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Sex

Wie es ist, der andere Mann in einer offenen Ehe zu sein

Ich wollte ihre Ehe nicht zerstören, aber leider sehen es viele Leute so.

von Anonym
17 Juli 2016, 4:00am

Illustration von Joe Frontel

Das Zimmer fühlte sich tot an. Fast alles steckte in sorgfältig beschrifteten Kartons. Wo vorher das Hochzeitsfoto im Wohnzimmer hing, war nur noch ein helles Rechteck an der Wand. Überall stapelte sich Zeug.

Ich saß auf der Couch, auf der alles begann. Auf dieser Couch war es acht Monate zuvor passiert: Wir hatten uns bekifft, einen lächerlich schlechten christlichen Film geschaut und danach zum ersten Mal Sex gehabt. Jahrelang war ich davor in die Frau verliebt gewesen. Und sie war rein zufällig verheiratet.

Ich brachte gerade den letzten Rest ihrer Sachen in meine Wohnung, als mich fast eine Panikattacke überkam. Mir schwirrte der Kopf. Es war so übel, dass ich fast kotzen musste. Ich machte einen verbotene U-Turn, ging in einen Schnapsladen und suchte wieder auf der Couch Zuflucht. Ich versuchte, mich zu betrinken und die überwältigenden Schuldgefühle von mir zu schieben. Sie saß daneben und versicherte mir, dass sie mich liebte, dass alles gut würde, und dass es ihre Entscheidung gewesen sei, ihren Partner nach acht Jahren zu verlassen.

Aber so hatte das alles nicht ablaufen sollen. Anfangs sagte sie mir, sie könne nicht meine Primärpartnerin sein. Sie war seit ein paar Jahren verheiratet und hatte mit ihrem Mann eine offene Beziehung vereinbart, nach deren Regeln beide ab und zu etwas mit Anderen haben konnten, solange sie einander sagten, wann und mit wem. Einmal half sie ihm dabei, ein Tinder-Profil zu erstellen, bevor er auf Geschäftsreise ging.

Sie waren der Inbegriff eines Paars, das ausgezeichnete Kommunikation und ausgezeichneten Sex hat. Sie waren umwerfend. Dass ich mit den beiden zu tun hatte, war für mich leicht surreal, immerhin war meine Jugend von religiösen Abstinenz-Konferenzen und Anti-Masturbationsbüchern beherrscht. Sexuelle Aufklärung hatte es bei mir natürlich auch nie gegeben.

Ich hatte erst eine ernste Beziehung gehabt. Das Mädchen und ich hatten viel im Keller meiner Eltern herumgemacht, aber dabei war es auch geblieben. Als wir schon seit zwei Jahren zusammen waren (zu diesem Zeitpunkt war ich Anfang 20), berührte sie beim Küssen meinen Schwanz. Ich sagte, wir sollten lieber aufhören, und erzählte ihr dann, dass ich immer noch Pornos schaute. Sie weinte ein bisschen und ich betete laut für sie.

Wenig später schlug sie vor, wir sollten eine Pause machen. Aber erst nachdem ich darauf bestanden hatte, dass sie mich heiratete. Als meine christliche Hingabe im Laufe der nächsten Jahre schwand, verlagerte sich meine Angst: Ich fürchtete nicht länger die Strafe, die auf unehelichen Geschlechtsverkehr folgt, sondern dass ich meine sexuelle Unerfahrenheit unter Beweis stellen und jemandem die Nacht vermiesen würde. Ich wusste ja nicht einmal, wo oder was genau die Klitoris ist.

Deswegen wies ich sie auch ab, als sie mir das erste Mal Avancen machte. Sie hatte mir ein Bild von einer Frau gezeigt, zu der sie stundenlang gefahren war, um Sex mit ihr zu haben. Rückblickend war das ein ziemlich deutliches Indiz dafür, dass sie nichts gegen ein bisschen außerehelichen Spaß hatte.

Doch als sie mich bei einem HipHop-Konzert fragte, ob ich mit ihr nach Hause gehen wollte—der Mann war auf besagter Geschäftsreise—, flüsterte ich unbeholfen "Vielleicht" und murmelte später "Heute nicht", als sie sich ins Taxi setzte.

Am nächsten Tag redeten wir in einer Bar darüber. Ich versuchte zu erklären, warum ich kein Interesse hatte. Der unausgesprochene Subtext dabei lautete: "Ich hasse meinen Körper, ich weiß nicht, ob mein Schwanz zu klein ist, und ich habe keine Ahnung, wie man einen BH aus- oder ein Kondom anzieht. Ich weiß nicht mal, wie ich mich enthusiastisch zeigen kann, ohne dass es zu viel wird."

Vielleicht waren meine Erklärungsversuche viel zu subtil. Vielleicht durchschaute sie aber auch meine Ausreden dank ihrer eigenen fundamentalistisch-christlichen Vergangenheit und erkannte, wie verunsichert ich war.

Sie brachte mir geduldig bei, wo ich sie küssen sollte und was sich gut anfühlte. Wir hatten in den folgenden Wochen ein paar Mal Sex. Wenn ich jetzt zurückdenke, fühlt sich die Anfangszeit irgendwie an wie eine Rom-Com, mit Sushi um 4 Uhr morgens, Indie-R&B und jeder Menge Gin.

Eines Nachts gingen wir nach dem Sex noch einen Burger essen und draußen vor dem Restaurant sagte ich ihr, dass sie die erste Person sei, mit der ich je geschlafen hatte.

Sie hatte es schon geahnt, bevor sie mich das erste Mal zu sich nach Hause eingeladen hatte. Sie hatte es unfair gefunden, dass ich keine Gelegenheit hatte, Sex auszuprobieren, bevor mich jegliche Hoffnung verließ. Anfangs erwähnte sie auch noch, dass sie mich vielleicht mit einer Freundin verkuppeln wollte.

Aber dann verliebten wir uns ineinander. Sie sagte es mir, als wir gerade unsere Lieblingskneipe verließen. "Das hier ist total abgefuckt", setzte sie an, und ich wusste sofort, was sie sagen wollte.

Bei uns passte einfach alles. An dieser Stelle kannst du ruhig jedes erdenkliche Klischee einfügen, von "Wenn ich bei ihr bin, vergesse ich den Rest der Welt" bis hin zu "Wir können einander alles sagen". Ich habe ein paar Mal auf Partys mit ihrem Mann abgehangen und auf derselben Couch, auf der ich mit seiner Frau geschlafen hatte, Ballerspiele mit ihm gespielt. Er machte Witze darüber, dass seine Frau und ich praktisch ein und derselbe Mensch seien.

Ihr Mann und ich sprachen nie direkt über die Situation. Wenn er im Zimmer war, verkniff ich mir Berührungen und Küsse. Es war wie eine ungeschriebene Regel, ein Eingeständnis, dass ich so eine Art Eindringling war. Aber diese unbeholfenen Interaktionen waren immer noch um Längen besser als meine paar Versuche, guten Freunden die Situation zu schildern.

Einer meiner ältesten Freunde, der kurz zuvor seiner Freundin einen Antrag gemacht hatte, starrte entgeistert. Ein anderer Freund schrie mich eine halbe Stunde lang an. Danach erzählte ich es niemandem mehr; meine Leute sind zwar ziemlich progressiv, was Sex angeht, aber das Ehegelübde nehmen viele anscheinend trotzdem noch sehr ernst.

Und deswegen wurde es auch verflucht ernst, als sie ihrem Mann sagte, dass wir verliebt waren. Wahrscheinlich hatte er es kommen sehen.

Sie und ich schrieben einander fast durchgehend Nachrichten. Ab und zu kam sie spätnachts mit dem Taxi nach Hause—sie hatten die Regeln angepasst, also vögelten wir nicht miteinander, aber das ließ noch einige Optionen offen.



Sie hatte jung geheiratet, aus vielen komplizierten Gründen. Im Laufe der Jahre stand sie dem Konzept der Ehe immer kritischer gegenüber. Die beiden hatten auch schon diskutiert, allerdings weniger über die eigene Ehe und mehr über Ehe im Allgemeinen.

An ihrer Beziehung war auch nichts Verkehrtes. Aber vielleicht sollten geringere Lebenskosten und ein rechtlich bindender Vertrag nicht die einzigen Gründe sein, warum man 60 Jahre mit einer Person verbringt. Sie schlug im Polyamorie vor. Er war nicht scharf drauf. Verständlich.

Zu diesem Zeitpunkt fingen wir an, davon zu reden, dass wir zusammen sein wollten. In eine neue Stadt ziehen, eine Katze aus dem Tierheim holen, ficken ohne Schuldgefühle.

Die Gelegenheit dazu kam viel schneller als erwartet: Eines Tages stellte er sie vor die Wahl. Zwischen ihm—einem netten Kerl mit solidem Job—und mir, einem Halb-Alkoholiker, der unter der Armutsgrenze lebt und mit Angststörungen und Depressionen kämpft. Als er eine Entscheidung von ihr verlangte, war es Ostern. Die Symbolik des Neuanfangs entging uns nicht.

Wir fuhren mit dem Zug zu einem Feld an einem großen Highway, auf dem zwei winzige Kirchen standen: eine katholische und eine russisch-orthodoxe. Ich bin mir relativ sicher, dass die Parallelen zu Anna Karenina Zufall waren. Sie sagte, dass sie mit mir zusammen sein wollte. Als ich diese Worte hörte, überkam mich eine unvergleichliche Ruhe. Es war einer der besten Momente meines Lebens.

MUNCHIES: Ich bin in einer offenen Beziehung mit meinem Kompost

Sie hoffte, dass sie mit ihrem Mann einigermaßen im Guten auseinandergehen können würde. Sie wollte ihm helfen zu verstehen, dass er nichts falsch gemacht hatte und sie einfach nur eine andere Richtung einschlagen wollte.

Am nächsten Tag kam sie mit einem Rucksack bei mir an; sie konnte nicht länger in ihrer Wohnung bleiben. Ihre guten Freunde wohnten alle außerhalb und ihre Familie würde kein Verständnis haben. Also zog sie bei mir ein. Und es ist verdammt nochmal großartig.

Nur ein paar unserer Freunde kennen die Wahrheit. Den meisten Leuten—darunter meinen Eltern, die sie lieben—haben wir eine verkürzte Version erzählt, ohne die offene Beziehung und die zerstörte Ehe.

Dass wir niemals die wahre Geschichte unseres Kennenlernens erzählen können, macht mich ein bisschen traurig, aber die Sache, die mich am meisten verunsichert, ist die Frage, was ich tun würde, wenn ich mal in dieselbe Lage gerate wie ihr Mann jetzt. Was wenn die Frau, in die ich so wahnsinnig verliebt bin, sich in jemand anderen verliebt, oder etwas mit einer anderen Person anfangen will? Oder wenn sie einfach einen neuen Weg einschlagen möchte?

All das wären nur vernünftige Entwicklungen. Verlangen, Sexualität und Ambition befinden sich alle auf einem Spektrum und können sich urplötzlich wandeln. Es ist lächerlich, einen Besitzanspruch auf jemanden zu erheben. Aber das lässt sich vermutlich um einiges leichter sagen, wenn du nicht derjenige bist, der in einer Wohnung voller Kartons steht, an der Wand ein helles Rechteck, wo mal ein Hochzeitsfoto hing.

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