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Brüssels Babylon: Insider über Sex, Geld und Hickhack in der EU-Zentrale

Wie ist das Leben in der gut betuchten EU-Blase? Anonyme NGO-Mitarbeiter, Journalisten, Beamte, Lobbyisten und Berater haben uns einen ehrlichen Blick hinter die Kulissen gegeben.

von Gavin Haynes
18 Juni 2016, 4:00am

Die EU-Kommission | Foto: Sébastien Bertrand

Mit ihrer eigenen Steuerklasse und ihrem eigenen oftmals undurchschaubaren Jargon befinden sich die "Brüsselkraten" der Europäischen Union intellektuell und gesellschaftlich gesehen auf einem anderen Level. Die EU-Blase, über die sich Medienvertreter oft auslassen, existiert wirklich. Überall gibt es eigene Welt- und Menschenbilder und die "unantastbaren" (aber eigentlich stets überprüften) Abgeordneten in Brüssel bilden da keine Ausnahme.

Es ist jedoch auch so, dass der durchschnittliche Bürger eigentlich gar nicht wirklich weiß, wie es hinter den Türen der Europäischen Kommission überhaupt zugeht.

Aus diesem Grund haben wir uns mit ein paar dieser eurokratischen Orks unterhalten und sie dabei gefragt, wie es sich in Brüssel lebt. Bei unseren Gesprächspartnern handelte es sich um NGO-Mitarbeiter, Journalisten, Beamte, Lobbyisten und Berater aus Großbritannien, Irland und Frankreich. Alle erklärten sich dazu bereit, so offen und ehrlich wie nur möglich über die Vor- und Nachteile der eben erwähnten EU-Blase zu sprechen. Es folgen nun ihre Geschichten, die wir natürlich anonymisiert haben.

Das Geld

"Wenn man bei der Europäischen Kommission als sogenannter Stagiaire—also als Praktikant—arbeitet, dann erhält man natürlich nur einen befristeten Arbeitsvertrag und auch nur relativ wenig Geld. Wenn man es jedoch bis zur Position als Fonctionnaire—also richtig angestellter Beamter—schafft, dann ist die Bezahlung richtig gut und das Einstiegsgehalt liegt bei ungefähr 4.500 Euro im Monat. Und die Mieten sind hier auch noch im Rahmen."

"Bei einer mittleren Besoldungsstufe—sagen wir mal AD12, was man mit Ende 20 locker erreicht haben kann—nimmt man dann schon 14.000 Euro mit nach Hause. Das ist mehr als das, was so manches europäisches Regierungsoberhaupt verdient. Auch jeden Fall reicht es für einen schicken Mercedes, da man hier als Eurokrat auch nur 12,5 Prozent an Steuern zahlen muss. Innerhalb des EU-Komplexes befindet sich zudem noch ein Einkaufszentrum mit subventionierten Preisen: Diplomaten bekommen dort automatisch 10 Prozent Rabatt."

"Ich meine, wo ist es einem durchschnittlichen Beamten denn sonst möglich, alle vier Kinder auf eine Privatschule zu schicken, ein hübsches Haus in einem Vorort zu besitzen und auch sonst ein Luxusleben zu führen? Man nennt das hier auch den goldenen Käfig. Zwar wollen viele Leute wieder weg, aber man gewöhnt sich auch sehr schnell an den Lifestyle."

"Wenn man jedoch nicht direkt bei der Europäischen Kommission arbeitet, dann muss man gleich gut 50 Prozent an Steuern abtreten. Selbst wenn das Gehalt dann bei 3.000 Euro liegt, kriegt man nur um die 1500 raus. Deshalb kommen viele der Leute, die quasi am Rand des ganzen Zirkus arbeiten, auch nur gerade so über die Runden."

Der Sex

"Wie in jedem international geprägten Umfeld haben die Leute auch hier eine Menge Sex. Wenn man hier ankommt, fühlt sich das Ganze erstmal an wie ein großes Sommerlager oder ein langer Erasmus-Aufenthalt. Hier verkehren viele Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und die meisten von ihnen sind Single und nach mehrere Monaten oder Jahren wieder weg. Alle haben ungefähr den gleichen Bildungsstand. Die ganze Atmosphäre und Kultur hier ist sowieso sehr auf Alkohol fixiert. Das ist natürlich die perfekte Grundlage, um wie die Karnickel zu rammeln. Tinder hat auch hier einiges verändert und der ganze Prozess ist inzwischen nicht mehr so barlastig."

"Hier ist es so ähnlich wie in einem Dorf: Jeder kennt jeden. Ich habe schon zig Geschichten darüber gehört, wie verheiratete EU-Parlamentsabgeordnete plötzlich bei Tinder aufgetaucht sind. Und dann darf man hier natürlich auch nicht vergessen, dass es quasi unvermeidbar ist, dass ein Sexpartner bzw. eine Sexpartnerin dir irgendwann in einem Meeting gegenübersitzt oder—noch schlimmer—man ihn oder sie zu deinem neuen Boss macht."

Der Place Du Luxembourg

"Der Place Du Luxembourg ist in Brüssel wirklich legendär. Er befindet sich direkt vor dem EU-Komplex und ist voll mit Bars—hier kommen dementsprechend auch die ganzen Neuankömmlinge her, um zu trinken. Nach ein paar Jahren will man mit diesem Ort jedoch nicht mehr wirklich etwas zu tun haben. Eigentlich ist man dann nur 'ironisch' dort unterwegs oder wenn man Lust auf leicht zu habende Praktikanten und Praktikantinnen hat."

"Donnerstagabend geht es dort am meisten ab. Manchmal ist dann so viel los, dass die Polizei sogar die öffentlichen Verkehrsmittel umleiten muss. Freitagmorgens fliegen die ganzen Parlamentsabgeordneten zurück in ihre Heimatländer und deswegen bekommen sie auch nicht mit, wie ihre Assistenten mit einem Kater durch die Arbeit stolpern. Der Place Du Luxembourg ist vor allem von einer Mischung aus Sex und Networking geprägt. Ich meine, manche verteilen dort ja auch ihre Visitenkarten."

"In den vergangenen Jahren hat sich das Gesicht der englischen Partei UKIP verändert: Dort findet man jetzt keine verbohrten und alten ehemaligen Militärs mehr, sondern eher junge und trinkfeste Rowdys. Wenn es auf dem Place Du Luxembourg also mal zu einer Schlägerei kommt, dann kann man fast immer davon ausgehen, dass die UKIP irgendwie involviert ist."

"Dort ist es auch gang und gäbe, dass man in allen Bars 50 Cent zahlen muss, um die Toilette benutzen zu dürfen."

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Die Stereotypen

"Nationale Stereotypen treffen hier leider oft zu. Die Deutschen sind Dynamos. Die meisten italienischen Parlamentsmitglieder liegen quasi nur auf der faulen Haut. Und die Rumänen und Bulgaren sind nur selten anwesend. Dafür kann man sie quasi jeden Tag ab 16:30 Uhr in den Bars am Place Du Luxembourg antreffen."

Die Ausbildung

"Hier arbeiten die ganzen Leute, die damals in der Schule in der ersten Reihe saßen und sich immer fleißig meldeten. Alle haben mindestens zwei Master-Abschlüsse. Nur wenige sind aber wirklich auf angesehene Unis gegangen. Nein, die meisten haben eher sehr spezielle Dinge wie etwa Europawissenschaften, Föderalismus oder Verwaltungswissenschaften studiert."

"Eine bekannte Brutstätte ist die in Straßburg ansässige École Nationale d'Administration. Egal ob Chirac, Hollande, de Villepin, Juppé oder EU-Kommissar Pierre Muscovici, sie alle sind auf die ENA gegangen."

"Die wahre Ausbildungsstätte für Brüssels Elite liegt jedoch in Brügge und heißt College of Europe. Dort hat der englische Politiker Nick Clegg zum Beispiel seine Frau kennengelernt. Dort reinzukommen, ist unglaublich schwer. Am Ende hat man dann 200 für die Europäische Union bestimmte Absolventen, die ein Jahr lang zusammen in einer Kleinstadt verbringen, wo man außer Saufen und Ficken nicht viel machen kann. Letztendlich formt sich dort so fast schon inzestuös eine Elite, deren Mitglieder später mal große Dinge vollbringen werden, sich gegenseitig aber schon sehr gut kennen."

"Überqualifizierung findet man hier quasi an jeder Ecke. Ich meine, im Grunde gibt es auf der Exekutivebene nur eine kleine Anzahl an wirklich bedeutsamen Positionen, um die sich dann Tausende Personen streiten. Ich kenne zig Leute, die an den besten Universitäten studiert haben und jetzt bei Konferenzen solange Namensschilder verteilen, bis sich irgendwann eine bessere Stelle auftut. Und das kann Jahre dauern."

Die Arbeit

"Ja, die Arbeit hier ist manchmal wirklich richtig langweilig und theoretisch. Daraus macht man ja auch gar kein Geheimnis. Der Nervenkitzel liegt hingegen einfach darin, dass hier 20.000 Menschen bei der Europäischen Kommission, 5000 im Parlament und weitere 20.000 im Lobbyismus-Bereich arbeiten und sich jeder in dieses tägliche Spiel der Einflussnahme, der persönlichen Macht und des Kuhhandels verstricken lässt. So etwas findet man nirgendwo sonst auf der Welt."

"Wenn man jetzt keine große Lust hat, großartig die Finger krumm zu machen, dann sollte man am besten für einen Gewerbeverband arbeiten. Einer meiner Freunde hat in der Europäischen Kommission zum Beispiel mal die Margarine-Industrie vertreten. Er musste einfach nur ein paar Berichte schreiben, ab und an mal bei einem Meeting dabei sein und darauf hoffen, dass sich legislativ gesehen nichts verändert."


Eine Brüsseler Straße bei Nacht | Foto: Doc Searls

Die Integration

"Bei den meisten Leuten gibt es einen Punkt, an dem sie eine Entscheidung treffen müssen—meist etwa nach zwei oder drei Jahren. Sie haben es auf die Leiter geschafft, aber jetzt stecken sie in einem System fest, in dem man nur in Zeitlupe vorwärts kommt. Im Grunde wartest du darauf, dass ein heute 60-jähriger Eurokrat stirbt oder in Rente geht, damit du eine Stufe weiter kommst. Wenn die Person es für zu langweilig hält, so lange zu warten, sucht sie sich etwas Neues. Wenn nicht, dann bleibt sie wahrscheinlich für immer dabei. Und das Leben hier kann gut sein, wenn man langsam in die Jahre kommt und ganz bourgeois wird und an Kinder denkt. Die Schulen sind großartig. Man bekommt zum Beispiel noch am selben Tag Arzttermine. Die Vororte sind angenehm. Es ist ein sehr bequemes Leben."

Die Belgier

"Die Belgier sind ein grauenhaftes Volk. Ohne sie wäre die Welt wirklich ein besserer Ort. Sie sind die fatalistischste und uninspirierteste Nation Europas. Es gibt eine Stelle in Lawrence von Arabien, wo Prinz Faisal sagt: 'Es steht geschrieben.' Und das ist es, was ich mit den Belgiern verbinde. Wenn überhaupt mal etwas zustande kommt, dann nur, weil es ein bestimmtes Prozedere dafür gibt, und das braucht immer so lange, wie es will. Da überrascht es wenig, dass der belgische Kundenservice der schlechteste in Europa ist."

"Ich liebe die Belgier. Ich habe gute belgische Freunde in Flandern. Es hat eine Weile gedauert, sie kennenzulernen, aber sie sind wirklich freundliche und liebe Menschen. Sehr aufrichtig und herzlich. Belgier sind viel auf Achse. Sie reisen viel, also kapieren sie auch einiges. In dieser Hinsicht fällt es sehr leicht, Zeit mit ihnen zu verbringen."

Die belgische Sicht auf die EU-Blase

"Es gibt eine große Kluft zwischen den gewöhnlichen Einwohnern und all den EU-Leuten. Die meisten haben maximal ein oder zwei belgische Freunde."

"Die Brüsseler beschweren sich ständig über die EU. Die EU-Leute zahlen keine Steuern, das ist immer der Hauptkritikpunkt. Dann sperren sie auch noch die Straßen ab, wenn ein großes politisches Ereignis ansteht. Nachdem Obama hier war, haben sie die Stadt noch eine Woche lang abgesperrt. Die Zeitungen waren voll mit Kolumnen, in denen es hieß, ohne das EuroParl würden es alle Brüsseler rechtzeitig in die Arbeit schaffen. Stimmt schon, aber: welche Arbeit? Die Arbeitslosigkeit ist in Belgien ziemlich hoch. Wenn da noch die EU wegfällt, bleibt nicht mehr viel."

Die Sprache

"Französisch war mal. Seit die osteuropäischen Staaten hinzugekommen sind, spielt sich alles auf Englisch ab. "

"Natürlich ist es auch nicht ganz Englisch—es ist mehr Weltisch, und man streut französische und deutsche Wörter ein, und oben drauf jede Menge Fachsprache—wenn man zum Beispiel vorhat, sich mit jemandem zu treffen, dann hält man ein 'bilateral' ab. Anstelle von 'intern' verwenden wir das französische Wort für Praktikant, 'stagiaire'. Und so weiter."

Bier | Foto von Neil Turner

Das Nachtleben

"Es ist in den letzten Jahren um einiges cooler geworden. Noch vor vier Jahren hat alles ziemlich tot gewirkt. Aber jetzt gibt es mehr Underground-Partys und da wir hier in Belgien sind, gibt es natürlich auch eine große Szene für elektronische Musik, die sich bis nach Flandern erstreckt—und dorthin braucht man mit dem Zug weniger als eine Stunde."

"Eigentlich basiert alles auf Mundpropaganda. Du kannst nicht einfach auftauchen und erwarten, eine coole Location zu finden."

"Die Szene beschränkt sich auf Gras und Koks. Viel MDMA ist mir nicht untergekommen."

Die Cliquen

"Die Franzosen geben sich meist nicht mit anderen Nationalitäten ab. Es gibt so eine Art nordeuropäische Union zwischen den Briten, Niederländern, Schweden und Deutschen. Dann sind da die Spanier und die Italiener, die ihr eigenes Ding machen. Meist hängen sie in großen, geselligen Cliquen ab. Oft kannst du auf einer Hausparty landen, wo fast alle aus Italien oder Spanien kommen. Dann ziehen sie geschlossen weiter und plötzlich ist alles wie leergefegt."

"Allgemein wollen die Leute schon gerne mit anderen Nationalitäten zu tun haben. Du darfst nicht vergessen, dass sie alle überzeugte Föderalisten sind. Menschen aus anderen Ländern zu treffen und mit ihnen eine Verbindung einzugehen—im Schritt oder anderweitig—, ist genau der Grund, warum sie hier sind."

Das Networking und die Lobby-Arbeit

"Das Netzwerken nimmt in Brüssel nie ein Ende. Es ist unerlässlich, zu jedem Namen das Gesicht zu kennen. Also gibt es ständig Frühstücke und Abend-Events, Mittagessen und Dinner, und unendlich viele Konferenzen. Da gibt es dann immer billigen Weißwein und Nicht-Bio-Orangensaft."

"Ich habe eine Zeit lang für eine Lobby-Firma gearbeitet, die bei einem Event EU-Abgeordneten und Mitgliedern der Kommission diverse Schweinefleischprodukte serviert hat. Unter anderem habe ich Nigel Farage [UKIP] bedient. Was sich Lobby-Gruppen von so etwas versprechen, ist Soft Power. Meist gibt es gar kein Thema, das man den Politikern unbedingt unterbreiten will. Lobbyisten wollen einfach die nötigen Kontakte haben, wenn zum Beispiel die zulässige Menge an Knochen und Knorpel in einer Standard-EU-Wurst neu festgelegt wird."

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Die Twittersphäre

"Weil es hier so viele Menschen gibt, die denselben Job machen—einen Job, den jede Person mit diesem Bildungsstand ausführen könnte—, ist es unabdingbar, sich von der Masse abzuheben. Social Media ist also sehr wichtig. Meist sind es die Neuankömmlinge, die in den sozialen Netzwerken am aktivsten sind. Oft haben sie nur wenig zu tun, also stecken sie ihre gesamte Energie in ihre Online-Profile."

"Um ehrlich zu sein, ist es sehr langweilig. Die Leute retweeten, was dieses Kommissionsmitglied oder jene Abgeordnete gesagt hat. Viele Leute schleimen sich ständig ein."

Nigel Farage von der UK Independence Party mit einem englischen Taxifahrer | Foto: Gareth Fuller/PA Wire

Der Brexit

"Das ist natürlich ein Thema, über das die Leute hier viel reden. Aber es kam ja auch nicht plötzlich. Die Europäer wissen seit Jahren, dass die Briten gemischte Gefühle haben. Und ehrlich gesagt würden sich auch viele von ihnen freuen, wenn die Briten gehen, denn sie wünschen sich ein richtig föderales Europa. Die Haltung der Briten sorgt dafür, dass alle mit gezogener Handbremse fahren."

"Die Leute hier sind völlig verzweifelt aufgrund der Haltung der Briten."

"Eine der interessantesten Fragen ist, was dann mit den ganzen Briten passiert, die für die Kommission arbeiten—sie werden über Nacht zu Ausländern, aber heißt das, dass sie dort nicht mehr arbeiten können? Ich schätze mal, sie werden einfach allen eine riesige Abfindung zahlen."

"Die Leute sind besorgt. Sehr besorgt."

"Ich habe ja den Verdacht, dass alles weiterlaufen würde, als sei nichts gewesen. Es wird zwei Jahre Zeit sein, das Durcheinander aufzulösen, und selbst danach wären die Briten noch gezwungen, permanente Delegation zu entsenden."

Das europäische Projekt

"Ich glaube, die meisten, die zum Arbeiten hierher kommen, sind blauäugige und überzeugte europäische Föderalisten. Sie glauben an den Traum und wollen unbedingt andere Europäer kennenlernen. Doch im Laufe der Zeit werden sie ein bisschen desillusioniert."

"Trotz allem sehen die meisten Leute immer noch den Wert der EU. Sie ist definitiv um Längen besser als jede Alternative."