannan Gilbert hatte, nachdem sie an Brennans Tür geklingelt hatte. „Der ist verrückt", sagt Canning über Scalise.

Egal, wer in diesem Fall die Wahrheit erzählt, Hackett bleibt eine wichtige Person in dieser Saga. Unter gewissen Verschwörungskennern im Internet ist er eine extrem kontroverse Figur: Je nachdem, wen man fragt, ist Hackett ein völlig gestörter Mörder, ein Sündenbock, oder ein sozial unbeholfener Prothesenträger, der zu Angeberei neigt und den zu beschuldigen für die verängstigte Gemeinde die einfachste Lösung war.

Es dauerte Monate, bis die Polizei Gilberts Notruf mit den Berichten über die panische Frau verband, die in Oak Beach an Türen geklopft hatte. Der Grund für diese Verzögerung liegt in einem bürokratischen Fehler: Als die Notruftelefonistin sie fragte, wo sie sei, antwortete Shannan Gilbert laut Dormer „in der Gegend um Jones Beach". Jones Beach ist bei New Yorkern, die Long Island sonst nur aus Klatschkolumnen über Star-Urlaub in den Hamptons kennen, ein beliebtes Ziel für Wochenendausflüge. Als sich Paks Geländewagen Brewers Haus näherte, war „Jones Beach" vermutlich der Name, den Gilbert am häufigsten auf Schildern las. Jones Beach ist außerdem ein State Park, weswegen an jenem Morgen auf ihren Anruf hin anstelle der lokalen Polizei die Behörden des Bundesstaats New York eingeschaltet wurden.

Für Gilbert muss der Ocean Parkway ausgesehen haben wie ein kahler, bedrohlicher Horizont aus Schwärze, Mondlicht und Wellen. Als sie starb, hatte sie vermutlich keine Ahnung, wo sie war.

Mari Gilbert, links, steht neben ihrem Anwalt John Ray, während dieser bei einer Pressekonferenz in Babylon, New York, mit Journalisten spricht; 20. Dezember 2011 | Foto: AP Photo/Seth Wenig

Laut Shannan Gilberts Mutter Mari rief Hackett sie zwei Tage nach dem Verschwinden ihrer Tochter an und sagte genau einen Satz:

„Ich betreibe ein Heim für schwer erziehbare Mädchen."

Hackett stritt ab, Gilberts Mutter jemals angerufen zu haben, bis Telefondaten zeigten, dass er sie tatsächlich angerufen hatte—und zwar zweimal. Hackett schickte zwei Briefe an 48 Hours Mystery, eine dokumentarische Serie auf CBS, die 2011 den Fall des Serienmörders von Long Island behandelte. In diesen Briefen gab er zu, Anrufe gemacht zu haben, stritt jedoch ab, Shannan jemals begegnet zu sein, sie in seinem Haus gehabt oder ihr Drogen verabreicht zu haben.

Die Familie Gilbert stimmt seiner Version der Geschehnisse gelinde gesagt nicht zu.

„Dr. Hackett hat Mari Gilbert gesagt, er würde ein Heim für schwer erziehbare Mädchen betreiben und Shannan befinde sich in seiner Obhut", sagt John Ray, der Anwalt der Familie Gilbert. „Warum sollte er so etwas tun?"

Die Familie Gilbert hat im November 2012 ein Zivilverfahren wegen widerrechtlicher Tötung gegen Hackett eingeleitet, in dem sie behauptet, er habe sie an jenem Morgen in sein Haus geholt und ihr Drogen verabreicht, was schließlich zu ihrem Tod geführt habe. Ray, ein freundlicher Mann mit einem kurzen grauen Pferdeschwanz, erzählt seine Version der komplexen Geschichte mit der Sicherheit eines Dirigenten, der alle Teile des Orchesters fest im Griff hat.

„Ich habe sehr großen Respekt vor Mordermittlern", erklärt er in seinem warmen, mit Büchern gefüllten Büro in Port Jefferson. „Doch nachdem ich etwa 750 Stunden Arbeit in diesen Fall investiert habe, kann ich sagen, dass die Polizei hier absichtliche Vertuschung betrieben hat."

Ray hat die meisten Schlüsselfiguren im Fall Shannan Gilbert unter Eid aussagen lassen, darunter auch Hackett und dessen Familie. Er behauptet, viele Schritte, die eigentlich zum standardmäßigen Vorgehen gehören, seien bei den Mordermittlungen nicht ausgeführt worden, und dafür „wurden viele Dinge getan, die man nicht hätte tun dürfen." Hacketts Haus, Boot und Auto wurden laut Ray nur unvollständig durchsucht; außerdem habe die Polizei nie mitgeteilt, ob die Erde am Fundort von Gilberts Leiche auf Fleischpartikel untersucht wurde (das hätte verraten, ob sie dort verwest ist oder ihre Leiche dorthin transportiert wurde). Das Suffolk County Police Department wollte auf meine Nachfrage Rays Anschuldigungen weder bestätigen noch abstreiten.

Michael Baden, ein unabhängiger medizinischer Gutachter, den Ray für die Familie Gilbert beauftragt hat, teilte mir mit, Gilberts Zungenbein, ein kleiner Knochen im Hals, sei deformiert gefunden worden. Baden zufolge kann dies bei einer Strangulation passiert sein, doch ohne Zugang zu Gilberts Weichgewebe sei es unmöglich, eindeutige Schlüsse bezüglich ihrer Todesursache zu ziehen. Gilberts verbleibendes Weichgewebe war nach der Autopsie weggekocht worden, was laut Baden im Zuge der Leichenidentifikation häufig gemacht wird und daher keinen Hinweis auf eine Vertuschung seitens der Behörden liefert—auch wenn er diesen Schritt im Falle Shannan Gilberts unnötig findet.

Allerdings hat Baden außer dem deformierten Zungenbein noch weitere Gründe zur Annahme, dass Gilbert ermordet wurde. Er sagt, Gilberts Leiche sei auf dem Rücken liegend gefunden worden, was bei Ertrunkenen nur sehr selten vorkomme. Außerdem seien ihre Habseligkeiten um ihre Leiche verstreut gefunden worden, was darauf hindeute, dass sie an den Fundort getragen wurde.

Ray betont, dass Hacketts Anruf bei Mari Gilbert zu einer bekannten Tendenz des Serienmörders von Long Island gehöre, die Angehörigen der Opfer zu verhöhnen. Amanda Barthelemy, die jüngere Schwester des Mordopfers Melissa Barthelemy—die 2009 verschwand und deren in Sackleinen gewickeltes Skelett im Dezember 2010 bei der Suche nach Gilbert in den Dornenbüschen entlang des Ocean Parkway gefunden wurde—, wurde von dem Mörder mit einer Reihe sexuell und anderweitig bedrohlicher Anrufe gequält, die von öffentlichen Orten wie dem Times Square und dem Madison Square Garden kamen. Ray erwähnt außerdem, dass Hacketts zweiter Anruf, den er ein paar Tage nach Gilberts verschwinden tätigte, von einem Sendemast in New Jersey weitergegeben wurde—doch laut Ray streitet Hackett ab, in jener Woche dort gewesen zu sein.

Als Hackett unter Eid aussagen musste, teilte er freiwillig mit, er besäße eine Lizenz der Drogenvollzugsbehörde DEA mit einem „X"; eine solche Lizenz erteilt dem Inhaber die Erlaubnis, gewisse Opiate zu verschreiben. Hackett hat mutmaßlich Ray gegenüber auch zugegeben, selbst regelmäßig einen selbstverschriebenen Cocktail aus Opiaten und anderen Mitteln zu nehmen. In Oak Beach gibt es viele Geschichten über Opiatsucht; Scalise und seine Familie behaupten, Hackett habe seinen Zugang zu einem Rezeptblock genutzt, um sich als eine Art Drogendealer über Wasser zu halten, nachdem er mutmaßlich vom County gefeuert worden sei.

Doch trotz Rays riesigem Ordner voll Aussagen und trotz den zahllosen Amateurdetektiven, die von Hacketts Schuld überzeugt sind, gibt es viele offene Fragen, was Hacketts Verwicklung in den Fall angeht: Wenn die Polizei tatsächlich versucht haben sollte, die Identität des Serienmörders von Long Island versteckt zu halten, warum sollte sie dann einen solchen Mann schützen? Es gab augenscheinlich keinen Grund für eine solche behördliche Unterstützung: Laut Ray hat Hackett unter Eid ausgesagt, er sei vom Suffolk County als Polizeiarzt gefeuert worden, weil er ein Arbeitshandy zu privaten Zwecken gebraucht und behauptet hatte, er sei in der Arbeit, als dies gar nicht der Fall war. Nach der Tragödie des Flugs 800, der 1996 am Himmel explodierte und die Überreste von 230 Passagieren auf Suffolk County herabregnen ließ, hatte Hackett die örtliche Polizei bloßgestellt, indem er seine Rolle in den Ermittlungen vor den Lokalzeitungen aufbauschte. Er war in den Worten eines Polizeibeamten von Suffolk County, der lieber anonym bleiben möchte, „ein Eichhörnchen"—ein Mann, den man leicht verhaften kann, ohne einen Skandal auszulösen.

Letztlich ist da noch die Tatsache, dass Hacketts Frau, sein Sohn und seine Tochter zum Zeitpunkt von Gilberts Verschwinden mit ihm zusammen in dem Haus in Oak Beach lebten. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Mann in einer solchen Wohnsituation ohne die Beteiligung seiner Familie ein mörderisches Doppelleben führen könnte; noch schwerer vorstellbar wäre, dass die drei anderen Hacketts kollektiv über so viele Jahre hinweg ein derart grausames Geheimnis hätten waren können.

Hacketts öffentliches Image hat sich in den mehr als fünf Jahren seit Gilberts Verschwinden gewandelt. Für die Doku-Sendung 48 Hours Mystery sprach man mit Hackett vor seinem Haus, wo er abstritt, sich an den Anruf bei Gilberts Mutter zu erinnern. Der Journalist Robert Kolker, dessen Buch Lost Girls von 2013 unter anderem auf die traurigen Lebensumstände eingeht, durch welche die Opfer des Serienmörders von Long Island in die Prostitution gerieten, wurde im Dezember 2011 (und damit mehrere Monate nach der Aufzeichnung von 48 Hours Mystery) von Hackett in sein Haus in Oak Beach eingeladen. Dem Autor gegenüber stritt Hackett eine Beteiligung an Gilberts Tod ausführlich ab.

Doch irgendwann hörte Hackett auf zu reden. Crime Watch Daily, eine investigative Magazinreihe, folgte Hackett im Dezember 2015 zu seinem Auto, nachdem er gerade eine von Rays Vorladungen hinter sich gebracht hatte. In diesem kurzen Video ist zu sehen, wie Hackett anscheinend einen Schock durch seinen implantierten Defibrillator vortäuscht, als er gefragt wird, ob er für die Tode der Frauen verantwortlich sei, die man entlang des Ocean Parkway gefunden hat. Kurz nachdem er sich an die Brust greift und zu Boden geht, steht der Arzt wieder auf, stellt den Journalisten noch eine erboste Frage, steigt in sein Auto, lässt den Motor an und bekreuzigt sich in der hereinbrechenden Dunkelheit.

Hackett ist, wie auch andere, deren Wege sich in der Nacht ihres Verschwindens mit Gilbert kreuzten, darunter Barbara Brennan und Joseph Brewer, aus Oak Beach weggezogen. Möglicherweise wollten sie einfach Abstand zu dieser Geschichte gewinnen. Ich habe Hacketts Anwalt kontaktiert, doch meine Anrufe wurden niemals erwidert. Hackett soll nun in Fort Myers, Florida, leben. Als ich letzten Monat in einer Stadt namens Point Lookout auf Long Island eine weitere Adresse aufsuchte, öffnete mir eine jüngere Frau die Tür. Als ich sie fragte, ob ich Peter Hackett oder seine Frau für diese Story sprechen könne, starrte die Frau mich feindselig an.

„Sie wollen nicht mit Ihnen reden", sagte sie und schlug die Tür zu.

Gilgo Beach, Long Island | Foto von Laura McClintock

Richard Dormer will nur ein wichtiges Detail klarstellen.

„Das FBI ist zurückgekommen", sagt er und nickt in seinen Pappbecher schwarzen Kaffee. „Sie sind nicht zum ersten Mal hier, sie sind zurück."

Der ehemalige Police Commissioner von Suffolk County hat einen altmodischen Charme, verstärkt durch seinen irischen Akzent—ein Überbleibsel aus seiner Heimat, denn er ist 1958 in die USA immigriert. Dormer hält heute an denselben Theorien fest wie auch schon zur Zeit von Gilberts Verschwinden: Gilbert sei auf Drogen gewesen, habe Angst bekommen, sei ins Ried gerannt und ertrunken. Die Leichen, die im Laufe der Jahre gefunden wurden, seien das Werk eines einzelnen Mörders. Die Tatsache, dass Gilbert prostituiert war und direkt neben einem Massengrab anderer prostituierter Frauen starb, sei lediglich ein Zufall.

„Sie war ein Skelett", sagte Dormer von dem toxikologischen Gutachten, bei dem keine Spur von Drogen in Gilberts Körper festgestellt wurde. „Es gab nicht viel zu testen."

Der ehemalige Polizist will nicht viel darüber sagen, wie sein Nachfolger mit dem Fall umgegangen ist, doch er ist entschlossen, mich und die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, er habe alles in seiner Macht Stehende getan, um ihn zu lösen.

Dem ehemaligen Polizeichef von Suffolk County James Burke, der etwa zur Zeit von Hacketts Arbeit für die Behörde seinen Aufstieg hatte, gehen langsam die Verfechter aus. Im März soll ein Prozess gegen ihn beginnen, weil er mutmaßlich in ein Verhörzimmer geplatzt ist und einen Verdächtigen brutal zusammengeschlagen hat, nachdem dieser einen Seesack aus seinem Auto gestohlen hatte. Der Dieb behauptete, in dem Beutel eine Sammlung von Sexspielzeug, Zigarren und Hardcore-Pornografie gefunden zu haben. Burke soll dem Dieb damit gedroht haben, ihm einen „Hot Shot" zu verpassen; diese Slang-Bezeichnung steht für eine tödliche Dosis Heroin, die als vergleichsweise unverdächtiges Mordinstrument genutzt wird. Burke war außerdem einmal mit einer polizeikundigen Prostituierten und Drogendealerin zusammen, die ihre Gesetzesverstöße in seinem Bezirk verübte.

Burkes Gewalttätigkeit hat die Sorge hervorgerufen, er könnte die Ermittlungen im Falla des Serienmörders von Long Island absichtlich verlangsamt haben, nachdem er Dormers Amt übernahm. Burke war einer der Zeugen in einem der berüchtigtsten Mordfälle der Geschichte von Long Island: der Fall John Pius von 1979. Im Laufe des Prozesses sagte ein damals 14-jähriger Burke gegen seine eigenen Freunde aus, die einen 13-jährigen Jungen brutal gemobbt und ermordet hatten, indem sie ihm Steine in den Rachen stopften. Viele Beobachter fragten sich, inwiefern Burke selbst an dem schrecklichen Verbrechen beteiligt gewesen sein könnte; immerhin hatte er nicht interveniert. Der junge Staatsanwalt, der für den Fall Pius zuständig war, war Spota, der inzwischen zum Bezirksstaatsanwalt von Suffolk County aufgestiegen ist und Burke den Weg zu seiner Position als mächtigster Polizist des Countys geebnet hat. Lokalzeitungen beschreiben Spotas Verhältnis zu Burke als das eines Mentors, der ihm 2012 dabei half, zum Polizeichef aufzusteigen.

(Das FBI hat es abgelehnt, darüber Auskunft zu erteilen, ob Ermittlungen gegen Burke aufgrund von Amtsmissbräuchen in irgendeiner Weise mit den Ermittlungen im Fall des Serienmörders zu tun haben. Spotas Büro lehnte es ab, die Beziehung des Bezirksstaatsanwalts mit Burke zu kommentieren. Burke lehnte es durch seinen Anwalt Joseph Conway ab, einen Kommentar zu den Serienmörder-Ermittlungen oder zu seinen eigenen Anklagepunkten abzugeben.)

Timothy Sini, der aktuelle Police Commissoner von Suffolk County, führt nun die Serienmörder-Ermittlungen an. Er ist seit der Entdeckung der ersten Leichen 2010 die dritte Person an der Spitze der Polizeiarbeit in diesem Fall. Im Rahmen eines Telefoninterviews erzählte er mir, zusätzlich zum FBI würden zwei Mordkommissare in Vollzeit an dem Fall arbeiten; außerdem würden sich noch bis zu 12 weitere Detectives über den Fall auf dem Laufenden halten.

„Jegliche Versäumnisse bei den vergangenen Ermittlungen werden zukünftig untersucht", sagte Sini in Bezug auf Burke. „Ich werde diese Situation nicht beschönigen."

Er zeigte sich optimistisch, dass der Fall noch gelöst werden könne.

„Wir erhalten jeden Tag Hinweise", sagte er. „Leider kommen die meisten von Frauen, die ihren Mann für den Mörder halten."

Sinis Aussage über Frauen, die ihre Ehemänner verdächtigen, mag eine Anspielung auf eine Frau in ihren 40ern sein, die mir einen 80-seitigen Bericht zumailte, den sie laut eigener Aussage bereits dem FBI geschickt hatte und in dem ihr Mann mit einer großen Serienmord-Verschwörung in Verbindung gebracht wird, in die auch James Burke verwickelt sein soll. Sie behauptet, die Verbindung zwischen den Beiden auf einer Website entdeckt zu haben, auf der Männer Prostituierte benoten und ausführlich miteinander besprechen. Die Frau ist überzeugt, die Männer hätten zusammen unter dem Namen Carney Construction Crew „Sex-Partys" veranstaltet, bei denen sie einige der zu sich bestellten Prostituierten ermordeten und daraufhin ihre Leichen in den Dornenbüschen entlang des Ocean Parkway entsorgten. Unbestätigte Theorien wie diese sind zahlreich und die Bars in Long Island sind erfüllt von Gerüchten.

Es gibt Leute, die glauben, ein prominenter Geschäftsmann aus Suffolk County, der am Jahrestag eines der großen Leichenfunde Selbstmord beging, sei der Täter. Andere bestehen darauf, dass die Morde das Werk einer satanistischen Sekte sein müssen, oder das eines Mannes, der Snuff-Filme dreht. Es gibt auch solche, die sich sicher sind, dass es eine Gruppe mächtiger Männer aus den politischen Kreisen Suffolk Countys gibt, die auf Luxujachten Orgien feiern und ein Motiv haben, ihr Handeln mit Mord zu vertuschen. Manche bringen die Leichen am Ocean Parkway auch mit den ungelösten Mordfällen vierer Frauen in Atlantic City von 2006 in Verbindung. Es gibt auch ein nicht verifizierbares Gerücht, laut dem eine afroamerikanische Prostituierte irgendwann vor 2010 in Oak Beach entkommen und halbnackt den Ocean Parkway entlang gerannt sein soll, wobei sie „Sie versuchen, mich umzubringen!" geschrien haben soll, ganz wie Shannan Gilbert an dem Morgen ihres Verschwindens.

All das ist beängstigend, doch es ist leider nichts Handfestes dabei.

Letzten Endes läuft alles darauf hinaus: Shannan Gilbert machte von Joe Brewers Haus in Oak Beach, Long Island, einen Notruf, weil sie aus irgendeinem Grund wusste, dass ihr Tod kurz bevorstand—und wir kennen diesen Grund nicht.

Michael Edison Hayden ist in Long Island aufgewachsen. Seine Arbeit ist unter anderem bereits in der New York Times, Los Angeles Times, in Foreign Policy und National Geographic erschienen.